Das Göttinger Johannisviertel und das „Heyne-Haus“
     
Westlich der Johanniskirche bilden die Johannisstraße, die Paulinerstraße und der Papendiek das Johannisviertel. Im Norden begrenzte seit 1294 ein Dominikaner-Kloster den Bereich (Paulinerstr. 1; aufgehoben 1533, heutiges Gelände des Altbaus der  Universitätsbibliothek); nach dem Petrus-und-Paulus-Patroninium der Klosterkirche wurden die Mönche auch "Pauliner" und wird die ehemalige Klosterkirche bis heute "Paulinerkirche" genannt. Der Straßenname "Papendiek" bezieht sich auf einen heute verschwundenen (Fisch)teich (diek) der Mönche (Papen= Pfaffen).
         

Die meisten der Gebäude in diesem Bereich stammen aus dem 18. Jahrhundert, und ihre Entstehung ist wohl im Zusammenhang mit der 1737 neu gegründeten Universität zu sehen, die in Gebäuden des ehemaligen Dominikaner-Klosters bzw. in Neubauten auf dessen Gelände untergebracht, also direkt benachbart war. An der Paulinerstraße 1-4 ließen sich Professoren nieder, und in dem Hinterhaus von Johannisstraße 26 (nicht mehr vorhanden) hielt Samuel Christian Hollmann (1696-1787, Philosoph u. Naturforscher; Prof. in Wittenberg u. Göttingen) am 14. Oktober 1734 (also noch vor ihrer "offiziellen" Gründung) die erste Vorlesung in der Geschichte der Universität. Der Gebäudekomplex um die Pauliner-Kirche und das Johannisviertel bildeten somit im 18. und frühen 19. Jahrhundert das Zentrum der Universität.

             

Blick vom Nordturm der Johanniskirche nach Westen auf das Johannisviertel um 1830

Zeichnung von Friedrich Besemann (1796-1854). Im Zentrum die turmlose (ehem.) Paulinerkirche mit den sie umgebenden Universitätsbauten des 18. Jahrhunderts und die Paulinerstraße. Das Heyne-Haus ist auf dieser Zeichnung durch die Paulinerkirche verdeckt. Erkennbar ist direkt neben den südlichen Strebepfeilern des Kirchenschiffes die Fassade des Hauses Papendiek 17, hier mit heute nicht mehr vorhandener Freitreppe in der Mitte der Front. Das Heyne-Haus befindet sich unmittelbar nördlich (d.h. rechts) davon; die Baumwipfel rechts des Firstes des Kirchendaches gehören zum Garten des Heyne-Hauses
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Ecke Goetheallee/ Papendiek mit Brücke über den Leine-Kanal um 1830
Kupferstich von Ernst Ludwig Riepenhausen (1765-1840) aus: „Erinnerungen an Göttingen im Sommer 1833“, Göttingen o.J. (Exemplar der SUB Göttingen)


Blick aus der Straße „Am Leinekanal“ nach Süden; links die Westseite des Michaelis-Hauses, in der Bildmitte das Schiff der ehem. Paulinerkirche und das damalige Akademische Museum, in dem das  „Physikalische Kabinett“ untergebracht war und in dem Gauß experimentierte; hinter der Brücke der Gartenpavillon (erbaut ca. 1775) des Heyne-Hauses und der heute nicht mehr existirende Nordflügel des Hauses.
         
Universitätsgebäude im Stadtgebiet um 1835

Der Plan zeigt die Lage von Gebäuden, die sich um 1835 im Besitz der Georg-August-Universität befanden oder von ihr genutzt wurden. Das damals noch in Privatbesitz befindliche und darum nicht hervorgehobene Heyne-Haus liegt gegenüber dem mit der Nr. „15“ bezeichneten „Physikalischen Kabinett“ (Pfeil).
Lit.: Oberdiek,
Göttinger Universitätsbauten (2. Aufl., 2002), S. 49

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Gleichzeitig wohnten in diesem Bereich Handwerker, die auf ihren rückwärtigen Grundstücken Werkstätten betrieben. Erhalten haben sich u.a. Vorderhaus und Seitenflügel der Scharffschen Tuchmanufaktur (Papendiek 17) aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Scharff war auch Besitzer des benachbarten Hauses Papendiek 16, das der bedeutende Göttinger Philologe und Direktor der Universitätsbibliothek Christian Gottlob Heyne 1774 erwarb und das deswegen heute als "Heyne-Haus" bezeichnet wird. Die Gebäude aus dem 18. Jahrhundert sind durchweg traufständige Fachwerkbauten, stockwerkweise abgezimmert und 2-3 Stockwerke hoch. Im allgemeinen ist die Fassade der Häuser symmetrisch. Das Traufgesims ist profiliert, und das Dach ist mit einem Zwerchhaus - einem zusätzlichen Giebel "zwerch" (niederdt. für "quer") zur Hauptachse des Daches - versehen Die Häuser haben einen Natursteinsockel und meist einen mittleren Eingang mit – je nach Höhe des Sockels – eingezogener Treppe. Beim Heyne-Haus wurde dieser ursprüngliche Eingang im Zuge von Umbauten 1935 verändert, jedoch 2001 bei der Restaurierung des Hauses 2001 wiederhergestellt. Eine Abbildung des Heyne-Hauses aus dem 18. oder 19. Jahrhundert ist nicht bekannt.


Heyne-Haus, Foto von ca. 1980
Blick von Süd-Ost auf das Heyne-Haus mit der Fassade zur Paulinerstraße und der Giebelseite zur Petrosilienstraße.

     
. Heyne-Haus, Foto aus dem Jahr 1998, kurz vor der Renovierung.
               
       

Christian Gottlob Heyne (1729-1812)




Christian Gottlob Heyne
Ölgemälde von Joh. Heinr. Wilh. Tischbein (1751-1829), um 1800
Christian Gottlob Heyne wurde am 25. Sept. 1729 in Chemnitz als Sohn eines Leinewebers geboren. Unter schwierigsten materiellen Verhältnissen studierte er ab 1748 in Leipzig Theologie und Rechtswissenschaften; in Leipzig erwarb er auch den Magistergrad. 1753 war er als äußerst gering bezahlter Kopist – sein Jahresgehalt betrug 100 Taler - an der Bibliothek des Grafen von Brühl in Dresden angestellt, anschließend als Hauslehrer. Während seiner Kopistenzeit besorgte er Ausgaben des Tibull (1755) und des Epiktet (1757), mit denen er sich einen solchen Namen machte, dass er 1763 in der Nachfolge von Johann Matthias Gesner (1691-1761) als professor eloquentiae et poesis nach Göttingen berufen wurde.
Heyne gilt als der Begründer der modernen universellen Altertumswissenschaft; er edierte und kommentierte Vergil (1767-1775), Pindar (1773), Apollodor (1782-83)  und Homer (1802-22), veröffentlichte zahlreiche Abhandlungen zu philologischen, historischen, mythologischen und archäologischen Problemen und verfasste über 7000 Buchbesprechungen.
Bereits in seinem ersten Göttinger Jahr, im Dezember 1763, wurde er zum Direktor der Universitätsbibliothek ernannt, die er als neuartige Forschungs- und Gebrauchsbibliothek reorganisierte und der er bis 1810 vorstand. Ihr führender Rang für mehrere Generationen und ihre weltweit nachgeahmte Organisation sind Heynes Werk, der damit die entscheidende Grundlage für das moderne wissenschaftliche Bibliothekswesen schuf. Auch die Universität als Ganze verdankt ihr hohes Ansehen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Fortdauer ihrer Blüte auch während der französischen Besatzungszeit zum großen Teil der fast 50jährigen Tätigkeit Heynes als Lehrer und Verwalter. Als Hochschulorganisator war er an allen wichtigen Universitätsangelegenheiten beteiligt, sowohl an wissenschaftlichen als an finanziellen und sozialen (u.a. seit 1774 Aufsicht über die Freitische. Seit 1770 war er Sekretär der Akademie der Wissenschaften und Redakteur der „Göttingischen Anzeigen von Gelehrten Sachen“. Die universitäre Lehre erneuerte er durch die Einführung von Seminaren neben den Vorlesungen.

Seit 1761 war Heyne mit Therese Weiß, der Tochter des Dresdener Lautinisten und Hofmusikers Sylvius Weiß verheiratet. Nach ihrem Tod ging er 1777 eine zweiter Ehe mit Ernestine Georgine Brandes ein, der Tochter von Georg Brandes (1719-1791, Hannoverscher Hofrat und nach dem Tode Adolf von Münchhausens Leiter des Universitätsdepartements in der Hannoverschen Regierung) und Schwester von Ernst Brandes (Geheimer Kabinettsrat in Hannover). Die freundschaftlichen und familiären Verbindungen zu Vater und Sohn Brandes, die nacheinander in der Regierung Hannovers maßgeblich für die Hochschulpolitik verantwortlich waren, nutzte Heyne auch für die  Interessen der Universität. Durch diese Ehe wurde Heyne außerdem Schwager des bedeutenden Naturforschers und Mediziners Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840, ab 1776 in Göttingen). Heyne starb am 14. Juli 1812; er wurde auf dem Batholomäi-Friedhof (Weender Landstraße) begraben.


                      

Heyne und das Heyne-Haus



Chr. G. Heyne zur Zeit des Kaufes des Hauses Papendiek 16

Ölgemälde (1772) von Johann Heinrich Tischbein d.Ä. (1722-1789),
Von 1763-1766 wohnte Heyne im Haus der Erben des Kupferschlägers G. Chr. Brüggemann, Stumpfebiel 10. Von 1771 bis 1773 ist er im Hause des Mechanikers J. Chr. Riepenhausen, Stumpfebiel 6 nachweisbar, das er bereits 1769 für sechs Jahre gemietet hatte. Das dem Textilfabrikanten Scharff gehörende Haus Papendiek 16 erwarb Heyne im Jahre 1774 und wohnte dort bis zu seinem Tod. Der Historiker Arnold Herrmann Ludwig Heeren (1760-1842), Professor in Göttingen und Schwiegersohn Heynes, schreibt in seiner Heyne-Biographie über den Kauf des Hauses:

    [Heyne] hatte bisher in Göttingen zur Miethe gewohnt; und seit seiner Ankunft bereits drey mal seine Wohnung verändert. Die vielen ihm übertragenen Geschäfte erforderten durchaus ein geräumiges Local, und schon lange hatte er sich nach einer eignen bequemen Wohnung umgesehen. Endlich bot sich dazu eine günstige Gelegenheit dar; und Michaelis [29. Sept.] 1774 erstand er das Haus, in welchem er die übrige Zeit seines Lebens zugebracht hat. Er bekam hierzu von der Regierung unter günstigen Bedingungen einen Vorschuß; und konnte, nach den nöthigen Reparaturen, an Ostern 1775 diese neue Wohnung beziehen, die nicht nur durch ihre innere Bequemlichkeit, sondern auch durch ihre Lage, der Bibliothek und dem Museum gegen über, seinen Bedürfnissen entsprach. (Heeren, S. 166f.)

1799 dankte die Stadt Heyne für seine am städtischen Gymnasium geleistete Arbeit durch Befreiung seines Hauses von allen Abgaben auf 20 Jahre. Von seinen Erben erwarb 1841 die Hannoversche Klosterkammer das Haus. Seit 1874 erinnert eine Gedenktafel am Haus an Heyne.

   
     

Literatur:

Bleicken, Jochen: Die Herausbildung der Alten Geschichte in Göttingen: Von Heyne bis Busoldt. IN: Die Klassischen Altertumswissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen. Eine Ringvorlesung zu ihrer Geschichte. Hg. von Carl Joachim Classen. Göttingen 1989 (= Göttinger Universitätsschriften Serie A, Band 14), S. 98-127
         
Böker, Wolfgang: Christian Gottlob Heyne und das Haus Papendiek 16. Ein Professor wird Göttinger. IN: Göttinger Jahrbuch 50 (2002), S. 93-111.
 
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen. 5.1. Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Braunschweig/Wiesbaden 1982
 
Döhl, Hartmut: Die Bildnisse von Christian Gottlob Heyne. IN: Christian Gottlob Heyne. Ausstellung anlässlich seines 250. Geburtstages. Göttingen 1979, S. 77ff.
 
Heeren, Arnold Herm. Ludwig: Christian Gottlob Heyne: biographisch dargestellt. Göttingen 1813
 
Hessel, Alfred: Heyne als Bibliothekar. IN: Zentralblatt für Bibliothekswesen 45 (1928), S. 455ff. [ND in Schwedt, Georg (Hg.): Zur Geschichte der Göttinger Universitätsbibliothek. Göttingen 1983]
 
700 Jahre Pauliner Kirche. Vom Kloster zur Bibliothek. Hrsg. von Elmar Mittler. Göttingen 1994
 
Huber,Therese: Briefe. Band 1: 1774-1803. Bearbeitet von Magdalene Heuser u.a. Tübingen 1999 [Therese Huber war die älteste Tochter Heynes, verheiratet zuerst mit Georg Forster, nach dessen Tod mit Ludwig Ferdinand Huber.]
 
Kastner, Sabine: Bauen und Wohnen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. IN: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Stadtarchiv Göttingen 26. April – 30. August 1987. Göttingen 1987, S. 215- 246
 
Leo, Friedrich: „Heyne“. IN: Festschrift zur Feier der hundertfünfzigjährigen Bestehens der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Berlin 1901, S.153-234
 
Marino, Luigi: Praeceptores Germaniae: Göttingen 1770 - 1820. Göttingen 1995
 
Nissen, Walter: Göttinger Gedenktafeln. Ein biographischer Wegweiser. Göttingen 1962, S. 79f.
 
Oberdiek, Alfred: Göttinger Universitätsbauten. 250 Jahre Baugeschichte der Georg-August-Universität. Göttingen 1989, 2. Aufl. 2003; zum Johannisviertel S. 8ff., zum Heyne-Haus S. 55f.
 
Selle, Götz von: Die Georg-August-Universität zu Göttingen 1737-1937. Göttingen 1937; zu Chr. S. Hollmann S. 41ff.
 
Die Skulpturen der Sammlung Wallmoden. Archäologisches Institut der Universität Göttingen. Ausstellung zum Gedenken an Christian Gottlob Heyne (1729-1812). Göttingen 1979
 
Der Vormann der Georgia Augusta : Christian Gottlob Heyne zum 250. Geburtstag; sechs akademische Reden. - Göttingen 1980 (Göttinger Universitätsreden ; 67)
 
Wolfgang Böker