Georg-August-Universität

Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe
Georg-August-Universität Göttingen
Direktor: Prof. Dr. G. Emons

Geschichte der Universitäts-Frauenklinik Göttingen

Die Anfänge der Geschichte unseres Fachgebietes sind wohl gleichzusetzen mit den ersten Versuchen einer Institutionalisierung von nichtakademischen Geburtskliniken, die 1630 am Hotel-Dieu in Paris sowie im Jahre 1689 im Heiligen-Geist-Spital in München unternommen wurden. Wenn auch seit Menschengedenken Geburtshilfe geübt und gelehrt wurde, so war zumindest im deutschen Sprachraum bis zur Einrichtung einer speziellen akademischen Geburtsklinik 1751 in Göttingen die Weitergabe entsprechender Kenntnisse Sache von Hebammenschulen. Ärzte wurden, wenn überhaupt, nur theoretisch in Vorlesungen über die „Ars obstetricandie" unterrichtet und waren traditionellerweise nur in den seltensten Fällen bei solchen Geburten anwesend, bei denen krasse Regelwidrigkeiten oder die Behandlung des intrauterinen Fruchttodes chirurgische Maßnahmen erfordern.

Auf Betreiben des Göttinger Professors für Anatomie, Chirurgie und Botanik Albrecht von Haller wurde Georg Roederer 1751 durch den englischen König und Kurfürst von Hannover Georg II. zum ersten Dozenten für Geburtshilfe und Professor „medicinae extraordinario" an der Georg-August-Universität zu Göttingen berufen. Nach seiner medizinischen Ausbildung in Leiden, Paris und London war er bis zu seiner Berufung als Schüler Johann Jakob Frieds in der 1728 gegründeten Hebammenschule im französischen Straßburg tätig und im Jahr zuvor mit einer geburtshilflichen Dissertation hervorgetreten. Die Verhältnisse unter denen er seine Arbeit in Göttingen aufnahm waren jedoch mehr als bescheiden.
Als erstes Accouchier-Hospital diente das Heilig-Kreuz-Hospital, ein altes baufälliges Armenhospital am Geismartor. Die ganze Klinik bestand aus zwei Zimmern, einem für die Kreißende und einem für den Hauswart und seine Frau, und war ganz der Ausbildung von Hebammen und Studenten vorbehalten. Dennoch sollten hier in den folgenden 12 Jahren seiner Amtszeit immerhin 232 Geburten stattfinden. Bereits 1753 erschien sein Lehrbuch „Elemanta artis obstetricae". Daneben publizierte er subtile Beschreibungen des normalen und regelwidrigen Geburtsmechanismus, welche Grundlagen klinisch-wissenschaftlicher Forschung werden sollten. Seine in mehrere Sprachen übersetzten Werke bildeten zusammen mit seinem klinisch-praktischen Wirken die Grundlage einer internationalen Reputation, welche u. a. in die Ernennung zum Mitglied der „Academie des chirurgiens" in Paris und zum Leibmedicus des englischen Königs mündeten. Während einer Reise in die französische Hauptstadt verstarb Roederer am 4. April 1763 im Alter von nur 37 Jahren.

Zu Roederers Nachfolger wurde sein Schüler Heinrich August Wrisberg (1753—1758) berufen, in dessen Amtszeit unter den gleichen beengten räumlichen Verhältnissen 576 Entbindungen stattfanden.


Der bereits von Roederer gehegte Wunsch nach einer neuen Geburtsklinik konnte jedoch erst im März 1791 unter Johann Heinrich Fischer (1785-1792) verwirklicht werden. Grundlage für die Planung dieses ersten Neubaus einer Universitätsgeburtsklinik in Deutschland (Accouchment-Hospital) war der unausgeführte Entwurf einer für das nahe Kassel geplanten Entbindungsantalt, den Fischer anläßlich eines Besuches bei dem bekannten Kasseler Geburtshelfer Wilhelm Stein zu sehen bekam. Er selbst wirkte jedoch nur kurz in dem neuen Gebäude und verließ Göttingen 1792 um Leibarzt des Fürsten zu Nassau-Weilberg zu werden.

Mit Friedrich Benjamin Osiander (1792-1822) übernahm ein praktischer Arzt den Lehrstuhl für Geburtshilfe und die Leitung des Acchouchier-Hospitals. Im Gegensatz zur konservativen, noch von Roederer mit großer Kenntnis und Einfühlungsvermögen praktizierten Geburtshilfe, machte sich Osiander durch den extrem häufigen Gebrauch geburtshilflich-vaginaler Operationen einen Namen und bildete so einen Gegenpol zur Wiener Schule unter Johann Luke Ober, der als klassischer Vertreter der abwartenden, natürlichen Geburtshilfe bekannt wurde. Hieraus entwickelte sich ein jahrzehntelanger, für das ganze Fach fruchtbarer Disput. Die von Osiander weit gefaßten Indikationsstellungen für die Entbindung mit der Zange führten zur Entwicklung eines eigenen Instrumentes in zwei verschiedenen Größen. Sie fanden ihre Entsprechung in einem Anteil von 40 % Zangengeburten sowie weiteren 6 % Geburten mittels anderer Kunstgriffe wie Hebel, Wendung usw. bei insgesamt ca. 80 Geburten pro Jahr in Göttingen. Lediglich 54 % aller Entbindungen an der Osianderschen Klinik verliefen spontan. Im Vergleich hierzu lag die Zangenfrequenz in der mit ca. 1000 Geburten pro Jahr ungleich größeren Wiener Klinik bei 0,05 %! Osiander, der stets mit wissenschaftlicher Aufrichtigkeit auch die durch seine Operationen zertrümmerten Kinderschädel demonstrierte, scheint jedoch gegen Ende seiner Amtszeit von seinem extremen Standpunkt abgekommen zu sein, wenn er dies auch niemals öffentlich bekundet hatte. Die Gynäkologie nahm im klinischen und akademischen Wirken Osianders, trotz des ersten Versuches einer Portioamputation bei einem Karzinom im Jahre 1801, der jedoch wie auch die folgenden aufgrund von Blutungen und Infektionen keine befriedigenden Ergebnisse erbringen konnte, einen nur geringen Raum ein. Osiander starb 1822 nach dreißigjähriger erfolgreicher Tätigkeit als weithin berühmter, jedoch auch umstrittener Geburtshelfer. Während seiner Amtszeit hatten in der neu errichteten Göttinger Geburtsklinik 2540 Entbindungen stattgefunden.

 

Nach seinem Tode übernahm vorübergehend sein Sohn Johann Friedrich die Leitung der Geburtsklinik, bis 1823 als neuer Direktor und Ordinarius Ludwig Caspar Julius Mende (1823-1832) berufen wurde, unter dessen Leitung die Klinik zeitgemäß ausgebaut wurde. Er befaßte sich wissenschaftlich und klinisch mit der in England besonders gepflegten künstlichen Frühgeburt bei einem engen Becken, dem Dammschutz, der Behandlung der Nachgeburtsblutungen und vielen anderen geburtshilflichen Fragen. Unter seinem Direktorat kam es bei insgesamt 1300 Entbindungen zu einem deutlich geringeren Anteil an Zangengeburten (4,6 %). Zu der heute wieder aktuell gewordenen Frage der günstigsten Gebärhaltung äußerte sich Mende stets dergestalt, daß es keine ausschließlich natürliche Lage gäbe und daß die Kreißende die für sie günstigste Gebärhaltung von selber einnähme, eine gerade in unserer Zeit wieder recht moderne Einschätzung. Durch Mende erfuhr in Göttingen auch erstmals die Frauenheilkunde eine ausgiebige Würdigung in Klinik und Wissenschaft. Die Retroflexio uteri, die Therapie des Gebärmutterkrebses wie auch des Descensus genitalis waren Gegenstand seiner Forschung. Unter Mende fand weiterhin neben der studentischen auch erstmals eine systematische Ausbildung von Hebammen statt.

 

1833 übernahm der einer alten Würzburger Gelehrtenfamilie entstammenden Eduard Caspar Jabob von Siebold (1833-1861) die Leitung der Klinik. Unter dem Eindruck des nach wie vor schwelenden Streites zwischen der Wiener und der Göttinger Schule unternahm von Siebold 1847 eine Reise nach Wien, um an Ort und Stelle die Grundsätze Boers zu studieren. Während dieses Aufenthaltes lernte er auch Ignaz Semmelweis kennen, dessen Anschauung über Genese und Prophylaxe des Puerperalfiebers er sich jedoch nicht anschließen konnte. Dagegen führte er die 1847 von Simpson in die Geburtshilfe inaugurierte Äthernarkose umgehend in die klinische Praxis ein und konnte so 1853 erstmals den Kaiserschnitt in allgemeiner Anästhesie durchführen. Unter seiner Leitung wurden schließlich auch die Frauenkrankheiten einbezogen, so daß die Geburtsklinik zur Frauenklinik avancierte. Aus den hier tätigen Geburtshelfern wurden Frauenärzte.

 

Unter seinem Nachfolger Jakob Heinrich Hermann Schwartz (1862-1888), einem Schüler von Gustav Michaelis in Kiel und Konrad Theodor Litzmann in Halle, fanden die Semmelweisschen Lehren auch in Göttingen Berücksichtigung in der Praxis der Geburtshilfe, ebenso wie 1870 die Einführung der infektionsverhütenden, antiseptischen Wundbehandlung, die die Entwicklung einer planmäßigen operativen Gynäkologie und Geburtshilfe ermöglichte. Unter diesen Voraussetzungen konnte sich in den folgenden Jahren die vordem oftmals infektionsbedingt tödliche Durchführung der Sectio caesarea zur geburtshilflichen Routinemethode wandeln. 1876 führte Schwartz die erste Ovariotomie unter aseptischen Kautelen durch, die den Grundstein einer sich in den folgenden Jahren steil aufwärts bewegenden operativen Gynäkologie in Göttingen bildete, und unter seinem Nachfolger

Max Runge (1888-1909) ihre erste Blüte erlebte. Runges wissenschaftliches Wirken umfaßte in der Folge Studien über die Herkunft des Fruchtwassers, über den Einfluß des Fiebers auf Mutter und Kind sowie die näheren Zusammenhänge zwischen Infektionskrankheiten und Fruchttod. Seine Lehrbücher der Geburtshilfe und Gynäkologie wie auch sein „Preußisches Hebammenlehrbuch" erlebten eine weite Verbreitung in zahlreichen Auflagen.
In seine Amtszeit fiel auch der zweite Umzug der Geburtsklinik aus dem im Laufe der Jahre zu klein gewordenen Accouchier-Hospital in einen Neubau im damaligen Kirchweg, der heutigen Humboldtallee.1896 erfolgte die feierliche Eröffnung der neuen Göttinger Frauenklinik.

 

Die Nachfolge Runges trat 1910 Philipp Jung (1910-1926) an, der zuvor der Erlanger Universitäts-Frauenklinik vorgestanden hatte. Auf ihn geht insbesondere die Schaffung einer Röntgentherapie-Abteilung zurück.

 

 

 

 

Es folgte 1918 Karl Reifferscheid (1918-1926), ein Schüler von Heinrich Fritsch aus Bonn, der die von Jung begonnenen Studien zum Gebrauch der Röntgenstrahlen fortsetzte. Sein zusammen mit Walter Stoeckel herausgegebenes Lehrbuch der Gynäkologie war ein allgemein anerkanntes Standardwerk.

 

 

 

 

Heinrich Martius (1926-1954), ein Schüler von Otto von Franque aus Bonn, wurde 1926 zum Direktor der Frauenklinik ernannt und führte die Klinik in den folgenden Jahren zu einer neuen Expansion. Er ist wohl einer der prominentesten Vertreter der Göttinger Gynäkologie und Geburtshilfe und auch heute noch über die Landesgrenze hinaus bekannt. Unter seiner Amtsführung überstieg die Zahl der Geburten bald 1000 pro Jahr, die Zahl der gynäkologischen Aufnahmen lag bei mehr als 500 pro Jahr. die radiologische und operative Behandlung gynäkologischer Karzinome, unter Reifferscheid noch ca. 50 Karzinome pro Jahr, stieg in den ersten Jahren unter Martius auf mehr als das Doppelte an. Ebenso wuchs die Zahl der in der Poliklinik vorgestellten Patientinnen zwischen 1926 und 1930 von 4500 auf 7000 pro Jahr. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage in den Anfängen seines Direktorates gelang es Martius noch in dieser Zeit einen Erweiterungsbau der Frauenklinik zu erwirken. Heinrich Martius, der sich intensiv in einer politisch schwierigen Zeit dem inneren Ausbau der Klinik widmete, war Autor zahlreicher, in vielen Sprachen übersetzter Operations- und Lehrbücher, die auch heute noch, von seinen Nachkommen fortgesetzt, weite Verbreitung finden. Seine Ernennung zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe 1951/52 spiegelte die Anerkennung wieder, die er als Wissenschaftler, akademischer Lehrer und Kliniker gefunden hat. Zu seinen bedeutendsten Schülern zählen Bickenbach, Schubert, Kepp und Massenbach. Es ist der große Verdienst von Heinrich Martius, die Klinik trotz schwierigster wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse während des dritten Reiches, des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit zu internationalem Ansehen gebracht und die Voraussetzungen für einen Neubeginn geschaffen zu haben.

 


Unter dem 1954 von seinem Ordinariat in Kiel nach Göttingen zum Kliniksleiter berufenen Heinz Kirchhoff (1954-1973) wurde der bereits zur Tradition gewordene Schwerpunkt der gynäkologischen Strahlentherapie durch die Schaffung einer eigenständigen Abteilung unter Rolf Frischkorn weiter ausgebaut und mündete 1974 in der erstmaligen Einrichtung eines Lehrstuhles für Gynäkologische Radiologie an der Universität Göttingen. Unter seiner Leitung kam es in der Folge auch zur Etablierung einer eigenen Abteilung für gynäkologische Endokrinologie. Durch diese Integration von Spezialdisziplinen förderte Kirchhoff die Erhaltung der Einheit des Faches, einen Grundgedanken, den er auch noch über seine Emeritierung hinaus stets vehement verteidigte. In diesem Sinne ist auch sein stets großes Interesse an den Grenzgebieten unseres Faches, wie kulturhistorischen und ethno-medizinischen Fragestellungen, zu erklären. Die von Kirchhoff geschaffene und weltweit einmalige Sammlung von Muttergottheiten und Fruchtbarkeitsymbolen verdient in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung. Sein wissenschaftliches Werk umfaßt den Einfluß naturgegebener Rhythmen und zirkadianer Schwankungen auf physiologische und pathophysiologische Prozesse ebenso wie die Weiterentwicklung der klassischen gynäkologischen Strahlentherapie. Von seinen geburtshilflichen Beiträgen gehören auch heute noch die Untersuchungen des sog. „Langen Becken" zum Grundwissen eines jeden Geburtshelfers. Es gelang ihm als erstem der Nachweis der Genitaltuberkulose durch Untersuchung des Menstrualblutes. Wesentliche Einsichten zur endokrinen Abhängigkeit von Entzündungen im kleinen Becken gehen auf seine Arbeiten zurück. Weiterhin beschäftigte er sich intensiv mit dem Problem der Frühgeburtlichkeit und erforschte gemeinsam mit seinem Schüler Jürgen Haller in einer ersten großen deutschen Untersuchungsreihe die Wirksamkeit und Indikationsstellung oraler Kontrazeptiva. Hohe Anerkennung wurde ihm in den Jahren 1968-1970 mit der Präsidentschaft der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zuteil.

Der Lehrstuhlinhaber und Direktor der Göttinger Universitäts-Frauenklinik bis 1998 Walther Kuhn (1930 - 2006) wurde als Schüler Josef Zanders im Jahre 1974 berufen. Unter sein Direktorat fiel 1988 der nunmehr dritte Umzug der Klinik aus den beinahe 100 Jahre alten Gebäuden der Humboldtallee in ein nur einige Jahre zuvor neu errichtetes Großklinikum mit 1800 Betten und beinahe allen klinischen Disziplinen. Die Integration der zahlreichen Subdisziplinen unseres Faches in die bestehenden Strukturen eines modernen Großklinikums unter weitestgehender Beibehaltung der fachlichen und menschlichen Strukturen dieser traditionsreichen Klinik stellten in den ersten Jahren große Herausforderung dar. Jedoch zeigen die in den letzten Jahren wieder stetig ansteigenden Geburtszahlen, daß auch die neu gestaltete Frauenklinik, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der engen Zusammenarbeit mit der Universitätskinderklinik wie auch den anderen Disziplinen ihren Platz im Göttinger Großklinikum gefunden hat.

Die Tradition der Universitäts-Frauenklinik Göttingen wird belegt durch eine mit 1450 Stücken beträchtliche, noch von Osiander begonnene und von seinen Nachfolgern weitergeführte Sammlung geburtshilflich gynäkologischer Instrumente, sie ist als Dauerausstellung im Göttinger Institut der Geschichte der Medizin zu besichtigen und gibt Zeugnis von der Geschichte der ältesten deutschen Geburtsklinik (Besichtigung Mo - Do 9 - 16 Uhr, Fr 9 - 13 Uhr, um telefonische Anmeldung wird unter Tel.: 0551-399007 od. -9005 gebeten).

Wesentliche Exponate dieser Sammlung wurden von Vandenhoek und Ruprecht, einem 1737 gegründeten Göttinger Verlagshaus, photographiert und in einem von W. Kuhn, U. Tröhler und A. Teichmann herausgegeben Bildband der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Verfasser: W. Kuhn, F. Dietrich, T. Cunze in Anlehnung an das Armamentarium obstetricium Gottingense

Fotografien: Fr. A. Wenschkewitz, Fotografin i.R. der Universitäts-Frauenklinik

Überarbeitung: 12/1998 B. Hinney

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