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Oegoconia deauratella
  
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Unterarten:

Diese Art hat keine Unterarten.
Synonyme und andere Namen:

(1) Oecophora deauratella Stainton, 1849
Dieser Name ist in Wirklichkeit ein unnötiger Ersatzname für Tinea bifasciella Fabricius, 1787 und gehört nicht in diese Synonymie.
(2) Kindermanniella Herrich-Schäffer, 1853
Dieser Name wurde uninominal publiziert und ist deshalb nicht verfügbar.
(3) Lampros deauratella "Herrich-Schäffer, 1854"
Oecophora deauratella "(Herrich-Schäffer, 1854)"
Oegoconia deauratella "(Herrich-Schäffer, 1854)"
Dieser Name ist kein neuer Name der von Herrich-Schäffer eingeführt wurde (deshalb ist der "Autor" in Anführungszeichen gesetzt), sondern ist der von Stainton (1849) vergebene Name, lediglich in einer neuen Kombination. Er bezieht sich damit nicht auf die vorliegende Art (siehe Diskussion im Text), wird derzeit jedoch allgemein für diese Art verwendet.
(4) Oegoconia bacescui Popescu-Gorj et Capuse, 1965
Dieser Name ist der nach den Nomenklaturregeln valide Name für die vorliegende Art, wird jedoch bedauerlicherweise von den aktuellen Autoren nicht verwendet.

Oegoconia deauratella ist die einzige Art der Gattung in Deutschland, die sowohl anhand äußerer Merkmale, als auch durch Unterschiede im Genitalbau mit einiger Sicherheit zu bestimmen ist.
Die Flügelspannweite der Art beträgt zwischen 11 und 18 mm. Der Kopf der Imagines ist fast immer dunkel gefärbt, während die anderen einheimischen Arten fast immer einen hellen, goldbraunen oder gelben Kopf haben. Die anderen einheimischen Arten der Gattung unterscheiden sich im männlichen Genitalbau hauptsächlich durch quantitative Merkmale (i.e. einzelne Strukturen sind "länger", "breiter", "spitzer", "gebogener"), wobei die Variationsbreite dieser Merkmale aber noch nicht umfassend untersucht wurde und diese quantitative Variabilität auch innerartlich sein könnte. Oegoconia deauratella unterscheidet sich jedoch im männlichen Genital durch ein zusätzliches Büschel Cornuti am proximalen Ende der Vesica von den anderen Arten, was im mikroskopischen Präparat sehr sicher zu erkennen ist. Die Imagines fliegen im Freiland von Mai bis September. Die Männchen besitzen am ersten und zweiten Abdominalsegment ventrale Duftorgane, die vermutlich wie die Coremata anderer Schmetterlinge der Partnerfindung dienen. Die Entwicklung der Larven findet wie bei den anderen Arten der Gattung im Falllaub statt, die Larven leben in lockeren Gespinsten und ernähren sich von abgestorbenem Pflanzenmaterial. Die Art kommt in kälteren und feuchteren Gebieten vor und dringt deshalb auch weiter nach Norden vor als die meisten anderen Arten der Gattung. In Deutschland ist die Art nicht selten und ist auch im restlichen Europa und in Vorderasien verbreitet.

Die Nomenklatur dieser Art ist leider sehr verworren. Das Artepithet deauratella wurde erstmals von Stainton (1849) in seiner systematischen Liste in der Gattung Oecophora verwendet. Stainton verwendet den Namen als gültigen Namen einer Art, der er noch die weiteren Namen "Quadripuncta, Haw., St." und "Bifasciella, St." als Synonyme zuordnet. Welches Konzept dieser Art Stainton hier bei seiner Arbeit geleitet hat, ist heute nicht mehr sicher feststellbar. Offenbar war es aber sein Ziel, alle Arten mit gelblichen Flügelmarkierungen, die damals von verschiedenen Autoren wahlweise als "Quadripuncta" oder "Bifasciella" bezeichnet wurden, zu einer einzigen "neuen" Art zusammenzufassen. Da damals die Prioritätsregel noch nicht allgemein gültig war, erschien es Stainton offenbar am zweckmäßigsten, der "neuen" Art, die er auf diese Weise erschuf, auch einen neuen Namen zu geben: "Deauratella". Nach den heutigen Regeln der Nomenklatur hätte Stainton natürlich keinen neuen Namen vergeben dürfen, sondern hätte den älteren der beiden Namen für die "Gesamtart" auswählen müssen. Aus heutiger Sicht ist "Deauratella" sensu Stainton, 1849 also ein unnötiger Ersatzname (unnecessary replacement name) für den älteren der beiden Namen "Quadripuncta" und "Bifasciella". "Oecophora Deauratella" sensu Stainton ist somit ein jüngeres Synonym von "Tinea bifasciella" die von Fabricius (1787) beschrieben wurde und selbst ein jüngeres Synonym der bona species Lampronia capitella ist ("Recurvaria quadripuncta" wurde erst von Haworth (1828) beschrieben und ist heute als Oegoconia quadripuncta eine bona species).

Der derzeitige Konsensus in Bezug auf den Status des Staintonschen Namens "Oecophora Deauratella" ist jedoch, dass der Name nomenklatorisch gar nicht verfügbar ist und deshalb vollständig ignoriert werden darf. Ein Teil der Autoren argumentiert, dass der Name "deauratella" als Synonym publiziert wurde und deshalb nicht verfügbar ist. Dies stimmt jedoch nicht: Stainton benutzt den Namen völlig unzweifelhaft als gültigen Namen für sein neues Konzept "Oecophora Deauratella", und keineswegs als Synonym.
Ein anderer Teil der Autoren argumentiert, der Name sei nicht verfügbar, weil der Name angeblich nur ein vorläufiger Name sein sollte, denn er erscheint in einer Liste, deren einziger Zweck es war, eine provisorische Ordnung in die Schmetterlings-Systematik zu bringen, und auch in den nachfolgenden Werken von Stainton taucht der Name nicht mehr auf. Dies ist jedoch auch nicht korrekt: zum einen drückt Stainton nirgends konkret aus, dass der Name nur provisorisch sei, und selbst wenn man das so interpretieren möchte, dann bestimmt Article 11.5.1. des International Code of Zoological Nomenclature, dass Namen die vor 1960 publiziert wurden, nicht ausgeschlossen werden dürfen, nur weil sie als Provisorium publiziert wurden.
Noch ein weiterer Teil der Autoren argumentiert, dass der Name ein Nomen nudum ist, weil er ohne Artbeschreibung publiziert wurde. Auch dies ist jedoch nicht korrekt, denn Stainton gibt die Referenz zur Beschreibung der "Quadripuncta" von Haworth (1828) und Stephens (1834) und zur Beschreibung der "Bifasciella" von Stephens (1834) an. Dies ist eine völlig unbestreitbare "Indication" im Sinne von Article 12.2.1. des International Code of Zoological Nomenclature.
Nachdem nun der Staintonsche Name "Oecophora Deauratella" auf diese (irrige!) Weise für unverfügbar (unavailable) erklärt wird, wird dann stattdessen kurzerhand die nächste Benutzung des Staintonschen Namens "deauratella" bei Herrich-Schäffer (1854) zur Originalbeschreibung von "Lampros deauratella" erklärt, obwohl Herrich-Schäffer sich bei seiner Beschreibung ganz klar auf Stainton (1849) bezieht: er beginnt seine Beschreibung sogar mit: "Deauratella Staint", das Kürzel für Staintons Namen weist also ganz unübersehbar darauf hin, dass Herrich-Schäffer gar keine Neubeschreibung einer Art beabsichtigt. Nun wird von den Befürwortern der Originalbeschreibungs-Auffassung argumentiert, dass Herrich-Schäffer zwar zugegebenermaßen keine Neubeschreibung beabsichtigt hat, aber unbemerkt irgendwie doch eine neue Art beschrieben hat, nämlich die, die wir heute mit "Oegoconia deauratella" benennen. Es sei ihm also eine Fehlbestimmung unterlaufen: er hatte echte Oegoconia deauratella im heutigen Sinne vor sich, hielt sie aber irrtümlich für "Oecophora Deauratella" im Sinne Staintons, beschrieb dann aber natürlich die Merkmale der echten Oegoconia deauratella und damit sei es ja quasi eine Neubeschreibung nur eben mit einem "alten" Namen. Diese Argumentation ist jedoch aus zwei Gründen inkorrekt. (1) Zum einen verbietet Article 49 des International Code of Zoological Nomenclature, dass solche unbeabsichtigten Fehlbestimmungen zur Basis von Neubeschreibungen werden. (2) Zum zweiten handelt es sich gar nicht um eine Fehlbestimmung: Herrich-Schäffer (1854) schreibt ganz klar: "fronte, palporum articulo medio, scapulis, alarum anteriorum fasciis tribus sulphureis" (Stirn, mittleres Glied des Palpus, Schulter, drei Binden im Vorderflügel schwefelgelb). Vor allem die schwefelgelbe Stirn trifft auf die Art, die heute als Oegoconia deauratella bezeichnet wird, in den allermeisten Fällen nicht zu. Herrich-Schäffer bezog sich also mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht auf Oegoconia deauratella im heutigen Sinne, sondern viel eher tatsächlich auf die "Oecophora Deauratella" im Sinne Staintons.
Die derzeitige Auffassung dass der valide Name für diese Art sei Oegoconia deauratella Herrich-Schaeffer, 1854 sei, fußt also auf einer ganzen Reihe von fehlerhaften Anwendung der Nomenklaturregeln. In Wirklichkeit blieb diese Art bis zur Arbeit von Popescu-Gorj und Capuse (1965) völlig unerkannt und wurde dann als Oegoconia bacescui erstmals gültig beschrieben. Der valide Name für diese Art müsste deshalb bei Einhaltung aller Nomenklaturregeln Oegoconia bacescui sein. Um diesen "gordischen Knoten" kurzerhand zu zerschlagen, hat Gozmany (2008) für die Herrich-Schäffersche Erwähnung der Staintonschen deauratella einen "Neotypus" festgelegt, der nun natürlich dem entspricht, was wir heute unter Oegoconia deauratella verstehen. Hiermit sollte also ein Neuanfang erreicht werden, ein Neotypus mit der "richtigen" Identität quasi als nomenklatorische Tabula rasa, die schnell Herrich-Schäffer zum Autor des Namens machen soll. Allerdings hat Herrich-Schäffer (1854) die Art ja gar nicht als neu beschrieben: er hat neue Arten stets gewissenhaft mit einem "m." für "mihi" gekennzeichnet, während er Arten, die von anderen Autoren beschrieben wurden, stets mit deren Kürzel kenntlich machte. Im vorliegenden Fall erwähnt Herrich-Schäffer (1854): "[Lampros] Deauratella Staint", bezieht sich also auf die Neubeschreibung von Stainton (1849). Die bloße Beschäftigung mit einer Art (inklusive Nennung ihres Namens), die bereits beschrieben wurde, stellt selbstverständlich keine(!) Neubeschreibung dar. Und wo keine Artbeschreibung vorliegt, gibt es auch kein Typenmaterial und somit kann auch kein Neotypus festgelegt werden; die Festlegung eines "Neotypus" durch Gozmany (2008) ist nomenklatorisch also nicht von Bedeutung und hat dadurch nicht den gewünschten "Reset-Effekt".
Eine Möglichkeit dieses nomenklatorische Problem zu lösen bietet hier schließlich vielleicht noch die sog. "prevailing usage": ein nach den Nomenklaturregeln falscher Name kann dennoch zum validen Namen eines Taxons werden, wenn der falsche Name in "überwiegendem Gebrauch" ist. Das Problem mit der "prevailing usage"-Regelung ist, dass ein unentdeckter Fehler ja ganz automatisch in "überwiegendem Gebrauch" ist – bis zu seiner Entdeckung eben, und dann wäre es verboten den Fehler zu berichtigen, denn er war ja schon lange in Gebrauch. Nach dieser Regelung wäre es also fast unmöglich falsche Namen zu berichtigen. Ich erinnere hier beispielsweise an den falschen Gebrauch des Gattungsnamens "Vanessa" (innerhalb der Nymphalidae) vor der Revision durch Field (1971). Die Gattung Vanessa wurde jahrzehntelang von nahezu allen Autoren irrtümlich für Arten wie Kleiner Fuchs und Tagpfauenauge verwendet. Distelfalter und Admirale benötigten damit einen anderen Gattungsnamen, es wurde wiederum mit sehr großer Mehrheit der Gattungsname Pyrameis verwendet. Nomenklatorisch falsche Namen wie "Pyrameis cardui" für den Distelfalter waren damit nicht nur in "überwiegendem" sondern sogar in ausschließlichem Gebrauch, und Field (1971) hätte seine nomenklatorische Revision gar nicht durchführen dürfen. Folgerichtig beziehen sich deswegen alle Articles des Codes, in denen es um die "prevailing usage" geht, eben nicht(!) auf grundlegende nomenklatorische Fragen, wie etwa welches Artepithet valide ist oder welcher Artname (also die Kombination von Gattungsname und Artepithet) richtig ist, sondern lediglich auf die falsche Schreibung (spelling) eines Namens bzw. auf den falschen Stamm (stem) eines Namens. Die "prevailing usage" auch für andere Formen des Falschgebrauchs anzuwenden, ist zum einen im Code nicht geregelt und würde außerdem dazu führen, dass taxonomische Revisionen ihren Sinn verlieren, stattdessen müsste man einfach "eben schnell googlen" welcher Name gerade in "prevailing usage" ist. Im vorliegenden Fall stellt sich also die Frage: darf man den Namen Oegoconia bacescui, der heute der richtige Name wäre, wenn man in der Vergangenheit nicht reihenweise nomenklatorische Regelverstöße begangen hätte, trotzdem für invalide erklären, nur weil die Mehrheit aller Autoren heute den falschen Namen Oegoconia deauratella verwendet?

Quellen und Einzelnachweise
Fabricius JC. 1787. Mantissa Insectorum. Tomus II. Christian Gottlieb Proft, Copenhagen.

Field WD. 1971. Butterflies of the genus Vanessa and of the resurrected genera Bassaris and Cynthia (Lepidoptera: Nymphalidae). Smithsonian Contributions to Zoology 84, 1-105.

Gozmany L. 2008. Symmocidae. Microlepidoptera Palaearctica, Band 13. Herausgegeben von Reinhard Gaedike. Goecke & Evers, Keltern.

Haworth AH. 1828. Lepidoptera Britannica. Pars IV. J. Murray, London.

Herrich-Schäffer. 1854. Systematische Bearbeitung der Schmetterlinge von Europa. Fünfter Band. Die Schaben und Federmotten. G. J. Manz, Regensburg.

International Commission on Zoological Nomenclature. 1999. International Code of Zoological Nomenclature. Fourth Edition. The International Trust for Zoological Nomenclature, c/o The Natural History Museum, Cromwell Road, London.

Popescu-Gorj A, Capuse I. 1965. Revision d´Oegoconia quadripuncta (Hw.) (Lepidoptera-Gelechioidea) des collections de Roumanie. Revue Roumaine de Biologie Serie de Zoologie 10, 389-405.

Segerer AH, Haslberger A, Hausmann A, Loos K. 2016. Ergänzungen, Aktualisierungen und Korrekturen zur Checkliste der Schmetterlinge Bayerns (1. Beitrag) (Insecta: Lepidoptera). Nachrichtenblatt der Bayerischen Entomologen 65, 56-70.

Stainton HT. 1849. Systematic Catalogue of the British Tineidae & Pterophoridae. John van Voorst, London.

Stephens JF. 1834. Illustrations of British Entomology; or, a Synopsis of Indigenous Insects. Haustellata Vol. IV. Baldwin and Cradock, London.

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Zoographia Germaniae wird verfasst und herausgegeben von Niko Prpic-Schäper.
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