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Kirche der Scheinheiligen

Gespräch mit dem Bibelforscher Gerd Lüdemann

Professor Dr. Gerd Lüdemann (52) unterrichtet an der Georg-August-Universität Göttingen das Fach "Geschichte und Literatur des frühen Christentums". Bekannt geworden ist er durch seine Kritik an der Kirche. Seiner Auffassung nach verpflichtet sie ihre Pastoren auf Bekenntnisse, die sich wissenschaftlich nicht mehr halten lassen.

Evangelische Kommentare: Herr Professor Lüdemann, im vergangenen Jahr haben Sie sich vom christlichen Glauben losgesagt. Sie bezeichnen sich öffentlich als Nicht-Christ. Haben Sie die Absage an Ihren alten Glauben hin und wieder bereut?

Professor Dr. Gerd Lüdemann: Nein, allerdings habe ich mich zwischenzeitlich gefragt, ob es klug war, diesen Schritt öffentlich zu machen, weil er zu erheblichen finanziellen Einbußen für meine Mitarbeiter geführt hat. Ich habe Drittmittelanträge nicht mehr durchbekommen, und auch andere Finanzquellen sind mittlerweile versiegt.

Kommentare: Wenn Sie Ihren Schritt nicht öffentlich gemacht hätten, hätten Sie sich viel Ärger erspart.

Lüdemann: Ja, aber ich wollte nicht mit den anderen schweigenden Fakultätskollegen die Frage nach der Wahrheit einfach aufgeben, nur um meinen Status quo zu erhalten.

Kommentare: Gehen Sie davon aus, daß andere Ihrer Kollegen in der gleichen Gewissensnot sind wie Sie, darüber aber nicht öffentlich reden?

Lüdemann: Ja.

Kommentare: Ihre wissenschaftliche Arbeit hat Sie in einen Konflikt mit der verfaßten Kirche geführt. Sind auch die damit verbundenen Erlebnisse ausschlaggebend für Ihren Abschied vom christlichen Glauben?

Lüdemann: Wenn mein Bischof, der hannoversche Landesbischof Horst Hirschler, behauptet, ich legte es darauf an, sanktioniert zu werden und er anschließend die öffentliche Diskussion ablehnt, hinterläßt das schon Spuren. Erfahrungen wie diese haben mich in dem Eindruck bestärkt, daß in der Kirche nicht mehr die Suche nach der Wahrheit im Vordergrund steht. Es scheint eine weitverbreitete stillschweigende Übereinkunft zu geben, die bestehenden Verhältnisse nicht grundsätzlich infragezustellen.

Kommentare: Sie reden von Wahrheit, und scheinen dabei ein sehr rationalistisches Verständnis zu haben. Müssen Sie nicht zugestehen, daß dies nur einem Teil der Wirklichkeit gerecht wird?

Lüdemann: Ich weiß, daß es verschiedene Ebenen von Wirklichkeit gibt. Das gestehe ich sofort zu. Mit Blick auf die biblischen Quellen geht es aber zunächst einmal darum festzustellen, welche Aussagen in ihnen wirklich gemacht werden.

Kommentare: Sie meinen, es geht um die Frage, ob das Grab voll oder leer war?

Lüdemann: Ja, das ist der Kernpunkt. Wenn die biblischen Quellen von der Auferstehung Jesu berichten, setzen sie einen wiederbelebten Leichnam voraus. Hier wird Wahrheit nicht symbolisch verstanden, sondern körperlich und historisch. Deswegen ist mein ursprünglicher Versuch, das leere Grab symbolisch zu interpretieren, gescheitert. Wer die Auferstehung Jesu nicht körperlich und historisch versteht, kann sich nicht auf die biblischen Quellen berufen.

Kommentare: Sie sehen einen Widerspruch zwischen wissenschaftlicher Theologie und kirchlicher Verkündigung. Wäre es da nicht konsequent, wenn Sie sich auch offiziell von der Kirche trennten?

Lüdemann: Es gibt zwei Gründe, warum ich nicht aus der Kirche austrete. Der erste ist beruflicher Natur. Ich spreche hier fast wie ein Gewerkschaftler, denn mein Kirchenaustritt würde nach geltendem Recht dazu führen, daß ich meinen Lehrstuhl verliere. Das aber möchte ich vermeiden. Zum zweiten aber erhalte ich eine große Unterstützung von vielen Pfarrern. Mein Kirchenaustritt würde auf sie wie ein Schlag ins Gesicht wirken.

Kommentare: Welche Gründe haben die Pfarrer, Sie zu unterstützen?

Lüdemann: Darüber kann ich nur spekulieren. Aber wie zum Beispiel die jüngste Studie von Klaus-Peter Jörns zeigt, glauben auch die Pfarrer längst nicht mehr alles, worauf sie ordiniert worden sind. Sie haben aber keine Möglichkeit, ihre Zweifel vor der Gemeinde zu zeigen. Vielleicht stelle ich stellvertretend für sie ihre Fragen an die Kirche.

Kommentare: Sie beobachten demnach eine große Unaufrichtigkeit zwischen dem, was viele in der Kirche glauben und dem, was die offizielle Kirche nach außen darstellt?

Lüdemann: Ja, als ich noch in den kirchlichen Prüfungskommissionen vertreten war, habe ich oft erlebt, daß man mit Oberlandeskirchenräten beim Wein oder beim Kaffee locker über die menschliche Seite des frühen Christentums sprechen konnte. Dabei spielten dogmatische Dinge fast überhaupt keine Rolle. Problematisch wird es anscheinend erst dann, wenn man als öffentliche Person Stellung bezieht. Ich weigere mich aber mittlerweile, zwischen meinen Aussagen in der Öffentlichkeit und im privaten Bereich zu unterscheiden. Ich halte mich nicht mehr an die Spielregeln, die in der Kirche häufig gelten und werde deswegen mit Sanktionen belegt.

Kommentare: Trotzdem müssen Sie doch zugestehen, daß Ihre Weigerung, aus der Kirche auszutreten, inkonsequent ist.

Lüdemann: Ja, das sage ich auch ganz offen: Mein Verbleib in der Kirche ist eine Frage der Taktik. Damit unterscheide ich mich aber keineswegs vom Verhalten anderer Kollegen an unserer Fakultät.

Kommentare: Wie meinen Sie das?

Lüdemann: Mit als eine Konsequenz aus dem Streit um meine Person hat die Fakultät die sogenannte Gieselersche Formel aus dem Jahr 1848 wieder bekräftigt. Darin wird die Verpflichtung ausgesprochen, die theologischen Wissenschaften in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der evangelisch-lutherischen Kirche vorzutragen. Ich frage mich, wie Kollegen die Gieselersche Formel sprechen können und gleichzeitig eine symbolische Interpretation der Auferstehung vertreten, wenn die Bekenntnisse doch von einer körperlichen Auferstehung ausgehen. Dieses Vorgehen kann man auch als Taktik bezeichnen. Angesichts der Geltung der Bekenntnisse kommt eigentlich keiner in der Kirche ohne Taktik aus.

Kommentare: Auch der Bischof nicht?

Lüdemann: Auch Bischof Hirschler hat mir gegenüber einmal eingeräumt, daß seiner Meinung nach das Grab voll war und das auch als junger Pastor gepredigt hat. Wenn er nur einmal heute den Mut hätte, das auch in der Öffentlichkeit zu sagen! In einem Brief an mich bezeichnet er sich als Bultmann-Schüler. Auch Bultmann sagte, daß das Grab voll war.

Kommentare: Vermutlich ist Bischof Hirschler aber der Auffassung, daß es auf diese Frage eigentlich nicht ankommt, weil das Bekenntnis der geistlichen Erfahrung der ersten Christen Ausdruck gibt, aber keinen Anspruch auf Historizität erhebt.

Lüdemann: Das letztere bestreite ich entschieden. In jedem Fall ist es doppelbödig, wenn man die Fakten zugunsten ihrer Deutung auflöst.

Kommentare: Die dogmatischen Grundlagen der Kirche beruhen nun einmal auf einer bestimmten Deutung der geschichtlichen Überlieferung. Wenn Sie diese Deutung infrage stellen, stellen Sie die Grundlagen der Kirche infrage. Müssen Sie deshalb nicht damit rechnen, daß die Kirche empört reagiert?

Lüdemann: Das verstehe ich schon, aber ich finde es bedauerlich, daß sich die Kirche nur auf bestimmte Traditionen beruft, andere aber vernachlässigt; zum Beispiel den liberalen Protestantismus, oder auch andere Formen des Christentums, wie etwa die Quäker, die keine Bekenntnisse kennen. Die Kirche könnte sich ja ändern. Aber ich sehe in ihr viele, die ein Interesse daran haben, daß die Kirche bleibt, wie sie ist, weil auf diese Weise viele Vorteile - auch gesamtgesellschaftlicher Art - gewahrt werden. Dafür werden selbst Bibelverse instrumentalisiert.

Kommentare: Zum Beispiel?

Lüdemann: Zum Beispiel bei den Denkschriften oder dem Sozialwort der evangelischen und katholischen Kirche. Bei diesen Dokumenten habe ich den Eindruck, daß sie von gewieften Gesellschaftswissenschaftlern geschrieben und nachträglich biblisch begründet werden. Auf diese Weise wird die Bibel zu einem Steinbruch. Ich glaube, so kann die Kirche nicht weitermachen. Einerseits vertritt sie die alten Bekenntnisse, andererseits will sie völlig modern in einem säkularen Staat mitarbeiten. Das kann nicht funktionieren.

Kommentare: In früheren Zeiten hätte man jemanden wie Sie als Häretiker bezeichnet. Läßt sich der Begriff heute noch verwenden?

Lüdemann: Ich glaube nicht. Der Begriff Häretiker oder Ketzer hat heute eigentlich keine Bedeutung mehr. In einer freien Christengemeinde jedenfalls darf man den Begriff nicht gebrauchen. Denn hier sollte jede Meinung akzeptiert werden, soweit sie den anderen nicht bedroht oder beleidigt.

Kommentare: Aber es gibt in der Kirche doch eine verbindliche Lehre von der man abweichen und insofern auch zum Häretiker werden kann.

Lüdemann: Ich finde, die gibt es nicht. Und es muß sie meines Erachtens auch nicht geben. Denn die Lehre ist eine Reflexion des gelebten Glaubens. Die Kirche lebt aber nicht aus der Rechtgläubigkeit, sondern aus Singen, Beten und dem Feiern des Gottesdienstes. Religion kann auch ohne Theologie leben, die Theologie aber nicht ohne Religion. Das ist die Reihenfolge.

Kommentare: Ihre anfechtbaren Auffassungen wirken sich vermutlich stark auf das Klima innerhalb der theologischen Fakultät in Göttingen aus. Wie verhalten sich Ihre Kollegen Ihnen gegenüber?

Lüdemann: Das Kollegium hat kürzlich mit fünfzehn Stimmen zu einer dem Präsidenten der Universität empfohlen, mich aus der theologischen Fakultät auszugliedern. Es gab vorher eine Stellungnahme am 22. April 1998, daß die Kollegen, im Unterschied zu mir, den christlichen Glauben und die Wissenschaft von vornherein für vereinbar halten. Hinter den Kulissen sieht es aber etwas anders aus. Da sichert mir der eine oder andere durchaus Solidarität zu. Aber der Druck, den die hannoversche Landeskirche auf die Fakultät ausübt, ist enorm. Ohne diesen Druck wäre das Votum der Kollegen gegen mich wahrscheinlich nicht zustande gekommen.

Kommentare: Kritik erfahren Sie nicht nur aus dem Bereich der Kirche, sondern auch aus der Theologie. Bedenken gibt es vor allem gegen Ihre wissenschaftlichen Methoden. Sie arbeiteten mit Mitteln des vorigen Jahrhunderts, lautet der Vorwurf.

Lüdemann: Ich stehe in der Tradition Rudolf Bultmanns und verwende die Methoden der Religionsgeschichtlichen Schule, deren Archiv ich gegründet habe und leite. Insofern könnte man sagen, daß ich eine konservative Methodik vertrete, weil ich die neueren Wendungen zum Strukturalismus oder zur Linguistik nicht mitgemacht habe. Das heißt aber nicht, daß ich ein Außenseiter in der Forschung wäre. Meiner Beobachtung nach teilen die meisten Bibelforscher meinen methodischen Ansatz.

Kommentare: In dem Interview, das wir vor dreieinhalb Jahren mit Ihnen geführt haben und das der eigentliche Ausgangspunkt für die Kontroverse um Ihre Person wurde, haben Sie den ordinierten Theologen Heuchelei vorgeworfen. Bleiben Sie dabei, oder hat sich der Vorwurf als zu pauschal herausgestellt?

Lüdemann: Ich habe nicht die Pastoren kritisiert, sondern die Kirche, und zwar insofern, als die Pastoren auf etwas ordiniert werden, was sie nicht glauben können. Das wird ja auch durch die jüngste Untersuchung von Klaus-Peter Jörns bestätigt. Ich bin weiter davon überzeugt, daß mein Vorwurf der Scheinheiligkeit gerechtfertigt ist.

Kommentare: Heißt das, die Kirche hat Sie falsch interpretiert?

Lüdemann: Sie hat meine Bemerkungen als Verleumdung ihres ordinierenden Handelns interpretiert und als Angriff auf die Pastoren. Dabei will ich doch nur die Pastoren gegenüber der Kirche in Schutz nehmen.

Kommentare: Müßten Sie dann nicht sogar die Theologiestudierenden davor warnen, sich für ein kirchliches Amt ausbilden zu lassen?

Lüdemann: Das ist schon wahr, denn im Grunde stellt das Vorgehen der wissenschaftlichen Theologen die Spitze der Heuchelei dar. Indem sie den Studierenden die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung vermitteln, nehmen sie ihnen den Glauben der Bekenntnisse, den sie in ihrem kirchlichen Dienst vertreten sollen. Das ist das Fatale.

Kommentare: Ihr Status an der theologischen Fakultät ist umstritten. Wie sehen Sie ihren weiteren beruflichen Weg?

Lüdemann: In einem Brief vom 17. Dezember 1998 hat mir der Präsident der Universität Göttingen mitgeteilt, daß ich mit einem Sonderstatus in der theologischen Fakultät bleibe, und zwar als Professor für "Geschichte und Literatur des frühen Christentums". Ich betrachte diese Lösung als Teilsieg meinerseits und als eine Bestätigung dafür, daß auch ein Nicht-Christ Theologieprofessor sein kann. Das nämlich ist die Voraussetzung dafür, daß es eines Tages theologische Fakultäten gibt, die nicht mehr nach Konfessionen organisiert sind.

Kommentare: Der Entscheidung des Präsidenten ist das Wissenschaftsministerium aber nur teilweise gefolgt. Minister Oppermann hat jüngst deren vorläufigen Charakter betont. Weitere Rechtsfragen sollen auf Wunsch der Konföderation der Evangelischen Kirchen in Niedersachsen weiter geprüft werden. Außerdem dürfen Sie auch keine Religionslehrer mehr ausbilden. Wie beurteilen Sie diese Zuspitzung?

Lüdemann: Zunächst bin ich erleichtert, daß ich vorerst überhaupt an der theologischen Fakultät verbleibe. Gleichzeitig aber bin ich erschrocken, wie brutal die Konföderation vorgegangen ist. Ich bin nun nämlich jeglicher Beteiligung an der akademischen Ausbildung beraubt.

Kommentare: Sie dürfen also in keinem Studiengang mehr Scheine ausstellen und Prüfungen abnehmen?

Lüdemann: Ja, weder innerhalb der staatlichen theologischen Diplomprüfung noch im Rahmen der Gymnasiallehrerausbildung im Fach "Evangelische Religion". Das Fach soll an der Schule offenbar wieder Katechismusunterricht werden. Mein einziges Vergehen, für das ich abgestraft werde, ist ein historisches Ergebnis, das im Widerspruch zu den Grundsätzen der evangelischen Kirche steht. Die evangelische Kirche vertritt im Streit gegen mich eine erzkatholische Position.

Kommentare: Inwiefern?

Lüdemann: Sie entspricht dem sogenannten Antimodernisteneid aus dem Jahre 1910. Danach mußte jeder Professor und Priester schwören: "Ich verwerfe den Irrtum jener, die behaupten, daß der von der Kirche vorgetragene Glaube der Geschichte widerstreiten kann." Ein solcher Eid aber kann nicht im Sinne der evangelischen Kirche sein.

Mit Professor Dr. Gerd Lüdemann sprachen Michael Strauß und Götz Planer-Friedrich am 28. Januar und 9. Februar in Göttingen.


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Letzte Aktualisierung am 22. April 2020
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