Home In eigener Sache Das Sonntagsblatt 23. Februar 1995: RELIGION IM GESPRÄCH: HORST Hirschler: "Wir wollen kein Lehrverfahren" DS 8. Mai 1998: Unter den Dächern von Göttingen
   Gerd Lüdemann's Homepage
 Zur Person
 In eigener Sache

DS-Debatte vom 14. Februar 1997: Verzicht auf das Credo?

Copyright ©DS - DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT Debatte vom 14. Februar 1997

- LESER, FACHLEUTE UND JOURNALISTEN DISKUTIEREN -

Verzicht auf das Credo?

Das Glaubensbekenntnis enthält Aussagen, die heute schwer verständlich sind. Ist das gemeinsame Bekenntnis überholt? Oder bietet es gerade die Basis für einen gemeinsamen, christlichen Glauben?

- P R O -

Abschied nehmen von vertrauten Denkbarrieren

Gerd Lüdemann, Theologieprofessor an der Uni Göttingen

Das Glaubensbekenntnis abschaffen? Was für eine hypothetische Diskussion. Innerhalb unserer Kirchen führt man sie nur unter der Bedingung, daß das Glaubensbekenntnis doch niemals beerdigt wird. Diejenigen, die über die Frage rein akademisch diskutieren dürfen, gleichen Figuren in einem Sandkasten, dessen Bretterbegrenzung die Kirchenleitungen sorgfältig hüten. Die Größenordnungen sind festgelegt: Würden die Figuren zu Menschen und so aus dem Sandkasten herauswachsen, wären die Spielregeln verletzt. Doch die Lage ist sehr ernst: Im Wirrwarr der Interpretationen bleibt dunkel, was wir wirklich glauben.

"Auferstanden von den Toten" verstehen manche als geschichtliches Ereignis, andere wollen die Auferweckung gerade nicht so aufgefaßt wissen. Sie fügen allerdings sofort hinzu, in dem Bild der Auferstehung würde unverzichtbar gesagt, worauf es im christlichen Glauben ankommt. Aber woran macht sich dieses Bild fest, wenn Jesus nachweislich starb und nicht auferstand? Hier liegt, wie bei allen anderen Artikeln des Glaubensbekenntnisses, ein ungeheurer Klärungsbedarf vor. Ich will verstehen und darum wissen, was ich glaube. Es handelt sich hier nicht um Interpretationen und Vorläufigkeiten, sondern um die letzten Fragen. Wir leben nur ein einziges Mal und müssen wissen, worauf es ankommt.

Zu leben bedeutet ein Wagnis eingehen, loslassen und vom sicheren Ufer abstoßen, ins Unbekannte vordringen. Es bedeutet auch, nein zu sagen und Abschied von den vertrauten Denkbarrieren zu nehmen. Doch das Brett vor dem Kopf ist noch einmal aus anderem Holze gemacht als der Balken im Auge: Jenen spürt man vielleicht nicht einmal. Das Brett aber, obwohl es drückt, erscheint trotzdem nötig. Es wird scheinheilig bejaht, gerade weil es Neugierde, Wissensdurst und sogar die Sehnsucht nach dem Leben selbst blockiert.

- K O N T R A -

Das Bekenntnis verbindet Christen und Kirchen

Wilhelm Sievers, Bischof von Oldenburg

Die Diskussion um das Glaubensbekenntnis wird entschieden bestimmt von dem Ausgangspunkt der Meinungsbildung. Setzt man bei dem Verständnis des einzelnen Christen an, dann wird man sehr leicht dem Verzicht das Wort reden, denn das Credo enthält manche Aussagen, die schwer verständlich sind. Es braucht Erklärungen, wie sie schon Luther in seinem Kleinen Katechismus für seine Zeit gegeben hat. Es scheint aber nicht möglich zu sein, in unserer Zeit eine neue Formulierung des christlichen Glaubens zu entwickeln, die eine allgemeine Zustimmung finden würde. In den sechziger Jahren unternahm man unendlich viele Versuche, aber es hat sich keine neue Bekenntnisformulierung durchgesetzt.

Geht man davon aus, daß das Glaubensbekenntnis das gemeinsame Bekenntnis der Kirche ist, dann verändert sich auch der Bewertungsrahmen. Das Bekenntnis ist das Verbindende zwischen den Christen und den Kirchen. So hat es seinen festen Platz im Gottesdienst. Für die Annäherung der getrennten Kirchen ist es wichtig, daß sie dieses gemeinsame Bekenntnis haben. Es ist ein bleibender Stachel, sich nicht mit der Trennung der Kirchen zufriedenzugeben, sondern in dem gemeinsamen Bekenntnis liegt die Verpflichtung, auch zusammenzufinden bei aller Pflege gewachsener Frömmigkeitsformen.

Für den einzelnen Christen ist es wohl immer so gewesen, daß er eine unterschiedliche Nähe zu einzelnen Aussagen des Bekenntnisses gehabt hat. Der persönliche Glaube ist nicht deckungsgleich mit dem Glauben aller Christen in der Kirche. Darin liegt ja zugleich auch ein Spannungsmoment, daß der Glaube zu neuen Einsichten gelangen kann. So werden auch auf den unterschiedlichen Lebensstufen und bei besonderen Lebenserfahrungen einzelne Glaubensinhalte in den Vordergrund treten und ihre tragende Bedeutung für das Leben eines Christen haben.

- L E S E R - D I S K U T I E R E N -

Reichtum

Wir Christinnen und Christen haben einen Glauben, der uns von anderen Religionen unterscheidet. Wir glauben an einen Gott, der Einer ist und Viele, der Vielfalt und Einheit in sich birgt; ein Gott, der allmächtig ist und uns dennoch absolute Freiheit läßt, der der Schöpfer allen Seins ist und uns dennoch die Verantwortung übergibt, mit seinem (Schöpfungs-)Reichtum umzugehen. Wir bekennen uns zu einem Gott, der in seinem Sohn Mensch geworden ist und sich so in unvergleichbarer Hinsicht mit dem Menschen solidarisch erklärt hat, mit dem Menschen gemein geworden ist; ein Gott, der in seinem Heiligen Geist permanent bei uns Menschen ist.

Ich will auf dieses Glaubensbekenntnis nicht verzichten. Ich möchte diesen Reichtum, den der christliche Glaube in sich birgt, nicht aufgeben. Auch dann nicht, wenn ich gleichzeitig davon überzeugt bin, nicht aussagen zu können, wie oder wer Gott wirklich ist - ich kann es nur glauben.

Walter Hans Jungbauer, Berlin

Abenteuerlich

Heute bauen sich Heiden, Sekten und auch Christen phantastische Traumhäuser aus zusammengewürfelten weltanschaulichen Bausteinen zusammen. Bei Glaubensgesprächen kann man bei vielen Christen abenteuerliche Wanderungen durch individuelle, verworrene Glaubensgebäude erleben: Der christliche Glaube wird mit Seelenwanderungslehre, Science-fiction oder Astrologie kombiniert.

Fromme Christen glauben heute an alles, nur nicht an die Auferstehung der Toten. Jesus ist nur ein Vorbild, sein Tod und seine Auferstehung haben weiter keine Bedeutung. Wenn man in dieser Zeit irrwitziger Religionsbastelei das Glaubensbekenntnis abschafft, zerstört man weiter die innere Gemeinschaft der Gläubigen und verbannt den Heiligen Geist.

Heinz Rußmann, Lübeck

Innere Distanz

Das Credo wird eingeleitet mit "Ich glaube". Wenn ich dieses "Glauben" als Hoffen und Vertrauen verstehe, bekommt es eine existentielle Dimension. Ich fühle mich betroffen und ergriffen, immer wieder neu. Nur so kann Glaube etwas ausstrahlen und zur ansteckenden Kraft werden. Doch wann und wo ist dies beim Apostolikum noch der Fall? Zunehmend empfinde ich den großen zeitlichen Abstand zur Entstehung des Credos und, noch gravierender, die innere Distanz.

Also: Das Glaubensbekenntnis abschaffen? Ich denke nein. Lieber vertraue ich darauf, daß Gottes Geist mit der festen Formulierung christlichen Glaubens nicht aufgehört hat zu wirken und daß dieser Geist uns erlaubt und befähigt, das Wesentliche unseres Glaubens für die heutige Zeit neu zu fassen. In den einzelnen Artikeln aber wünschte ich mir statt starrer Bilder und dogmatischer Festlegungen mehr Mut, die Unergründbarkeit und Unfaßbarkeit des Schöpfergottes zu bekennen und vor allem das Vertrauen auf den Geist Gottes auszudrücken, der an uns und durch uns wirken will.

K.M. Knickmann, Weißenhorn

Fundament fehlt

Die Christen haben es in diesem Jahrhundert endlich geschafft, ein gemeinsames Fundament zu finden, das Glaubensbekenntnis. Würde diese Gemeinsamkeit auch bei einer Reduzierung oder Abschaffung gelten? Nehmen wir den "eingeborenen Sohn Gottes". Biologisch nicht nachweisbar. Der Verzicht auf diesen Titel käme zwar anderen Religionsgemeinschaften entgegen, aber wären wir dann noch "Christen"? Streicht man sodann auch noch den rational unverständlichen "Gott Vater", dann wären wir eine zeitgeisthumanistische Vereinigung, aber keine christliche Kirche mehr.

Wolfgang Oehrl, Oldenburg

Jesus fehlt

Beim sonntäglich gesprochenen Credo frage auch ich mich, ob dies mein Glaubensbekenntnis ist. Ich empfinde, daß für mich andere ebenfalls wichtige Elemente meines Glaubens schlichtweg fehlen. Wo ist Jesus von Nazareth? Der Mann der Bergpredigt, der Leib und Seele heilt, der in Vollmacht das Reich Gottes verkündet und Verkörperung der unendlichen Menschenliebe Gottes ist. Warum wird er nicht klarer benannt? Die alten Bilder, wie etwa die Jungfrauengeburt, nehme ich gelassen, sie sind für meinen Glauben nicht wesentlich. Aber der lebendige Jesus zwischen Geburt und Kreuzigung - der ist wesentlich, und er fehlt mir im Credo.

Herta Reiß, Hamburg

Kirchenschatz

Wir brauchen die altkirchlichen Bekenntnisse, weil sie zusammen mit Altem und Neuem Testament den umfassenden Rahmen abgeben, in dem sich christlicher Glaube in seinem Reichtum entfalten konnte. Streichen wir das Credo, kann jeder nach Wunsch seinen Jesus konstruieren und seine eigene Kirche aufmachen - ob das dem christlichen Glauben dienlich wäre? Der mit dem Credo gezogene Rahmen umfaßt ein vielfältiges Mosaik. Nehmen wir diesen weg, geht es uns wie den drei Blinden mit dem Elefanten: Glauben ist das, was ich in meiner kleinen (kleinlichen?) Welt gerade wahrnehme.

Glauben ist nicht nur das Credo, aber ohne Credo ist Glauben nichts. Eine andere Frage ist, wie weit ich den Rattenschwanz an Auslegungen und Psychologisierungen für verbindlich erkläre oder ob ich frei und voll Gottvertrauen mit den Bildern umgehe oder besser: mich von ihnen inspirieren lasse. Für die Erarbeitung meiner "Glaubensworte" brauche ich immer wieder den gleichen Ausgangsstoff - das Credo. Es ist ein Schatz der Kirche und sollte es bleiben.

Ulrich Palmer, Hohen Sprenz

. . . . . Zitiert . . . . .

Das Credo enthält manches, was nur aus archaischem Welt- und Mythenbild zu verstehen ist - "Sohn Gottes", "geboren von der Jungfrau", "niedergefahren zur Hölle". Wichtiger empfinde ich aber das Fehlen der eigentlichen Glaubensaussagen: von der Liebe Gottes, der Kraft für unser Leben und für die Zukunft, die bei dem Stichwort "ewiges Leben" immer nur jenseitig verstanden wird.

Dietrich Römer, Dannenberg

In einer Zeit, wo jede religiös auftretende Gruppierung ihre Lehre hinausposaunt, sollten wir unser Bekenntnis als Christen klar und deutlich formulieren und uns nicht schämen, daß wir glauben.

Norbert Bienek, Waldbrunn

Copyright ©DS - DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT Debatte vom 14. Februar 1997


Copyright © Gerd Lüdemann (gluedem@gwdg.de)
Letzte Aktualisierung am 10. Mai 2017
Home In eigener Sache Das Sonntagsblatt 23. Februar 1995: RELIGION IM GESPRÄCH: HORST Hirschler: "Wir wollen kein Lehrverfahren" DS 8. Mai 1998: Unter den Dächern von Göttingen
Impressum - Datenschutz