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Der neue Pygmalion

Novelle

Der Baron Werner saß nachdenkend am Theetisch, seiner Tante Cordula gegenüber. Das Gespräch mußte wichtige Dinge betreffen; denn auf den Wangen der alten Dame lag eine hohe Röthe, auch goß sie in der Zerstreuung Arrak statt der Milch in ihre Tasse. Da die Reden bejahrter Frauenzimmer so bald nicht enden, kann es uns vielleicht gelingen, noch etwas von ihren Worten zu hören. Welcher Eigensinn, lieber Vetter! rief sie. Warum willst du nicht wenigstens den Versuch machen, Fräulein Lucianen kennen zu lernen? Der Vater ist dein Nachbar, die Tochter hat den Ruf des klügsten und sittsamsten Mädchens; es gäbe eine Partie, welche man nicht schöner wünschen könnte. Wie lange wirst du noch einsam unter deinen Ahnenbildern umhergehn? Du stehst in den Dreißigen; es ist die höchste Zeit, dich zu vermählen; das habe ich dir oft gesagt, und sage es auch heute. Du verlässest dich auf mich, weil du mich noch hast; weil du jetzt Ordnung in deinem Hause siehst, denkt dein Leichtsinn nicht weiter. Vetter, ich bin alt, und meine Flüsse im Haupte werden mir einmal unversehens ein Ende machen. Dann stehst du allein, und wirst es zu deinem Schaden merken. Ach, gönne mir doch die Freude, die Hälfte der Wirthschaftssorgen noch bei meinen Lebzeiten auf jüngere Schultern legen zu dürfen, damit ich, wenn ich sterbe, sicher seyn kann, daß dein Vermögen ordentlich zusammengehalten wird. Denn ohne Frauen sind alle Männer schlechte Wirthe, wo nicht gar Verschwender. Nicht wahr, wir fahren morgen zum Nachbar?

Ich werde für Sie anspannen lassen, versetzte der Baron; mich wollen Sie gütigst entschuldigen, ich bleibe zu Hause.

Und warum? warum, du Starrkopf? fragte ganz eifrig die Tante.

Mir sind solche absichtliche Freierritte, wie der Tod, zuwider, antwortete der Baron, und ich fühle mich um so weniger zu einem Besuche bei dem Nachbar aufgelegt, da ich versichern kann, daß ich zu seiner Tochter nie die mindeste Neigung fassen werde.

Die Neigung findet sich, sprach Cordula; ich möchte wissen, was du an Lucianen auszusetzen hast?

Gar Nichts, erwiederte lächelnd der Neffe, wenn ich ihr ein Conduiten=Attest schreiben, und Alles, wenn ich sie zu meiner Frau nehmen soll. Liebe Tante, sie hat viel gelernt: sie musizirt, zeichnet, tanzt sehr gut, und wird gewiß nie von dem Gleise der Tugend weichen. Es ist nur Schade, daß sich alle ihre Eigenschaften beschreiben lassen, und daß ihr die Natur den kleinen Rückhalt von Unbeschreiblichkeit versagt hat, welcher Männer und Frauen erst zu anziehenden Erscheinungen macht. Der Mensch soll nicht seyn, wie eine schlechtverhüllte Charade, deren Auflöung im nächsten Stücke erfolgt, sondern wie ein ewiges und unergründliches Räthsel. Sie müssen es meiner Bizarrerie zu Gute halten, daß ein so vollkommenes Frauenzimmer, wie Luciane, dem Ideal nicht entspricht, welches ich mir von der Weiblichkeit gebildet habe, und welchem ich, wenn nicht hienieden, doch jenseits zu begegnen denke.

Mit eurem Ideale! fuhr die Tante heraus. Das Wort gehört zu den verderblichsten, die je erfunden worden sind. Ihr macht einem selbstgeschaffenen Luftbilde den Hof, legt ihm ein ganzes Register von Vollkommenheiten bei, steigert eure Ansprüche weit über euer Verdienst, und könnt natürlich in einem braven Mädchen von Fleisch und Blut, welches euch das gute Glück in den Weg führt, das sogenannte Ideal nicht erblicken.

Sie werden mir wohl erlauben, beste Tante, sagte der Baron, daß ich hierin meinen Gefühlen folge.

O ja! rief sie, nun im Ernst böse, und ich wünsche dir, daß du dich noch in eine Landdirne verlieben, und von ihr einen Korb bekommen magst! Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer.

Der Gescholtne lächelte über den Zorn der guten Frau, die ihn herzlich lieb hatte. Welche Mühe sie sich giebt, mich zu verkuppeln! sprach er. Ist das denn so nothwendig? Er stand auf, und machte einen Gang durch das Zimmer; denn sein Gemüth war doch erregt worden von dem Gespräche, welches ihn näher berührt hatte, als er zugeben wollte. Die Strahlen der Abendsonne fielen herein und beleuchteten die Portraits seiner Aeltern, die neben einander an der Wand hingen. Ihm selber unerklärlich war es, wie ihn der verehrten Bilder Anblick grade jetzt so tief rühren mußte. Der Vater schaute aus der alterthümlichen Uniform ernst und tapfer, die Mutter blickte unter ihrem Spitzenhäubchen ruhig und sanft, und man sah, daß die beiden Personen zusammengehört hatten. Welch eine Fülle von Glück haben sie mit einander genossen! dachte Werner; und eine Thräne der Wehmuth trat in sein Auge. Ihm däuchte, als riefen sie ihm zu: Gaben wir dir das Daseyn, damit du es müßig und einzeln verträumen solltest? Schaue uns an, und folge unserm Beispiele. - Er trat an das Fenster, und sah in die herrliche, vom Abendroth verklärte Landschaft. Sein Blick fiel in den Schloßgarten unter dem Fenster, schweifte dann hinüber zu dem prächtigen Rhein, der den Garten bespülte, zu den grünen Rebenhügeln am jenseitigen Ufer, und den Gebirgen, die sich über ihnen in blauen Umrissen erhoben. So weit er Gegenstände unterscheiden konnte, reichte sein Eigenthum. Diese Kornfelder, diese Weinberge, diese Forsten sind mein - rief er aus - und ich bin Niemandes! In meiner Jugend reiste ich durch fremde Länder; nun bin ich zu Hause, wie in der Fremde. Wenn ich einen Ritt gemacht habe, und zurückkomme, wenn ich meine Saatregister nachgesehen, meine Bauten revidirt habe; es ist Alles eins und dasselbe. Ich häufe Geld auf Geld; es macht mir keine Freude. Sterbe ich, so weiß nur der Kastellan von mir zu sagen, der Reisenden die Familiengruft zeigt. Bei Gott, solch ein Leben ist ganz leer und elend, und ich muß es aufgeben über kurz oder lang!

In diesen Betrachtungen störte ihn ein kurze, aschgrau gekleidete Figur, die zur Thür herein sprang. Es war der Maler Sterzing, ein alter Bekannter des Barons, der seit einigen Wochen sich auf seinem Gute verweilte, um Prospecte nach der Natur zu zeichnen. Thee! rief der possirliche Mann - um aller Götter willen, Thee! Ich bin so dürr im Halse, wie ein trockner Pinsel. Süperbe Gegenden, aber wahre Todtmacher für meine krummen Beine! Das verdammte Bergklettern!

Wo seid Ihr gewesen? fragte der Baron.

Erst im Thale, um die Felsen zu copiren, versetzte Jener, dann am Waldbrunnen bei dem Försterhause, wo ich höchst wunderbarer und glücklicher Weise die vollkommenste Staffage zu meiner heroischen Landschaft fand.

Lieber Sterzing, sagte der Baron, ich wollte, Ihr ließet diese leidige Mittelgattung fahren, und ergäbet Euch entweder der reinen Landschaft oder der reinen Historie. Ihr seid ein wackrer, denkender Künstler; aber bei Euren Lieblingscompositionen weiß man in der That nicht, worauf man blicken soll, auf die Bäume, oder auf die Nymphen, die unter ihnen scherzen, auf die Felsen, oder auf den todten Adonis, der am Fuße ihrer Wände von der Göttin beweint wird? In jedem Kunstwerk muß etwas die Hauptsache und etwas die Nebensache seyn, sonst entsteht bei allem Verdienste nur Verworrenheit.

Der Maler lächelte während dieser Rede seinen Wirth mitleidig an, wie Einer, der sich seiner Ueberlegenheit bewußt ist, und sprach ganz ruhig: Ihr habt Eure Meinung, und ich meinen Pinsel. Sprecht Ihr, - ich male. Euch schüttelt auch das allgemeine Fieber, von der Kunst zu schwatzen, mein lieber Baron. Sie reden in unser Metier mächtig hinein; aber ein braver Knabe kehrt sich nicht daran.

Werner wollte das Gespräch nicht weiter führen, und fing an in des Malers Mappe zu blättern. Er sah mit Vergnügen die Umrisse mehrerer, ihm lieb gewordnen Plätze von sichrer Hand aufgenommen. Sterzing war ein talentvoller Mensch, und hätte weit mehr leisten können, wenn nicht eine gewisse willkürliche Laune sein productives Vermögen oft gestört hätte. Der Humor, welcher schon in der Poesie die gefährlichste Beimischung ist, aber ganz unerträglich wird, wenn er in den Werken der bildenden Kunst sich ruhigen, ernsten Stoffen anheftet, verleitete ihn zu manchen Abenteuerlichkeiten. Er that sich nicht wenig darauf zu Gute, in eine sehr liebliche Landschaft Galgen und Rad, grell beleuchtet, gepflanzt zu haben, um durch diese sonderbare Zusammenstellung den Contrast zwischen der Anmuth der Natur und der menschlichen Verruchtheit anzudeuten. Das Gemälde aber, welches die Flucht der Daphne vorstellte, und, um die Schnelligkeit derselben zu bezeichnen, am linken Rande nur noch das aufgehobene Bein der Nymphe sehen ließ, war seine ganze Seligkeit, und er versicherte im vollen Ernst, dieses Stück werde ihn der Unsterblichkeit überliefern. Fragte man ihn, wo Apoll stecke? der nirgends zu sehn war - so antwortete er: daß dieser Gott noch weit zurück sey. Auch seinen bessern Bildern begegnete das Unglück, daß sie der Erklärung bedurften. Vielleicht wäre er für kleine geistreiche Skizzen zur Verzierung von Büchern sehr brauchbar gewesen; aber er hatte gegen diese Art, womit seine dürftigen Jugendjahre sich beschäftiget, einen entschiedenen Haß, und leidenschaftliche Neigung zu großen selbstständigen Werken. Solche Talente, wie seines, sprechen die Zeit rascher an, als ein einfaches, bewußtloses Genie, und unser Maler hatte sich daher über seine Glücksumstände nicht zu beklagen.

Der Baron rief plötzlich, indem er ein Blatt zur Hand nahm: Was ist das? Wer hat Euch diese Idee eingegeben? In der That bot die Zeichnung ihm das sonderbarste Gemisch von Phantasie und Wirklichkeit dar. Die Landschaft erkannte er wieder; es war ein heimliches Waldplätzchen neben der Wohnung seines alten Försters Konrad. Unter einer Eiche saß eine Figur, welche die größte Aehnlichkeit mit des Försters Tochter Emilie hatte, spinnend, in sich gekehrt, und mit dem allerliebsten Zuge des Trotzes auf dem Gesichtchen, welcher ihn schon oft an diesem Kinde ergötzt hatte. Um ihr Haupt war der Heiligenschein angegeben, und über ihr gaukelte in wolkigen Umrissen eine zarte Engelgruppe. Ganz links in der Entfernung stand eine männliche Gestalt, im weiten Mantel, mit dem Antlitz des Barons. Sie schien sich der Jungfrau nähern zu wollen, aber von ahnungsvoller Ehrfurcht an ihren Platz gefesselt zu seyn. Auch ihrem Haupte fehlte der Zirkel nicht.

Sterzing weidete sich an dem Erstaunen seines Wirthes, und zögerte mit der Antwort. Jener fuhr fort: Ich muß gestehn, daß diese Skizze einen tiefern Eindruck auf mich macht, als was ich bis jetzt von euch gesehen habe, und wenn ihr nicht meinem Conterfei einen Zug von Albernheit gegeben hättet, so würde jener Eindruck ganz vollkommen seyn. Aber redet, woraus entsprang die hieroglyphische Conception? In der Landschaft sind Correcturen; wie seid ihr dazu gekommen? Ihr nehmt doch sonst jede Partie, ohne zu irren, auf. Hört die Geschichte, antwortete der Maler. Aber erst sagt mir: wofür haltet ihr diese Figuren? - Der Baron meinte, daß sie wahrscheinlich Maria und Joseph bedeuten sollten, worauf der Andre sagte: Ihr habt es getroffen. Es ist der Moment vor der Verkündigung. Maria ist in der Sommerhitze hinaus gegangen, und treibt ein weibliches Geschäft; der Himmel schenkt ihr den Heiligenschein pränumerando, kleine Engelchen schweben höflich über der zukünftigen Mutter des Herrn, eine kräftige Beleuchtung wird sie auf das Schönste heraussetzen; der ätherische Bote mag erscheinen, wann er will, es ist Alles zu seinem Empfange bereit, und dieses liebe trotzige Mädchen wird nicht anstehn, ihn etwas schnippisch zu fragen: Wie soll das zugehn? Joseph, der seiner Braut in ihre Einsamkeit gefolgt war, merkt plötzlich, da er sie vom Weiten unter dem Baum sitzen sieht, daß er nicht recht zu der Jungfrau passe, bleibt aus Respect, wo er ist, und muß, wie jeder ehrliche Bräutigam in ähnlicher Lage, etwas verlegen, oder wenn Ihr wollt, einfältig aussehn.

Ihr seyd und bleibt ein Parodist, rief der Baron, aber wie kommt Ihr zu dieser Portraitierung von Landschaft und Figuren?

Ich hatte lang im Sinn, ein solches Bild zu machen, sagte Sterzing. Die Landschaft war zusammenphantasiert, und auf das Papier geworfen; mit der Staffage haperte es, mein Gehirn wollte nicht in die Wochen kommen. Zufällig trage ich das Blatt heute bei mir, als ich umhersteige. Ich dringe durch den Thalweg zu der Stelle, die Ihr kennt, und sehe auf einmal das ganze Gemälde, wie ich es wünsche, vor mir. Das Försterhäuschen, die Eichen, der Brunnen - fast so, wie meine Phantasie, die mit wenigen Strichen in eine Copie umzusetzen war. Unter der größten Eiche ein Kind, wie ich mir die Jungfrau denke, die sich bei der Geburt ihres ersten Sohnes so resolut benahm. Ich hätte beinahe vor Freude geschrieen bei diesem Anblick, bezwang mich aber, holte still den Bleistift hervor, und im Umsehn war das Ding fertig.

Aber Joseph?

Ihn mußte ich dazu haben, wegen des Contrastes. Ich weiß nicht, woher es kam, daß mir kein anderer Mann einfiel, als Ihr, und so erlangtet Ihr den Heiligenschein.

Sterzing packte seine Sachen zusammen, und trug sie fort. Unser Freund war wieder allein, und in der seltsamsten Stimmung. Die Gestalt des Mädchens unter der Eiche wich nicht aus seinem Geiste, und er erinnerte sich mit einem träumerischen Behagen, wie ihm das Urbild, wenn er in der Nähe des Försterhauses spazieren ging oder ritt, oft aus einem dunkeln Seitenwege unerwartet entgegengetreten war, ihn dreist und unbefangen grüßend. Er wurde zum Abendessen gerufen, und war bei der Tafel zerstreuter, als gewöhnlich. Nur mit halbem Ohr hörte er auf die Possen Sterzings, die ihn sonst zu ergötzen pflegten. Dieser hatte durch verschiedene geheimnißvolle Reden der Tante Cordula eingebildet, daß er aus irgend einer illegitimen Verbindung irgend eines Fürsten entsprossen sey, und die brave Frau, welche, bei aller Herzensgüte, doch gar gern unter Stammbäumen spazieren ging, sah freilich den Maler seit dieser Entdeckung mit andern Augen an, schmückte seinen Namen mit dem bedeutenden: von, hielt den vertraulichen Ton zwischen ihrem Neffen und ihm für nicht so anstößig mehr, als früherhin, und tröstete ihn, wenn er über die Dunkelheit seines Schicksals klagte, mit der Zeit, die oft verborgne Größe an das Licht gebracht habe.

Bemerken Sie nur unsern Eremiten, meine Gnädigste, sagte er, als er merkte, daß seine gewöhnlichen Scherze nicht verfingen. Obgleich in schätzbarer Gesellschaft, befindet er sich doch, wie ich sehe, ganz mit sich allein, höchstens von einigen melancholischen Gedanken umgeben. Ach ja, das Unglück der Zeiten ist schwer, und drückt auch kräftige Seelen. Was kann illegitimen Prinzen das Bewußtseyn ihrer erhabnen Geburt helfen? Sie gehen an ihrem Incognito zu Grunde, und die Legitimation geschieht vielleicht jenseits nicht einmal.

Er sah die Tante bei diesen Worten bedeutend an, und leerte ein großes Glas Wein aus, als wollte er seine Wehmuth hinter diesem Trunke verstecken.

Die Tante Cordula sprach: Schon das Gefühl einer würdigen Herkunft ist unbezahlbar, werde Letztre von der Welt auch nicht erkannt; die Gleichgestimmten finden sie heraus, und wissen sie zu achten.

O meine Verehrliche, rief Sterzing, indem er der Dame die Hand küßte, solche Gefühle beglücken unendlich in der Nacht eines schweren Verhängnisses. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen aus der Stadt den neuen Hof= und Staatskalender senden darf?

Er wird mir ein werthes Angedenken seyn, erwiederte die Tante, und nahm ernsthaft eine Prise Spaniol, worauf sie die Tabatiere dem Maler darbot, der mit gleichem Ernst aus ihr sich bediente.

Der Baron war aufmerksamer geworden, und suchte dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, weil ihn diese Mystificationen peinigten. Es ist doch ein sonderbarer Zufall - rief er mit einiger Befangenheit - der ihre heutige Zeichnung schuf!

Darum verzage kein Junggesell - erwiederte der Spötter, der aus den Persönlichkeiten sich nicht loswinden konnte - wenn er nicht gleich eine Staffage für seine Landschaft finden kann. Ich hatte auch die Bäume und Gräser eher, als die Figuren, und es giebt ihrer, die haben Korn und Dorn, Rind und Gesind, den herrlichsten Prospect von der Welt, nur das charmante Figürchen, welches das Ganze erst beleben muß, fehlt ihnen. Gott gebe allen Solchen baldige Staffage! Stoßen wir darauf an!

Die Gläser klangen, Sterzing verkündigte seinen Entschluß, morgen abzureisen. - Ich muß wieder akademische Luft athmen und mit Zunftgenossen plaudern, sagte er. Sie sollen die Zeichnung haben von Joseph und Maria, Baron, sobald das Gemälde fertig ist. Würde wir vornehmen Personen (ich verstehe hierunter auch Prinzen von gewisser Art) nicht von Standesbegriffen eingezwängt, so würde ich dem Sanct Joseph rathen, ungenirt an die Jungfrau Maria heranzutreten, denn sie ist, bei allen Heiligen, ein Zuckerpüppchen.

Die Tante, welche den Sinn dieser Worte zwar nicht faßte, aber dennoch Alles, was geredet wurde, auf ihre Ideen bezog, sagte: Sie heißt nicht Maria, sondern Luciane, Herr von Sterzing. Nein, sie heißt Emilie! fuhr Werner heraus. Wie? fragte die Tante und der Maler. Ich meine des Försters Tochter, antwortete der Baron verlegen. Die Tante murmelte: Was will er mit der Försterstochter sagen? und ging zu Bette. Der Maler lachte und rief: hier ist eine babylonische Sprachverwirrung. Gute Nacht, ich wandre morgen ganz in der Frühe. Ihr seyd die bravste freiherrliche Seele unter Gottes Himmel. Schafft euch Staffage an, ich male euch dann gratis als nobeln Gatten und Vater.

In der Einsamkeit der Nacht reifte in dem Baron ein unerwarteter Entschluß. Sein Charakter war von Natur selbstständig, und ein mehrjähriger Aufenthalt in England hatte ihm eine gewisse Neigung zum Sonderbaren gegeben, weshalb ihn seine Freunde wohl im Scherz Mylord zu nennen pflegten. Kein Mensch war unbefangner, als er, wenn es Kastenbegriffe galt, und befangner, wenn es eigne vorgefaßte Ideen betraf. Das ganze Gefühl seiner Verlassenheit kam in dieser Nacht, die er wandernd und sinnend zubrachte, über ihn, und das ganze Bewußtseyn, welchen Himmel grade er an dem Busen einer Genossin zu finden im Stande sey. So will ich denn, rief er aus, nicht länger zaghaft vor dem Paradiese stehn, welches mir winkt. Was kostet es mehr, als einen raschen Schritt, und das höchste Glück ist mein, welches diese Erde mir bieten kann. Wo ich bis jetzt suchte, konnte ich nicht finden; das Verderbniß des Geschlechts ist zu groß, die Verbildung zu ungeheuer, als daß ein empfindender Mann auf dem Markte, wo die schöne Waare feil steht, seinen Kauf zu machen, im Stande ist. Nein, ich wähle mir den reinen unentweihten Stoff; die zärtlichste Sorge; die liebevollste Aufmerksamkeit soll daraus die Schöpferin meiner Zufriedenheit mir erziehn. So erkieset sich der Künstler den schneeweißen Marmor, und formt daraus das Bild, welches nachher der Gegenstand seiner eignen Anbetung wird. Glücklicher Mann, dem es gelingt, in seiner Geliebten sein Werk zu schaun; welche Tage werden ihm mit dem dankbaren Geschöpfe seiner Wahl verfließen!

Er sprach es nicht aus, aber er nahm im Stillen sich vor, daß Emilie der Zögling dieser erotischen Pädagogik werden solle. Flüchtige Jugendneigungen abgerechnet, hatte er noch nie geliebt; was Wunder, daß er jetzt in der Vorahnung einer vollkommenen Wonne schwelgte, und gar keine Schranken sich zu setzen wußte. Die Sonne ging auf, nichts sollte verzögert werden, es mußte gleich ein Schritt geschehn.

Er ließ satteln, und stieg froh, wie ein Mann, der einen großen Gedanken gefaßt hat, zu Pferde. Er hatte alles in sich zurecht gelegt, wie er den Vater bewegen, die Tante zu seinen Zwecken führen wollte. Der Braune trug ihn längst dem mächtigen Strome rasch dem Försterhause zu. Ueber dem Wasserspiegel wallte ein leichter Nebel; es war ihm, als sehe er darin die luftigen Gestalten der Nixen, als höre er sie Brautlieder singen. Der Weg führte über Felder, Wiesen, durch Feld und Gestein, an mancher lieblichen Stelle vorbei. Unser Freund bezeichnete im Gedanken schon die Plätze, wo dereinst Ruhebänke für Emilien angebracht werden sollten. - Wie glücklich können wir Vornehmen seyn - rief er aus - wenn wir nicht an Erbärmlichkeiten kleben! Vieles hängt von uns ab; wir stehn freier da, als der Bürger. Ich entscheide mich in einer muthigen Stunde für das Landmädchen, und mit diesem Entschluß ist eine Welt von Unannehmlichkeiten unter meine Füße geworfen. Wählte ich ein hochgebornes Fräulein, wie würde ich da mich zwingen, mich bestimmen lassen müssen, statt daß ich jetzt, frei wie ein Gott, mein Loos selbst bedinge und bestimme.

Das Försterhaus lag vor ihm. Im Garten ging Emilie umher, und begoß Blumen. Sie hörte den Hufschlag des Pferdes, und wandte das offne, kecke Gesichtchen nach ihm. Mit einem Sprunge war sie außen und begrüßte den Baron, wie er’s von ihr gewohnt war, ohne die mindeste Schüchternheit. Er fragte sie nach ihrem Vater: sie versetzte, daß er im Hause sey, und erbot sich, ihm das Pferd zu halten, bis er sein Geschäft mit dem Alten abgemacht habe. Der Baron äußerte Furcht, daß sie von dem Thiere beschädigt werden möchte: Sie erwiederte: Es ist doch nicht anders zu helfen, die Leute sind alle über Feld; geben Sie mir nur den Braunen, er thut mir nichts, man muß ihn nicht zerren, er ist ganz sanft, wenn man ihn ruhig umherführt. In diesem Augenblicke war es Wernern, als könne dem Mädchen keine Gefahr etwas anhaben. Er stieg ab, gab ihr das Pferd; sie nahm es ruhig an, und der kleine Reitknecht führte es gar verständig im Kreise umher.

Der alte Konrad wunderte sich sehr über den frühen Besuch. Ich komme, Euch etwas mitzunehmen, rief der Baron. Das ist man von Ihnen nicht gewohnt, antwortete der Förster; Sie geben eher. Was ist’s denn? Eure Tochter! antwortete der verkappte Freyer. Halt, gnädiger Herr! rief der Alte, indem er vom Sessel auffuhr - daraus wird nichts, nehmen Sie mir’s nicht übel. Der Baron sagte nun mit so viel Fassung, als seine Verstellung ihm erlaubte, das einstudierte Mährchen her. Er müsse für seine Tante, für die Gemahlin, die er denn doch in der Zukunft ein Mal heimführen werde, die Gesellschafterin und Gehülfin haben. Das Kind lasse sich so gut und brav an, daß er keine bessere Wahl in dieser Hinsicht treffen könne, sie solle, wenn der Vater nichts dawider habe, noch in diesen Tagen auf das Schloß, um Unterricht und Erziehung zu bekommen.

Während dieser Reden ging der alte Konrad mit den sonderbarsten Gebärden in der Stube auf und ab. Sein Gesicht war roth, die Hände hatte er geballt, und focht damit in den Lüften, man sah, daß er mit sich, wie mit einer zweiten Person, den heftigsten Kampf stritt. Verfluchter Antrag - rief er, ohne sich an die Gegenwart seines Dienstherrn zu kehren - dem Vater das Kind wegnehmen wollen! - Alter Sünder, bekehre dich, laß den schändlichen Eigennutz; es ist des Kindes Vortheil. - Vortheil? Schöner Vortheil! Man weiß wohl, wie man sie hingiebt, aber nicht, wie man sie wiederbekommt. - Albernes Gewäsche! der Herr ist die Tugend selbst; sie ist dort aufgehoben, wie in Abrahams Schooß. - Nein, sag’ ich, sie kriegt Dinge in den Kopf, die für sie nicht passen. - Warum denn nicht? das Mädel hat ein gutes Ingenium, es wäre Jammer und Schade, wenn sie nichts lernte. Es ist ein Fingerzeig vom Himmel, ich gebe sie hin.

Der Baron hörte diesem lauten Denken des alten Waidmanns lächelnd zu. Konrad wandte sich zu ihm, und sprach: Meinetwegen können Sie die Dirne bekommen. Der Baron dankte ihm und wollte fort. Ja - sagte der Förster - da ist noch eins nöthig: wir müssen sie erst selbst fragen. Sie ist ein kleines eignes Ding; wenn sie nicht mag, bringen sie vier Pferde nicht auf das Schloß. Beide gingen zu Emilien, die noch immer als Stallmeister Dienste that. Du sollst auf mein Schloß! rief ihr der künftige Gemahl zu. Wer will mich dazu zwingen? fragte schnippisch die artige Kleine. Er erwiederte kleinlaut: zwingen wird dich Niemand, es geschieht nur, wenn du es wünschest - und der Vater schmunzelte wohlgefällig. Es wurde ihr nun die Sache erklärt; sie sagte trocken: Das bin ich zufrieden, hielt dem Baron den Steigbügel, und ging wieder zu ihren Blumen, um das Begießen fortzusetzen.

Den Rückweg machte der Baron nicht halb so heroisch, als den Hinweg. Er schob seine Verdrießlichkeit auf das Nachtwachen und seine Erschöpfung. Indessen nahm er sich zusammen, denn es galt nun, eine dreiste Lüge mit heitrer Stirn vorzutragen.

Er hatte im Sinn, die Tante dadurch für sich zu gewinnen, daß er sich ihren Absichten geneigt zeigte. Er fand sie auf dem Sopha, von Migraine geplagt, und setzte sich zu ihren Füßen, indem er sein Beileid bezeugte, worauf ihm keine Antwort ertheilt ward. Ich bedaure, hob er etwas boshaft an, um so mehr Ihr heutiges Uebelbefinden, als es mir das Vergnügen Ihrer Begleitung entziehen wird. Ich habe eine kleine Parthie vor.

Jedes Ihrer gestrigen Worte hat sich meiner Seele fest eingeprägt, in der Stille bin ich zur Ueberlegung gekommen: ich will den Nachbar heute besuchen, und wünsche herzlich, daß ich ihm, und Fräulein Lucianen gefallen möge.

Die Tante sprang vom Lager auf, erklärte, daß ihr Kopfweh plötzlich nachlasse, und daß sie bereit sei, den Neffen zu begleiten. Sie rief ihre Kammermädchen, ließ sich sogleich ankleiden, steckte mehr Ringe an, als gewöhnlich, und ruhete nicht eher, bis ihr Werner versprach, seine Uniform anzuziehn.

Er war mit dem Erfolge der angewandten Kriegslist zufrieden, und dieß erheiterte seine Stimmung wieder. Geduldig hörte er im Wagen das schon oft vernommene Lob einer glücklichen Ehe an, indem er sich im Stillen dazu das artige Persönchen Emilie dachte. Der Sermon war noch nicht ganz geendigt, als der Wagen schon vor dem Schlosse des Nachbars hielt. Dieser, ein kurzer, korpulenter Phlegmatikus, kam die Treppe herabgekeucht, und bot der Tante mühsam den Arm. Der Baron folgte. Oben empfing die Gesellschaft Fräulein Luciane mit der zierlichsten Verneigung. Die Tante nannte sie sehr zärtlich: Mein leibes Kind - und küßte ihr die Stirn, der Baron aber sagte, gegen seine ernste Art, dem Fräulein fast bei der Begrüßung schon eine Galanterie, worauf dieses gebildete Frauenzimmer mit der Reminiscenz aus einem Dichter antwortete. Man redete nun zuerst vom gegenseitigen Wohlbefinden, dann vom betrübten Hintritt einer sechzigjährigen Edeldame in der Nachbarschaft, und den Krankheiten verschiedener Personen, welche für diesen Kreis von Interesse waren. Zwischen diesen Gesprächen wurde Kaffee servirt, und darauf bei noch hochstehender Sonne ein Spaziergang durch den Gemüsegarten gemacht, welche Mühe zu versüßen, der Nachbar, trotz seiner starken Transpiration, einige lange Geschichten aus seiner Jugend erzählte. Als man in das Haus zurückgekommen war, nahm die Unterhaltung einen höhern Schwung, und warf sich mit voller Gewalt auf Kunst und Wissenschaft, eine Veranlassung für die Gäste, Lucianen zur Produktion ihrer Talente aufzufordern. Das Fräulein brachte nach einigem Weigern ihre jüngstvollendeten Stickereien und Zeichnungen hervor, welche gebührend bewundert wurden, und spielte einige Sonaten auf dem Flügel ab, wodurch sie den ungetheilten Beifall der Fremden erwarb. Die lauten Aeußerungen desselben erweckten den Nachbar, welcher unterdessen in einer Ecke des Zimmers entschlafen war, und nun sich neugestärkt fühlte, ebenfalls wieder zum geselligen Vergnügen beizutragen. Er ließ unter dem Fenster Pferde vorbeiführen, auch wurden neue Lütticher Jagdflinten gebracht, woran die Arbeit wirklich vortrefflich war. Der Anblick dieser tödtlichen Instrumente setze zwar die Damen in einigen Schrecken, indessen bestätigte sich die Erfahrung, daß die Freude vom Grausen einen schärfern Character gewinnt, an dem nach ihrer Entfernung äußerst lebhaft werdenden Gespräche. Eine sehr gute kalte Collation folgte, Werner saß neben dem Fräulein, welches ihn stark nöthigte, und von der Tante mit gerührten Blicken betrachtet wurde. Der Nachbar brachte dieser scherzhafte Gesundheiten zu und nannte sie seine Schöne; kurz die Begeisterung hatte den höchsten Gipfel erreicht, als die Stunde zur Abfahrt mahnte. Man trennte sich mit dem Wunsche des baldigsten Wiedersehens, und versprach bestimmte Tage zu gegenseitigen Besuchen festzusetzen. Wir dürfen bei diesem Punkte die Tücke des Barons nicht verschweigen, welcher, wie ein Insekt sich im Stillen vornahm, an solchen Tagen entweder krank, oder mit Geschäften überhäuft zu seyn. Er küßte jedoch dem Fräulein affectvoll die Hand, und versprach ihr nächstens ein philosophisches Buch, nach welchem sie unendlich verlangte, zu senden.

Die Tante hatte den ganzen Nachmittag über, so zu sagen, in einem Meere von Vergnügen geschwommen, und konnte diese Empfindung nicht stark genug auf dem Rückwege aussprechen. Der Heuchler im Wagen spielte seinerseits die Komödie mit der guten Frau unter leisen Vorwürfen seines Gewissens weiter.

Wir können uns rühmen - sagte er - auf recht deutsche Weise diese letzten Stunden genossen zu haben. Lucianen weiß ich kein anderes Mädchen an die Seite zu stellen; ich bin ganz außer mir über den unerwartet mächtigen Eindruck. Es wäre thöricht, dahin und dorthin zu tasten, und nicht vielmehr das Nächste, Beste zu ergreifen. Sie vergeben meiner in solchen Dingen mir natürlichen Schüchternheit, daß sie sich noch nicht näher über diesen delicaten Punkt ausläßt, ich will Ihnen jedoch zeigen, daß es mir damit Ernst ist.

Und nun erschien die Fabel des Morgens in etwas veränderter Gestalt. Es sei Pflicht, meinte der Baron, wenn man auf Heirath mit einer so gebildeten Dame sinne, für eine gebildete Gesellschafterin in der ländlichen Einsamkeit zu sorgen, auch werde eine treue und geschickte Helferin in der Wirthschaft nothwendig seyn. Die Tante verschmerzte den kleinen Stich, den ihre Eitelkeit dadurch erhielt, und fragte: Wen nehmen wir? Am besten wäre ein Mädchen, welchem wir selbst noch die letzte Ausbildung geben könnten, eine sechzehn- oder siebenzehnjährige etwa. Der Baron rief: Solch’ eine habe ich gefunden, und berichtete seinen Plan mit Emilien, so wie den Wunsch, das Kind in den nächsten Tagen auf das Schloß zu holen. Die Tante gab ihre Einwilligung, und lehnte sich in eine Ecke des Wagens, um zu entschlummern, da sie denn bald im Traume den Baron und das Fräulein vor dem Altare hochzeitlich geschmückt, hierauf aber an vier und zwanzig kleine Werners und Lucianen sah, welche sie um Bonbons ansprachen.

Am andern Morgen brachte der Kammerdiener Wernern ein großes Schreiben vor das Bett. Dieser sah ein standschaftliches Siegel, erbrach, und fand sich nicht wenig durch den Inhalt überrascht. Die Ritterschaft des Kreises wählte ihn zu ihrem Vertreter in einer verwickelten Angelegenheit vor dem Reichstage. Der Gegenstand war schon mehrere Jahre durch entfernte Bevollmächtigte betrieben worden, und hatte kein Resultat geliefert, gegenwärtig hoffte man, ihn durch einen von allen Localverhältnissen vollkommen unterrichteten, selbst bei der Sache interessirten Mann zum gedeihlichen Ende zu führen.

Welch ein verdrießlicher Zufall! rief der Baron aus. Dieser Auftrag ist zu ehrenvoll, als daß ich mich ihm entziehn darf, auch ist es hohe Zeit, unsre Gerechtsame aus den Krallen der Advocaten zu reißen, gleichwohl kreuzt das öffentliche Geschäft meinen Privatvortheil auf das Empfindlichste. - Er sprang aus dem Bette, kleidete sich an, und ging zur Tante. Nachdem sie erfahren, was bevorstand, sagte sie: Sehr fatal! Das Beste wäre, wenn Du durch eine rasche Verlobung mit Fräulein Lucianen vor Deiner Abreise nach Regensburg, die Sache in Richtigkeit brächtest. Mein Gott, antwortete er, äußerst verlegen, das wäre ja sehr unschicklich, und wollte sich entfernen. Frühstückst Du nicht mit mir? fragte sie. Nein, erwiederte er, ich fahre gleich nach dem Försterhause, um Emilien zu holen. Nun ich denke, sprach Cordula, mit der hat es denn auch wohl noch Zeit. - Aber Werner war schon zur Thür hinaus, und bald darauf hörte sie den Wagen rollen.

Der alte Konrad empfing ihn vor der Thür seines Hauses ganz heiter. Wollen Sie das Kind haben? fragte er. Der Baron bejahte. Immerhin, versetzte der Alte; sie ist bereit, und kann Ihnen jeden Augenblick folgen. Emilie kam.

Ich bin hier, um dich abzuholen, liebe Emilie, sagte der Baron. Dem Kinde trat eine kleine Thräne in das himmlischklare, blaue Auge, sie trocknete dasselbe rasch, sah wieder freundlich aus, und sprach zum Vater weiter nichts, als: Adieu; indem sie ihm die Hand gab. Der Vater ließ sie niederknien, legte ihr die Hände auf das Haupt, und sagte: der Herr segne und behüte dich! Adieu, mache, daß du fortkommst. Dann hob er sie auf, küßte ihr die Stirn, und ging, ohne sich umzusehn, in den Wald.

Der Baron hob Emilien in den Wagen, die Schecken flogen davon, und unserm Freunde war wie einem glücklichen Abenteurer zu Muthe, der ein kostbares Kleinod errungen hat. Was soll ich bei Ihnen lernen? fragte Emilie. Er versetzte: daß er sie in feinen weiblichen Arbeiten, in der Erdbeschreibung, Geschichte, und Naturgeschichte, so wie in der deutschen Sprache unterrichten lassen werde. - Das Kind schüttelte den wunderschönen Kopf, und rief: deutsch lerne ich nicht mehr, das kann ich schon. Er suchte ihr deutlich zu machen, daß man seine Muttersprache auch nach Regeln lernen müsse, worauf sie begierig fragte: was eine Regel sei? Er bemühte sich, ihr davon einen Begriff zu geben; sie wurde ganz traurig, fing an zu schluchzen, und rief: Lassen Sie mich aus dem Wagen, ich will zu meinem Vater zurück, ich mag nicht auf Ihr Schloß. - Der Baron wußte nicht, was ihr war, er fragte sie nach dem Grunde ihrer Bekümmerniß. Wenn Sie mich mit solchen Sachen plagen wollen, rief der niedliche Trotzkopf aus, da ist es gar nicht zum Aushalten bei Ihnen. Unser Freund versprach seiner Eleven in der Angst, sie solle nichts lernen und thun, als was ihr Vergnügen mache, und bat sie, sich zu beruhigen. Ein eignes Gefühl ergriff ihn, als der Wagen durch das Schloßthor rasselte, und Emilie so unbefangen alle die Gebäude anschaute, in welchen sie dereinst neben ihm herrschen und wirken sollte.

Die nächsten Tage vergingen rasch unter mannichfaltigen Geschäften, und der Scheidemorgen kam heran, ehe man sich es versah. Der Neffe empfahl seiner Tante den liebenswürdigen Schützling, und fuhr fort mit dem Gedanken, in einem Vierteljahre spätestens wieder einzutreffen, um dann selbst seine künftige Frau sich zu erziehn.

milie hatte hatte sich bald auf dem Schlosse zurecht gefunden. Es schien, als wollte sie ihr Eigenthum kennen lernen, so eifrig durchlief sie alle Säle, Zimmer, Gänge, Böden, Keller. In die Ställe und Remisen kroch sie; kein Platz in den Gärten und Höfen blieb unbesucht. Die Lehrer, welche kurz nach des Barons Entfernung anlangten, hatten oft Noth, sie zu finden, wenn die Lectionen beginnen sollten. Auch schien der Geist des Kindes durchaus für die todte Art des Unterrichts, welche damals noch allgemein herrschte, nicht sehr empfänglich zu seyn; es hielt schwer, ihre Aufmerksamkeit zu wecken, und wenn sie geweckt war, dieselbe zu erhalten. Dennoch fühlten die Unterrichtenden einen stillen Zug der Neigung zu dem schönen, muntern Kinde, und trösteten sich damit, daß sie allzu lang versäumt worden sei, um rasch lernen zu können. Eine Natur, welche sich spät entwickelt, hat immer etwas sehr Anziehendes, man ahnet in ihr bedeutende, lang aufgesparte Schätze. Emilie war fünfzehn Jahr alt, und nichts deutete die Jungfrau an. Wir müssen es der Malerphantasie zu Gute halten, daß Sterzing ihr schon jetzt eine Verkündigung hatte zudenken können.

Verursachte sie den Lehrern, wo nicht Bekümmerniß, doch einige Sorge, so war sie dagegen der Tante zur größten Freude in das Schloß gekommen. Diese würdige Frau hatte in ihrem Benehmen gegen Jüngere etwas Sanftes und Mütterliches. Emilie war früh mutterlos geworden, sie wandte jetzt ihr ganzes aufgeschloßnes Gefühl der Frau zu, welche sich zum ersten Male ihrer annahm. Ihr zu dienen, flinker als Bediente und Mägde ihr das Verlangte zu holen; zu ihren Füßen sitzend, kleine Arbeiten zu verrichten, war dem Kinde das höchste Vergnügen. Die Tante, gerührt durch diese Anhänglichkeit, widmete sich selbst mit vielem Eifer dem Bildungsgeschäfte, unterrichtete Emilien in Wirthschaftskenntnissen, lehrte sie sticken und nähn, nahm sie auf ihren Besuchen in der Nachbarschaft mit, und ließ sie in ihrem eignen Schlafzimmer ruhn. Nicht wenig that sie sich darauf zu Gute, daß Emilie Alles, worin sie das Mädchen unterwies, spielend begriff, und sie konnte sich nicht enthalten, wenn die Lehrer über Mangel an Fassungskraft klagten, die Bemerkung auszusprechen, daß die Kinder oft gescholten würden, wenn die Methode etwas versehen hätte. Hin und her langten Briefe vom Baron an, von Verzögerungen im aufgetragenen Geschäfte redend, und die Rückkehr hinaussetzend. Man kann nicht sagen, daß die Tante sich in ihrer Einsamkeit unwohl gefühlt hätte, denn es bleibt immer wahr: die Frauen werden auch von den besten Männern bedrängt. In einem Hause, worin Männer das Regiment führen, herrscht Thätigkeit und Erwerb; da, wo die Frauen gebieten, waltet Ruhe und Genuß. Das Schloß war jetzt, wie ein stilles Kloster, und nur die Züge der Mäher und Schnitter, welche sich über den Hof schwenkten, das Rasseln der Ackerwagen, bezeugte, daß dort mehr gethan werde, als Beten. In solcher glücklichen Abgeschiedenheit blieben die Gespräche der Lehrer, welche sich bisweilen von den sonderbaren politischen Gewitterwolken am westlichen Himmel unterhielten, fast unbeachtet. Man konnte sich dort, wie an vielen Orten unsers Vaterlandes nicht denken, daß der Umsturz und die Zerstörung da eintreten werde, wo gegenwärtig Ordnung und Sicherheit herrschte.

So verlebte die Tante in unzerstörlicher Heiterkeit mit ihrem Zögling einen Tag nach dem andern. An Besuch fehlte es nicht, denn die gute Frau wollte auch dieses Vergnügen, da es ihr eine Zeit lang gegönnt war, in vollen Zügen genießen. Der Baron hatte durch eine gewisse Unfreundlichkeit manchen Nachbar, diesen und jenen Bekannten zurückgeschreckt; denn er war nach der Weise gebildeter und talentvoller Männer intolerant gegen das Mittelgut der Gesellschaft, welches in den Frauen seine gebornen Beschützerinnen verehrt. Nun fanden sich die Verscheuchten, als sie merkten, daß das Feld rein sei, nach und nach wieder ein, und wurden von der Tante freundlichst empfangen.

Da kamen zärtliche Mütter, gute junge Töchter, redliche Männer, Hofdamen, welche sich zurückgezogen hatten, pensionirte Offiziere mit ihren Neffen in der Fähnrichsuniform, Domherrn, Kaufleute, welche ihre Kapitalien in Gütern angelegt hatten, hinter einander auf das Schloß, und wurden bewirthet. Auch den Musen stand die gastliche Thür offen. Ein Flötenspieler, dessen Concert in der nächsten Stadt verunglückt war, sprach für mehrere Tage ein, und unterhielt die Anwesenden auf seinem Instrument. Solchergestalt zogen die Figuren der Welt in dem angenehmen Schimmer einer Laterna Magica am Emiliens heitrem, aufmerksamem Sinne vorüber. Das sonderbare Mädchen war einmal nicht geschaffen, aus Büchern und auf Befehl zu lernen; ihr Geist verlangte Anschauung, und faßte nur, was er selbst mit freier Thätigkeit sich zueignete. Sie, deren Flatterhaftigkeit in den Lehrvorträgen nicht zu bändigen war, horchte Stunden lang zu, wenn der Kaufmann von seinen Reisen, der Krieger von seinen Abenteuern, die Hofdame von den Wundern der Hauptstadt erzählte. Dabei gerieth sie durchaus nicht in den Zustand der Zerstreuung; denn die Tante hatte durch ihren Verstand, und durch ihre persönliche Würde eine große Ueberlegenheit, den Menschen gewöhnlichen Schlags gegenüber, die sich in diesen Mauern blicken ließen. Nie trat daher Unruhe oder Schwärmen ein, und die gesellschaftliche Freude drang nicht über die Gränzen eines muntern, belebten Gesprächs. Mit Klugheit verhinderte die Tante zahlreiche Zusammenkünfte, welche der Tod alles häuslichen Behagens sind, und das Schloß glich auch darin einem Kloster, daß zwar Jedem vergönnt war, an seiner Pforte zu klinken und einzutreten, Niemand aber hoffen durfte, mit Gevatter Hinz und Kunz, als wie in einem Gasthofe, darin zusammen zu treffen.

Während nun so Emilie, von keiner übermächtigen Erscheinung bedrängt, aber von tausend kleinen belebenden Einflüssen angeregt, der schönsten Entwicklung zureifte, dachte die Tante, wenn ihr Blick über die Gegenwart hinaus spähte, an die glückliche Zeit, da das gebildete Fräulein Luciane erst hier den rechten Hof der Sitte und Geselligkeit gründen werde. Sie erwies dem Nachbar und seiner Tochter alle möglichen Gefälligkeiten, und prägte Emilien die größte Ehrfurcht vor ihrer künftigen Gebieterin ein. Letztre trug dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken, indem sie das Kind, wenn sie mit demselben zusammentraf, ganz übersah, oder höchstens mit einem gleichgültig lächelnden Blicke betrachtete.

Der Baron führte indessen ein ganz verschiedenes buntes Hof= und Reiseleben. Dem Geschäfte am Reichstage waren bedeutende Hindernisse entgegen gesetzt worden, deren Hebung sich nur hoffen ließ, wenn die einzelnen deutschen Höfe, welche in dieser Angelegenheit concurrirten, persönlich besucht würden. Er entschloß sich zu diesen Reisen, und war nach einander wohl in fünf bis sechs Residenzen, ohne sonderlichen Erfolg seiner Bemühungen zu sehen. Da jede Schwierigkeit bei ihm nur den Eifer und die Hartnäckigkeit für eine unternommene Sache vermehrte, so widmete er sich dem Auftrage nun erst, wo Andre sich zurückgezogen hätten, um so gewisenhafter. Er verband sich mit den einsichtsvollsten Rechtsgelehrten, trat den Kaiser in Wien selbst um die Sache an, und hatte nach drei mühevollen Jahren die Genugthuung, seinen Committenten die Anerkennung ihrer Forderungen melden zu können.

Freilich sagte ihm ein stilles Bewußtseyn, daß, wenn die Verfassung des Reichs noch in voller Kraft bestände, solche Ansprüche einzelner Glieder, als er vertreten hatte, nie hätten durchgefochten werden können. Und so lehrte ihn das eigene Gewissen, was die Beobachtung Anderer ihm laut genug während dieser Zeit verkündet hatte: daß das deutsche Reich eigentlich schon aufgehört habe, und den Leichen in manchen Gewölben gleiche, welche noch die vollkommne menschliche Form zeigen, aber bei der leisesten Berührung in ein Häufchen Staub zerfallen. Ueberall hatte er mit Schauder gesehen, daß jeder Stand, vom größten bis zum kleinsten, nach einer unbedingten Freiheit strebte, und nur auf die erste günstige Gelegenheit wartete, um das morsche Band zwischen sich und dem Oberhaupte zu zerreißen. Viele Gespräche mit Vornehmen und Personen des Mittelstandes überzeugten ihn, daß die Einrichtungen, welche mehrere Jahrhunderte hindurch vorgehalten hatten, nunmehr abgenutzt waren. Das Ungewitter in Frankreich war immer drohender geworden, die Niedern richteten sehnsuchtsvolle Blicke dahin, und hofften im Stillen auf die Apostel des neuen Evangeliums, die Höhern wandten sich mit schroffem Abscheu von der ungeheuren Erscheinung ab, und meinten: nun erst seien Privilegien und Geburtsvorzüge recht fest zu halten, da ein rasender Pöbel beabsichtige, diese schönen Güter für sich zu rauben. Der Baron gehörte zur letztern Partei; er war Aristokrat, aber er war es in einem edlen Sinne. Sein Gemüth sagte ihm, daß er Niemanden gedrückt, daß er das Seinige genossen, aber keines Andern Genuß gestört habe. Er war immer ein Vater seiner Gutsunterthanen gewesen, und empfand einen unerträglichen Widerwillen bei dem Gedanken, daß diese patriarchalische Stellung auf eine wüste Art, und selbst zum Nachtheil derer, denen man helfen zu wollen schien, zerstört werden sollte. In einer gemischten Gesellschaft, in welcher er sich einst befand, kamen die gegenweitigen Grundsätze beider Parteien hart zur Sprache. - Einige Anwesende freuten sich laut bei der Nachricht von einem zertrümmerten Gesetze, welche so eben mit dem Pariser Moniteur eingegangen war, und man sprach auf eine höchst unzarte Weise aus, was in erhitzten Köpfen sich damals Abenteuerliches bewegte. Der Baron konnte nicht länger an sich halten. Guter Gott! rief er - - in welcher Verblendung seid Ihr Alle! Ist es denn möglich, auf Glück zu hoffen, wenn eine neue Völkerwanderung hereinzubrechen im Begriff steht? Ruhe zu erwarten, wenn der blutrothe Himmel die gräulichsten Stürme verkündigt? Ja, es wird sich Alles vollenden; aber nicht, wie Ihr es denkt; der Wagen der Zeit wird über Eure und unsre Leichen rollen. Ich will nicht vom Recht sprechen; dazu ist jetzt nicht der Augenblick, wie ich wohl merke. Ich will Euch nur sagen, wie Alles kommen muß. Ihr denkt, wenn dieses Geschlecht erst in den Besitz der Vortheile, die Ihr uns so sehr mißgönnt, gelangt ist, dann werden Saturnische Zeiten eintreten. Arme Thoren! Eben weil sie den Besitzstand, der so lange von der öffentlichen Sicherheit verbürgt worden war, zerstören konnten, werden sie ihren Besitz mit feiger Unruhe antreten, und unter ewigen Zweifeln genießen. Niemals werden sie desselben froh werden, eine immerwährende Angst vor dem Morgen wird sie antreiben, das Heute rasend und gierig auszukosten. Die Verräther fürchten den Verrath, die Usurpatoren die Empörung, und die Demagogen einen listigen und kühnen Verführer. Widerlegt mich, wenn Ihr könnt!

Solche heftige Reibungen machten zuletzt dem Baron das Leben in der Fremde unleidlich; er dachte mit Sehnsucht an seine väterlichen Mauern. Emiliens Bild war etwas in den Hintergrund seiner Seele zurückgetreten; die Briefe der Tante erwähnten ihrer nur mit kurzen Worten; und sein eignes Verhältniß zu dem Mädchen ruhte doch, die Wahrheit zu sagen, allzu sehr auf einer Grille, als daß er davon hätte dauernd berührt werden können. Eben als der Entwurf des abgeschlossenen Recesses seinen Committenten überschickt werden sollte, langte ein Brief der Tante an, aus dem wir folgende Stelle herausheben.

"Was Emilien betrifft" - schrieb sie - so wirst Du Dich wundern, wenn Du sie wieder erblickst. Ihre Gestalt hat sich im letzten Jahre außerordentlich entwickelt, sie steht jetzt in der vollsten Jugendblüthe; und ich fürchte, Du hast sie für einen rüstigen Freier erziehen lassen, der sie Dir bald genug entführen möchte; denn mit einer solchen Figur kann sie nicht lange unbemerkt bleiben. Ihre Ausbildung hat einen sonderbaren Gang genommen. Du erinnerst Dich, daß ich immer sehr zufrieden mit ihr war; die Lehrer weniger. Wovon sie einen Nutzen einsah, was zunächst sie betraf, das faßte sie leicht, auch war sie bald ein Persönchen, welches sich in jeder Gesellschaft produciren ließ. Aber mit den Jahreszahlen aus der griechischen Geschichte, mit den Namen ferner Länder und Städte zerquälte sie sich oft auf eine mitleidenswürdige Art den Kopf, ohne daß Etwas haften blieb. Der junge Mann, von dem ich Dir früher schrieb, daß er aus der Schweiz gekommen sei, und daß ich ihn zum Lehrer angenommen habe, indem ich die frühern gehen ließ, begann dagegen den Unterricht auf eine mir ganz neue Weise. Er nahm Emilien mit hinaus in’s Freie, machte ihre Neugier rege nach den Gegenden, die stromauf= und stromabwärts, östlich und westlich gelegen sind; ihr Geist übertrat allmälig die Gränzen Deiner Feldmark, wollte sich in dem benachbarten Gelände zurecht finden, dieses leitete aber wieder über zu andern Gebieten und so immer weiter, bis der geschickte Lehrer ihr einen höchst natürlichen Begriff von unserm Vaterlande eingeprägt hatte. Da der Trieb zum Wissen nun einmal geweckt war, so verlangte sie selbst, etwas von den Nachbarländern zu erfahren, ihr Geist betrat den Ozean, und wurde in eine schrankenlose Ferne fortgerissen, bis ihr als willkommne Haltepunkte die fremden Welttheile entgegen stiegen, kurz, sie erlangte bald, wie durch einen großen Spaziergang, wünschenswerthe geographische Kenntnisse.

In der Geschichte war der Unterricht ähnlicher Art. Er fragte sie nach ihrem Vater und seinen Lebensumständen, davon wußte sie Bericht zu erstatten; nun sollte sie von ihrem Großvater erzählen, da ging es ihr, wie allen Personen ihrer Herkunft, welche nicht das Glück haben, die Reihe bedeutender Ahnen in Bild und Stammbaum anschaun zu dürfen, sie hatte kaum Etwas von dem Manne gehört. Der kluge Lehrer ließ das Hausbuch des alten Konrad holen, in welchem artig genug, die Geschichte dieses guten Mannes und seiner Vorfahren mehrere Geschlechtsfolgen hindurch aufgeschrieben worden war, und las es mit Emilien durch. Da manche merkwürdige Ereignisse darin verzeichnet standen, so fand das Mädchen viel Vergnügen daran. Ihr Großvater war Büchsenspänner bei einem benachbarten Fürsten gewesen, und hatte im Gefolge seines Herrn dieses und jenes allgemein interessante Ereigniß mit angesehn. Durch solche Beziehungen erhielt die Hausgeschichte eine Richtung gegen das Allgemeine, die der Lehrer sehr geschickt zu benutzen wußte, um Emilien nach und nach in immer größere historische Kreise zu locken. Die Methode glückte vollkommen, und ich versichre Dich, daß das Mädchen jetzt von jeder einiger Maßen bedeutenden Thatsache in der deutschen Geschichte Rede und Antwort zu geben weiß, daß ihr auch die ruhmvollen Handlungen der Alten nicht fremd sind.

Es war ein wunderbarer Mann, dieser Lehrer: er hatte unsre Natur durchaus erkannt, und wußte, daß Weiber sich nur mit demjenigen fruchtbar beschäftigen, was eine Beziehung auf das Gemüth hat, oder in irgend einem Zusammenhange, mit ihrer nächsten, täglichen Umgebung steht. Er pflegte mitunter zu sagen: daß der Mann vom Wissen zur Erfahrung, die Frau hingegen von der Erfahrung zum Wissen fortschreite. Ich mußte ihm ganz vertrauen; darum ließ ich ihn gewähren, auch wenn ich ihn nicht begriff, so z. B. in dem Religionsunterrichte. Ich glaubte, daß er diesen ebenfalls leicht und faßlich einrichten würde, er befolgte aber hier einen entgegengesetzten Weg; denn er erzählte Emilien die biblische Geschichte ohne die mindeste Erklärung der Wunder und ließ sie Vers auf Vers, Spruch auf Spruch, im eigentlichen Sinne des Worts, auswendig lernen. Als ich mich darüber wunderte, sagte er: Freiheit und Beschränkung im rechten Gleichmaß ist die höchste Bestimmung des Menschen. Zu jener führt das Wissen, zu dieser die Religion. Alles Andre soll dem Menschen leicht und deutlich werden, sie allein muß schwer und ein Geheimniß bleiben. Ich habe Vieles begreifen lernen, aber nie, was der Ausdruck: Vernunftreligion, sagen will. Der Erfolg hat auch hierin seine Weisheit bestätigt. Emilie ist fromm geworden, ohne zu frömmeln, und jene geheimnißvollen Sprüche und Verse haben der Heiterkeit ihrer Seele keinen Eintrag gethan. Sie ist ein außerordentliches Geschöpf, und ich bedaure oft die Niedrigkeit ihrer Geburt, welche ihr den Eintritt in die höheren Kreise des Lebens versagt; denn sie würde auch der höchsten würdig seyn. Ich empfinde zu gleicher Zeit eine wahre Furcht vor dem Augenblicke, der sie von meiner Seite reißt; denn ich habe mich ganz an sie gewöhnt. Ich bin so weitläufig über sie gewesen, damit Du weißt, was Du zu erwarten hast, wenn Du nach Hause zurückkehrst."

Diese wohlgemeinten Worte brachten einen unbeschreiblichen Eindruck auf den Baron hervor. Seine Phantasie schmückte Emiliens Bild über alle Schilderungen der Tante reizend aus; zugleich empfand er einen innerlichen Triumph, daß das herrliche Wesen für ihn erzogen sei. Wie glücklich - rief er aus - war diese Reise, und meine Abwesenheit! Wäre ich ein allmäliger Zeuge von Emiliens Entwicklung gewesen, gewiß würde dann die Wirkung ihrer Vorzüge viel stumpfer geworden seyn; ich hätte vielleicht selbst Manches gehindert und im Keime zerstört. Nun hat das Götterbild Zeit gehabt, sich still und frei zu gestalten, und mit einem Male werde ich die Frucht und den Segen meiner Großmuth schmecken. Er beeilte die Abreise; er fühlte sich nicht eher ruhig, als bis er im Wagen saß. Die Luftgestalt der künftigen Gattin schwebte über den Häuptern der Pferde, die ihn zogen; er fuhr einen Theil der Nächte durch, und sprang mit einem Schrei des Entzückens aus dem Wagen, als er eines Morgens von fern die Thürme des Schlosses sah. Der Weg dahin führte durch ein anmuthiges Wäldchen; er ließ den Wagen auf der Straße fahren, und schlug selbst zu Fuße einen Seitenpfad ein, um heimlich, wie ein Glücklicher, in sein Eigenthum zu dringen.

ie Tante hatte auf ihr ausdrückliches Verlangen, den Tag der Ankunft zu wissen, von ihrem Neffen einen Brief erhalten, der ihren Wunsch erfüllte; und nun war sie, da sie das Feierliche liebte, beschäftigt gewesen, alle Anstalten zu treffen, wodurch die Rückkunft des Gutsherrn verherrlicht werden konnte. Ehrenpforten, geputzte Bauernmädchen, Musikchöre, Nichts war unterlassen, was bei solchen Gelegenheiten ersonnen zu werden pflegt. Sie war eine Menschenkennerin, und wußte, daß Jemand in aufgeregten Momenten am Raschesten Entschlüsse faßt; deßhalb war auch der Nachbar mit seiner Tochter eingeladen worden. Der Baron sollte, erhitzt von den Festlichkeiten, und von dem frohen Gefühle, zu Hause zu seyn, sich noch am Tage der Rückkunft verloben.

Emilie sah dem Mann, der auch ihr Herr und Wohlthäter war, mit einer reinen Freude entgegen. Eine Familie ohne Vater, ein Landgut ohne Besitzer, sind immer etwas Fragmentarisches. Diese Zimmer waren doch nur da, damit der Erwartete in ihnen wohne, diese Gärten, damit er in ihnen lustwandle, diese Pferde, damit er sich ihrer zum Reiten oder Fahren bediene. Wie mußte Emiliens kindlicher Sinn wünschen, daß jedes dieser Dinge seine Bestimmung erfülle! Um auch von ihrer Seite sich dankbar und wohlwollend zu erweisen, hatte sie nicht eher abgelassen, als bis die Tante in der größten Eile eine alte Mauer abbrechen ließ, welche die Aussicht in den Park von einem Lieblingszimmer des Barons versperrte, und wie Emilie wußte, eben hatte niedergerissen werden sollen, als Wernern sein Geschäft in die Fremde rief.

Der Tante, deren Körper in der That sehr schwach war, begegnete das Unglück, welches sie gewöhnlich traf, wenn es ein Familienfest galt, sie wurde krank, als eben die Torten aus der Stadt ankamen, und mußte sich zu Bett legen. Da sie sich auf Emilien verlassen konnte, und da sie hoffte, daß der folgende Tag alle ihre Wünsche krönen werde: so bestieg sie mit einer Art von Triumph ihr Lager, ruhte aus von den überstandnen Mühseligkeiten und trank getrost den bittern Kamillen=Thee. Sie hatte eine unruhige Nacht, und war an dem Morgen, an welchem ihr Neffe eintreffen sollte, unvermögend, aufzustehn. Krämpfe hatten sich zu einem fieberhaften Zustande gesellt.

Emilie war mit dem ersten Sonnenstrale aus den Federn, sah alle Anstalten draußen, und in dem Schlosse nach, revidirte die Tafel, welche seit gestern gedeckt stand, wünschte der Tante guten Morgen, reichte ihr das Frühstück, und begab sich dann in den Garten, um dem Baron den schönsten Kranz zu winden, und diesen über seinem Tische in dem Zimmer aufzuhängen, vor welchem die Aussicht sperrende Mauer weggefallen war. Sie wollte ihn aus einer Gattung von Blumen zusammensetzen, deren Farbe das sanfteste Veilchenblau war, und deren Blätter denen des Immergrüns glichen. Dieselbe wuchs häufig wild im nahen Wäldchen; auf Emiliens Anrathen aber war eine Partie davon in den Garten gepflanzt worden. Als sie eben sich zu dem Beete niederbückte, um zu pflücken, kam der alte Gärtner herbei. Dieser wunderliche Mann übte in seinem Reviere eine unumschränkte Herrschaft aus, und an seine Laune mußte sich Alles im Schlosse und Dorfe gewöhnen. Er hatte gestern zu seinem größten Verdrusse bemerkt, daß von den mit dem Sammeln von Blumen und Laubwerk beauftragten Bauernmädchen, die den weitern Gang durch Wälder und Wiesen gescheut hatten, sein Garten auf die unbarmherzigste Weise geplündert worden war. Verdrießlich und lebhaft fuhr er auf Emilien los: denken Sie denn, Mamsell, daß Sie hier gnädige Frau sind, und wirthschaften können, wie Sie wollen? Ich pflanze die Sachen nicht, daß Ihr sie ausreißen sollt. Gehen Sie in den Wald, da wachsen so viel von den Blumen, als Sie begehren. Wenn Sie der gnädige Herr heirathet, so dürfen Sie nur befehlen; aber jetzt ist es noch nicht so weit. - Er hätte länger fortgebelfert; aber Emilie, die seine Weise schon kannte, und sich größern Anzüglichkeiten nicht aussetzen wollte, ließ ihn stehn, und ging mit muntern Schritten dem Walde zu.

Der Baron drang von seiner Seite immer tiefer in denselben Wald. Anfangs klapperte der Wagen in dem feuchten und engen Fahrwege neben ihm langsam daher, dann schwang er sich seitwärts ab über einen offnen Bergrücken, der Fußpfad lief durch die anmuthigsten Waldgründe, und unser Freund empfand sich bald in der reizendsten Einsamkeit. Eben trat er aus einer dichtern Stelle des Gehölzes; vor ihm lag eine kleine, rings eingeschloßne Wiese im üppigsten Wuchse, von der Sonne beleuchtet, als ihm ein unerwarteter Anblick wurde. Unter kräftigen Bäumen, gegenüber im Schatten, saß eine weibliche Gestalt, welche ihm den Rücken zukehrte, und mit etwas beschäftigt zu seyn schien; denn die Haltung ihres Kopfes war gesenkt. Ein himmelblauer Spencer hob ihre überaus schöne Taille hervor; unter demselben trug sie ein weißes Gewand. Sie saß auf einem Tuche, so daß die ganze Figur sichtbar war. Alle Verhältnisse an ihr zeigten sich rein und frei, namentlich bot der Kopf die vollendetste Form dar. Werner stand an seinem Platze, wie angefesselt; eine Ahnung durchflog seine Seele. In diesem Augenblicke hatte Emilie - denn sie war es - ihren Kranz fertig - sie erhebt sich, tritt damit unter den Bäumen hervor, und steht nun im vollen Lichte der Sonne und Schönheit. Der Baron bewegt sich, sie sieht ihn; unwillkürlich hebt sich ihr Arm in einer Regung des Erstaunens, und so steht sie, mit dem emporgehaltnen blauen Kranze, wahrlich einer Unsterblichen vergleichbar.

Der Baron ist von dieser mächtigen Erscheinung wie vernichtet. Er erlebt einen Moment, wie sie zum Glück nur selten kommen. Er weiß: es ist Emilie, die dort mit dem Kranze ihm zu winken scheint; er jauchzt über das herrliche Werk seiner Sorgfalt; er schilt dieses Jauchzen vermessen; er fühlt, daß einem solchen Weibe gegenüber keine Willkür Statt finde. Furcht, Hoffnung, Liebe, Freude, Schmerz ziehen, wie Gewitter, durch seine Brust. In diesem Sturme versagen die Glieder ihm den Dienst; fast bewußtlos sinkt er in seine Kniee, und macht sich mit dem Rufe: Emilie! Luft.

Emilie warf den Kranz weg, und flog auf ihn zu. Um Gottes Willen, gnädiger Herr! rief sie, indem sie sich bemühte, ihn aufzurichten - welch ein trauriger Zufall! Was fehlt Ihnen? Sie kniete zu ihm nieder, sie faßte seine Hände, sie richtete ihm das Haupt auf, welches zur Brust niederhing. Jetzt sah er das herrliche, regelmäßige Gesicht, dem seinigen ganz nahe, die himmlische Stirn, das milde Feuer der blauen Augen, den feinen Mund, der schwellend zum Kusse einlud. Ihre zarten, milchweißen Hände hielten die seinigen liebevoll gefaßt; über ihrem ganzen Wesen ruhte, wie ein gelinder Nebel, die trauteste Sorglichkeit. Alle Geister des Muthes rief unser Freund zu Hülfe; denn er fühlte die Pflicht, sich zu beherrschen, damit Leidenschaftlichkeit sein Glück nicht im Keime vernichte. Seine Stärke siegte; freundlich drückte er Emilien die Hand, richtete sich gefaßt auf, und küßte sie herzlich auf die Stirn, indem er sein Niedersinken einem plötzlichen Schwindel beimaß. Sie hieß ihn mit unverstellter Freundlichkeit willkommen, heiter gingen sie Arm in Arm auf dem Fußsteige. Emilie nahm den Kranz vom Boden, und verkündete seine wohlgemeinte Bestimmung. Der Baron dankte ihr; eben traten sie aus dem Walde, und das Schloß lag nun dicht vor ihnen. Ein als Wächter ausgestellter Knabe hatte nicht sobald den Herrn erblickt, als er voranlief, um den versammelten Leuten dessen Ankunft zu hinterbringen. Emilie unterrichtete Wernern mit kurzen Worten von den getroffenen Vorkehrungen, und schon bewegte sich der Zug der festlich geputzten Menschen ihnen entgegen. Liebe Emilie - rief Werner aus - Sie kommen mir in diesen Umgebungen wie eine Priesterin vor, und Priesterinnen müssen bekränzt seyn. Er drückte ihr mit einem sanften Scherze das Geflecht in die Locken, und das gute Mädchen ließ es ohne Widerstreben geschehn.

Die ganze Schaar der Landleute begann jetzt ein geistliches Lied, und der Baron fühlte sich bei diesen frommen Tönen aus der wüsten, fürchterlichen Welt, woher er kam, wie in eine stille Insel gerettet. Der Gesang war beendet, die Menschen theilten sich, und bildeten zwei Reihen, durch welche unser Freund seine bekränzte Schöne, gleich einer Braut an der Hand führend, schritt. Von beiden Seiten wurden die Hüte empor geworfen, und Jubelgeschrei erfüllte die Luft. Der Baron dankte rechts und links, und kam zur Ehrenpforte, an welcher ihn der Schulmeister mit einer etwas lang ausgesponnenen Rede bewillkommnete.

Ein junges Bauernweib rief halblaut: Was für ein schmuckes Paar! Er sah sich heiter nach der Frau um, und beschloß, an seinem Hochzeitstage sie mit einer ansehnlichen Gabe zu bedenken. Wer in diesem Augenblicke ihm zur Verbindung mit Emilien gratulirt hätte, würde Alles, was er verlangen mögen, von ihm haben bekommen können; denn Keiner erfreut uns mehr, als wer das, was bei uns selbst noch manchem Zweifel unterliegt, mit getroster Sicherheit ausspricht.

Vor dem Schlosse fragte Werner Emilien nach ihrem Vater. Ihre Augen füllten sich mit Thränen; leise versetzte sie: er ist todt. - Er tröstete die schöne Traurige, und konnte es um so besser, als die Nachricht abermals einen Stein von seinem Herzen gewälzt hatte. Nun schien ihm Emilie erst ganz frei dazustehn; nun verschwand alles Hemmende, Unerfreuliche, was ihn bis jetzt noch bei dem Gedanken an eine Verbindung mit ihr, geheim aber empfindlich berührt hatte. Weinen Sie nicht, Emilie! rief er aus. Weinen Sie; aber der Schmerz erzeuge Ihre Thräne, nicht die Sorge. Sie sind bei mir wohl aufgehoben. Gewiß, erwiederte sie, und blickte ihn mit den großen Augen ruhig an, daß er meinte, er sähe in den Himmel und seine tiefe unendliche Bläue. Sie nahm den Kranz ab und sagte: Nun begrüßen Sie die gnädige Frau, ich will den Kranz in dem Eckzimmer aufhängen.

Er ging zur Tante: Das Wiedersehen war sehr herzlich. Er drückte ihr seinen Dank aus, für alle die freundlichen Anstalten. Das Beste ist noch zurück - versetzte Cordula mit einem feinen Lächeln. Eile, Dich umzukleiden; Luciane muß bald kommen. Er machte ein verdrießliches Gesicht, und verließ sie rasch. Im Eckzimmer fand er Emilien. Ein Blick durch das Fenster zeigte ihm die herrlichste Aussicht auf bunte Blumenstücke und grüne Baumgruppen, statt der grauen, unerfreulichen Mauer. O mein Gott! rief er sehr überrascht aus, wer hat mir das bereitet? Die gnädige Tante - versetzte das bescheidne Mädchen. Es kommt von Ihnen, herrliche Emilie, rief der Baron, indem er ihre Hände faßte. So sollen alle Scheidemauern fallen, die mir die Aussicht auf mein Glück versperren; ein prophetischer Sinn gab Ihnen ein, diese niederreißen zu lassen. Emilie sah ihn verwundert an. Ein Wagen rollte in den Hof. Fräulein Luciane und ihr Vater! rief Emilie und entfernte sich. O zum Geier! fuhr der Baron heraus; denn er war schon im Begriff gewesen, sein ganzes Herz zu offenbaren.

Indessen nahm er sich zusammen, und begrüßte gefaßt die Gesellschaft. Ein Gereister hat den Vortheil, der Keinem sonst zugestanden wird, daß er von sich reden darf; diesen benutzte der Baron, und eine lebhafte Unterhaltung war bald im Gange. Insbesondre entwickelte sich das interessanteste Verhältniß in den Gesprächen zwischen ihm und dem Fräulein. Wenn er von irgend einer Stadt erzählte, so fragte Luciane: Ist es nicht dort, wo das und das ist? nun nannte sie eine andre Merkwürdigkeit des Orts. Der Baron erwiederte dann: Ganz recht, mein Fräulein, es ist auch noch das und das - da. Der Nachbar blickte vergnügt auf die unterrichtete Tochter, und Emilie kam nicht aus dem Erröthen über die Thörin. Und wenn es wahr ist, daß die Folie den Glanz des Edelsteins erhöht, so ist es nicht minder wahr, daß der Mensch vom Menschen erhoben oder herabgedrückt wird. Wer hätte diese beiden Mädchen neben einander sehen können, und nicht des Barons Entzücken für Emilien theilen müssen! Nie zeigte sich der Abstich dessen, was erlernt werden kann, von dem, was die Natur aus übersprudelnder Willkür mittheilt, deutlicher. Selbst der alte Nachbar, dessen Unterhaltung Emilie übernommen hatte, schien sich während der Zeit zu verjüngen. Die Grazie kleidete ihre Reden, wie das schneeweiße Gewand ihren Leib.

Es kamen mehr und mehr Gäste an, dem Baron ganz gelegen. Ein volles Herz sehnt sich, wie nach der Einsamkeit, so nach dem Getümmel, um sich zu verbergen. Er und Emilie machten die zierlichsten Wirthe, und ein Fremder, der in den Saal getreten wäre, hätte wahrlich, wie jenes Bauerweib, ausgerufen: Welch schmuckes Paar! Bei der Tafel saß er neben Lucianen, und war ausgelassen fröhlich. Sein Mund strömte über von Scherzreden und Galanterien. Emilie wurde von Zeit zu Zeit in das Zimmer der Tante berufen, um vernommen zu werden, wie sich der Neffe gegen das Fräulein verhalte? Da nun hierüber die befriedigendsten Nachrichten kamen, so steigerte sich die Empfindung der alten Dame bis zu einem Grade, daß es ihr unmöglich fiel, im Bett zu bleiben. Aller Widerreden ungeachtet, verließ sie dasselbe, kleidete sich an, und erschien plötzlich in der Versammlung. Man drängte sich um sie, man bewunderte ihren Heroismus. Aber sie sollte bald die Folgen ihrer Unvorsichtigkeit fühlen. Das Geräusch, die Hitze, dann der dazwischen entstehende Zugwind, Alles wirkte so feindlich auf sie ein, daß sie sich in Kurzem sehr übel befand. Um die Gesellschaft durch ein rasches Verschwinden nicht zu stören, that sie sich Gewalt an, obgleich ihre Beängstigung immer stärker ward, und ein unerträglicher Kopfschmerz sich dazu gesellte. Indem sie dahin und dorthin ging, und mit der größten Lebhaftigkeit sprach, glaubte sie den innern Feind zu besiegen. Aber ein sonderbares Schicksal hatte sie nun einmal bestimmt, diesen Kreis zu verlassen, freilich auf eine Weise, die Keiner vorhersah. Eben bewegte sie sich nach ihrem Neffen und Lucianen, die in eifrigem Gespräche zusammenstanden, hin, als man sie schwanken, und ehe sie noch Jemand auffangen konnte, mit dem Schrei: Hülfe! Wie wird mir! leblos zu Boden fallen sah.

Unter entsetzlichem Getöse drang die Gesellschaft herzu. Emilie kniete bleich, wie ein schönes Marmorbild neben der Entseelten und rief: Es ist eine Ohnmacht, den Augenblick den Chirurgus aus dem Dorfe! Ein Bedienter sprang fort. Zwei Andern befahl sie, den Körper wegzutragen. Sie selbst folgte, und flüsterte dem Baron zu: Sorgen Sie dafür, daß Niemand nachkommt.

Die Gesellschaft verlor sich still und dumpf, ohne von dem Wirthe Abschied zu nehmen. Dieser ging wie ein Träumender umher. Der Chirurgus kam, und da er das Gesicht ganz roth fand, so mußte er auf einen apoplektischen Zufall schließen. Er schlug eine Ader. Es kam nur sehr wenig dickes Blut zum Vorschein. Der schweigsame Mann versuchte noch mehrere Mittel, welche alle kein Resultat gaben. Emilie fragt ihn dringend, ob zu helfen sei? Er entfernt sich, ohne ein Wort zu sagen, mit Achselzucken. Nun ist sie allein mit der Todten, und jenes fürchterliche wunderbare Gefühl ergreift sie, welches Jeder kennen lernt, wenn er zum ersten Mal in seinem Leben dasjenige kalt und starr, wie einen Stein daliegen sieht, was vor Minuten Hauch hatte, um zu reden, und Wärme, um sich zu regen. Sie blickt in das ernste, verehrte Antlitz; es ist ihr unmöglich, zu denken, daß das Alles, was sie jetzt noch sieht, so gar zu Nichts werden solle. Zum ersten Male überfällt der Glaube: daß der Tod ein Schlaf sei, ihre bangende Seele mit seiner ganzen rührenden Gewalt, und löset die herbe Angst in heilige Wehmuth auf.

Der Baron betritt mit dem aus der Stadt herbeigerufnen Arzte das Zimmer. Dieser untersucht den Körper genau, billigt die angewandten Mittel, und spricht das traurige Wort aus: daß eine Leiche zur Stelle sei. Da findet Emiliens Schmerz willkommne Thränen. Der Baron bittet sie, mit ihm zu gehn, sie aber wünscht, die Nacht über bei der Entseelten wachen zu dürfen. Als die Männer sie verlassen, sinkt sie an dem Bette nieder, auf welches man den Leichnam gelegt hatte, und überläßt sich ganz ihrer Trauer.

Während das gute Mädchen die Hände ihrer Wohlthäterin mit dankbaren Zähren bethaut, schweift der Liebende im Hause und Garten umher, wie von fremden unsichtbaren Mächten getrieben. Die Leidenschaft bezieht Alles auf sich. Was auch geschehen möge, das Ungeheuerste und Furchtbarste - es ist für sie nur in sofern vorhanden, als es sie begünstigt oder hemmt. Dieser Todesfall, der wunderbar in den Kreis der Freude herein gebrochen, wird von ihm nicht beweint; eine geheime, aber laute Stimme in seinem Herzen nennt ihn, wie den Tod des alten Konrad, ein Glück; und unser Freund ist zu schwach, um diese Stimme zu schelten. Er preiset die Tante, daß sie zur rechten Stunde aus der Welt gegangen, sich und ihm Leidwesen ersparend. Die Nacht ist lau und üppig, der Mond umkleidet Büsche und Bäume mit wunderlichem Scheine, glänzt silberbläulich aus den Wasserspiegeln. Werner fühlt eine gewaltige Sehnsucht, am Busen der Geliebten zu ruhn, ihren Athem zu trinken. Fern schimmert vom Schlosse ein trüberleuchtetes Fenster durch die Nacht: dort ist das Zimmer, in dem Emilie bei den Todten weilt. Es ist, als wollte das arme Licht ihm sagen: Besinne Dich - aber es ist zu matt, um seinen verdunkelten Geist zu erhellen. Alles scheint ihn in dem gefaßten Entschlusse zu fördern, er wähnt das Verhängniß mit sich im Bunde. Um selber nicht müßig zu seyn, eilt er zurück in das Schloß, in das Zimmer, wo Emiliens Kranz hängt, zündet sich Licht an, und verwildert wie er ist, schreibt er folgende Zeilen:

"Die Nacht umgibt uns Beide mit ernsten Schatten. Du hast die kleine Kerze angezündet, daß es nicht ganz finster sei, und meine Liebe brennt, ein gewaltiges Feuer, im Dunkel. Ja, Liebe, o du Einzige, Geliebte! Der Todesengel ist dicht an unsern Häuptern vorüber gestreift, aber das Rauschen seiner Flügel übertönte nicht den Flötenlaut der Neigung in meiner Brust. Daß ich jetzt, in diesen feierlichen Stunden, nur Dich denke, Emilie, sei Dir Bürgschaft dafür, daß ich immer Deiner gedenken werde. Der erste Moment unsres Wiedersehens hat mein Schicksal unabänderlich entschieden, und mich Dir ganz zu eigen gegeben. Emilie, höre das Bekenntniß meiner Thorheit; denn ich kann vor Dir kein Geheimniß bergen. Als ich Dich von Deinem Vater holte, bestimmte ich Dich schon zu meiner Gattin, und wollte Dich in männlichem Uebermuthe zu mir herauf bilden. Ich bin schwer dafür bestraft worden. Der sich vermaß, Dein Herr und Meister seyn zu wollen, liegt nun demüthig, wie ein Sklav zu Deinen Füßen, und erwartet bebend, ob Du ihn zu Deinem Herzen emporheben magst. Laß mich in Deinen Armen Ruhe, Trost, Frieden, Glück finden, bestes Herz, und sei - ich flehe Dich an - die Meinige, wie ich der Deinige bin -."

Er überlas den Brief, der ihm nicht besonders gefiel. Alles sollte noch feuriger, noch energischer seyn. Am Ende aber fühlte er, daß keine Feder dem aufgeregten Herzen genugthun kann; deßhalb siegelte er das Papier zu, und warf sich angekleidet auf das Sopha, wo er nach langem Wachen endlich einen kurzen, unruhigen Schlummer fand.

Emilie hatte in dieser Nacht ihre ganze Fassung wieder erworben. Sie berief am Morgen eine Frau, welche die Todte ankleiden mußte, und besorgte getreulich, was ihr im Hauswesen oblag. Erschöpft von den Anstrengungen der vorigen Tage und von der Nachtwache, begab sie sich darauf nach ihrem Stübchen, um etwas zu schlafen. Eben als sie sich niederlegen wollte, fiel ihr Blick auf die Kommode, und sie gewahrte ein versiegeltes Papier. Neugierig nahm sie es in die Hand, und fand es an sich addressirt. Sie öffnete; und wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie die Zeilen des Barons überlesen hatte?

Um sich nur einiger Maßen zu sammeln, trat sie an das Fenster. Sie blickte durch dasselbe, und sah noch die Ehrenpforte von gestern, die Blumen, welche auf dem Erdboden verstreut lagen. In diesem Augenblicke kam die Todtenfrau, und fragte nach etwas, was zur Bekleidung der Leiche notwendig war. So mit den Augen Anstalten der Freude zu sehn, mit den Ohren vom Sterben zu hören, und in der Hand einen kühnen Liebesantrag zu halten, diese Gegensätze waren zu schroff, als daß der armen Emilie nicht hätte der Kopf schwanken sollen.

In solchen Fällen kommen dem durch das Leben geängstigten Menschen die Gräber wie Asyle, und die Todten wie Heilige vor. Emilie empfindet dieß, und flüchtet in das Sterbezimmer, wo sie sich, den Kopf in die Hände gestützt, niedersetzt. Sie ahnet, daß es nun mit ihrem Schicksale Ernst werde, und bittet Gott, ihr Kraft zu verleihen. In jener Stellung findet sie der Baron. Mechanisch hält sie noch immer den Brief in der Hand. Er nähert sich ihr lebhaft, und ruft: Geliebte Seele, hast Du entschieden? Sie hebt ihren Kopf empor, und versetzt: Ja - indem sie unsern Freund mit einem durchdringenden Blicke ansieht. Er deutet diese Antwort zu seinen Gunsten, und will sie mit einem Ausrufe des Entzückens umarmen. Aber ernst, wie die Nemesis, sagt das Mädchen: St! Sie wecken diese Todte auf. Lassen Sie uns vom Begräbniß reden; das wird jetzt das Nöthigste seyn.

Er gerieth in Verlegenheit, denn er wußte dieses räthselhafte Benehmen nicht zu deuten. Er sprach mit ihr über das Begräbniß, und half selbst bei der Decorirung der Kirche, um etwas zu thun zu haben. Emilie verhielt sich ruhig und unbefangen gegen ihn, mied aber jedes Gespräch, welches über die Angelegenheiten des Tages und die Geschäfte der Wirthschaft hinaus strebte. Der Baron fing an, ängstlich zu werden.

Nach der Beisetzung traf er mit ihr in den Zimmern, welche die Tante bewohnt hatte, zusammen. Emilie trug mehrere von ihren Sachen auf dem Arme, und wollte sich damit nach ihrem Gemache begeben. Der Baron hielt sie auf. Ich lasse Sie nicht gehn, beste Emilie, rief er, bis Sie mir Antwort auf meinen Brief gegeben haben. Was beschließen Sie? Ich muß es wissen, ich kann diese quälende Ungewißheit, Ihnen gegenüber, nicht länger ertragen. Reden Sie! Bin ich nicht einmal einer Antwort werth, Emilie?

Ich liebe Sie nicht, versetzte das Mädchen mit niedergeschlagnen Augen, und Sie lieben mich auch nicht; Sie bilden sich das nur ein. Es traf ihn wie ein Donnerschlag. Einbilden! rief er aus. Ich lege Ihnen Stand, Reichthum, Vorurtheile, Alles zu Füßen, und Sie können von Einbildung reden? Sie können einen Mann, der Ihnen von jeher so herzlich zugethan war, mit dem kalten: Ich liebe Sie nicht - abfertigen?

Sie haben diesen Plan entworfen, Herr Baron, sagte Emilie, er scheint Ihnen geglückt zu seyn: und nun berührt es freilich Ihren Eigensinn schmerzlich, daß ein armes Mädchen, das Geschöpf Ihrer Gnade, es wagt, denselben zu vereiteln. Sie kennen mich ja nicht; glauben Sie, daß vier und zwanzig in Lärm und Verwirrung hingegangne Stunden genügen, eines Menschen Sinn zu ergründen? Mir aber ist der Gedanke unerträglich, etwas als künstliche Berechnung ansehn zu müssen, was ich bis jetzt als Werk der freien Großmuth verehren zu können, mich innig freute. Aus solchen Enttäuschungen erzeugt sich, wie Sie leicht ahnen, keine Liebe.

Der Baron war ganz vernichtet in seinen Stuhl gesunken. Emilie fuhr mit milderem Tone fort: Lassen Sie uns friedlich scheiden! Ihnen den Kummer, mir ein ängstliches Leben zu ersparen, muß ich aus Ihrem Schlosse fort: Sie sehen ein, daß wir unter solchen Verhältnissen hier nicht zufrieden mit einander wohnen können. Ich will diese Sachen zu meinen übrigen packen; Sie geben mir wohl eine Fuhre bis zur Stadt?

Er sprang auf, und sagte: Alles Andre, nur dieses nicht. Ich müßte verzweifeln, wenn ich mir dächte, daß meine Leidenschaft Ihnen die sichre Stätte genommen, Sie heimathlos in die weite, wüste Welt hinaus getrieben habe. Ersinnen Sie, was unserer Lage angemessen ist; ich will Alles eingehn: nur strafen Sie mich nicht so hart, wie Sie vorhaben.

Wir sind in einer sonderbaren Verwirrung, erwiederte Emilie. Niemand fühlt es mehr, als ich, wie grausam es wäre, wenn ich Sie jetzt verließe. Sie haben an mir gethan, was ich Ihnen nie vergelten kann; mein ganzes Bestreben muß seyn, Ihnen Zinsen von dem unabtragbaren Capitale zu entrichten; und mögen Sie dasselbe angelegt haben, aus welcher Absicht es auch sei, ich halte mich daran, daß es angelegt worden ist, und bin mit reinstem Herzen bereit, Ihnen Zeit Lebens dankbar zu dienen. Sie werden mich bei sich zurückhalten, wenn Sie eine Bedingung erfüllen, welche unerläßlich ist.

Der Baron fragte hastig nach dieser Bedingung, und sie fuhr fort: Sie geben mir Ihr männliches Ehrenwort, daß Sie nie zu mir von Liebe reden wollen.

O Gott - seufzte der Baron - kann sich das Menschenherz nicht ändern? Kann sich nicht in Ihre Brust mit der Zeit eine wärmere Empfindung schleichen, und ich soll alle meine Hoffnungen in einem starren Worte so unbedachtsam aufgeben?

Seyn Sie versichert, antwortete Emilie lächelnd, daß ich es Ihnen sagen würde, wenn ich Sie einst lieben sollte. Aber diese Zeit wird nicht kommen; ich kann mir keine Vorstellung davon machen, wie es möglich seyn sollte.

Der Baron reichte ihr seine Hand und sprach: Wohlan, Sie haben mein Wort. Und ich bleibe hier, rief Emilie, und wünsche, Ihnen nützlich zu werden.

Aeußerlich schien nun Alles auf dem Schlosse im schönsten Gleise zu seyn. Emilie nahm sich mit dem größten Eifer der Wirthschaft an; ihr ganzes Bestreben ging dahin, die Tante vollkommen zu ersetzen. Sie übereilte nichts, sie sorgte nur, daß jedes Ding zu seiner Zeit still und geräuschlos geschahe. Als die Tante das Regiment führte, war der Baron oft mit den Ungezogenheiten des Gesindes behelligt worden, und hatte zu seinem Verdrusse richten und strafen müssen. Das kam jetzt nicht mehr vor; Emilie besaß die Klugheit, auf Kleinigkeiten nicht zu merken, bei größern Verstößen aber unerbittlich rasch die Uebelthäter fortzuschaffen.

Gegen den Baron war sie die Unbefangenste, die man sich denken kann. Jungfrau im höchsten Sinne des Worts, gab es für sie nichts Verfängliches. Sein Ehrenwort beruhigte sie durchaus; sie mied keinen einsamen Spaziergang, kein Alleinseyn mit ihm in Morgen= und Abendstunden. Herzlich und theilnehmend bewies sie sich, wenn sie an ihm Verstimmung sah, wußte dann dem Gespräche eine freie Wendung gegen die heitern Seiten des Lebens zu geben, oder beschwor seinen bösen Dämon mit den Tönen ihrer Harfe, die sie fertig und ausdrucksvoll spielte. Sie lernte den Baron immer mehr schätzen; und wie natürlich war es daher ihrem schönen Herzen, auf alle seine Wünsche und Eigenheiten zu achten, jene in Voraus zu errathen und diese zu schonen. Sie merkte denn doch nach und nach, daß sein Gefühl tiefer gewesen sei, als sie anfangs gemeint hatte, und es schien daher menschlich zu seyn, ihm den Kummer, welchen sie ihm, wiewohl ohne Absicht, verursachte, durch besondre Sanftmuth einiger Maßen zu lindern.

Was ihn selbst betrifft, so war er in einer bedauernswürdigen Lage. Es ist nichts schrecklicher, als auf einen Schatz Verzicht leisten zu müssen in dem Augenblicke, da man seinen Werth nur noch dunkel ahnt, und darauf verdammt zu seyn, die herrlichen Eigenschaften des versagten Gutes Alle in der nächsten Nähe kennen zu lernen. Diesen Gram hatte unser Freund zu erdulden. Je mehr sich Emiliens treffliches Wesen vor seinen Augen entfaltete, um desto schärfer wurde der Gram, der an seinem Herzen nagte. Nach allen Seiten hin gab sie Freude und Beruhigung; ihn allein kränkte und verletzte sie, und um so schwerer, je freundlicher sie gegen ihn wurde. Wäre sie kalt und strenge gewesen, er hätte es nicht ertragen; nun sie warm und mild war, fühlte er nicht mindere Qual. Oft, wenn sie bei ihm saß, und einfache Worte, wie himmlische Musik, aus ihrem Munde quollen, zerfloß er innerlich vor bittrer Wehmuth. Dann mußte er sich halten, daß er nicht, in Thränen aufgelöst, an ihren Hals stürzte. Dann eilte er fort in die einsamsten Gänge seines Parks, oder in die Schatten seiner Forsten, und klagte den Bäumen, wie ein Jüngling, daß ihm das Schicksal Alles gegeben habe, nur nicht Liebe.

Gegen seine Untergebenen stimmte ihn das eigne Unglück nur noch milder. Was viel später an andern Orten geschah, das beabsichtigte er jetzt schon in seinem Kreise wirklich zu machen. Die persönlichen Frohnen der Unterthanen, welche der Menschlichkeit entgegen waren, ließ er stillschweigend abkommen, indem er sie nicht forderte; wegen der übrigen Lasten arbeitete er mit dem Gerichtshalter einen Plan aus, nach welchem dieselben allmälig zu Gunsten der Leute, und ohne gar zu großen Schaden der Herrschaft verschwinden sollten. Wenn ihn etwas aufzuheitern vermochte, so war es die Hoffnung, daß sein Nachfolger unter lauter freien Menschen wohnen werde. Er dachte mit einer Art von Freude an seinen Tod, und wollte seine Besitzthümer im besten Stande überliefern, damit diejenigen, welche nach ihm kämen, sich ihrer zu erfreuen hätten. Sich selbst sah er für einen Haushofmeister an, der für Andre sorgt, und zufrieden ist, wenn man seine treue Mühwaltung mit einem dankbaren Worte anerkennt. Er äußerte diesen Gedanken einst gegen Emilien ohne alle Bitterkeit, erfuhr aber von ihr den lebhaftesten Widerspruch, und wurde fast gescholten, daß er so wenig dem Leben vertraue, welches doch gewiß ihm noch reichen Genuß verstatten werde. Er schwieg mit einem schmerzlichen Lächeln.

Das Verhältniß beider Personen war indessen immer reiner und so schön geworden, als es ohne Wechselliebe seyn konnte. Sie hegten gegen einander das unbedingteste Vertrauen, und erkannten sich so richtig in ihrer Eigenthümlichkeit, daß fast nie ein Mißverständniß zwischen ihnen obwaltete, oder, wenn ja eins entstanden war, dasselbe bald auf friedliche Weise geschlichtet wurde. Nur zeigte sich in Emiliens Wesen seit jener resignirenden Erklärung des Barons eine gewisse Unruhe, die mit ihrem frühern Gleichmuth sonderbar genug contrastirte. Sie fragte sonst nicht leicht nach etwas, das in ihr Departement gehörte, weil sie darin selbst so ziemlich fest war. Jetzt schien es aber, als ob ihre Kenntnisse von manchen Gegenständen gelitten hatten; denn sie kam fast täglich zu ihrem Beschützer auf sein Zimmer, um sich einen entstandnen Zweifel auflösen zu lassen. Ein Schalk hätte glauben können, es sei mit manchem dieser Scrupel nicht so gar ernstlich gemeint gewesen. Hatte Sie das Zimmer verlassen, so war meistens ein Schlüssel, oder ein Tuch, oder sonst Etwas von ihr dort liegen geblieben, und das arme Mädchen mußte dann noch einmal stören, welches ihr, wie sie jederzeit versicherte, sehr leid that. Einst war der Baron in eine schwierige Arbeit vertieft, und blickte daher nicht auf, während Emilie im Zimmer umhersuchte. Sie war zuletzt genöthigt, ihn gradezu anzureden, und nach dem Buche zu fragen, welches sie gestern hatte liegen lassen. Dort ist es - versetzte er, und wies auf eins, welches dicht vor ihren Augen lag.

Er zog aus diesem und Aehnlichem keine Folgerungen; denn er war frei von Eitelkeit, und hatte bei sich die Hoffnung aufgegeben, Emilien zu gewinnen.

Seit seiner Heimkunft war er noch nicht bei dem Nachbar gewesen, und konnte jetzt einen Besuch nicht länger verschieben. Es fiel ihm eines Tages plötzlich ein, die lästige Visite rasch abzumachen; er ließ daher seinen Fuchs vorführen, und ritt hinüber, ohne Emilien, welche grade nicht im Hause war, Adieu zu sagen. Drüben bemerkte er am Fräulein und dem Phlegmaticus eine gewisse Verlegenheit. Er ahnte häuslichen Verdruß; that aber, als sähe er nichts, und nahm sich vor, den Besuch möglichst abzukürzen.

Kaum hatte Luciane auf einen Augenblick das Zimmer verlassen, als der Nachbar seinem Herzen Luft machte. Ein Maler in der Stadt hatte versprochen, sie zu portraitiren, war aber leichtsinnig fortgereist, ohne sein Wort zu halten. Das Bild mußte in Acht Tagen fertig seyn; man wußte keinen Rath, wie es zu schaffen. Der Nachbar rief aus, daß man alle Hallunken von Farbenkleksern ins Zuchthaus stecken müsse, da sei man ihrer doch gewiß.

Der alte Mann war ganz erboßt, und forderte Selterwasser, um sich abzukühlen. Fräulein Luciane trat herein. Ich höre - sagte der Baron zu ihr - in welcher Verlegenheit Sie sich befinden.

Sie entgegnete: Es ist ein bekannter Satz, Herr Baron, daß das menschliche Leben aus fehlgeschlagnen Wünschen und Hoffnungen besteht; und sehr schön sagt der Dichter in dieser Beziehung:

Schweigend herrscht des Schicksals unberathne Schwester:

Ich rufe dagegen, antwortete er, Ihrer Belesenheit den Vers ins Gedächtniß zurück:

Die Hand, die uns durch dieses Dunkel führt u. s. w.

dessen Wahrheit sich hier bestätigt; denn ich bin das schwache Werkzeug des Himmels, welches Ihnen aus der gegenwärtigen Noth helfen soll. Ich habe ziemlich Uebung im Portraitiren; wenn Sie mir sitzen wollen, so werde ich Sie malen.

Die Gesichter heiterten sich auf; das Fräulein sprach in den zierlichsten Worten ihren vorläufig gefühlten Dank aus, und der alte Phlegmaticus raunte dem Baron, als dieser sich beurlaubte, ins Ohr: Unter dem Siegel der Verschwiegenheit, bester Freund, Luciane ist verlobt mit dem und dem, und will ihm das Portrait zu seinem Geburtstage schenken, der dann und dann ist. Wernern überraschte die Nachricht sehr angenehm; sein zartes Gewissen hatte ihm mitunter Vorwürfe gemacht; er glaubte durch seine Unvorsichtigkeit in dem Fräulein Hoffnungen erweckt zu haben, und fühlte sich nun plötzlich von allen Anforderungen ihrerseits, frei. Er versprach, am folgenden Tage mit Elfenbein und Farben wiederzukommen, und langte heiter zu Hause an.

Emilien war eine sonderbare Empfindung durch das Herz gedrungen, als sie vernommen hatte, daß der Baron nach Burgdorf geritten sei. Sie wußte von dem Plane der Tante, und es schien ihr natürlich, daß der Neffe ihn jetzt wiederaufnehme; doch konnte sie sich nicht darüber freuen. Zum ersten Male dachte sie über die Veränderlichkeit der Männer nach, wovon sie bis jetzt bloß durch Bücher gehört hatte. Sie sah in dem unbemerkten Fortreiten eine besondre Heimlichkeit, und war etwas befangen, als er ihr entgegentrat. Er zeigte sich den Abend über heiter, ja selbst scherzhaft, wodurch ihre Unruhe nur noch vermehrt wurde. Als sie gar hörte, daß er in der nächsten Woche täglich den Nachbar besuchen werde, so ergriff sie in ihrer Verwirrung den ersten Vorwand, um sich fortzubegeben. Allein mit sich, schalt sie ihr albernes Herz, welches sie zum ersten Male nicht verstand. Aber das Herz ist ein Sophist; es verantwortete sich und sprach: wenn er die Gemahlin in das Haus führt, so wird deine Lage vielleicht sehr schlimm. Nun hatte sie einen Grund ihres Verdrusses, und dieß beschwichtigte sie, ohne sie zu erheitern. Sie fühlte, daß sie ein armes abhängiges Mädchen sei; Wehmuth und eine bittere Abneigung gegen Lucianen stritten in ihrem Busen um die Oberhand.

Werner ritt indessen unschuldig drei oder viermal nach Burgdorf, und hatte bald die Züge des Fräuleins treffend ähnlich auf seiner Platte. Er nahm nun das Bild mit nach Hause, um dort noch Manches nachzubessern. Eines Morgens, als er, eben damit beschäftigt, in seinem Zimmer bei gedämpftem Lichte saß, trat Emilie ein. Da der Zweck des Portraits ein Geheimniß war, so wollte er es nicht gern sehen lassen, und versteckte es schnell. Aber Emilie bemerkte dieß und ihr Gesicht veränderte sich. Unglücklicher Weise ward er in diesem Augenblicke zu einem Fremden abgerufen. Sie befand sich nun allein, und eine Vorstellung jagte die andre blitzschnell durch ihre Seele. Er zeichnet, er versteckt die Zeichnung vor mir, er reitet täglich nach Burgdorf; was kann er zeichnen, als Lucianens Gesicht? Warum, wenn er nicht Absichten auf sie hat, betreibt er die Sache so im Verborgnen? - Ein böser Genius flüsterte ihr zu: das Versteckte hervorzuholen; schon hat sie ihren Arm erhoben, da spricht ihr guter Genius, und siegt. Sie geht aus dem Zimmer, ohne des Barons Rückkunft zu erwarten. Er seinerseits hatte sich bereits Vorwürfe über sein Benehmen gemacht; er glaubte, Emilien beleidigt zu haben, und nahm sich vor, das Versehene wieder gut zu machen. Sobald er mit Emilien zusammen kam, sagte er: Sie hätten aus meinem albernen Verstecken heute Morgen auf Gott weiß was für Geheimnisse schließen können. Sehen Sie hier den verborgnen Talisman. - Er wies ihr das Bild; sie fand ihre Ahnung bestätigt. Mit angenommner Gleichgültigkeit fragte sie: Für wen ist es denn? - Er sah sich schon wieder in der unangenehmen Lage, eine Unwahrheit sagen zu müssen, und versetzte mit halbem Tone: Für eine Freundin Lucianens.

Emilie war in ihrem Innern wie verwandelt. Es kränkte sie tief, daß der Freund vor ihr Geheimnisse hatte. Dann zitterte sie wieder vor dem Augenblicke, da er den Mund gegen sie öffnen würde. Ihre Seele spaltete sich in heftigen Kämpfen; sie ward, was ihr sonst so fremd gewesen war, empfindlich, und konnte durch den Ton eines Wortes, ja durch Blicke beleidigt werden.

Der Baron, welcher dieß bemerkte, grübelte der Ursache nach, konnte aber natürlicher Weise die Wahrheit nicht errathen. Er erhöhte seine Freundlichkeit, und war untröstlich, daß Emiliens Verstimmung in dem Grade zunahm, als er bemüht war, dieselbe zu heben und aufzulösen.

o versenkt in die Interessen seines Herzens und seiner nächsten Umgebung, hatte unser Freund seither wenig auf den Gang der großen Welthändel geachtet, die indessen einen immer fürchterlicheren Charakter angenommen hatten. Es kam die Zeit, da man auch auf dem Boden unsers Vaterlandes die Republik gründen wollte. Eine große benachbarte Stadt machte den Anfang; Emissarien durchzogen von da aus, an der Spitze bewaffneten Gesindels, das umliegende Land, die dreifarbige Cocarde auszutheilen, und den verführerischen Freiheitsbaum zu pflanzen.

Ein ungeheurer Zorn ergriff den Baron, als er von diesen Dingen Nachricht bekam. Emilie mochte bitten und beschwören, so viel sie wollte, sie konnte den Aufruhr seiner Brust nicht dämpfen: denn die innersten Fasern seiner Natur waren durch so rohe Angriffe verletzt. Sobald das Gespräch nur nach diesem Punkte hinklang, bemeisterte sich seiner eine unbändige Wuth, welche austoben mußte und sich durch kein gutes Wort besprechen ließ. Er wollte einen Landsturm gegen die Ruhestörer bilden, im Heere des Kaisers als Freiwilliger dienen, und was noch sonst für abenteuerliche Gedanken durch seine Seele zogen.

Einst kam der phlegmatische Nachbar voller Angst auf das Schloß. Die Emissarien hatten sich in seinem Gebiete blicken lassen; er wußte nicht, was er bei so kritischen Umständen beginnen sollte, und bat den Baron um Rath. Dieser versetzte: Ich kann nicht sagen, was Sie zu thun haben; ich für mein Theil steche Jeden nieder, der in meiner Feldmark von der neuen Freiheit predigt! Gott bewahre! rief der Nachbar, das gäbe ja Mord und Todtschlag. Es könnte wohl seyn, erwiederte Werner kalt.

In diesem Augenblicke stürzte ein Bedienter herein und schrie: Gnädiger Herr, unten im Dorfe steht der Trödel=Jude Mendel mit einer ganzen Bande, und schwatzt tolles Zeug, und will sengen und brennen; Alle tragen sie dreieckige Hüte und bunte Cocarden! - Hölle und Teufel! donnerte der Baron außer sich - Meinen Degen! - Herr Nachbar! rief der Phlegmaticus, und entfloh spornstreichs. Lieber Werner! rief Emilie, sich vergessend, und wollte ihn festhalten. Aber er wand sich mit männlicher Stärke los, und indem er nun, den Degen in der Faust, durch die Thüre hinaus schritt, war es ihr, als müßte sie vor dieser Erscheinung in die Knie sinken; er kam ihr vor, wie ein gewaltiger Ritter der alten Zeit.

Unten im Dorfe fand er einen Kreis von Bauern um den Juden Mendel versammelt, der auf einem Steine stand, und die eingelernten Floskeln des Convents vortrug. Neben ihm waren acht bis zehn zerlumpte Kerls, welche Hirschfänger, Säbel und Pistolen trugen. Der Baron trennte mit starkem Arme den Kreis, und drang gezückten Degens auf den Freiheitsprediger ein. Dieser wollte sich mit einem Satze retten; aber schon hatte ihn der Baron erreicht, und hieb ihm über den Kopf, daß das Blut herabrann, und der Jude zu Boden taumelte. Er richtete sich indessen gleich wieder auf, und schrie: Schießt ihn todt! Ein Kerl von wildem Ansehn zielte, drückte ab, und schoß unsern Freund in die Schulter, so daß er stürzte. Die Bauern sprengten aus einander, machten einen entsetzlichen Lärm; Keiner wagte aber, Hand anzulegen. Die Bande, den blutenden Juden in die Mitte nehmend, zog sich langsam aus dem Dorfe zurück, feuerte links und rechts in die Häuser, und drohte unter fürchterlichen Schwüren, nächstens mit bewaffneter Macht zum Ruin des Tyrannen wiederzukehren. Die Bauern begnügten sich, ihnen von weitem zu folgen, und ihnen einige Steine nebst vielen Schimpfworten nachzusenden.

Emilie kam in Todesangst vom Schlosse herab, und fand Wernern an der Erde liegen, um welchen sich in der Verwirrung noch Niemand bekümmert hatte. Der Blutverlust hatte ihm eine Ohnmacht zugezogen; sie riß sich das Halstuch ab und verband unter heißen Thränen damit nothdürftig den bleichen Freund. Dann wurde er auf einen Tragesessel gesetzt, und in das Schloß gebracht. Als er wieder zum Bewußtseyn kam, fühlte er einen warmen Athem an seiner Wange. Emilie kniete vor dem Bette, sein erster Blick fiel in den ihrigen. Wie geht es Ihnen? fragte sie sanft. Recht wohl, versetzte er, und drückte ihr freundlich die Hand, indem er die Augen abermals schloß.

Emilie übersah bald mit Besonnenheit die Lage der Sache. Die Kugel war aus der Schulter gezogen, das Schlüsselbein unverletzt befunden worden, und der Chirurgus versprach eine baldige Herstellung, wenn der Kranke die nöthige Ruhe genösse. In letzterer Beziehung hegte Emilie einige Besorgniß. Sie hatte von den Drohungen jener Rotte gehört, und wenn sie auch nicht gerade eine Wiederkehr derselben fürchtete, so konnte doch nach ihrer Meinung in so stürmischen Zeiten, hier am Orte, manches Unangenehme vorfallen, welches dem Baron vielleicht nicht zu verbergen war, und seine Herstellung hindern mußte. Sie entschloß sich daher kurz und gut, ihren Verwundeten in ein nahes, wohlgelegnes Städtchen zu bringen, in welchem sich ein sehr guter Gasthof befand. Mit der Wirthin wurde sogleich das Nöthige durch einen Boten abgemacht. Als sie dem Baron ihren Plan eröffnete, willigte dieser in Alles, was ihr gut dünkte; sie säumte daher nicht, augenblicklich den Entschluß auszuführen. Der Kranke wurde in Kissen gepackt, in einen bequemen Wagen gelegt und kam ohne große Beschwerde im Städtchen an. Im Gasthofe waren zwei kühle freundliche Zimmer nach hinten hinaus, bestens zubereitet, eins für den Baron, und dicht daneben eins für Emilien. Kaum war der Kranke beschickt, als Emilie von der Wirthin Feder, Dinte und Papier forderte, und sich niedersetzte, um zu schreiben. Der Baron fragte sie, an wen der Brief gerichtet sei? - An Ihre Fräulein Braut: Ich muß ihr doch Nachricht von Ihrem Zustande geben - antwortete das gute, von mannichfaltigen Empfindungen gepeinigte Mädchen, mit einem jener unbeschreiblichen Blicke, die man nur an den Frauen wahrnehmen kann. An wen? fragte er verwundert. An Fräulein Lucianen, erwiederte Emilie, die ihren Mißgriff einsah. Liebe Emilie, rief Werner, das Fräulein ist nie meine Braut gewesen; und ich habe jetzt am wenigsten Lust, um sie zu werben. Gewiß nicht? fragte sie, indem sie, von Freude glühend, aufsprang. Er verneinte es, indem er die Hand auf das Herz legte. Was brauche ich dann zu schreiben! rief das Mädchen, im ganzen Gesichte Vergnügen, und hüpfte den Tag über mehr, als sie ging.

Ein starkes Wundfieber quälte den Kranken die nächsten Nächte hindurch. Die Tage waren leidlich. Emilie wich fast nicht von seinem Lager. Immer bedacht, ihm Linderung zu verschaffen, hatte sie sehr bald ihm abgemerkt, wie er am bequemsten lag, wovon er am liebsten reden hörte, was ihm Erquickung gab. Daß sie fast keinen Schlummer genoß, konnte man ihren glänzenden Augen nicht ansehn.

Eines Morgens wanderte demselben Städtchen ein humoristischer Musensohn zu, das Portefeuille unterm Arm. Es war Niemand anders als Sterzing, der wieder einen Besuch auf dem Gute des Barons machen wollte, und nach Künstlerweise unbekümmert um die Ereignisse in der Welt, von allem Vorgefallnen nicht das Mindeste wußte. Da ihm der Weg lang wurde, so sang er zum Zeitvertreib mit seiner heisern Stimme für sich ein Lied hin, welches ihm ein jüngrer Kunstgenosse einst in das Stammbuch geschrieben hatte, und von dem einige Verse so lauteten:

        Will ein König, stolz und mächtig,
        Zeigen sich den Völkern prächtig,
        Und ein Erdenherrgott scheinen,
        Hilft ihm keiner von den Seinen:
        Zu des Architecten Händen
        Muß der Fürst sich flehend wenden,
        Baut ihm Palast, goldne Dächer,
        Audienz= und Prunkgemächer,
        Solches müsset ihr uns lassen:
        Kunst ist Hans in allen Gassen.

        Will ein braves Chor von Frommen
        Gradeswegs gen Himmel kommen,
        Fehlt es leider nur an Schwingen,
        Die die Seelen aufwärts bringen.
        Gebt ein gutes Wort dem Meister,
        Der versammelt Klanges Geister,
        Melodien führen weich
        Andacht auf zum Himmelreich!
        Solches müsset ihr uns lassen:
        Kunst ist Hans in allen Gassen.

        Will ein Paar von zarten Pinseln,
        Nicht mehr einsam für sich winseln,
        Sondern sich getrost entdecken,
        Bleibt das Wort im Munde stecken.
        Doch der Maler hilft den Leuten,
        Bild und Zeichnung sollen deuten
        Tiefe Flammen, wunde Herzen,
        Verschen drunter spricht von Schmerzen.
        Solches müsset ihr uns lassen:
        Kunst ist Hans in allen Gassen.

Er war bei diesen Worten an das Städtchen gekommen, und bog hinein, um darin zu frühstücken. Als er in den Gasthof trat, schritt Emilie gerade von der Treppe herab. Sein scharfes Malerauge erkannte sie sogleich wieder; aber wie erstaunt war er über die Verwandlung, welche mit ihrer Gestalt vorgegangen war. In einer Art von komischem Entzücken ließ er seine Mappe fallen, kniete darauf, und rief, indem er die Arme gegen sie ausbreitete: Ave Maria! Wo ist Sanct Joseph, der Zimmermann? Sie machte große Augen, sagte: Sie sind wohl närrisch! und verschwand. Sterzing raffte sich auf, mit dem Entschlusse, diese herrliche Figur in einem von seinen Gemälden anzubringen. Er ging zur Wirthin, und erfuhr von ihr, daß der Baron verwundet im Hause sei und daß die Mamsell ihn pflege. Er wollte gleich zu seinem Freunde, die Wirthin hielt ihn aber zurück, und meinte, eine Ueberraschung möchte dem Kranken gefährlich seyn. Sie ging, um ihn anzumelden. Sterzing setzte sich hin, ließ sich Wein geben, und blätterte in seiner Mappe. Er hatte die Skizze von Maria und Joseph für den Baron mitgebracht, deren wir uns aus dem Anfange dieser Geschichte erinnern, und sah sie jetzt mit einem besonderen Vergnügen an; denn er hielt Emilien und Wernern für ein Paar, und betrachtete sich als den Gründer ihres Glückes.

Voll von diesem Glauben betrat er das Krankenzimmer, in welches er durch die Wirthin beschieden wurde. Der Baron rief ihm entgegen: Wie in aller Welt kommt Ihr hieher? So möchte ich Euch fragen, versetzte Sterzing, wenn ich es nicht schon wüßte. Wer Teufel heißt Euch Euern hochfreiherrlichen Leib ins Gefecht mit Juden und Revolutionspack tragen? Das war mit Eurer Erlaubniß, eine kleine Sottise, mein lieber Baron. - Ich hätte es eben so gemacht, wenn ich ein Mann gewesen wäre! rief Emilie mit anmuthiger Kühnheit aus. - Bravo, sagte Sterzing - das wird ein Geschlecht von Helden geben. Der Baron fürchtete von der Unkunde des Malers eine verletzende Wendung des Gesprächs; er entfernte daher Emilien durch die Bitte, ihm etwas zu holen, und sagte dann: Sie sehen mich hier als Opfer einer doppelten Revolution. Die eine geht von unten nach oben; das Volk will die Privilegien der Großen vernichten, oder an sich reißen; ich weiß nicht, was in dem dunkeln Schooße der Zeit gährt. Dieser widersetzte ich mich meines Orts, und bekam dafür eine Kugel in die Schulter. Die andre geht von oben nach unten; die Großen möchten der Freiheit des Volks genießen, Bündnisse schließen mit den Töchtern der Bürger, und alle Standesbegriffe wegtilgen, so weit sie ihnen hinderlich sind. An dieser nahm ich selbst Theil, und bekam dafür einen Korb, der mir noch zu schaffen macht. Will Maria Sanct Joseph nicht haben? fragte Sterzing. Lassen Sie uns über einen so ernsten Gegenstand nicht witzeln, versetzte unser Freund. Gattinnen schenkt uns der Himmel, wenn er sie für uns fertig hat; ich vergaß das, und wollte mir selbst eine erziehn. Für diese Thorheit, und dafür, daß ich meine alte ehrwürdige Tante Jahre lang täuschte, vielleicht durch meine Täuschung Anlaß zu ihrem Tode gab, büße ich, und büße gerecht. Erwähnen Sie in Emiliens Gegenwart ja nichts von diesen Dingen; das edle Mädchen ist nur unter der Bedingung bei mir, daß hierüber gewissenhaftes Stillschweigen beobachtet wird. - Hm, hm, murmelte Sterzing; das ist hier ein kurioses Wesen, und ich komme vielleicht gerade zur rechten Zeit an.

Der Kranke hätte ihn nun gern entfernt; denn er war in seinem jetzigen Zustande für Sterzings Laune nicht recht empfänglich. Er schlug ihm daher vor, nach dem Schlosse zu gehn, und dort einstweilen allein sich die Zeit zu vertreiben. Aber der Maler gehörte zu den Menschen, die innerlich kalt, bisweilen einen Anlauf zur Wärme und zur Empfindung nehmen, und dann in ihrer Bizarrerie verharren, welche sie für Vortrefflichkeit halten. Er schlug dem Baron rund ab, ihn zu verlassen. Ich wäre ein Ochs, und gehörte in ein Pottersches Viehstück - sagte er auf seine energische Weise, wenn ich jetzt von Euch ginge, mir bei Euch bene thäte, und meinen edeln hospes hier schmachten ließe. - Es war nichts mit ihm anzufangen; man mußte ihn gewähren lassen. Emilie hatte nun die doppelte Sorge, ihren Beschützer zu warten, und den unruhigen Gesellen von ihm abzuhalten, der mit seinen Späßen der Genesung eher hinderlich, als förderlich war. Es gelang ihr so ziemlich: Sterzing lief fast den ganzen Tag umher, bildete sich aber nichts desto weniger ein, daß er dem Baron die ersprießlichsten Dienste leiste, und einen unendlichen Edelmuth durch sein Verweilen zeige.

Einmal kam Emilie zu ihrem Freunde und sagte: Was mag der wunderliche Mann nur mit seinen immerwährenden Anspielungen auf Maria und Joseph wollen? Sie sind mir unleidlich; Witzworte, deren Sinn ich nicht verstehe, erschrecken mich wie Gespenster; sie sind körperlos und graunhaft, gleich diesen. - Krankheiten geben dem Menschen eine gewisse Rücksichtslosigkeit. Werner erzählte ihr so freimüthig, als sie gefragt hatte, die Geschichte der frühern Tage, und reichte ihr des Malers Skizze, mit welcher er sich eben beschäftigt hatte. Emilie schauderte fast vor der seltsamen Zeichnung zurück und versank in tiefes Nachdenken. Es kam ihr sonderbar vor, daß Menschenwille und Geschick sich unsre unbewußtesten, einsamsten Momente wählen, um uns in ferne, kaum geahnete Kreise zu ziehn. Werner, da er ihren Ernst bemerkte, fragte sie: ob er sein Ehrenwort gebrochen habe? Nein, erwiederte sie erröthend; Sie sprachen von Dingen, welche vergangen sind.

Gewiß Emilie - rief er - sie sind in jedem Sinne vergangen. Es ist Zeit, fuhr er mit schöner Herzlichkeit fort, daß ich einmal ganz meinen Busen Ihnen eröffne. Ich habe Ihnen durchaus entsagt; ich fühle im Grunde meiner Seele, daß ich Sie nicht verdiene zu besitzen. Mein innigster Wunsch ist nur, daß Sie an der Seite eines geliebten Mannes dereinst das Glück genießen mögen, dessen Sie fähig sind. Beste Emilie, lassen Sie mich etwas aussprechen, und nehmen Sie es gut auf. Schon lange bekümmerte mich die Sorge um Ihre künftige Existenz, und während meines jetzigen Siechthums ist ein Plan gereift, sie zu sichern. Ich habe vor, Ihnen die kleine Meierei am Strome, welche Sie so lieben, als Ihr Eigenthum zuschreiben zu lassen. Versagen Sie mir den Wunsch nicht, nehmen Sie das Gehöfte aus der Hand Ihres treusten Freundes an!

O Gott! war Alles, was Emilie auf diese rechtschaffenen Worte vorbringen konnte. Ihr Herz im Busen stockte, sie schwankte in Ihr Zimmer, und fiel vor dem Sopha nieder, das Gesicht in die Kissen drängend. Lange lag sie so ohne deutliches Bewußtseyn. Dann durchdrang ein unabweisliches Gefühl ihre Brust, und rief ihr zu: daß sie Wernern liebe, daß sie ihn schon längst geliebt habe. Zugleich aber machte seine Ruhe, seine Fassung ihr schrecklich klar, daß er genesen sei von der Leidenschaft, daß er wirklich der Hoffnung entsagt, weil ihn der Wunsch verlassen habe. Sie rief den Himmel um Erleuchtung an in ihrem dunkeln Verhängniß, und der Himmel gab ihr diese Erleuchtung. Der Entschluß wuchs in ihr empor, den edelmüthigen Mann nie zu verlassen; sondern Zeit ihres Lebens bei ihm als treue Ratherin und Beschließerin auszuharren. Diesen Vortheil haben die Frauen in solchen Lagen über uns; sie dürfen sich einem opfern, und darin eine traurigfreundliche Beruhigung finden; uns vielfach Angesprochnen ist das versagt.

Sie behauptete ihre Fassung, und ließ Niemanden gewahren, daß Welt und Zeit vor den getrübten Blicken zitterten. Ihre Kraft wurde durch die Bemühungen hervorgerufen, welche sie dem Maler entgegen zu setzen hatte, der nunmehr, geradehin gesagt, unausstehlich zu werden anfing. Er hatte mehrere hübsche Ansichten bei dem Städtchen aufgenommen, dann einige Karikatur=Gestalten, die ihm in den Straßen entgegen gelaufen waren, gezeichnet, und war jetzt ohne Beschäftigung, daher er die größte Langeweile zu fühlen begann. In diesem Zustande kam nichts seinem Mißbehagen und seiner Unruhe gleich. Quecksilbrig durchrannte er das ganze Haus, schlug die Thüren heftig zu, stürmte jeden Augenblick unerwartet ins Krankenzimmer, überschüttete Wernern mit einer Masse von barocken Einfällen, forderte sein Urtheil über abscheuliche Zerrgestalten, die er alle Tage zu Dutzenden fabricirte, und was dergleichen Ungereimtheiten mehr waren, welche den Kranken ganz verdrießlich machten.

Emilie bat den Maler mehrmals höflich, doch nach dem Schlosse abzureisen; aber er blieb unbeweglich: denn er war so consequent in einer angefangnen Starrheit, als er inconsequent war, da wo es Ernst galt. Um ihn zu beschäftigen, und ihn einiger Maßen unschädlich zu machen, schlug ihm Emilie vor: er möchte insgeheim eine Composition machen und damit den Freund zu seiner Genesung überraschen; irgend etwas Bedeutendes, Charakteristisches müsse es seyn. Sterzing ergriff diese Idee mit allem Feuer. Ich will etwas liefern, rief er aus, was alle meine bisherigen Werke übertreffen soll. Man hat mich so oft getadelt, daß ich die Gattungen vermische; jetzt ist ein reiner, antiker, erhabner Sinn, wahrscheinlich durch die Langeweile dieses Orts in mir erweckt worden; und ich benutze diese Stimmung, welche leicht späterhin wieder verfliegen möchte, zu einer Schöpfung im großen Genre, die man nicht ohne gähnende Bewunderung und ohne bewunderndes Gähnen wird anschauen können. Ich male für unsern Baron, der auch so eine Art von Pygmalion ist, die Scene, wo dieser Künstler die Göttin bittet, die geliebte Statue für ihn zu beleben. Nun merken Sie aber, wodurch ich eine Situation hervorbringe. Die Statue ist ein Bild der Venus; der Meister darf daher vor ihr im Staube liegen, und sie selbst um sie selbst anflehn. O ein herrlicher Gedanke! Ich freue mich schon darüber, was mir Alles während der Arbeit noch einfallen wird. Sie, schönste Emilie, sollen mir als Modell dienen und die allerliebste, kalte Bildsäule vorstellen, was Ihnen nicht schwer fallen kann.

Emilie hatte zwar bei sich viel gegen diesen Einfall einzuwenden, weil sie dessen Unschicklichkeit fühlte; indessen wußte sie schon, daß wenn man Sterzing in seinen Planen kreuzte, er nicht leicht anderweit wieder zu fixiren war. Sie ergab sich also, indem sie hoffte, die Ueberreichung des Bildes auf irgend eine Weise verhindern zu können, und bat ihn, um ihn ganz zu isoliren, daß er doch ja recht heimlich und recht fleißig seyn möge. So etwas brauchte man ihm aber nicht erst zu sagen, wenn ihn eine Composition ergriffen hatte. Er lebte und webte von nun an ganz in seinem Gedanken, lief nach Materialien und Vorrichtungen zu einem Gerüste umher, und war in den ersten zwei Tagen kaum sichtbar, so daß unser seltsames Paar sich einer wohlthuenden Einsamkeit überlassen fand. Emilie benutzte dieselbe zu einer Ausflucht nach dem Gute, indem sie Wernern unter der Obhut der freundlichen Wirthin zurückließ. Es war der schönste Herbsttag, sie konnte ihrem Pflegbefohlnen ein Körbchen der herrlichsten Obstarten und Trauben zu seiner Erquickung mit zurückbringen. Sie setzte ihm dasselbe auf sein Bett; er genoß die Früchte dankbar, und sprach: Für die Obstzucht auf Ihrem Gehöfte will ich ins Besondre sorgen, liebe Emilie; ich denke, Ihnen eine treffliche Baumschule anzulegen. In dem Augenblicke trat die Wirthin herein und rief froh: Es ist Friede! Sie legte die Zeitung auf den Tisch, aus welcher man ersah, daß das deutsche Republikenwesen in sein Nichts zurückgesunken war. Der Chirurgus kam, nahm den Verband ab, und erklärte Wernern für geheilt. Es war, als ob aller Segen heut Abend über ihn kommen sollte; er rief fröhlich aus: Wie sehne ich mich nach Luft und Licht, nach Bewegung und Freiheit! Wie wohl wird mir die Arbeit auf meinem Gute thun? Beste Emilie, Sie ahnen nicht, was es heißt, krank seyn; man vergißt alles Andre, wenn sich der Körper übel befindet. - Ach ja, dachte Emilie traurig, er hat Alles vergessen, auch seine Liebe. Obstbäume will er mir pflanzen; er mag nur für Cypressen sorgen; an einem Grab wird es vielleicht nicht mangeln! - Dann schalt sie diese weichlichen Gedanken, und beschloß, sich im Dulden zu bewähren. Aber ihr Busen war wie von tausend Messern zerschnitten.

Als sie am andern Morgen sich kaum erhoben und angekleidet hatte, klopfte es leise an ihre Thür. Sie öffnete; Sterzing stand davor mit Crayon und blauem Papier. St! zischelte sie ihm zu - der Baron schläft noch. St! zischelte er nach - ich will Sie mäuschenstill abzeichnen. Was sollte sie thun! Sie mußte es sich wohl gefallen lassen. Leise machte sie die Thür des Krankenzimmers auf, um gleich zu hören, wenn Werner etwas verlangte. Dann stellte sie sich auf den Stuhl, den Sterzing zum Piedestal erhoben hatte. Er löste ihre Flechten, gab ihr mit Shawls eine Art von antiker Bekleidung, und brachte sie in die Attitüde der Venus Genitrix. Sich selber setzte er gegenüber, und fing an zu zeichnen. Kaum hatte er begonnen, als unser Freund von einem langen, balsamischen Schlummer erwachte. Er lag abgewendet von der Thür, die nach Emiliens Zimmer führte, und hielt sich in der Todtenstille, welche herschte, für ganz allein und unbelauscht. Das Fenster, zunächst seinem Bette, war aufgegangen, ein kühler Luftstrom spielte an seine Wangen, als wollte er ihm Grüße von draußen, von der schönen Natur bringen. Er sah in den blauen Himmel, in die gelbrothen Kronen der Bäume, und empfand ein unaussprechliches Wohlseyn, eine Gewißheit der Genesung. In solchen Momenten macht der Mensch seinem Drange durch Worte Raum. Auch Werner war zu beglückt, um stumm bleiben zu können. Dank euch, ihr himmlischen Mächte, rief er aus, daß ihr mich wiederhergestellt habt. Das Leben ist so schön, daß man dafür danken muß, selbst wenn es noch so viel geraubt, noch so oft getäuscht hat! Welche süße Hoffnungen sind mir zertrümmert! dennoch lebe ich und lebe gern.

Im Nebenzimmer ging kein Wort von diesem Selbstgespräch verloren. Sterzing sah mit Schrecken, daß Emilie auf ihrem Stuhle unruhig wurde. Er fürchtete eine Störung der Session - ihm das Verhaßteste auf der Welt - und flüsterte kaum hörbar: Ruhig geblieben, er will von Ihnen nichts; er spricht mit dem lieben Gott; man darf keinen Menschen in der Andacht stören.

Werner fuhr fort: du darfst es dir in dieser stillen Minute gestehn, daß du sie liebst, und ewig lieben wirst. Wo fändest du ihres Gleichen? Aber du hast ihr entsagt, und mußt dein Gelübde halten. Du wirst es halten können, wenn du sie selber glücklich siehst.

Emilie glühte, wie eine Purpurrose. Auch Sterzing verließ der alte Spottgeist; die Sonderbarkeit dieser Situation überwältigte ihn. Er saß stumm da, und schabte mit einem verlegnen Gesichte ganz unmäßig an seiner schwarzen Kreide, bis er den Stift weggeschabt hatte.

So bete ich denn nicht - rief Werner - Gott gib sie mir; sondern: Gott gib sie Einem, der ihr Wesen zu erkennen im Stande ist. Entzünde in ihrer Brust, o Natur, das heilige Feuer einer unsträflichen Liebe, und vollende, indem du ihre Seele beseelst, dein schönes Werk.

Wie hätte ein armes Mädchen, dem das Feuer, von welchem die Rede war, bereits im Herzen glühte, bei so guten, dringenden Worten, wohl länger ein Bild von Stein darstellen können? Emilie warf hastig den Shawl ab, stürzte von ihrem Postament, flog in das Nebenzimmer, und warf sich, aufgelöst von gewaltiger Rührung, dem Freunde an die Brust. O Du - Himmel! war Alles, was sie schluchzend hervorbringen konnte. - Emilie! rief er außer sich - ist es möglich? liebst Du mich denn? - Wen sonst! sagte das Mädchen. Es ist ein Traum! sprach er. Es ist die Wahrheit! rief sie.

Sie holte sich einen Stuhl, setzte sich neben dem Bette nieder, faßte mit ihren beiden Händen die seinigen, und sah ihn lange innig an. Da merkte er, daß es Wirklichkeit war, selige Wirklichkeit. Ach, wie ging das zu? fragte er.

Ich weiß es nicht; versetzte das herrliche Mädchen mit einer züchtigen Freundlichkeit. Es ist, wie es ist; laß uns nicht grübeln. Du verdienst eine Gattin, Du bedarfst eine; Du littest, Du liebtest; seit ich das wußte, litt ich, liebte ich, war ich Dein, und will Dein bleiben bis in den Tod.

Sterzing ließ sich sehen. Der Baron sagte freudig: Lieber Sterzing, hier sind zwei glückliche Menschen. Der Maler erwiederte trocken: Ich gratulire. Bei mir habt Ihr Euch zu bedanken; ich schüttelte Euch die reife Frucht vom Baume. Es heißt mit Recht:

        Solches müsset ihr uns lassen,
        Kunst ist Hans in allen Gassen.

Aber ich habe mein Blatt zerrissen; denn Ihr seid ein größerer Meister, als ich. Ich zeichne die Bildsäulen; Ihr macht sie lebendig, daß sie mir vom Stuhle springen; drum sollt Ihr bis zum jüngsten Tage heißen: der neue Pygmalion.

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Zu dieser Ausgabe

Der Text folgt der ersten Ausgabe der Novelle Der neue Pygmalion im fünften Jahrgang (auf 1825) des 1824 in Leipzig erschienenen Almanachs Taschenbuch zum geselligen Vergnügen. Neue Folge, Seite 10 bis 100. Bis auf offensichtliche Druckfehler der Vorlage wurde der Text wort- und zeichengetreu beibehalten.

Immermann hat die 1823 entstandene Novelle im Jahr 1829 stark überarbeitet und anschließend in seine Miscellen (Stuttgart 1830) übernommen; ausschließlich diese Fassung wurde seitdem zur Grundlage für Neuausgaben der Novelle. Die Urfassung des Neuen Pygmalion erscheint also hiermit erstmals seit beinahe 175 Jahren.
Der neu erfaßte Text wurde freundlicherweise von Margarete Herbst durchgesehen.

Tilman Spreckelsen




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