'Mittwochsreihe'

 

Die Mittwochsreihe wird im Wechsel von den drei Abteilungen des Zentrums für Psychosoziale Medizin veranstaltet. Am ersten Mittwoch eines Monats trägt ein eingeladener Referent zu einem aktuellen psychiatrischen Thema vor. Die an den einstündigen Vortrag anschließende Diskussion bietet die Möglichkeit zu einem regen Gedankenaustausch.

 

Der nächste Vortragstermin:

06.06.2012

18:00 s.t.

Prof. Dr. rer.pol. Adelheid Susanne Esslinger
P
rof. Dr. phil.habil Hartmut Remmers, M.A.
PD Dr. theol. Markus Zimmermann-Acklin
Zu alt für medizinische Versorgung? Altersrationierung in der medizinethischen und gesundheitspolitischen Diskussion

Historische Sternwarte            Geismar Landstr. 11

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Bisherige Vorträge:

Nachfolgend sind die Beiträge jener Referenten zusammengefasst, die auf Einladung der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgetragen haben. Größtenteils wurden die Zusammenfassungen dem Göttinger Tageblatt entnommen.


02. Mai 2012

17:30 s.t. 

Prof. Michael Rösler (Homburg/Saar) ADHS bei Erwachsenen - 
Diagnose und Therapie
01. Februar  2012 Prof. Dr. S. Bender (Dresden) Anwendung von Neurofeedback und Neurostimulationsverfahren in der Kinder-
und Jugendpsychiatrie
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16. November  2011
(
Kolloquium zum 100. Geburtstag von Hemmo Müller-Suur)
.
Prof. M. Schmidt-Degenhardt (Düsseldorf)

Prof. J. M. Broekman (Leuven)
Wege der Göttinger Psychopathologie
Nichtwissen als Gabe
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04. Mai  2011 Dr. med. Argyris Stringaris

Kinder mit bipolarer Störung? 
Die transatlantische Debatte und ihre Bedeutung für die Pathophysiologie und Klinik frühbeginnender Gemütsstörungen
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02. Februar  2011 Dr. med. Stefanie Franke (Braunschweig) Versorgung der Opfer von Gewalttaten - Konzept für ein fachärztliches und fachpsychologisches Netzwerk in Niedersachsen
06. Oktober  2010 Prof. Warnke (Würzburg) Konversionsstörung im Kindes- und Jugendalter, Videodemonstration klinischer Bilder und ihrer Behandlung
03. Februar  2010 Prof. Dr. med. Gunther Klosinski (Tübingen) Tarnen-Täuschen-Lügen
Besuchsrechtsyndrom im Umfeld
der Kinder- und Jugendpsychiatrie
07. Oktober  2009 PD. Dr. med. Annette Streeck-Fischer (Göttingen) Komplexe Entwicklungsstörung als Traumafolge
06. Mai  2009 Prof. Dr. Kirsten R. Müller-Vahl (Hannover) Alternative Behandlungen von Tics
04. Februar  2009 PD. Dr. Martin Holtmann (Mannheim) Affektive Dysregulation bei Kindern und Jugendlichen: Teil des bipolaren Spektrums?
05. November  2008 PD. Dr. med. Veit Rößner (Göttingen) Ticstörungen und ADHS - ein überlappendes Verhaltensspektrum ?
02. Juli  2008 Prof. Dr. med. Jürgen Fritze (Pulheim) Wirken Antidepressiva wirklich? -                  Die Nachwehen der Studie von Kirsch et al.
04. Juni  2008 Prof. Dr. Dr. H. Ch. Steinhausen (Zürich) Ergebnisse und Perspektiven der Entwicklungspsychopathologie
12. März  2008 Prof. Dr. Dr. H. Remschmidt Wie erfolgreich sind unsere Behandlungen? Probleme und Ergebnisse der Therapieevaluation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
05. Dezember  2007 Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer (Bielefeld) Seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland - 
Ergebnisse der BELLA Studie als Grundlage für Prävention
04. Juli  2007 Prof. Dr. Alexander von Gontard, Homburg (Saar) Säuglings- und Kleinkindpsychiatrie
07. Februar  2007 Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski, Mannheim Verhaltenstherapie und Psychopharmakotherapie der ADHS - welchen Beitrag leistet neurobiologische Forschung?
03. Mai  2006 Prof. Dr. Dr. M. H. Schmidt, Mannheim Kann Kinderpsychiatrie Schulproblemen wirklich vorbeugen ?
06. Juli  2005 PD. Dr. Martin, Marburg Medizinische Rehabilitation
in der Kinder- und Jugendpschiatrie
13. April  2005 Prof. Dr. Dr. M. H. Schmidt, Mannheim Unerwartete Ergebnisse klinischer Forschung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie -
eine Bilanz aus 40 Jahren
12. Januar  2005 Prof. Dr. G.-E. Trott, Aschaffenburg Ambulante kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung in Deutschland
13. Oktober  2004 Prof. Dr. F. Resch, Heidelberg Früherkennung und Frühbehandlung von schizophrenen Psychosen in der Adoleszenz
05. Mai  2004

Prof. Dr. G. Esser, Potsdam

Vorläufer hyperkinetischer Störungen-
Ergebnisse einer prospektiven Längsschnittstudie
.
14. Januar  2004

Prof. Dr. H. Ch. Steinhausen, Zürich

Entwicklungspsychopathologie dissozialer Störungen

18. Oktober  2003 

Prof. Dr. F. Häßler, Rostock

Psychiatrische Versorgungsaspekte bei Menschen mit geistiger Behinderung
18. Juni  2003 

Prof. Dr. Edmund Sonuga-Barke, Southampton

Neuropsychological heterogeneity in AD/HD-multiple developmental
08. Januar  2003

Prof. Dr. B. Herpertz-Dahlmann, Aachen

Aktuelle Entwicklungen bei der Behandlung von Essstörungen
16. Oktober   2002

Prof. Dr. M. Döpfner, Köln

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung - ist die multimodale Behandlung wirklich die beste Unterstützung für das Kind ?
08. Mai 2002 

PD Dr. G.H. Moll, Göttingen

Gehirnentwicklung und Verhalten am Beispiel Enuresis nocturna, ADHS und Zwangsverhalten
05. Dezember  2001 

Prof. Dr. G. Klosinski, Tübingen

Religiösität und kindliche Entwicklung - Schutz und Risiko
05. September  2001 

Prof. Dr. R.W. Dittmann, Bad Homburg

Arzneimittelsicherheit in der Psychopharmakotherapie bei Kindern und Jugendlichen
04. April  2001 

Prof. Dr. P. Riedesser, Hamburg

Psychische Traumata als Folgen von Krieg und Vertreibung bei Kindern und Jugendlichen
07. Februar  2001 

Frau Prof. Dr. C. Wiesemann, Göttingen 

Biologische Forschung mit Kindern - ethische Aspekte
06. September  2000 

Prof. Dr. J. Aldenhoff, Kiel 

Psychobiologie der Depression
07. Juni  2000 

Prof. Dr. Ch. Eggers, Essen 

Schizophrenie im Kindes- und Jugendalter und ihr weiterer Verlauf
02. Februar 2000 

Prof. Dr. G.-E. Trott, Aschaffenburg

Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung entlang der Lebenslinie
01. Dezember 1999 

Prof. Dr. K.-J. Neumärker, Berlin 

Körperschemastörungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
05. Mai  1999 

Prof. Dr. G. Esser, Potsdam 

Stellt die frühe Kindheit die Weichen ? - Ergebnisse zur Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Interaktion
03. März  1999 

Prof. Dr. J.M. Fegert, Rostock 

Institutioneller Umgang mit sexuellem Mißbrauch an Kindern in Deutschland
02. Dezember  1998 

Prof. Dr. B. Blanz, Jena 

Kann Behandlung im häuslichen Milieu die stationäre Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit psychiatrischen Störungen ersetzen?
02. September  1998 

Prof. Dr. J.K. Buitelaar, Utrecht 

Children at risk: Stress während der Schwangerschaft und die spätere Entwicklung der Kinder
06. Mai  1998 

Prof. Dr. F. Poustka, Frankfurt

Autismus: Ziele der Forscher - Erwartungen der Betroffenen
03. Dezember  1997

Prof. Dr. A. Warnke, Würzburg 

Suizid und Suizidversuch im Kindes- und Jugendalter
08. Oktober  1997

Prof. Dr. G. Lehmkuhl, Köln 

Wirkfaktoren in der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen
18. Juni  1997

Prof. Hermann van Engeland, Utrecht

Soziales Verhalten - "Noch viele Fragezeichen"
17. Februar  1997

Prof. Helmut Remschmidt, Marburg

Anorexia nervosa - Dauergefahr wie bei Alkoholiker
14. Dezember  1996

Prof. Martin H. Schmidt, Mannheim

Psychiatrie/Längsschnittstudie: Bedeutung der Mutter
11. Mai  1996

Prof. Heinz Häfner, Mannheim

Schizophrenie - Auf der Suche nach der Pathogenese
12. Februar  1996

Prof. Joest Martinius, München

Kinder brauchen Vorbilder
18. Oktober  1995

Prof. Hans-Christoph Steinhausen, Zürich

Eßstörungen bei Jugendlichen


G. Klosinski, Tübingen (5. Dezember 2001)

Religiösität und kindliche Entwicklung - Schutz und Risiko

Welche positiven Folgen hat eine religiöse Erziehung auf Kinder und Jugendliche und welche Gefahren birgt sie? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Prof. Gunther Klosinski in seinem Vortrag "Religiösität und kindliche Entwicklung - Schutz und Risiko" in der Mittwochsreihe des Instituts für Psychosoziale Medizin.

Bei Kindern sei es auffällig, so Klosinski, Leiter der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie, dass ihr individuelles Gottesbild von der Art der Erziehung abhänge. Demnach entwickelten Kinder aus einem strengen, distanzierten Elternhaus das Bild eines strafenden Gottes, während Kinder, die von ihren Eltern Wärme und Verständnis vermittelt bekämen, eher einen wohlwollenden Gott vor Augen hätten. Es sei eine Gefahr, dass bei der religiösen Erziehung ein zu starkes Gewicht auf Strafe und Verdammung gelegt werde. Kinder, die unter dem Druck stünden, immer "gut" und niemals "böse" zu sein, liefen Gefahr, Verhaltensstörungen oder Depressionen zu entwickeln und bei ihrer religiösen Entwicklung auf einer unteren Stufe stecken zu bleiben.

Sekten und Pubertät
Klosinski stellte dabei die Bedeutung der Pubertät heraus. Im Alter von 14 Jahren begännen Kinder damit gegen Werte und Normen der Eltern, die sie bis dahin nicht angezweifelt hätten, zu rebellieren. Diese Phase sei wichtig für die persönliche Glaubensfindung, so Klosinski, und sollten von den Erziehungsberechtigten begleitet und keinesfalls unterbunden werden. Es sei förderlich, den Jugendlichen Glaubensangebote zu machen, ohne ihnen jedoch die eigene religiöse Auffassung aufzudrängen. Verständnis von elterlicher Seite sei in dieser Phase auch deshalb wichtig, weil Jugendliche besonders in der Identitätskrise der Pubertät empfänglich für religiöse Gruppen wie Sekten seien. Deren Anführer, so Klosinski, erschienen den Jugendlichen als "Retter", die ihnen das Erleben außergewöhnlicher und mystischer Zustände suggerierten. Klosinskis Resümee: "Das Gottesbild ist Teil des allgemeinen Weltbildes", das sich von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter ändere. Diesen Prozess als natürliche Entwicklung anzusehen, sei Aufgabe der religiösen Erziehung. Kindern gegenüber an starren religiösen Werten festzuhalten und ihnen einen einzig wahren Glauben zu propagieren, bewertete er hingegen als riskant. Klosinski appellierte an die Erziehungsberechtigten, Kindern gewisse Freiheiten bei der Wahl ihres religiösen Standpunktes zuzugestehen. 
 
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R.W. Dittmann, Hamburg (5. September 2001)

Arzneimittelsicherheit in der Psychopharmakotherapie bei Kindern und Jugendlichen

Seit dem Lipobay-Skandal ist das Thema Arzneimittelsicherheit in aller Munde. Der schon seit Monaten geplante Vortrag des Hamburgers Prof. Ralf W. Dittmann "Arzneimittelsicherheit bei Kindern und Jugendlichen" erwies sich aus diesem Grund als unerwartet aktuell. Dittmann hielt den Vortrag im Rahmen der vom Zentrum für Psychosoziale Medizin organisierten Mittwochsreihe.

Der Mediziner ging zunächst auf das Zulassungsverfahren für Medikamente ein. "Eine chemische Substanz durchläuft drei Phasen, bis sie für den Markt zugelassen wird: Grundlagenforschung, präklinische Forschung und klinische Forschung", erläuterte Dittmann. Von 10.000 erforschten Mitteln blieben auf diese Weise nur zwei übrig, die eine Zulasung erhielten. In der ersten Phase würde an bis zu 80 Probanden die Sicherheit und die richtige Dosierung des Mittels geprüft. Die zweite Phase beinhalte Tests über die Wirksamkeit des Mittels an 100 bis 300 Personen, während im Mittelpunkt der dritten Phase die Feststellung von seltenen Nebenwirkungen stehe. "Die Versuche werden an bis zu 3000 Probanden durchgeführt. Sehr seltene Nebenwirkungen, werden also nicht unbedingt erfasst", weiß Dittmann. Gerade was Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten anginge, sei man daher auf Untersuchungen nach Zulassung des Mittels angewiesen, so der Mediziner. Die Pharma-Firmen haben daher die Verpflichtung, über sämtliche Vorfälle in Zusammenhang mit dem von Ihnen hergestellten Präparat zu berichten. 

Placebo-Effekt
Als Beispiel für die Schwierigkeiten bei der Erforschung von Arzneimittelrisiken verwies Dittmann auf die von ihm durchgeführten Studien über die Anwendung der Medikamente Olanzapin und Atomoxetin bei Jugendlichen. So sei bei der Einnahme Olanzapin bei 20 Prozent der Probanden eine Gewichtszunahme zu verzeichnen gewesen. "Dies scheint auf den ersten Blick ein Problem, relativiert sich aber, wenn man weiß, dass bei Neuroleptika eine Gewichtszunahme typisch ist und dass vor allem die untergewichtigen Jugendlichen zugenommen haben", erläuterte Dittmann. Auch der Placebo-Effekt sei zum Teil enorm. So klagten bei den mit Atomoxetin behandelten Patienten 30 Prozent über Kopfschmerzen, bei denjenigen, die statt des Medikamentes ein wirkungsloses Mittel verabreicht bekamen, waren gleichfalls 30 Prozent.
 
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P. Riedesser, Hamburg (4. April 2001)

Sprache als ein Mittel der Befreiung

Psychische Traumata als Folgen von Krieg und Vertreibung seien, wie bei Erwachsenen, auch bei Kindern und Jugendlichen eine häufige Reaktion auf lebensbedrohliche Situationen.

Der extreme Stress könne nicht bewältigt werden, sondern äußere sich in psychosomatischen Schäden, wie paranoiden und halluzinatorischen Symptomen. Riedesser ist Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Er ist Mitbegründer einer Ambulanz für Flüchtlingskinder und ihre Familien am Universitäts-Krankenhaus in Eppendorf, deren Arbeit er unter anderem vorstellte. Riedesser, der praktische Erfahrungen mit kriegstraumatisierten Kindern unter anderem bei seinen Reisen nach Mosambik und auf den Balkan sammelte, unterschied drei Kategorien möglicher Kriegserlebnisse: So könnten Kinder und Jugendliche Tod, Verletzung und Verzweiflung der Eltern als Beobachter miterleben, aber auch von Trennung, Misshandlung und Vertreibung direkt betroffen sein. Schliesslich könnten Kinder in die Rolle von Tätern gedrängt werden, indem sie als Soldaten eingesetzt würden.

Zur Heilung von Kriegstraumata gebe es in unseren Breiten nur wenige kulturelle Traditionen, so Riedesser. In Mosambik dagegen würden Rituale gepflegt, die den Übergang vom Krieg in den Frieden markierten. Reinigende Waschungen und der Dialog mit den Ermordeten würden verknüpft mit der Hoffnung auf Versöhnung durch den Wiederaufbau zerstörter Dörfer. In diesem Zusammenhang betonte Riedesser die Bedeutung des Mediums Sprache bei der Aufarbeitung von Kriegserlebnissen. Auch die Behandlung von Flüchtlingskindern in der Eppendorfer Ambulanz stütze sich auf einen möglichst freien Gedankenaustausch zwischen Kindern, Eltern und Psychologen. Zunächst sei es jedoch wichtig, die individuelle Entwicklungssituation der Patienten zu bestimmen, in der Kriegsfolgen auf die Persönlichkeit eingewirkt haben. Ein Kleinkind würde eher durch die Verzweiflung der Eltern in Mitleidenschaft gezogen, während ein Schulkind schon die ganze Bedrohung der Kriegssituation erfassen könne. Auch spiele es eine große Rolle, ob Kinder von ihren Eltern getrennt worden seien. Untersuchungen hätten gezeigt, so Riedesser, dass Kinder, die in Sicherheit gebracht, aber von ihren Eltern getrennt wurden, schwerere gesundheitliche Beeinträchtigungen zeigten als Kinder, die inmitten einer Kriegssituation bei ihren Eltern gewesen seien. 

Die Therapie von Kriegstraumata zeige gute Erfolge - vor allem, wenn Betroffene das Erlebte in Worte fassten: "Wo wieder mit traumatischen Kindern gesprochen wird , da entsteht wieder ein Stück Hoffnung, dass nicht nur Grausamkeit in der Welt existiert, sondern auch Menschlichkeit."
 
-> bisherige Vorträge


C. Wiesemann, Göttingen (7. Februar 2001)

Biologische Forschung mit Kindern - ethische Aspekte

Wann kann ein Kind selbst entscheiden?
Ab welchem Alter sind Kinder in der Lage, selbst zu entscheiden, ob sie als Probanden in einem Forschungsprojekt teilnehmen wollen? Wie weit dürfen Forschungen mit Kindern gehen? Müssen sie in jedem Fall einen therapeutischen Nutzen beinhalten oder ist der reine Wissenszuwachs ein ausreichendes Kriterium für die Durchführung der Forschungen? Mit den ethischen Aspekten in der biologischen Forschung mit Kindern beschäftigte sich Frau Prof. Claudia Wiesemann in ihrem Vortrag. Sie zeigte Probleme und Perspektiven der Forschung an "nicht einwilligungsfähigen Personen" auf und erläuterte die gesetzlichen Bestimmungen.

Wiesemann, Professorin für Ethik und Geschichte der Medizin, unterstrich die Bedeutung der Minderjährigen, ohne die die systematische Entwicklung von Medikamenten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht möglich sei. Das deutsche Arzneimittelgesetz, das die Medikamentenforschung mit Minderjährigen nur dann zulässt, wenn "ein therapeutischer oder prophylaktischer Nutzen" für die Probanden gegeben ist, stammt aus der Zeit nach dem Zeiten Weltkrieg, womit Forschungen an Menschen, wie sie in Konzentrationslagern durchgeführt wurden, ausgeschlossen werden sollten.

Unbefriedigende Situation
Für die heutige Situation seien diese strengen Bestimmungen unbefriedigend, so Wiesemann. Die jetzige Situation bezeichnete sie als "ein großes Experiment an Kindern, da die gezielte Forschung nach Medikamenten für diese Zielgruppe behindert werde. Auf internationaler Ebene seien schon liberalere Standards gesetzt worden. So werde in der Deklaration von Helsinki zu diesem Thema zwischen therapeutischer Forschung und rein wissenschaftlichen Humanexperimenten kein Unterschied mehr gemacht. Auch über die Altersgrenze für die selbständige Einwilligung Minderjähriger werde diskutiert. Wiesemann, die auch stellvertretende Vorsitzende der Ethikkommission in Göttingen ist, machte deutlich, dass es vom moralisch-ethischen Standpunkt aus immer problematisch sein werde, klare Richtlinien in diesem Bereich der Forschung aufzustellen.


J. Aldenhoff, Kiel (6. September 2000)

Psychobiologie der Depression

Der Allgemeinmediziner, Praktiker oder Internist ist häufig der erste Ansprechpartner des depressiven Patienten und sieht sich daher vor eine verantwortungsvolle Aufgabe gestellt. Bei einer Lebenszeitprävalenz von ca. 15% in der Gesamtbevölkerung wird die Depression, immerhin die häufigste psychische Erkrankung, heute jedoch in lediglich 50% aller Fälle richtig diagnostiziert. Nur 20% davon werden angemessen therapiert, denn die Behandlung in der Praxis gestaltet sich im allgemeinen kompliziert: Häufig wir die Diagnose "Depression" nicht akzeptiert; der aufgeklärte Patient ist zudem nicht bereit, einschränkende und unnötige Nebenwirkungen eines Medikamentes hinzunehmen und bei den oft multimorbiden Alterspatienten muß aufgrund von Komedikationen auf das Interaktionspotential eines Präparates geachtet werden.

Das Seminar Depression berichtet in einer Reihe von Beiträgen von den neuesten Erkenntnissen über Epidemiologie und Genese der Depression, stellt aktuelle Studien über Interaktionen von Antidepressiva vor und zeigt anhand von Fallbeispielen die Besonderheiten im Umgang mt depressiven Patienten in der Praxis.

(Abtstract J. Aldenhoff, Psychobiologie der Depression - ein Update. Nervenheilkunde 5/2000, 280-285)
 
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Ch. Eggers,Essen (7. Juni 2000)

Schizophrenie im Kindes- und Jugendalter und ihr weiterer Verlauf

Die Schizophrenie ist eine ernste seelische Erkrankung mit einem hohen Risiko der Chronifizierung. Nur bei etwa einem Viertel der Betroffenen kann mit einer völligen Ausheilung gerechnet werden. Das lebenslange Risiko, an einer Schizophrenia zu erkranken, liegt bei etwas unter 1 % bezogen auf die Allgemeinbevölkerung. Schizophrene Psychosen, die bereits im Kindesalter auftreten1 sind dagegen extrem selten: Die Prävalenz liegt hier bei 0.14 zu 1000. Infolgedessen gibt es auch nur sehr wenige Verlaufsstudien von schizophrenen Psychosen mit Beginn im Kindesalter, und der Beobachtungszeitraum ist relativ kurz, er liegt meistens nur zwischen 1 und 5 Jahren. Insofern sind die Erkenntnisse über den Langzeitverlauf von früh beginnenden Psychosen noch sehr spärlich. 

Berichtet wurden die Ergebnisse einer Langzeitstudie von insgesamt 44 Patienten, die im Alter zwischen 7 und 14 Jahren an einer Schizophrenie erkrankt waren und die nach einer durchschnittlichen Krankheitsdauer von 42 Jahren zum zweiten Mal nachuntersucht worden sind. Untersuchungsbefunde bei Patienten mit solch frühem Krankheitsbeginn, die sich auf eine zweimalige persönliche Nachuntersuchung durch denselben Untersucher und über eine so lange Zeitperiode hinweg stützen, sind weltweit einmalig. Ein erstaunliches Ergebnis ist, dass selbst nach durchschnittlicher Krankheitsdauer von 42 Jahren - das längste Zeitintervall zwischen Krankheitsbeginn und zweiter Nachuntersuchung betrug 68 Jahre - die Quote der Vollheilungen bei 25 % liegt. Die Prognose der Frühschizophrenie ist damit nicht ungünstiger als bei Krankheitsausbruch erst im Erwachsenenalter. Allerdings sind die Heilungsaussichten bei Beginn vor dem 11. Lebensjahr bis auf wenige Ausnahmen ungünstig. Eindrucksvoll war die große Vielfalt der klinischen Verläufe, die unterschiedliche und wechselvolle Symptomatologie während der verschiedenen Krankheitsperioden und die Tatsache, dass es bei einigen Patienten zu erstaunlichen Aufwärtsentwicklungen im Spätverlauf gekommen ist. Einige Patienten haben sich allerdings im Vergleich zur ersten Nachuntersuchung, die durchschnittlich 15 Jahre nach Krankheitsausbruch, Ende der 60er Jahre stattfand, verschlechtert. 48 % der Patienten leben in Partnerschaft oder sind verheiratet. 60,5 % leben zu Hause, 23 % in einer Wohngruppe oder Wohnheim. 16 % sind in klinischen Institutionen untergebracht. 33 % sind nicht in der Lage zu arbeiten. Zahlreiche Patienten zeigten schon Jahre vor Ausbruch der Psychose, vor allem bei sehr frühem Beginn (10 Jahre oder früher), nicht-psychiotische Wesens- und Verhaltensauffälligkeiten, z. B. sozialer Rückzug, Eigenbrötelei, Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Empfindsamkeit, Depressionen, Mißtrauen, unmotiviertes agressives Verhalten. Das wirft kritisch die Frage nach einer Früherkennung und eventuellen Frühbehandlung auf.
 
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K.-J. Neumärker,Berlin (1. Dezember 1999)

Körperschemastörungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Der Begriff Körperschemastörung erfährt auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine breite und z. T. undifferenzierte Anwendung. Ausgehend von der erstmaligen Beschreibung durch A. Pick 1908 über Störungen der Orientierung am eigenen Körper haben H. Head und G. Holmes 1911 das Konzept des Körperschemas aufgegriffen und vornehmlich unter neurologischen Aspekten weiterentwickelt. Das Körperschema galt als Oberbegriff für bizarre Körper-wahrnehmungen bei Patienten mit Gehirnläsionen. Die Autoren sprachen von "postural scheme" als Bezugsrahmen für die Körperwahrnehmung, bezogen auf die räumliche Orientierung und Haltung. Von psychiatrischer Seite haben u. a. C. Wernicke 1900 vom "Bewußtsein der eigenen Körperlichkeit" oder K. Jaspers 1913 vom "Leibbewußtsein ... als einzigartige Stellung des eigenen Körpers ..., der allein gleichzeitig von innen empfunden und von außen wahrgenommen werden kann" gesprochen. Mit der 1923 von P. Schilder gegebenen Beschreibung des Körperschemas als "das Raumbild, das jeder von sich selber hat", wurde zugleich auch der als Synonym geltende Begriff des "body image" in die Literatur eingeführt. Dabei muss betont werden, dass Schilder vom Körperschema als der Lehre vom Bewusstsein des eigenen Körpers ausging und nicht für den Begriff des Körperbildes steht. In der Folge wurde der Terminus des Körperschemas ebenso übernommen wie auch kritisiert oder erweitert definiert. So von K. Poeck (1965) als "die komplexe Funktion ..., die eine Orientierung am eigenen Körper ermöglicht und in der die verschiedenen sensiblen und sensorischen Afferenzen zusammengefasst und motorischen Akten dienstbar gemacht werden". 

Die Konfusion in der Terminologie wird deutlich, wenn von Körperschema, Körperbild, Körperwahrnehmung, Körpereinstellung, Körpererleben, Körperselbst oder Körperbewusstsein gesprochen wird und man entsprechende englischsprachige Formen wie Body scheme, Body image, Body orientation, Body concept oder Body identity vorfindet. 

In der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachliteratur einschließlich der entwicklungspsychopathologischen Beiträge finden sich überraschend wenig zusammenhängende Angaben. Die Ausbildung des Körperschemas ist alters- und entwicklungsabhängig: Sie umfasst den sensorischen, präoperativen und operationalen Bereich. Kinder im Alter von 4 Jahren sind in der Lage, die Teile des Kopfes, Gesichtes, Rumpfes und der Extremitäten zu benennen. Ab 7. Lebensjahr gelingt die Rechts-Links-Orientierung am eigenen Körper, die übrigen Körperteile werden umfassend identifiziert. Ab 9. Lebensjahr können die Aufgaben auch an Objekten realisiert werden.

Zweckorientiert kann derzeit von zwei Bezugspaaren
Körperwahrnehmung - Körperschema und 
Körpereinstellung - Körperbild
ausgegangen werden. 

Auf diesen unterschiedlichen Entwicklungsschritten und Ebenen können durch Anlage, endogene oder exogene Einflüsse Störungen eintreten. Am geläufigsten ist der von H. Bruch 1962 beschriebene Zusammenhang zwischen Körperschemastörung und Anorexia nervosa. Die Körperschemastörung gilt heute in der Essstörungsforschung und Klinik als Prädiktor für das Katamneseergebnis. Da die jugendlichen Patienten mit einer Essstörung aber eher ihren Körper anders wahrnehmen als er in der Realität ist, wird auf das Bezugspaar Körperwahrnehmung - Körperschema hingewiesen. Störungen in diesem Bereich finden sich auch bei anderen kinder- und jugendneuropsychiatrischen Störungen und Erkrankungen: so die leibhypochondrischen Störungen bei endogenen Psychosen (z. B. Hebephrenie), bei depressiven Störungen, drogeninduzierten Psychosen, Partialanfällen mit psychosensorischer und affektiver Symptomatik, Migräne, beim "Alice in Wunderland"-Syndrom (AIWS) oder beim 1930 von J. Gerstmann beschriebenen Syndrom: Fingeragnosie, Rechts-Links-Störung, Agraphie, Akalkulie speziell dem bei Kindern beobachteten "Developmental Gerstmann Syndrome" - DGS im Rahmen der "learning disability". Es wird angenommen, dass der Parietallappen, speziell der Gyrus angularis und supramarginalis, für die Entwicklung und Zuordnung des Störungsbildes eine entscheidende neuronale Region innerhalb des Assoziationskortex darstellt. 

Zur Beurteilung des Körperschemas und seiner Störungen wurden eine Reihe von Verfahren und Fragebögen entwickelt, die der Operationalisierung und Quantifizierung des Körperschemas und seiner Störungen dienen, u. a. der Mann-Zeichen-Test, der Body Perception Test, Body Image Screening Scale - BISS, Fragebogen zur Körpererfahrung Jugendlicher - FKEJ, Spiegelverzerrtechnik. Entwicklungspsychologische und entwicklungspsychopathologische Aspekte fanden dabei kaum Berücksichtigung. Es bedarf weiterer Untersuchungen, um das Konstrukt Körperschema - Körperschemastörung auch unter dem Entwicklungsaspekt interdisziplinär sowohl von Seiten der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Neuropsychologie und Neuropädiatrie zu präzisieren und für die klinische Anwendung zu validieren.
 
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G. Esser,Potsdam (5. Mai 1999)

Weichen in der frühen Kindheit

Prägt das Verhalten zwischen Mutter und Kind im frühen Säuglingsalter die spätere Entwicklung des Kindes? Über die Ergebnisse der "Mannheimer-Risikokinder-Studie", einer Langzeituntersuchung mit rund 350 Kindern, referierte der Potsdamer Professor für Klinische Psychologie/Psychotherapie Günter Esser im Hörsaal der Psychiatrischen Universitätsklinik. 

Gelungene Interaktion
In seinem Vortrag "Stellt die frühe Kindheit die Weichen? - Ergebnisse zur Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Interaktion", stellte er Resultate aus der Studie vor. Die Beobachtungen der Wechselbeziehung zwischen Mutter und Kind in den ersten drei Lebensmonaten der Säuglinge standen dabei im Mittelpunkt. Diese zeigen, daß die Qualität der Beziehung tatsächlich Auswirkungen auf die spätere Entwicklung des Kindes hat. Insbesondere bei Säuglingen mit organischen oder psychosozialen Risiken könne eine "gelungene" Interaktion den Entwicklungsprozeß positiv beeinflussen, stellt Esser anhand der untersuchten Mutter-Kind-Paare fest. Besonders fördernd wirke zum Beispiel variables Verhalten der Mutter, während stereotypes Verhalten die Entwicklung in einigen Bereichen hemme. Ebenso sei der Faktor der "Reaktivität", das heißt, die Signale des Kindes zu registrieren, zu verstehen und auf sie zu reagieren, wichtig für einen positiven Entwicklungsprozeß.

Keine Rabenmütter
Die Studie belegt, daß die Überbewertung der Mutter-Kind-Beziehung in früher Kindheit nicht ganz begründet ist. Esser räumte mit dem Vorurteil auf, daß eine arbeitende Mutter eine Rabenmutter ist. "Wenn die Mutter arbeiten wollte, war es immer besser für das Kind, wenn sie es getan hat, weil sie dann zufriedener war." Auch Flaschenkinder seien nicht per se schlechter dran als gestillte, denn es käme auf Körperkontakt, sensible Berührungen und Aufmerksamkeit an. Wenn diese positiven Stimulationen dem Kind zuteil würden, könne auch ein Vater oder eine Großmutter eine "gute Mutter" sein.
 
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J.M. Fegert, Rostock (3. März 1999)

"Beratungsbillard" statt konsequenter Hilfe

"Manche Großen schmeicheln auch Kindern, um sie dann zu streicheln. Äber wenn Du das nicht magst, ist es gut, wenn Du es sagst!!!", lautet der Spruch einer Aufklärungsbroschüre über Kindesmißbrauch. Daß es aber mit dem "Sagen" nicht so einfach ist und damit nicht alle Probleme gelöst sind, sondern viele erst beginnen, wußte Prof. Jörg Michael Fegert, Direktor des Zentrums für Nervenheilkunde Rostock, zu berichten.

Fegert sprach im Rahmen der Mittwochsreihe des Zentrums Psychosoziale Medizin. Er stelle eine Studie vor, die sich mit dem "Institutionellen und individuellem Umgang mit sexuellem Mißbrauch an Kindern in Deutschland befaßt. Die Studie umfaßt einen Beobachtungszeitraum von zwei Jahren und ist in Zusammenarbeit je zweier psychiatrischer Kliniken und juristischen Lehrstühle in Köln und Berlin entstanden. 

Mißtrauen und Unsicherheit
Im Blickpunkt der Studie liegt nicht zuerst das Opfer, sondern vielmehr das Umfeld des mißbrauchten Kindes: die staatlichen Strafverfolger, Ärzte, psychologische Betreuer, Lehrer und Familie. Die Zusammenarbeit untereinander sei bei weitem nicht so reibungslos, wie es wünschenswert wäre, stellte Fegert fest. Oftmals ist das Verhältnis von Mißtrauen in die Fähigkeiten des anderen geprägt. Unsicherheit und mangelnde Schulung im Umgang mit mißbrauchten Kinder, oder die Angst, sich mit dem Opfer und seinen Problemen auseinanderzusetzen, seien häufig. 

Es kommt zu einem regelrechten "Beratungsbillard", die Kinder würden von einer Instanz zur nächsten gereicht, es gäbe ein Hin-und-Her. Dies koste viel Zeit: Durchschnittlich zwei Jahre dauert es in Deutschland, bis es zur Verurteilung des Täters kommt. Ein Zeitraum, der aus der Sicht eines Achtjährigen nicht zu überschauen ist.

Die Fehler der Erwachsenen blieben den Jugendlichen nicht verborgen, sagt Fegert. Verzögerungen und Fehler führten zu weiteren Belastungen der Jugendlichen Opfer. Verbesserungsvorschläge fielen ihnen schnell ein: ein: ein schnelles Verfahren, und daß die Erwachsenen ihnen erklärten, was auf sie zukommt. Dazu eine angenehmere Atmosphäre und freundlichere Menschen. "Sozial kompetent", in der Sprache der Großen. 
 
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B. Blanz, Jena (2. Dezember 1998)

Home Treatment

Kann Behandlung im häuslichen Milieu die stationäre Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit psychiatrischen Störungen ersetzen? Diese Frage stellte sich Prof. Bernhard Blanz aus Jena im Rahmen der Mittwochsreihe des "Zentrum Psychologische Medizin" der Universität. Blanz, der an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Kinder- und Jugendpsychiatrie lehrt, ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.

Beide Methoden helfen
Blanz präsentiert eine aktuelle Studie zum Thema "Home treatment". Diese Studie über häusliche Behandlungen von Kindern und Jugendlichen wurde 1995 begonnen und wird im kommenden Jahr abgeschlossen. Die Zwischenergebnisse der Untersuchung mit zur Zeit 20 ausgewerteten Vergleichspaaren, seien zum Teil nicht befriedigend, so Blanz. Sie zeigten aber in der Tendenz, daß "Home treatment" die stationäre Behandlung zwar nicht ersetzen, aber ergänzen könne.

Die stationäre Behandlung, so könne man aus den ersten Ergebnissen schließen, seit zwar überlegen, doch zeigten sich bei beiden Methoden signifikante Besserungen bei den Patienten zwischen sechs und 16 Jahren. Eventuell, so eine Anregung aus dem Fachpublikum, werde sich die Wirkung der Methode erst nach längerer Zeit zeigen.

Argument: Kostengünstig
Vor allem bei kleineren Kindern spreche viel für eine Behandlung zu Hause, erläuterte Blanz. Auch der enge Kontakt zwischen Behandlern und Bezugspersonen, die in die Therapie einbezogen werden, sei ein Argument für "Home treatment". Erreicht würden auch solche Patienten, die sich gegen eine stationäre Behandlung wehrten so wie es zum Beispiel bei Patienten mit Eßstörungen häufig der Fall sei. Außerdem - und das sei ein Argument, das besonders die Krankenkassen überzeugen werde - sei die Behandlung Zuhause um rund die Hälfte kostengünstiger als die stationäre. Voraussetzung sei eine starke Kooperation der Bezugspersonen. Außerdem kämen lediglich 10 bis 15 Prozent der stationären Patienten für diese Behandlungsmethode in Frage.

Aber keine Kürzungen
Die Studie schließt an eine Untersuchung der Universitäten Marburg und Mannheim an, die drei Behandlungsmodalitäten, nämlich stationär, teilstationär, und "Home treatment" verglichen hat. Nach dieser Studie zeigten alle drei Methoden vergleichbare Ergebnisse. Die Untersuchung in Jena ergänzt die Studie um die Frage, ob die Behandlung, ausgeführt von einer erfahrenen, wöchentlich supervidierten Krankenschwester, ebenso wirksam ist , wie die Therapie im stationären Bereich.

Sobald die Studie abgeschlossen sein wird, werde er den Krankenkassen die Ergebnisse vorstellen. Dabei werde er jedoch darauf hinweisen, betonte Blanz, daß im stationären Bereich nicht gekürzt werden dürfe.
 
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J.K. Buitelaar, Utrecht (2. September 1998)

Children at risk: Stress während der Schwangerschaft und die spätere Entwicklung der Kinder

In diesem Bereich habe er lediglich theoretische Erfahrungen, gab Prof. Jan Buitelaar freimütig zu. Diese zum Thema "Children at risk: Stress während der Schwangerschaft und die spätere Entwicklung der Kinder" trug er in einem detailreichen Vortrag im Rahmen der Mittwochsreihe Psychologische Medizin vor. "Streß in der Schwangerschaft ist ein Thema, mit dem sich schon die alten Griechen beschäftigt haben", erklärt Buitelaar, der als Jugendpsychiater und als Professor an der Universität in Utrecht arbeitet. "Aber erst heute sind wir in der Lage, einige der Hypothesen zu überprüfen." Zu diesem Zweck untersuchen Buitelaar und seine Mitarbeiter 300 Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren während und nach der Schwangerschaft. Die eine Gruppe sei dabei "normalem", die andere erhöhtem Streß ausgesetzt worden. 

Wachstum beeinflußt
Einige Erkenntnisse, die die Forscher dabei gewonnen haben, waren wenig überraschend: So werden Kinder von Frauen, die unter Streß stehen, im Durchschnitt drei Wochen früher als normal geboren: "Das ist nicht zu früh, aber die Zahl gibt eben den Durchschnitt an. Die Gefahr, eine Frühgeburt zu haben, ist unter Einfluß von Streß also besonders hoch." Zudem habe Streß auch Einfluß auf die Intelligenz des Kindes: "Der Intelligenzquotient von Kindern mit gestreßten Müttern ist niedriger - dieses Phänomen wirkt sich bei Mädchen noch stärker aus als bei Jungen." Auch im biologischen Bereich zeige Streß Auswirkungen. Das Wachstum des Kopfes werde beispielsweise stärker von Streß als durch Rauchen beeinträchtigt. Keinen meßbaren Einfluß habe Streß dagegen auf das Verhalten des Fötus und die motorische Entwicklung des Kindes. "Es ist aber denkbar, daß das bei letzterem an den Meßinstrumenten liegt", gab Buitelaar zu bedenken, "die sind im motorischen Bereich ja nicht so fein wie im biologischen." Buitelaar beruhigte die anwesenden Frauen, die sich Gedanken darüber machten, ob ihr Job ein potentieller Streßfaktor ist, der ihr Kind gefährden könnte: "Zwischen berufstätigen und nicht-berufstätigen Müttern konnten prinzipiell keine Unterschiede festgestellt werden. Kritisch wird es erst, wenn sie ständig mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten", erklärte Buitelaar, der im übrigen überzeugt davon ist, daß es ein "Streßoptimum" gibt: "Zuwenig Streß ist auch nicht gut", glaubt er. Wichtig sei vor allem, wie man mit Streß umgeht. Wer Streß als Herausforderung sehe, reagiere ganz anders als diejenigen, die ihn als Belastung empfänden. 
 
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Prof. Dr. F. Poustka (6. Mai 1998)

Autismus/Ziele der Forscher - Erwartungen der Betroffenen

Noch vor 20 Jahren hieß es, die Gefühlskälte der Mutter sei verantwortlich für den Autismus ihres Kindes. "Die Forscher haben für die betroffenen Familien eine befreiende Botschaft", verriet Prof. Fritz Poustka in seinem Vortrag "Autismus: Ziele der Forscher - Erwartungen der Betroffenen" in der Mittwochsreihe im Zentrum Psychologische Medizin: "Sie sind nicht schuld."

Die Diagnose Autismus bezeichnet eine Persönlichkeitsstörung, die durch extreme Selbstbezogenheit gekennzeichnet ist. Der Autist lebt scheinbar abgeschlossen von seiner Außenwelt, Berührungen sind ihm meist unerträglich. Poustka, seit 1986 Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Frankfurt und Mitglied des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, räumte in seinem Vortrag mit überkommenen Erklärungsversuchen zur Ursache von Autismus auf. Nicht fehlende elterliche Zuneigung oder Umwelteinflüsse seien Auslöser. Die Krankheit sei eindeutig genetisch bedingt, schildert Poustka den derzeitigen Wissensstand der Forschung. "Jeder von uns hat fünf Prozent defekte Gene", erklärte Poustka. Nur falle das meist nicht auf, da eine doppelte Absicherung den Schaden ausgleiche. Bei Menschen, die vom Autismus betroffen sind, funktioniere diese Unterstützung nicht. Jungen seien weitaus häufiger vom Autismus betroffen. Auf drei bis vier autistische Jungen kommt ein autistisches Mädchen. Erstaunlich auch die Erkenntnis, daß Erkrankte beiderlei Geschlechts bei Intelligenztests in allen abgefragten Bereichen vergleichbare Werte erreichen, wobei Mädchen deutlich schlechter abschneiden als ihre männlichen Pendants. Erwiesen sei aber auch, daß das X-Chromosom, das die geschlechtliche Ausrichtung festlegt, beim Autismus keine Rolle spiele. 

Wie bei "Superhirn"
Von Therapieversuchen wie dem unterstützten Schreiben hält Poustka wenig. "Es gibt keine Therapieform, die beweisen konnte, daß Autismus therapierbar wäre" lautet seine Einschätzung. Aber man könne die Probleme um den Autismus herum lindern. "Man kann das Leben ein bißchen lesenswerter machen", so Poustka. Nicht zu unterschätzen sei dabei die Entlastung der Mütter, die einem enormen Streß durch die Krankheit ihres Kindes ausgesetzt seien. Poustka verweist auf die signifikant hohe Zahl von Depressionen in dem Kreis der Betroffenen, schränkte jedoch ein, daß eine genetische Veranlagung dafür auch in Frage kommen könne. Das Vorgehen der Wissenschaftler bei dem Versuch, den genetischen Defekt im Genom zu lokalisieren, beschreibt Poustka schließlich mit einem griffigen Vergleich. Wie bei dem Spiel "Superhirn", bei dem durch Ausschluß diverser Möglichkeiten die Reihenfolge verschiedenfarbiger Spielklötzchen herausgefunden werden muß, grenzen die Forscher die Bereiche ein, in denen der Schaden angelegt ist. 

Lichtjahre bis zur Therapie
Allerdings nahm Poustka auch die Hoffnung auf einen bevorstehenden Durchbruch in der Autismusforschung. Zwar wisse man heute, daß mindestens zwei, wahrscheinlich drei bis vier Gene an dem Krankheitsbild beteiligt sind: "Von einer Therapie sind wir aber Lichtjahre entfernt".
 
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Prof. Dr. A. Warnke (3. Dezember 1997)

Suizid und Suizidversuch im Kindes- und Jugendalter

"Wir haben keinen Bock mehr zu leben", "Ich schaffe das alles nicht mehr", "Hört auf mit dem Scheiß, oder ich bringe mich um", "Andere haben es auch gemacht" - solche und ähnliche Sätze finden Psychologen immer wieder in den Abschiedsbriefen von Kindern und Jugendlichen, die Suizid (Selbstmord) verüben wollten oder begangen haben. Am Zentrum Psychologische Medizin der Georgia Augusta sprach Prof. Andreas Warnke, Würzburg, über "Suizid und Suizidversuche im Kindes- und Jugendalter".

Häufigste Todesursache
In den letzten zehn Jahren sei zwar die Anzahl der Selbstmorde auffällig zurückgegangen, so Warnke, dies sei jedoch noch kein Grund zum Aufatmen. Nach Kfz-Unfällen ist der Selbstmord bei 15- bis 19jährigen noch immer die häufigste Todesursache. Im vergangenen Jahr haben sich zum Beispiel in den alten Bundesländern etwa 230 Jugendliche suizidiert. Bei Kindern bis 14 Jahren komme Suizid sehr selten vor. Im Alter von 15 bis 19 liege das Verhältnis von erfolgtem und versuchtem Suizid bei 1:12 bei Jungen und bei 1:39 bei Mädchen. Da Suizid-Raten kurvenförmig verliefen und noch keine unbedingte Erklärung für den erfolgten Rückgang gefunden sei, müsse wohl mit einem wiederholten Ansteig gerechnet werden. 

Versagensängste
Bei erwachsenen Suizidanten werden häufig psychische Erkrankungen wie Alkoholismus, affektive Störungen oder Schizophrenie verzeichnet, bei Kindern und Jugendlichen hingegen besonders Leistungsdruck, Versagensangst und gestörte Familienverhältnisse. Innerhalb von Familien, so Warnke, könne es auch zu suizidalen Traditionen /Häufungen) kommen. Gründe hierfür seien die suggestive Wirkung von Suiziden, die Identifikation mit dem Suizidanten und die genetische Disposition zu einer einhergehenden psychischen Erkrankung.

Ankündigung ernstnehmen
Wie weit bestimmend die Faktoren Suggestion und Identifikation sein können, werde an einem Beispiel aus den 70ger Jahren deutlich, als nach dem Zeigen eines Selbstmordes im Fernsehen die Zahl der Suizide sprunghaft anstieg. Der Bitte von Psychologen, von einer Wiederholung abzusehen, sei nicht entsprochen worden - mit der Folge, daß sich nach der zweiten Ausstrahlung abermals überdurchschnittlich viele Menschen das Leben nahmen. 

Ein Leitfaden für die Therapie Suizidgefährdeter sollt nach Prof. Warnke unter anderem beinhalten: "Das Ernstnehmen jeder suizidalen Handlung. Eine schnelle aktive Kontaktaufnahme. Das Durchsprechen der Suizidalität mit dem Betroffenen und diesen nicht alleine zu lassen mit seinen Problemen. Seine Eigenverantwortlichkeit betonen. Akzeptierende emotionale Zuwendung." Für Warnke ist der Suizid ein medizinisches Problem ersten Ranges. Doch Selbstmord gehöre offenbar zum Menschsein. Trotz des An- und Abschwellens der Todesraten durch Suizid gebe es scheinbar eine biologische Konstante, die nicht unterschritten werde. 
 
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Prof. Dr. G. Lehmkuhl (8. Oktober 1997)

Wirkfaktoren in der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen

Wie wirkt eine Behandlungsmethode, wie ist ihre Effizienz im Vergleich zu anderen Methoden einzuschätzen, für welche Kinder ist sie geeignet und wann sollte sie möglichst nicht angewandt werden? Mit diesen Fragen zur Anwendung und Entwicklung psychotherapeutischer Verfahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie setzte sich der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln, Prof. Gerd Lehmkuhl, auseinander. "Wirkfaktoren in der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen" hieß sein Vortrag zum Auftakt der Mittwochsreihe in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Göttingen. 

Lehmkuhls Beitrag machte deutlich, wie schwierig es ist, allgemeinverbindliche Aussagen zur Wirkung der verschiedenen Therapieformen zu machen. In der verfügbaren Literatur, so berichtete er, schneiden verhaltensorientierte Methoden insgesamt besser ab als tiefenpsychologische. Dies erklärte Lehmkuhl unter anderem mit den Unterschieden in der Arbeitsweise. Kürzer und daher besser überschaubar sei die Behandlungsdauer in der Verhaltenstherapie. "Man darf nicht nur nach Effektstärken sehen", plädierte der Vorsitzende des Alfred-Adler-Instituts in Aachen gegen die unreflektierte Übernahme dieser Bewertung. 

Abhängig von vielen Faktoren
Lehmkuhls Überblick über verschiedene Studien zeigte: Die meßbare Wirkung der verschiedenen Behandlungsmethoden hängt von vielen Faktoren ab. So habe sich bisher die Einzeltherapie bei Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren als weniger erfolgreich erwiesen als bei den älteren Jugendlichen; Mädchen ab 12 Jahren schnitten besser ab als ihre männlichen Altersgenossen.

Wichtig, weil oft abweichend vom Eindruck des behandelnden Arztes, nennt Lehmkuhl die Rückmeldung der Patienten. Ein überraschendes Beispiel gab er aus einer Gruppe von 20 Jugendlichen mit Magersucht (Anorexia nervosa): Sechs von den Patienten mit der schweren Eßstörung hätten angegeben, daß gerade die Essenreflektion in der Gruppe ihnen am meisten geholfen habe. 

Als generelles Fazit konnten die Hörer aus dem Vortragssaal mitnehmen, daß weiterer Forschungsbedarf besteht, um Ergebnisse aus der Wissenschaft besser für die Praxis nutzen zu können. Daß Psychotherapie grundsätzlich hilfreich ist, konnte der Kölner Professor anhand einer Studie zur Erwachsenenbehandlung zeigen. 

Substantielle Veränderungen
Bei der Feldstudie mit 7000 Erwachsenen (Seligmann, 1995), von denen 3000 nichtprofessionelle Hilfe, 2845 professionelle Unterstützung beansprucht hatten, fiel die Bewertung durchaus positiv aus: Psychotherapie bewirkte substantielle Veränderungen, professionelle Begleiter hätten besser geholfen, lange Therapien seien wirksamer als kurze, und auch ohne Psychopharmaka fühlten die Patienten sich besser. Eine vergleichbare Untersuchung für Kinder gibt es laut Lehmkuhl bisher leider nicht.
 
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Prof. Hermann van Engeland (18. Juni 1997)

Soziales Verhalten - "Noch viele Fragezeichen"

Vor einem Fachpublikum hat Prof. Hermann van Engeland aus Utrecht im Rahmen der Mittwochsreihe der Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen zum Thema "Untersuchungen zu biologischen Grundlagen des sozialen Verhaltens bei Kindern" gesprochen.
Van Engeland stellte neueste Erkenntnisse in der Forschung vor. Der holländische Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie leitet eine Klinik bei Utrecht, in der sieben bis 12jährige Kinder mit dissozialen Störungen behandelt und getestet werden: "Wir haben das aggressive Verhalten sozusagen ins Labor geholt."

Biologische Ursachen
Während noch in den 70er Jahren die Ursachen für das aggressive und unruhige Verhalten der Kinder ausschließlich im sozialen Umfeld und im familiären Bereich vermutet wurden, konzentriere sich die Forschung heute auf mögliche biologische Ursachen des als "Hyperkinetisches Syndrom" oder ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) bezeichneten Phänomens. Neueste Forschungen belegten, daß Stoffwechselstörungen im Gehirn der Kinder verantwortlich sind. Die medikamentöse Behandlung werde seit mehreren Jahren vorgenommen. Gerade die Früherkennung und rechtzeitige Behandlung sei wichtig, so van Engeland, denn viele Kinder mit ADS zeigten auch als Erwachsene dissoziales Verhalten, neigten zu Drogenabhängigkeit und Aggression.

Gestörtes Kontrollsystem
Die Kinder seien impulsiv, sie hätten ein gestörtes Kontrollsystem. Die Untersuchungen hätten ergeben, daß eine therapeutische Behandlung bei Kindern kaum anschlägt, die medikamentöse Therapie mit Methylphenidaten (in Deutschland das Medikament Ritalin) bei etwa zwei Drittel Erfolge zeige.
Daß es funktioniert, weiß man - aber wie, danach forschen Wissenschaftler in der ganzen Welt. Prolactin, Dopamin oder Testosterone - zuwenig oder zuviel - werden unter anderem als ursächlich untersucht. Aber: "Man muß vorsichtig sein mit Hypothesen, denn vieles ist noch völlig unklar", so van Engeland. Auch der Göttinger Professor Aribert Rothenberger betonte. "Fragezeichen gibt es noch genug." Klar aber sei: Zwar habe nicht alles neurobiologische Ursachen, aber man könne die Neurobiologie nicht mehr ignorieren.
 
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Prof. Helmut Remschmidt (17. Februar 1997)

Anorexia nervosa - Dauergefahr wie bei Alkoholiker

In der Mittwochsreihe der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat Prof. Helmut Remschmidt, Marburg, über "Untersuchungen zum Verlauf der Anorexia nervosa im Jugendalter" referiert.
Anorexia nervosa ist der medizinische Name für die Pubertäts-Magersucht, die vor allem bei Mädchen zwischen dem zehnten und 25. Lebensjahr auftritt und chronisch werden kann.
Von 100 Patienten, so Remschmidt, sind etwa 95 Mädchen, der Rest Jungen. Ihn habe nun die Frage interessiert, ob man aus dem Verlauf der Krankheit, den äußeren Umständen, der Therapie auf günstige oder ungünstige Prognosen schließen könne. Mit Hilfe zahlreicher Untersuchungen und statistischer Vergleiche kam er zu folgendem Ergebnis: Die Anorexia sei eine sehr schwere Erkrankung, die im Verhältnis 1:100 im Jugendalter auftrete. Sie sei gekennzeichnet durch viele Merkmale, vor allem durch massiven Gewichtsverlust. Remschmidt: "Wie bei einem Alkoholiker ist jeder ein Leben lang gefährdet, der einmal an dieser Eßstörung gelitten hat."
Die Untersuchungen seiner Gruppe hätten ergeben, daß ein entscheidendes Merkmal das Gewicht sei. Je niedriger das Gewicht der Patienten zu Beginn, desto schlechter die Prognose. Ziel der Therapie müsse es zudem in jedem Fall sein, das Gewicht anzuheben - "aber nicht zu schnell". Denn auch hier habe die Statistik gezeigt, daß ein schneller Anstieg nicht günstig für eine Heilung sei. Remschmidt: "Wir brauchen Zeit, wir können nicht in 14 Tagen heilen".
Als erwiesen könne auch die Tatsache betrachtet werden, daß es keine klassischen Familienverhältnisse gebe, in denen diese Krankheit auftrete. Zu beachten hätten die Therapeuten - der größte Teil der Zuhörer kam aus diesem Bereich - zudem vor allem den Zusammenhang zwischen dieser Eßstörung und Depressionen.
Remschmidt gab zu bedenken: "Die Patienten mögen alle gleich aussehen, sie haben alle ein niedriges Gewicht, aber jeder von ihnen hat ein ganz individuelles Problem." Vorgeschichten und Krankheitsverläufe seien sehr unterschiedlich.
 
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Prof. Martin H. Schmidt (14. Dezember 1996)

Psychiatrie/Längsschnittstudie: Bedeutung der Mutter

In der Mittwochsreihe des Zentrums für Psychologische Medizin hat Prof. Martin H. Schmidt, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Mannheim, zum Thema "8 + 17 = 25 - Was wir aus Längsschnittstudien über psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen lernen können" gesprochen. Solche Studien, die die Entwicklung von Menschen über mehrere Jahre hinweg verfolgen, seien bisher selten durchgeführt worden, böten aber eine Fülle neuer Erkenntnisse, sagte Prof. Aribert Rothenberger (Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen) in seiner Einführung.
Die Arbeitsgruppe von Schmidt betreut seit 17 Jahren mehr als vierhundert Patienten, die zu Beginn acht Jahre alt waren. Untersucht wurde die Entwicklung dissozialer und emotionaler Störungen, von anomal häufigen Wutanfällen über Depressionen bis zu krankhaft introvertiertem Verhalten. " Besonders interessant ist die unterschiedliche Stabilität psychischer Auffälligkeiten der damals Achtjährigen", erklärte Schmidt. Gerade bei Jungen manifestieren sich dissoziale Störungen häufig und ließen sich bei den Betroffenen auch im Alter von 25 Jahren noch feststellen. Bei Mädchen dagegen sei die Wahrscheinlichkeit hoch, daß die Auffälligkeit sich nach der Pubertät verliere. So ergebe sich eine höhere Behandlungsbedürftigkeit solcher Störungen im frühen Kindesalter für Jungen als für Mädchen. Bei introversiven Störungen verhalte es sich dagegen anders. Mädchen, die als Kleinkinder noch weitgehend unauffällig seien, zeigten zum Teil im Alter von 25 deutliche Symptome. Im Falle von Depressionen sei etwa ein Drittel aller Störungen im Kleinkindalter bis ins Erwachsenenalter stabil.

Risikofaktoren gemildert

 Unter anderem wurde auch die Mutter-Kind-Interaktion von der Arbeitsgruppe "unter die Lupe genommen". Hier ergab es sich, daß eine gute Mutter-Kind-Beziehung in den ersten beiden Lebensjahren bis ins Erwachsenenalter hinein positive Auswirkungen hat, so daß auch Kinder mit mehreren Risikofaktoren deutlich weniger psychische Auffälligkeiten zeigen. "Dieser Faktor hat sich als wichtiger herausgestellt, als wir ursprünglich postuliert hatten", räumt Schmidt ein.
Doch nicht nur für die Behandlungsbedürftigkeit und Therapieform gäben solche Längsschnittstudien Anregungen. " Es zeigt sich beispielsweise auch ganz deutlich, daß dissoziale Störungen, die im Kindesalter und in der Pubertät häufig auftauchen, frühestens im Alter von 18 Jahren überwunden sind", so Schmidt. Diese Erkenntnis, so meint er, sei auch bei rechtlichen Fragen beachtenswert.
 
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Prof. Heinz Häfner (11. Mai 1996)

Schizophrenie - Auf der Suche nach der Pathogenese
"Wir kommen mit der Therapie eigentlich immer zu spät"

Im Rahmen der Mittwochsreihe der Psychiatrie hat Prof. Heinz Häfner über das Thema "Schizophrenie: Auf der Suche nach der Pathogenese" gesprochen

Häfner war bis 1995 Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim und leitet dort, auch nach seiner Emeritierung, die von ihm gegründete Forschungsgruppe zum Thema Schizophrenie. Der von ihm geleitete Sonderforschungsbereich, so Häfner, bestehe seit 1987 und sei das wohl größte Projekt, das sich mit dieser Krankheit je beschäftigt habe.
Beschäftigt habe man sich in zahlreichen Studien vor allem mit der Frage von Geschlechtsunterschieden. So sei bekannt, daß das Erstaufnahmealter von Frauen und Männern sich deutlich unterscheide: Frauen werden im Durchschnitt drei bis vier Jahre später als Männer erstmals als Schizophrenie-Kranke erfaßt.

Östrogen-Einfluß bei Frauen
Die Verteilung des Ausbruchs über das gesamte Lebensalter habe gezeigt, daß bei den Männern das Maximum zwischen 20 und 25 Jahren liege, bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren und sie zudem auf der statistischen Kurve einen zweiten Anstieg im Alter von 45 bis 49 hätten. Da das Lebenszeitrisiko aber, statistisch betrachtet, für Männer und Frauen gleich sei, könne man wohl davon ausgehen, daß das Ausbruchsalter der Krankheit nicht mit den Geschlechtschromosomen verknüpft sei.
Es interessiere nun, so Häfner, was bei den Männern den Ausbruch der Schizophrenie im Vergleich zu Frauen so deutlich beschleunige. Klar sei, daß das Östrogen einen Einfluß habe bzw. Frauen durch Östrogen geschützt seien. Die Untersuchungen hätten auch gezeigt, daß die ersten Symptome der Schizophrenie-Erkrankung bereits fünf Jahre vor der Erstaufnahme der Erkrankten aufträten: "Wir kommen mit unserer Therapie eigentlich immer zu spät". Dies sei wichtig zu wissen, da ja die Erfolge einer Therapie bekanntlich umso besser seien, je früher man damit beginnen könne. 
Zudem sei inzwischen anhand der Untersuchung deutlich, daß Späterkrankungen bei Frauen häufiger seien als bei Männern - und zudem schwerer verliefen. Anhand zahlreicher Statistiken zeigte Häfner auf, daß neben der genetischen Disposition und dem Östrogenfaktor auch der Altersfaktor wichtig sei für den Krankheitverlauf und die sozialen Spätfolgen der an Schizophrenie Erkrankten. 
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Prof. Joest Martinius (12. Februar 1996)

Kinder brauchen Vorbilder

In der Vortragsreihe des Zentrums Psychologische Medizin hat Prof. Dr. Joest Martinius, Leiter des Institutes für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München, einen Vortrag gehalten: "Vorbilder in Bildern - was Kindern geboten wird und wie es wirkt".

Die Bedeutung von Vorbildern in der Erziehung sei viele Jahre vernachlässigt worden, sagte Martinius, der seinen Vortrag mit einer Fülle von Bildern, Karikaturen und Comics ergänzte. Aber heute wisse man, daß man vieles in der Erziehung nicht "an die Kinder heranreden" könne, man lebe es vor. Martinius: "Kinder brauchen Vorbilder und sie suchen sie in der Familie, der Schule, in den Medien, in der Literatur und anderswo."
Entwicklungspsychologisch gesehen handele es sich hierbei um ein "Modell-Lernen" über Imitation und Identifikation." Dabei würden Werte vermittelt, das sei das positive Modell. Als Beispiel führte er die belehrenden Bilderbücher des vergangenen Jahrhunderts an. Dann gebe es das negative Modell-Lernen, wie es etwa im Bilderbuch "Struwwelpeter" geschehe, dessen Autor übrigens Psychiater war - wo mit abschreckenden Beispielen gearbeitet werde.

Mehr Satire-Programme
Martinius betonte noch eine dritte Modellvariante, die der satirischen Umkehr. Hier würden Zustände durch Übertreibung kritisiert - um letztlich das Ideal durchscheinen zu lassen. Er erläuterte dieses Modell an Geschichten von Wilhelm Busch und Loriot ("Kinder für Anfänger"): "Eines ist klar, diese Modellwirkung muß nicht bewußt sein". In angeblich satirischen Figuren wie Dagobert Duck allerdings könne er eine solche Möglichkeit des Modell-Lernens nicht erkennen.
Inzwischen wisse man durch Studien, daß Kinder aus belasteten Familien eher bereit seien, falsche Vorbilder nachzuahmen: "Die es am wenigsten vertragen, müssen am meisten leiden und nehmen am meisten Schaden". Sein Appell ging an die Medien - deren Kinderprogramme ja gar nicht so schlecht seien - mehr mit satirisch-überzeichneten Figuren zu arbeiten, auf Kosten anderer Programme.
 
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