Zum "Mekka der Mathematik und Naturwissenschaften"
entwickelte sich die Universität Göttingen in den Jahren zwischen 1880 bis
1933. In einer außergewöhnlich hohen Zahl forschten und lehrten hier
Wissenschaftler, die auf ihrem Fachgebiet Weltruhm erreichten. Zu Beginn der
1880er Jahre formulierte das Ministerium für geistliche, Unterrichts- und
Medizinalangelegenheiten eine Strategie, welche den schwerpunktartigen Ausbau
von Wissenschaftszweigen an einzelnen Universitäten zum Ziel hatte. Friedrich
Theodor Althoff (1837-1908), vortragender Rat mit dem Ruf, Preußens heimlicher
Kultusminister zu sein, setzte dieses hochschulreformerische Konzept mit großer
Konsequenz durch. Die preußischen Universitäten wurden gleich einem zentral
gelenkten "Großbetrieb" sehr straff von Berlin aus organisiert und
dirigiert. Durch die universitäre Schwerpunktbildung entwickelte sich Berlin
beispielsweise zum Mittelpunkt der Altertumswissenschaften, Geschichte und
Künste, Halle-Wittenberg dagegen für evangelische Theologie und Kiel für
nordische Sprachen. Göttingen verfügte bereits über eine große naturwissenschaftliche
Tradition - verbunden vor allem mit Namen wie Lichtenberg, Gauss, Weber oder
Wöhler - an welche diese Universität nun nach dem Willen Althoffs wieder
anknüpfen sollte.
Zahlreiche Institutsneugründungen zeugen von den
enormen Investitionen, die das "System Althoff" Göttingen bescherte.
Vor Ort ergänzte Felix Klein (1849-1925) die Anstrengungen der Berliner
Zentrale. Klein war neben seinen mathematischen Arbeiten auch besonders an
Wissenschaftsorganisation und Wirtschaftskontakten interessiert und engagierte
sich weit über seinen Fachbereich hinaus dafür, daß Göttingen eine
internationale Spitzenstellung erreichte und aufrecht erhielt. Zentralisation
und Schwerpunktbildung schalteten den Wettbewerb der Universitäten auf
nationaler Ebene weitgehend aus. Zugleich wurde aber der internationale
Vergleich gesucht und Innovationen aus dem Ausland auf deutsche Verhältnisse
übertragen. Selbst in der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg hielt
Berlin an seiner Politik fest und investierte in einem für uns heute
überraschenden Umfang besonders in Göttingen. Die derart geförderten
Wissenschaftler dankten diese Investitionen mit zahlreichen Nobelpreisen. Namen
wie Emmy Noether, David Hilbert und Richard Courant (Mathematik), Max Born,
James Franck und Ludwig Prandtl (Physik) sowie Richard Zsigmondy und Adolf
Windaus (Chemie) stehen stellvertretend für diese äußerst produktive Phase.
Aus der Bedeutung Göttingens als
"Weltzentrum" für Mathematik und Naturwissenschaften folgt
zwangsläufig auch die große Bedeutung des schriftlichen Nachlasses dieser Ära.
Im Universitätsarchiv ist umfangreiches Material erhalten, das tiefe Einblicke
vermittelt in die Arbeitsweise der verschiedenen wissenschaftlichen Institute
und zugleich auch in die Zusammenhänge zwischen Politik, Wirtschaft, Verwaltung
und Wissenschaft. Aufgrund der Bedeutung der Bestände und der großen Nachfrage
nach ihnen entschloß sich der Leiter des Universitätsarchivs, Dr. Ulrich
Hunger, gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Beirat des Universitätsarchivs zu
einer wissenschaftlichen Neuverzeichnung der einschlägigen Archivalien. Nach
einem erfolgreichen Antrag auf Fördermittel der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (DFG) begannen die Verzeichnungsarbeiten am Projekt im
Mai 1997 und wurden im Dezember 1999 abgeschlossen. Das Ziel war die Erstellung
und Veröffentlichung eines Spezialinventars, das die gesamte Schriftlichkeit
erfaßt, die sich auf die Entwicklung der Göttinger Mathematik und
Naturwissenschaften in den Jahren zwischen 1880 und 1933 bezieht. Die Erfassung
blieb nicht stehen bei der bloßen Auflistung der Aktentitel. Vielmehr versuchte
sie, die Archivalien möglichst tief zu erschließen, indem sie die alten
Aktentitel, welche häufig nur unzureichend den Inhalt beschreiben, durch neue,
exaktere ersetzte und in umfangreichen Enthält-Vermerken die wichtigsten
Vorgänge und handelnden Personen präsentierte. Die im Vergleich zu
konventionellen Archivrepertorien große Erschließungsdichte wurde zusätzlich
erhöht durch eine intensive Verschlagwortung der Einträge. Durch die
ausgeworfenen Personen- und Institutionennamen sowie die Sachbegriffe ist das
Spezialinventar in der Lage, für die unterschiedlichsten Fragestellungen
direkte Recherchemöglichkeiten anzubieten.
Um den Anspruch
eines Spezialinventars auf Vollständigkeit zu erfüllen, war es erforderlich,
auch die Überlieferung in anderen Archiven und Bibliotheken zu berücksichtigen.
Aufgenommen wurde u.a. die einschlägige Überlieferung der zuständigen
Ministerien in Berlin sowie zahlreiche Professorennachlässe und das Schriftgut
nichtstaatlicher Forschungseinrichtungen, welche vor allem im Geheimen
Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, im Bundesarchiv
Berlin-Lichterfelde, in der Niedersächsischen Staats- und
Universitätsbibliothek Göttingen, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen,
im Forschungszentrum Göttingen der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und
Raumfahrt und im Archiv zur Geschichte der Max Planck-Gesellschaft zu finden
sind. Hinzu kamen zahlreiche kleinere Bestände aus verschiedenen anderen Einrichtungen.
Inzwischen ist
dieses umfassende Verzeichnungswerk unter dem Titel „Spezialinventar zur
Geschichte der Mathematik und Naturwissenschaften an der Universität von
1880-1933. Ein Führer zu den archivalischen Quellen, bearbeitet von Martin
Fimpel unter Mitarbeit von Detlef Busse, Guido Ewald, Nicolé Rüschoff, Norbert
Wex“, Göttingen 2002 (Schriften des Universitätsarchivs Göttingen, hrsg. von
Ulrich Hunger und Hermann Wellenreuther, Band 1), Ganzleinen, 842 S. mit 1 Abb., als Buch erschienen. Es kann
zu einem Verkaufspreis von € 65,- zuzügl. Verpackungs- und Versandkosten über
das Universitätsarchiv Göttingen bezogen werden. Zugleich ist das Werk als
PDF-Dokument in der
digitalen Bibliothek der Niedersächsischen Staats- und
Universitätsbibliothek in der Sparte „Elektronische Bücher und Volltexte“ für
jedermann im Internet zugänglich. Mit dieser Veröffentlichung verbindet das
Universitätsarchiv Göttingen die Hoffnung, ein wertvolles
wissenschaftshistorisches Arbeitsinstrument für die Erforschung Göttingens als
mathematisch-naturwissenschaftliches Weltzentrum an der Wende vom neunzehnten
zum zwanzigsten Jahrhundert geschaffen zu haben.
Ulrich Hunger
Göttingen, im März 2003
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