Einzelstrang-RNA-Viren ohne Hüllmembran
(Picornaviridae Caliciviridae
Astroviridae)
Genus Enterovirus: Polioviren,
Coxsackieviren, ECHO-Viren, Enteroviren
Genus Cardiovirus: Enzephalomyokarditisvirus
(EMC), Mengovirus
Genus Rhinovirus: Rhinoviren
Genus Aphthovirus: Maul- und
Klauenseuchevirus
Genus Hepatovirus: Hepatitis-A-Virus
(HAV)
Poliomyelitis
Erreger Infektion Klinik Diagnostik Epidemiologie Prophylaxe
Erreger: Poliovirus Typ 1-3. Keine Kreuzneutralisation zwischen den Typen
Infektion:
Orale Aufnahme. Vermehrung in Rachen- und Dünndarmschleimhaut. Transport ins ZNS über
Blut- und Nervenweg. Im ZNS Schädigung vorwiegend motorischer Ganglien des Spinalmarks
(Vorderhornzellen) und des Hirnstammes. Polioenzephalitis.
Virus gelangt über spezifische Rezeptoren in die Wirtszelle. Inhibition der Proteinsynthese durch bekannten viralen Faktor, der in das Zusammenspiel der Initiationsfaktoren bei der Bindung von zellulärer mRNA an die Ribosomen eingreift. Mechanismus der Lyse der Wirtszelle unbekannt.
Klinik:
1. Phase: Meningitis mit Kopfschmerz, Nackensteifigkeit,
Hyperästhesien, Lichtscheu, gesteigerten Reflexen; Brechreiz, Katarrh und
gastrointestinale Erscheinungen verstärkt; rheumaähnliche Beschwerden in Rumpf und
Gliedern. Paralytisches Stadium:
Inkubationszeit: meist 4-10 Tage. Initialstadium: 1-3 Tage; grippeähnliche Symptome, u.a.
Kopf- und Halsschmerzen, Abgeschlagenheit, Fieber, manchmal auch gastroenteritische
Symptomatik. Latenzstadium: 1-2 Tage, Fieberabfall.
Präparalytisches Stadium: erneuter Fieberanstieg, 2-3 Tage.
2. Phase: Adynamie mit allgemeiner Muskelschwäche (Faustschluß
kraftlos), Reflexe meist asymmetrisch abgeschwächt.
Rekonvaleszenz: Zunächst können sich manche Lähmungen wegen Abklingens der
entzündlichen Prozesse (Ödeme) relativ rasch zurückbilden; zusätzlich kann eine
Kompensation wegen Mehrfachinnervation der Muskulatur erfolgen. Restlähmungen bezeichnet
man auch als »Kernlähmungen«: in der Folge trophische Störungen, Wachstumsstillstand.
In einigen Fällen ist Dauerbeatmung erforderlich. Lebenslange typenspezifische
Immunität.
Manifestation:>95% asymptomatisch: <1% paralytische Poliomyelitis (exogene Faktoren wie parenterale Schutzimpfungen, Tonsillektomien, Traumen, Überanstrengungen können lähmungsfördernd wirken). Abortive Verlaufsformen: Abbruch in jeder Krankheitsphase möglich. Let.: spinale Form: 2%; bulbo-pontine Form: 20-60%. Restparalyse bei spinaler Form: 50%.
Diagnostik:
Klinisch sind abortive Formen ohne Lähmung insbesondere im Einzelfall nicht sicher als
Poliomyelitis zu erkennen. Selbst im Falle von Lähmungen rechnet man mit ca. 15%
Fehldiagnosen.
Differentialdiagnose: akute Gelenkerkrankungen; beginnende Osteomyelitis,
Chassaignarcsche Lähmung, Geburtslähmungen, syphilitische Pseudoparalyse; Polyneuritis
oder Polyradikulitis (Landrysche Paralyse, Guillain-Barré); bei Polioenzephalitis
Enzephalitiden anderer Ätiologie, insbesondere ECHO-
und Coxsackieviren.
In der präparalytischen Phase Verdacht auf Poliomyelitis besonders bei Adynamie. Meningitis und asymmetrischer Hyporeflexie. Liquor: anfangs Zellzahl mäßig erhöht (polynukleäre Zellen), Eiweiß normal oder geringfügig erhöht, später Zellzahl zurückgehend (mononukleäre Zellen), Eiweiß mäßig erhöht. Ist der Liquor im 2. Fieberschub normal, kann poliovirusbedingte Meningitis oder Enzephalitis ausgeschlossen werden. Virologisch muß Isolierung des Virus aus dem Stuhl (GK) versucht werden. Flankierend: Antikörpernachweis im Serum: IgM-Anti-PV 1-3. Initiationsphase: Virus in Rachenspülflüssigkeit; Antikörper negativ. Latenzphase: Virämie; Virusnachweis in Stuhl und Rachen. Beginn der präparalytischen Phase: Virus im Stuhl, IgG- und IgM-Anti-PV 1-3: Titeranstieg. Liquor meist virusnegativ.
Therapie:
Bei Verdacht Bettruhe. Lähmungspatienten: Klinikeinweisung (Gefahr der Ateminsuffizienz).
Lähmungsentwicklung kann therapeutisch nicht beeinflußt werden. Dekubitusgefahren!
Spitzfußstellung vorbeugen. Auf Blasenlähmungen achten. Hypertonus und Schmerzen in den
befallenen Muskeln durch heiße Packungen etc. lindern. Chemoprophylaxe bakterieller
Lungenerkrankungen, insbesondere bei Atemlähmung. Absaugen bei vermehrter Schleimbildung.
Einsatz von Beatmungsgeräten. Spätphase: orthopädische Behandlung. Krankengymnastik.
Epidemiologie:
Vorkommen:
Durch weltweite orale Schutzimpfung mit attenuiertem Virus ( Sabin) starke Zurückdrängung der Poliomyelitis: USA 1952: 57 879 Lähmungserkrankungen( = 37,2/100 000 Einwohner) mit 3145 Todesfällen gegenüber 14,0/100 000 Lähmungserkrankungen in Mitteleuropa . Welt 1999/2000: Afrika 2861/1763, Amerika: 0/12, Europa: 0/0, östl. Mittelmeer: 914/465, S - Ostasien ( vor allem Indien) 3365/609, westl. Pazifik (Mongolei, China, Vietnam, Laos, Philippinnen, Papua-Neuguinea, Australien, Neuseeland ua.): 1/0. Total: 7141/2849. Seit Oktober 1999 kein Typ 2 -PV Wildvirus mehr isoliert (MMWR 2001,Nr.222 und 320).
Schwierigkeiten: In manchen Entwicklungsländern der heißen Zonen Interferenz der Impfung mit anderen Enteroviren, weil bei diesen keine jahreszeitliche Abhängigkeit der Ausbreitung wie in den gemäßigten Zonen.
Erregerreservoir: Infizierter Mensch; Ausscheidung im Stuhl bei apparenten und inapparenten Infektionen über viele Wochen möglich.
Übertragung: In der frühen Phase erleichtert Tröpfcheninfektion die Ausbreitung, später Schmierinfektion (fäkal-oral). Meist mehr als 106 Viruspartikel pro g Stuhl über mehrere Wochen bei manifest und inapparent infizierten Personen. Keine Dauerausscheider, abgesehen von Impflingen mit Agammaglobulinämie, die jahrelang ausscheiden können.
Vor Einführung der Impfung in der gemäßigten Zone Häufung von Poliovirusinfektionen in den späten Sommer- und frühen Herbstmonaten.
Risikopersonen: Nicht geimpfte Personen in Endemiegebieten (Reiseverkehr, Entwicklungshilfe u.a.); Sekten mit Impfgegnerschaft. Exponierte Kinder und Erwachsene gleichermaßen gefährdet, wenn nicht geimpft.
Prophylaxe
und Kontrolle:
Aktive Schutzimpfung im Kindesalter mit 4 Dosen Salk - Impfstoff (inaktiviertes Virus
aller drei Serotypen 1-3; IPV): 2. Monat, 3.Monat, 6.-18.Monat; 4-6 Jahre. Im Einzelfall
ist Nachprüfung des Impferfolges in der Regel
nicht erforderlich, jedoch durch Bestimmung neutralisierender Antikörper möglich (
Schutzgrenze: 1: >4 bezogen auf die Serumverdünnung im Virus + Serum - Gemisch und
Einsatz von 100 TCID 50 Testvirus, bei einer Vorinkubation über 3 Std.bei 370C
und über Nacht bei +40C.). Spätere
Nachimpfungen im Erwachsenenalter mit 1 Dosis. Problem: Es ist bisher nicht bekannt, ob
der Schutz ausreicht, nicht nur Erkrankungen, sondern auch Infektionen mit Wildviren zu
verhindern, falls solche nocheinmal eingeschleppt würden. In einem solchen hoffentlich nicht eintretenden Fall sollte man die
Umgebung mit einer Lebendimpfung abriegeln.
Bei Reisen in poliogefährdete Gebiete rechtzeitig für Impfschutz sorgen. Im Falle der Totimpfung nach Salkimpfung benötigt man drei Injektionen im Abstand von je mindestens 4 Wochen.
Die hoch wirksame Impfung mit lebenden, attenuierten Viren ( nach Sabin) wird wegen der Nebenwirkungen ( Impfpoliomyelitis in 3,5 Fällen auf 1 Milllion Impfdosen) nicht mehr generell empfohlen, sondern nur im Falle von Ausbrüchen. Die Poliomyelitis ist durch weltweite intensive Anwendung der Vaccine nach Sabin zurückgedrängt worden und steht kurz vor der Ausrottung.
Nach Abschluß der Ausrottungsaktion wird man auch die Schluckimpfung abschaffen müssen, denn es besteht die Gefahr, dass sich aus dem Impfvirus durch Mutation ausbreitungsfähige, quasi-Wildviren entwickeln: 12. Juli - 18.November 2000 19 Fälle ( 84% < 6Jahre) von Lähmungserkrankungen bei nicht geimpften Personen in der Dominikanischen Republik, 6 davon PV Typ 1. In Haiti 1 Fall. 97% genetische Ähnlichkeit mit dem Impfvirusstamm LSC,2ab. Das Virus könnte zuvor ca. 2 Jahre lang in einer schlecht durchimpften Population zirkuliert haben . ( MMWR 2000,Nr.1094; MMWR 2001, Nr. 147).Ähnliches wurde 1988 - 1993 in Ägypten nach Typ 2-Impfung bei schlechter Durchimmunsierung beobachtet (32 Fälle). Seit 1993 im Zuge besserer Durchimpfung kein zirkulierendes PV-2 mehr nachgewiesen ( MMWR, 2001 Nr.41 ).
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