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Neurobiologie & Hörforschung
Neurophysiologische Folgen einer Schwerhörigkeit bei Mensch und Tier

Audiogramm Mongolische Wüstenrennmäuse (Gerbils) beginnen erst mit dem 12. Lebenstag zu hören. Durch ihre Fähigkeit zur Wahrnehmung tiefer Töne (siehe Diagramm) und eine komplexe Gliederung der Hörrinde (Cortex) können sie als optimales Tiermodell für die Untersuchung der Entwicklung der zentralen Verarbeitung vom Schall im Gehirn bei schwerhörig oder taub geborenen Kindern dienen. Im Leibniz Institut für Neurobiologie in Magdeburg wurde eine neue Methode entwickelt, bei heranwachsenden Wüstenrennmäusen eine Schalleitungsschwerhörigkeit reversibel zu induzieren. Durch einen geringfügigen operativen Eingriff unter Narkose wird der Durchbruch des äußeren Gehörganges verhindert, die resultierende Schwerhörigkeit kann zu jedem gewünschten Zeitpunkt wieder aufgehoben werden. Das von uns entwickelte Tiermodell und die Anwendung der bildgebenden Methode mit Hilfe von 14C-Fluoro-2-Desoxyglucose erlaubt es, die Hirnaktivität in den für die Hörentwicklung wichtigen Bereichen zu untersuchen ("pathophysiologisches Modell"). In einem zweiten Schritt werden auditorische Schlüsselreize erprobt, deren Anwendung während der infantilen Phase die zentralnervösen Folgen einer Schalleitungsschwerhörigkeit effektiv mindern könnte ("therapeutisches Modell").
Darstellung von Hirnaktivität mit der FDG-Methode

Der Energiestoffwechsel des Gehirns beruht im wesentlichen auf einen Stoffwechsel von Glucose. Neuronale Aktivität kann mit Hilfe des 2-deoxy-D-glucose [14C(U)]-Methode auf allen Ebenen des auditorischen Systems quantitativ gemessen und bildlich dargestellt werden. Durch die Verwendung von 2-deoxy-fluoro-D-glucose [14C(U)] bei der sogennannten FDG-Methode kann die Aufnahme des radioaktiven Metaboliten im Stoffwechsel optimiert werden. Die injizierte 2-deoxy-fluoro-D-glucose [14C(U)] wird zunächst mit dem Blutstrom ins Gehirn transportiert und folgt anfänglich dem gleichen Metabolismus wie normale Glucose. Eine biochemische Modifikationen der 2-deoxy-D-glucose (die fehlenden Hydroxylgruppe am 2. Kohlenstoffatom) verhindert allerdings nach der Umsetzung zum 2-deoxy-fluoro-D-glucose-6-Phosphat den weiteren Abbau im Stoffwechsel, das 2-deoxy-D-glucose-6-Phosphat kann die Zellmembran nicht mehr passieren und verbleibt als ß-Strahler im Gewebe. In histologischen Schnitten kann diese Strahlung auf einem Röntgenfilm autoradiographisch sichtbar gemacht werden. Eine hohe 2-deoxy-fluoro-D-glucose [14C(U)]-Aufnahme ist dabei mit hoher elektrischer Aktivität des synaptischen Neuropils korreliert und kann daher als Äquivalent neuronaler Aktivität gelten Der Energieverbrauch, der über die Akkumulation von 2-deoxy-fluoro-D-glucose [14C(U)] angezeigt wird, dürfte seine Ursache vor allem im hohen Energieverbrauch der Natrium-Membranpumpe haben. FDG-Methode
Quantifizierung neuronaler Aktivität in der Hörrinde durch digitale Bildverarbeitung

AC Vermessung Im digitalisierten Autoradiogramm horizontaler Hirnschnitte werden in jeder Hemisphäre Referenz- und Grenzlinien gezogen, um die Vermessung der Aktivität in der Hirnrinde durch ein Bildverarbeitungsprogramm zu ermöglichen. In Autoradiogrammen des parietalen Cortex wird eine äußere Grenzlinie zwischen Schicht I und II und eine innere Grenzlinie zwischen Schicht IV und V gezogen. Der Rechner bildet anschließend ein enges Meßfenster zwischen der äußeren (I-II) und inneren Grenzlinie (IV-V), das eine Schmalheit in rostrocaudaler Richtung von 0,05 mm besitzt. Die Grauwerte aller Bildpunkte entlang der radialen Kolumne werden addiert und ihr Mittelwert gebildet. Dem Mittelwert ist durch die rostrale Grenze des Hippocampus im jeweiligen Schnitt ein absoluter Bezug zur rostrocaudalen Koordinate des Gehirns zugeordnet. Automatisch ermittelt das radial integrierende Meßfenster für jeden Meßpunkt auf der rostrocaudalen Achse einen mittleren Grauwert. Die graphische Auftragung der Messung ergibt ein sogenanntes "Grauwertprofil", welches die Aktivität der oberen Cortexschichten entlang ihrer rostrocaudalen Ausdehnung quantifiziert. Mit Hilfe diese Grauwertprofiles können der Ort und der Betrag maximaler neuronaler Aktivität in den Feldern des auditorischen Cortex (hier z.B. im primären auditorischen Feld AI und im anterioren auditorischen Feld AAF) und weitere Parameter vermessen werden.
Zucht und Biologie eines Wildstammes Mongolischer Wüstenrennmäuse

Die heute weltweit als Heim- und Labortier gehaltenen Mongolischen Wüstenrennmäuse (Meriones unguiculatus) entstammen vermutlich alle einer einzigen Zuchtlinie, deren Genpool 1935, 1949 und 1954 drastisch reduziert wurde. Unter ihren Nachkommen sind Albinismus und epilepsieähnlichen Krämpfe immer wieder zu beobachten. Bei einer Forschungsexpedition in die Mongolei konnten wir 1995 wildlebende Mongolischen Wüstenrennmäuse untersuchen und in Deutschland erfolgreich zur Nachzucht bringen. Seit 1997 wird an der Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen eine Gerbilpopulation in kontrollierter Auszucht (HAN-System) vermehrt und wissenschaftlich untersucht, die auf 30 Paare wild gefangener Meriones unguiculatus zurückgeht. Alle bislang untersuchten domestizierten Säugetiere (Haustiere) haben im allometrischen Bereich ein kleineres Gehirn als ihre wildlebenden Artgenossen, dies gilt auch für Laborgerbils. Neben dieser Hirnreduktion - der größten bei Nagetieren - ergeben erste Versuche intraspezifische Unterschiede beim auditorisches Diskrimationslernen und im Verhalten. Gerbils
Einbindung von Studenten und Graduierten in die aktuelle Forschung

Arbeit im schalltoten Raum Nach dem Prinzip eines "offenen Labors" ist es Studenten und Graduierten aus den Fachdisziplinen Physik, Biologie und Medizin möglich, ein Forschungspraktikum zu absolvieren und dabei eigene Arbeiten durchzuführen.

In der akademischen Lehre wird u.a. in jedem Wintersemester (siehe Vorlesungsverzeichnis) eine Vorlesung zur speziellen Zoologie und ein Praktikum zu Anatomie der Gerbillinae angeboten.