Folgender Artikel erschien in: Spektrum : Informationen aus Forschung und Lehre. 1996,3. Seite 24. ISSN 0945-3512

Nganasanen?

Das Wort "nganasan" entstammt dem Nganasanischen und bedeutet soviel wie "Mensch". Die Nganasanen bezeichnen sich selbst als "n'a" etwa "Gefährte/Kamerad". Sie leben im Nordwesten Sibiriens im Norden der Tajmyr-Halbinsel, vorwiegend in Ust'-Awam bzw. Dudinka. Nach der wohl letzten Volkszählung von 1979 betrug ihre Zahl 867, davon 782 Muttersprachler.

Ursprünglich waren die Nganasanen ein nomadisierendes Volk. Nachdem die Zahl der wilden Rentiere durch den ökologischen Raubbau der chemischen Industrie in Norilsk rapide gesunken ist, und sie damit ihre Nahrungsgrundlage verloren haben, wurden sie seßhaft. Andere Arbeitsmöglichkeiten gibt es kaum in einem Gebiet, das praktisch nur drei Monate im Jahr Sommer kennt. So wird es nur eine Frage der Zeit sein, wann auch diese Sprache ausgestirbt. Zur Zeit gibt es jedoch mit Sendungen im lokalen Rundfunk aber auch Zeitungsteilen in Nganasanisch starke Bemühungen, dies zu verhindern.

Die Nganasanen (früher auch Tawgi-Samojeden genannt) gehören ebenso wie die Nenzen (Juraken) und Enzen (Jenissej-Samojeden) zu den Nordsamojeden. Die samojedischen Sprachen bilden zusammen mit den finnougrischen Sprachen die übergeordnete uralische Sprachfamilie. Ihre Sprache ist also weitläufig mit dem Ungarischen und Finnischen verwandt.

Diese Klassifizierung wird dem Nganasanischen jedoch nur zum Teil gerecht. Es lassen sich Abweichungen vom agglutinierenden Sprachtypus des Uralischen, lexikalische Verbindungen zum Südsamojedischen (Selkupisch und dem ausgestorbenen Kamassischen) sowie Substrateinflüsse aus den benachbarten Sprachen feststellen. Diese Besonderheiten haben ihren Ursprung darin, daß sich die Nganasanen erst im 17. Jh. formierten. Es handelt sich bei ihnen ursprünglich um samojedisierte Tungusen resp. Ewenken, die aus weiter östlich gelegenen Gebieten auf die Tajmyr-Halbinsel einwanderten. Andere, paläosibirische Populationen haben an der Herausbildung der Nganasanen mit Sicherheit eine Rolle gespielt.

Die Klärung dieser Fragen, macht die Beschäftigung mit dem Nganasanischen ebenso schwierig wie lohnenswert. Die systematische Erforschung der samojedischen Sprachen begann erst im 19. durch die Forschungsreisen M. A. Castréns, der weite Teile Sibiriens bereiste und das Material sammelte, das noch heute die Grundlage der Kenntnis der samojedischen Sprachen darstellt.

Dennoch blieb die Materiallage im Vergleich zu anderen Philologien schlecht, da die samojedischen Völker so gut wie keine eigenen Schriftsprachen und Literaturen entwickelt haben. Die Forschung blieb jahrzehntelang allein sowjetischen Forschern überlassen, die erst seit den 50er Jahren größere "Expeditionen" durchführten. Das dabei gesammelte Material ist bis heute leider noch nicht vollständig publiziert und das publizierte oft mangelhaft ediert! Eine Ausnahme stellen die in jüngster Zeit publizierten Arbeiten des russischen Uralisten und Feldforschers E. Helimski dar.

So mußten also die bisherigen Publikationen gesammelt und auszuwertet werden. Neben den grammatischen Anmerkungen Castréns (1854) und einigen kleineren Darstellungen bildet die sehr umfangreiche Arbeit Terescenkos ("Nganasanskij jazyk", Moskau 1979, 322 p.) die Grundlage der Untersuchungen.

Zunächst war es wichtig einen überblick über die Lexik zu gewinnen. Die bisherigen Verzeichnisse waren wenig ergiebig, das Wörterverzeichnis der Ethnologen Kortt/Simcenko mit knapp 4.000 Einträgen erschien erst 1985 und konnte in mancherlei Hinsicht nicht befriedigen.

Mit dem Erscheinen größerer Texte konnten Ergänzungen vorgenommen werden, so daß 1990 ein erstes (noch) vorläufiges 547-seitiges Wörterverzeichnis mit über 28.000 Einträgen (im Selbstverlag) vorgelegt werden konnte. Es hat in der Zwischenzeit viele überarbeitungen und Ergänzungen erfahren, so daß in einer (EDV-)Datenbank heute fast 50.000 Einträge vorliegen!

Daneben wurden auch die weit verstreuten und schwer zugänglichen Publikationen gesammelt und alle enthaltenen Syntaxbelege in Datenbanken erfaßt. Die sich anschließenden Untersuchungen zur Morphonologie und Syntax haben in den letzten Jahren zu zahlreichen Publikationen geführt. Das besondere Interesse gilt dabei dem Verb und seinen vielfältigen Ableitungs- und Flexionsmöglichkeiten. Ziel dieser Arbeit soll neben einem brauchbaren Wörterverzeichnis auch eine Chrestomatie sein, die die bisherigen Arbeiten zusammenführt und ersetzt.

Sie kann auch als Beitrag gewertet werden, die Samojedistik neben bzw. zusammen mit der Finnougristik als neues Fach "Uralistik" zu etablieren. Bisher gibt es in Deutschland nur wenige Vertreter die einen darartigen Anspruch erheben können, wie z.B. der in diesem Jahr verstorbene Hamburger Prof. Wolfgang Veenker (kleinere Völker Sibiriens) oder der Münchener PD Hartmut Katz (Selkupisch). In Göttingen als Standort des dritten und ehemals bedeutendsten Lehrstuhls für Finnougristik ist die Samojedistik (universitär) nicht vertreten.

So erhält die Erforschung des Nganasanischen, obwohl sie eine der umfangreichsten Sammlungen und wertvolle Forschungsergebnisse erbracht hat, nur anderen Orts Unterstützung und Anerkennung, wie ein Lehrauftrag in München sowie zahlreiche Einladungen zu Gastvorträgen an der Universität Szeged (JATE), übrigens die ungarischen Partneruniversität Göttigens, belegen. Der dortige Lehrstuhlinhabers für Finnougristik, Prof. Tibor Mikola, ist ein ausgewiesenen Kenner der samojedischen Sprachen und seine Schülerin, Béata Nagy, wird auch in diesem Jahr wieder zu den Nganasanen reisen. Mit ihnen konnten Themen, wie zuletzt die Suffixfolgen beim Verb kompetent diskutiert werden.

Obwohl die Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind, können ein detailierterer überblick über deren Stand und eine Bibliographie zum Nganasanischen bereits heute über Internet ("http://gwdg.de/~mkatzsc) abgefragt, Fragen z.B. zur Lexik beantwortet werden.

Dr. Michael Katzschmann