Passion und Profession.
Pionierinnen des Ökologischen Landbaus - eine Gender und Science-Studie

Hintergrund: Während Frauen in der praktischen Landwirtschaft zu den am besten erforschten Gruppen berufstätiger Frauen gehören, ist die Bedeutung von Frauen für die Fortschrittsgeschichte des Landbaus bislang unterbelichtet. Bis heute wird die Vorstellung aufrechterhalten, dass es sich bei der Wissenschaftsgeschichte der Landwirtschaft um eine Erfolgsgeschichte "Großer Männer" handelt. Dies gilt auch für alternative agrarische Wirtschaftsweisen, wie neuere Publikationen zur Geschichte des Ökologischen Landbaus zeigen. Dabei waren es zwei Publikationen von Frauen, die in den 1960er Jahren mit ihrer Kritik an der Umweltzerstörung durch industrialisierte Formen der Landwirtschaft die Öffentlichkeit aufrüttelten und der Ökologiebewegung entscheidende Impulse gaben (Carson 1962; Harrison 1964).Die Gründe für die fehlende Beachtung von Frauen in der Fortschrittsgeschichte der Landwirtschaft sind vielfältig. Zunächst ist ein prinzipielles Desinteresse der Agrarwissenschaften an wissenssoziologischen oder wissenschaftshistorischen Reflexionen zu nennen. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich die Agrarwissenschaften als ein kaum überschaubares Konglomerat verschiedenster natur-, wirtschafts-, technik- und sozialwissenschaftlicher Fächer darstellen und disziplinär nur schwer zuzuordnen sind. So sind die Agrarwissenschaften mit ihrer spezifischen Fachkultur und -geschichte bisher auch kaum in der feministischen Naturwissenschaftskritik zur Kenntnis genommen worden. Im Falle der Frauen im Ökologischen Landbau kommt als weiterer Grund ihr doppelter Außenseiterstatus hinzu: dass sie einerseits zur Entwicklung alternativer Wirtschaftsweisen, andererseits als Frauen in einer Männerdomäne forschen, lehren und praktizieren.
Forschungsziele: Das Forschungsprojekt untersucht die Beiträge von Frauen zur Fortschrittsgeschichte des Ökologischen Landbaus. Auf dem Hintergrund von Konzepten, Perspektiven und Fragestellungen der Gender and Science-Forschung werden Einzelbiographien und -leistungen recherchiert und sowohl in Bezug zur Entwicklung der Wissensbestände als auch zu Institutionalisierungs- und Professionalisierungsprozessen gesetzt. Im Anschluss daran werden ‚Kollektivbiographien' von drei Pionierinnenkohorten der drei Hauptrichtungen des Ökologischen Landbaus rekonstruiert.
Forschungsmethoden: Es werden Methoden der qualitativ-empirischen bzw. biographieorientierten Sozialforschung angewendet. Je nach Kohortenzugehörigkeit der Frauen werden Archivarbeiten oder episodische Interviews durchgeführt. Die Datenerfassung und -auswertung erfolgt EDV-gestützt mit den Methoden der Grounded Theory nach Glaser/Strauss.
Arbeitsgebiete: Rurale Frauen- und Geschlechterforschung, Feministische Wissenschaftsforschung, Soziologie des Ökologischen Landbaus, Agrar(wissenschafts)geschichte, Wissenschaftsforschung
Projektleitung: Prof. Dr. Heide Inhetveen
Weitere Forscherinnen: Dr. Mathilde Schmitt, Dr. Ira Spieker
Verwandte Forschungsprogramme: Pionierinnen des Landbaus
Finanzierende Institution: Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Hannover

Zeitplan::

Beginn: Frühjahr 2002
Voraussichtliches Ende: Herbst 2004
Veröffentlichungen:


Inhetveen, Heide/Schmitt, Mathilde (Hg.) (2000) Pionierinnen des Landbaus. Uetersen: Heydorn.

Heide Inhetveen/Mathilde Schmitt/Ira Spieker (2002): Wegbereiterinnen und Wegbegleiterinnen. Frauen im Ökologischen Landbau. In: Lebendige Erde (6), S. 12-16.

Inhetveen, Heide/Schmitt, Mathilde/Spieker, Ira (2002) Die Gärten der Frauen. Biodiversität aus Sicht der ruralen Geschlechterforschung. In: Georgia Augusta 1, S. 73-78

Heide Inhetveen/Mathilde Schmitt/Ira Spieker (2003): Pionierinnen des Ökologischen Landbaus. Herausforderungen für Geschichte und Wissenschaft. In: Bernhard Freyer (Hg.): Ökologischer Landbau der Zukunft. Beiträge zur 7. Wissenschaftstagung zum Ökologischen Landbau. Wien, S. 427-430.

Schmitt, Mathilde/Inhetveen, Heide/ Spieker, Ira (2003) Agrarpionierinnen. Herausforderungen für die Wissenschaftsentwicklung des Ökologischen Landbaus. In: Ursula Paravicini, Maren Zempel-Gino (Hg.): Wissenschaftliche Kolloquien 1999 - 2002. Niedersächsischer Forschungsverbund für Frauen-/Geschlechterforschung in Naturwissenschaften, Technik und Medizin. Hannover: NFFG, 2003. (Wissenschaftliche Reihe NFFG; Bd. 2) S. 167-180

Inhetveen, Heide/Schmitt, Mathilde/Spieker, Ira (2003) Women Pioneers in the Field of Organic Agriculture. Challenges for History and Science, Göttingen [http://www.ruralhistory.at, 27.8.2003]

Spieker, Ira (2004) Erfühlen - Beobachten - Erkennen. Mina Hofstetter: Aneignung und Vermittlung von Wissen in der Frühphase des biologischen Landbaus. In: Ursula Paravicini, Maren Zempel-Gino (Hg.) Niedersächsischer Forschungsverbund für Frauen-/Geschlechterforschung in Naturwissenschaften, Technik und Medizin. Hannover: NFFG (Wissenschaftliche Reihe NFFG; Bd. 4) S. 141-159

Heide Inhetveen/Ira Spieker/Mathilde Schmitt/Ursula Schlude: Hat Agrarwissen ein Geschlecht? Göttinger Studien zur Agrarwissenschaftsgeschichte aus einer Gender and Science-Perspektive. In: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 52 (2004) 2, S. 98-103.

Heide Inhetveen/Mathilde Schmitt/Ira Spieker: Loheland ­ eine lebensreformerische Fraueninitiative und ökologische Forschungsstätte. In: Jürgen Heß u. Gerold Rahmann (Hg.): Ende der Nische. Beitrag zur 8. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau. Kassel 2005, S. 427-428. (Posterbeitrag).

Last updated: Mai 11, 2005