Georg-August-Universität Göttingen
Kinderwunschsprechstunde der Frauenklinik

Informationen für Paare mit wiederholten Fehlgeburten

Wiederholte Fehlgeburten werden als sehr belastend empfunden. Insbesondere leiden die betroffenen Frauen unter einem Gefühl des Versagens. Nicht selten wird bereits die an sich erhoffte Schwangerschaft von Beginn an mit Angst erlebt. Der/die betreuende Arzt/Ärztin sollte dieses Problem ansprechen und, falls er/sie sich selbst nicht in der Lage sieht ausreichende Hilfe zu leisten, die Patientin an psychosomatisch ausgebildete Kolleginnen oder Kollegen weiter leiten.
 
..
.Ängste der Patientinnen sollten angesprochen und abgebaut werden...

Die medizinisch notwendigen Maßnahmen nach wiederholten Spontanaborten richten sich zunächst nach dem Zeitpunkt des Auftretens der Aborte. Sind die Aborte nach der 14. - 16. Schwangerschaftswoche (SSW) aufgetreten, liegt manchmal eine Störung des Verschlussmechanismus der Gebärmutter (Zervixinsuffizienz) zugrunde. Derartige Störungen können z. B. auf vorausgegangene operative Eingriffe (Dehnungen des Gebärmutterhalses im Zusammenhang mit Kurettagen oder eine vorausgegangene Konisation) zurückzuführen sein. Zur Vermeidung einer erneuten Zervixinsuffizienz ist es dann u. U. sinnvoll, rechtzeitig eine Verschlussoperation durchzuführen. Am besten eignet sich der totale (blutige) Muttermundsverschluss in der 14. - 16. SSW.

In den meisten Fällen kommt es allerdings durch Infektionen des Muttermundes zur Zervixinsuffizienz und nicht selten auch zum Eröffnen der Fruchtblase. Die entscheidende Maßnahme ist daher die Vermeidung bzw. rechtzeitige Erkennung und Behandlung von Infektionen der Vagina und des Gebärmutterhalses. Durch regelmäßige Überprüfung des pH-Werts der Scheide (der pH-Wert sollte unter 4,5 liegen) können Infektionen frühzeitig erkannt werden. Die Anwendung von Scheidenzäpfchen zur Senkung des pH-Werts kann die Wahrscheinlichkeit von Infektionen deutlich senken.
 

...Spätaborte sind häufig auf unerkannte bzw. unzureichend behandelte Scheideninfektionen zurückzuführen...

Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Frühaborten wird mit etwa 12 - 15 % angegeben. ;mit zwei aufeinanderfolgenden Aborten wäre demnach mit einer Wahrscheinlichkeit von 1,4 - 2,2 % und mit drei aufeinanderfolgenden mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,17 - 0,3 % zu rechnen. Ab drei aufeinanderfolgenden Aborten spricht man von habituellen Aborten. Es handelt sich somit von der rechnerischen Wahrscheinlichkeit her um eher seltene Ereignisse. Die tatsächlich beobachtete Häufigkeit habitueller Aborte ist aber etwa doppelt so hoch. Aus dieser Beobachtung kann geschlossen werden, daß ein Teil der habituellen Aborte nicht rein zufällig bedingt ist, es handelt sich somit offenbar um ein eigenständiges Krankheitsbild.
 

...Frühaborte sind häufig durch Chromosomenstörungen verursacht...

Bei einem Großteil von Frühaborten (etwa der Hälfte) lassen sich durch zytogenetische Untersuchungen des Abortgewebes Chromosomenstörungen nachweisen. Diese Störungen können dann als Ursache des Aborts angesehen werden. Die Gründe für derartige Chromosomenanomalien sind nur teilweise zu klären, in relativ seltenen Fällen findet man auch bei einem der beiden Partner eine Chromosomenstörung. Es ist somit empfehlenswert, bei Paaren mit habituellen Aborten zunächst eine Chromosomenanalyse durchzuführen. Therapeutische Möglichkeiten ergeben sich daraus zwar nicht, dennoch ist die Untersuchung sinnvoll, weil das Ergebnis zur Klärung der Ursachen beiträgt und u. U. Hinweise auf empfehlenswerte Untersuchungen in einer Folgeschwangerschaft liefert..
Weitere Untersuchungen sollten der Abklärung von endokrinologischen und anatomischen Ursachen  dienen, d. h. es sollten eine gründliche gynäkologische und endokrinologische Untersuchung erfolgen. Zu den anatomischen Ursachen habitueller Aborte gehören Fehlbildungen der Gebärmutter und Myome. Bei den Hormonuntersuchungen sollte auch die Schilddrüse nicht vergessen werden.

Ein in neuerer Zeit zunehmend beachtetes Krankheitsbild ist das Antiphospholipidsyndrom. Bei den betroffenen Frauen findet man Antiphospholipidantikörper, häufig untersucht man nur die Anticardiolipinantikörper (ACA). Bei erhöht nachgewiesenen ACA sollte die Therapie in spezialisierten Zentren erfolgen.  Das Antiphospholipidsyndrom steht im engen Zusammenhang mit dem Gerinnungssystem. Bewährt haben sich daher Behandlungen mit Heparin, Aspirin und Immunglobulinen. Weitere Gerinnungsstörungen im Sinne einer erhöhten Thromboseneigung (Thrombophilie) werden ebenfalls für habituelle Aborte verantwortlich gemacht. Eine sorgfältige Abklärung schließt daher die entsprechenden Faktoren ein (Faktor-V-Leiden-Mutation, Prothrombin-Mutation, MTHFR-Mutation).

Primäre und sekundäre habituelle Aborte: Wenn es regelmäßig zu Frühaborten kommt, spricht man von primären habituellen Aborten. Kommt es jedoch nach einer ausgetragenen oder über die 16. SSW hinausgegangenen Schwangerschaft zu wiederholten Frühaborten, spricht man von sekundären habituellen Aborten.

Abortwahrscheinlichkeit und Alter der Schwangeren: Von wesentlicher Bedeutung für das Auftreten von Frühaborten ist das Alter der Schwangeren. Mit zunehmendem Alter steigt die Abortwahrscheinlichkeit. In einer neueren Untersuchung von Nybo Andersen und Mitarbeitern
(BMJ 2000) wurde dieser Zusammenhang sehr deutlich dokumentiert. Zu dieser Untersuchung wurden die Entlassungsdiagnosen aller dänischen Krankenhäuser ausgewertet und mit dem Geburtenregister verglichen. Das Ergebnis ist in der folgenden Abbildung dargestellt. Vom 35. zum 40. Lebensjahr steigt die Abortwahrscheinlichkeit von etwa 22% auf ca. 37%, bis zum 45. Lebensjahr sogar auf nahezu 62%. Für diesen Anstieg sind vermutlich vorwiegend die mit dem Alter zunehmenden chromosomalen Veränderungen der Eizellen verantwortlich, aus diesem Grunde sind deutliche Behandlungserfolge kaum zu erwarten.
 

Abhängigkeit der Fehlgeburtenrate vom Alter der Schwangeren. Die Korrektur berücksichtigt
spontan aufgetretene Fehlgeburten bei Schwangeren, die einen Schwangerschaftsabbruch geplant hatten (n. Nybo Andersen et al. BMJ 2000).
 

[Kinderwunsch Sprechstunde] [Mitarbeiter] [Allgemeine Informationen] [Spezielle Informationen] [Fehlgeburten] [Allgemeine Informationen] [Vorgehen bei habituellen Aborten] [Immuntherapie] [Forschungsgebiete] [Hormonsprechstunde]