Das Säbelzahn-Curriculum

(aus: J. A. Peddiwell [Pseudonym für H. Benjamin]; Das Säbelzahn-Curriculum sowie weitere Vorlesungen über paläolithische Erziehung. Stuttgart [Klett] 1974. Übersetzung: Hans-Dieter Haller)

Der erste große Praktiker und Theoretiker in der Erziehung, von dem ich Kenntnis habe (so begann Professor Peddiwell), war ein Mann aus der Altsteinzeit, dessen vollständiger Name Neuer-Faustkeil-Macher war und den ich einfach Neue Faust nenne. Neue Faust war ein Tatmensch, obwohl es in seiner Umgebung nichts zu tun gab, was kompliziert gewesen wäre. Sie haben sicher von dem birnenförmigen Steinwerkzeug gehört, das die Archäologen den coup-de-poing nennen oder den Faustkeil. Neue Faust erwarb sich Namen und Ansehen in seiner Umgebung dadurch, daß er eines dieser Werkzeuge in einer weniger groben, dafür nützlicheren Form, als es bis dahin in seinem Stamm bekannt war, herstellte.

Seine Jagdkeulen waren allgemein überlegene Waffen, und seine Techniken beim Gebrauch des Feuers waren beispielhaft in ihrer Einfachheit und Präzision. Er verstand es, Dinge zu tun, die seinem Stamm nützten, und er besaß die Energie und den Willen, sie in Angriff zu nehmen. Aufgrund dieser Eigenschaften war er ein gebildeter Mann. Neue Faust war zudem ein Denker. Damals, wie heute, scheute man keine Mittel und Wege, um der Arbeit und Mühe des Denkens zu entgehen. Bereitwilliger als seine Stammesbrüder überquerte Neue Faust jene Grenze, nach der ein Nachdenken sich nicht mehr vermeiden läßt. Dieselbe Intelligenz, die ihn dazu veranlaßte, gesellschaftlich anerkannte Handwerkzeuge zu erfinden und herzustellen, brachte ihn auch dazu, sich im Denken zu üben, was von der Gesellschaft jedoch nicht anerkannt wurde. Wenn die anderen Männer sich nach einer erfolgreichen Jagd mit Essen und Trinken die Bäuche vollstopften und anschließend viele Stunden ihren Rausch ausschliefen, dann aß und trank Neue Faust etwas weniger, schlief dafür besser und nicht so lange und konnte früher als seine Stammeskollegen wieder aufstehen, sich ans Fenster setzen und nachdenken. Er starrte unruhig in das flackernde Feuer und staunte über verschiedene Dinge seiner Umwelt, bis er schließlich völlig unzufrieden wurde mit dem gewohnten Leben seines Stammes. Er begann, sich Gedanken darüber zu machen, wie er das Leben seiner Familie und seines Stammes besser gestalten könnte. So wurde er ein gefährlicher Mann. Das war der Hintergrund, der diesen Tatmenschen und Theoretiker dazu brachte, auf das Konzept einer bewußten, systematischen Erziehung zu stoßen. Den direkten Anstoß, der ihn auf die Erziehungspraxis brachte, erhielt er durch die Beobachtung seiner Kinder beim Spielen.

Er sah seine Kinder vor dem Höhleneingang beim Feuer, beschäftigt mit Knochen, Stöcken und bunten Kieselsteinen. Er bemerkte, daß sie in ihrem Spiel keinen anderen Sinn sahen als das augenblickliche Vergnügen an der Beschäftigung selbst. Er verglich ihre Beschäftigung mit der der erwachsenen Stammesmitglieder. Die Kinder spielten aus Freude, die Erwachsenen arbeiteten für die Sicherheit ihrer Existenz und den Wohlstand des Stammes. Die Kinder spielten mit Stöcken und Kieselsteinen; die Erwachsenen besorgten das Essen, die Höhlen und die Bekleidung. Die Kinder bewahrten sich vor Langeweile, die Erwachsenen schützten sich vor Gefahren. "Wenn ich nun diese Kinder dazu bringen könnte, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen, die ihnen dazu verhelfen, mehr Nahrung, besseren Wohnraum und mehr Sicherheit zu bekommen", dachte Neue Faust, "dann könnte ich dazu beitragen, daß dieser Stamm ein besseres Leben führt. Wenn die Kinder dann erwachsen wären, hätten sie mehr Fleisch zum Essen, mehr Fell, um sich warm zu halten, bessere Höhlen zum Schlafen und wären weniger gefährdet durch den gestreiften Tod mit seinen geschweiften Zähnen, der nachts auf Raubzüge geht." Nachdem er ein Erziehungsziel gesetzt hatte, machte Neue Faust sich daran, ein Curriculum zu konstruieren, um auf dieses Ziel hin zu lehren. "Was müssen wir Stammesmenschen können, um mit vollem Bauch, warmer Kleidung und ohne Furcht leben zu können?" fragte er sich selbst. Um diese Frage beantworten zu können, machte er sich einige Gedanken: "Wir müssen im Teich jenseits der großen Flußbiegung mit bloßen Händen Fische grabschen. Wir müssen mit den Händen fischen, in jedem Teich auf dieselbe Weise. Immer fischen wir nur mit den Händen." So entdeckte Neue Faust den ersten Gegenstand seines Curriculum: Fische-grabschen-mit-bloßen-Händen. "Wir knüppeln die kleinen zottigen Pferde mit unseren Stöcken zu Tode", fuhr er in seiner Analyse fort, "wir knüppeln sie auf der Sandbank im Fluß, wo sie immer zum Trinken sind. Und in den Dickichten, wo sie immer schlafen. Und auf der Ebene, wo sie immer grasen. Überall, wo wir sie finden." Das war der zweite Gegenstand seines Curriculum: die-kleinen-zottigen-Pferde-knüppeln. "Und schließlich vertreiben wir den Säbelzahntiger mit Feuer." Neue Faust dachte weiter. "Wir vertreiben ihn von unseren Höhleneingängen mit Feuer. Wir vertreiben ihn von unseren Wegen mit brennenden Zweigen. Wir machen Feuer und vertreiben ihn von unserem Wasserloch. Überall müssen wir ihn vertreiben, und überall tun wir es mit Feuer." Das war der dritte Gegenstand: Tiger-vertreiben-mit-Feuer.

Nachdem er nun ein Curriculum entwickelt hatte, nahm er seine Kinder mit und machte sich an die Arbeit. Er gab ihnen Gelegenheit, diese drei Dinge zu praktizieren. Die Kinder lernten gern. Es machte ihnen mehr Freude, diese sinnvollen Dinge zu tun, als mit bunten Steinen nur so aus Spaß zu spielen. Sie lernten die neuen Fertigkeiten gut, und so wurde das Erziehungssystem ein Erfolg. Als Neue Fausts Kinder älter waren, konnte man leicht erkennen, daß sie gegenüber den anderen Kindern, die keine systematische Erziehung bekommen hatten, im Vorteil waren, was ein gutes, sicheres Leben betraf. Einige der intelligenteren Stammesmitglieder begannen, es ähnlich wie Neue Faust zu machen. Damit wurde der Unterricht im Fischegrabschen, im Pferdeknüppeln und in der Tigervertreibung zum Kern jeder Erziehung. Lange Zeit jedoch gab es gewisse, eher konservative Erwachsene, die die systematische Erziehung aus religiösen Gründen ablehnten. "Das Große Geheimnis, das durch Blitz und Donner spricht", so argumentierten sie, "das den Menschen das Leben gibt und nimmt, wann es will - wenn das Große Geheimnis wollte, daß Kinder Fischegrabschen, Pferdeknüppeln und Tigervertreibung beherrschen, bevor sie erwachsen sind, dann hätte es selbst dafür gesorgt, indem es die dafür nötigen Instinkte von Anfang an in den Menschen eingepflanzt hätte. Neue Faust ist nicht nur gottlos, da er etwas zu tun versucht, was vom Großen Geheimnis nicht geplant ist. Er ist auch ein verdammter Narr, wenn er versucht, die menschliche Natur zu verändern." Woraufhin die eine Hälfte dieser Kritiker feierlich zu skandieren anfing: "Wenn du dich dem Willen des Großen Geheimnisses widersetzt, mußt du sterben", und die andere Hälfte skandierte spöttisch: "Du kannst die menschliche Natur nicht ändern."

Neue Faust, der nicht nur Erzieher und Theoretiker, sondern auch ein Diplomat war, antwortete höflich auf beide Argumente. Zu den vornehmlich religiös Eingestellten sagte er, daß das Große Geheimnis befohlen habe, diese neue Arbeit zu beginnen, daß er selbst die Aufgabe übernommen hätte, die Kinder für das Lernen zu begeistern, und daß sie nichts lernen könnten ohne die Kraft des Großen Geheimnisses. Niemand aber könne den Willen des Großen Geheimnisses wirklich verstehen, was Fische, Pferde und Tiger betrifft, wenn er nicht gute Vorkenntnisse in den drei Grundfächern der Neue-Faust-Schule erworben habe. Denen, die behaupteten, daß man die menschliche Natur nicht verändern könne, entgegnete er, daß die Altsteinzeitkultur ihr hohes Niveau erhalten habe durch Veränderungen der menschlichen Natur und daß es fast unpatriotisch erscheine, den Entwicklungsprozeß abzuleugnen, der die Gemeinschaft groß gemacht habe. "Ich kenne euch, meine Stammesgenossen", sagte der Pionier-Erzieher, "ich kenne euch als demütige Diener des Großen Geheimnisses. Ich weiß, daß ihr euch nicht einen einzigen Augenblick bewußt gegen seinen Willen stellen würdet. Ich kenne euch alle als intelligente und loyale Stammesgenossen, und ich weiß, daß euer reiner Patriotismus es euch nicht erlauben wird, irgend etwas zu tun, was die Weiterentwicklung unserer Höhlenkultur behindern könnte; besonders wird er euch nicht daran hindern, das durchzuführen, was ihr am meisten nützt, nämlich das altsteinzeitliche Erziehungssystem. Nun, da ihr den Sinn und die wahre Natur dieser Einrichtung versteht, vertraue ich voll darauf, daß es keine Gründe mehr gibt, dieses System nicht zu verteidigen." Dieser Appell gewann die konservativen Männer für die Sache der neuen Schule, und nach kurzer Zeit wußte man im Dorf, daß der Kern einer guten Erziehung in den drei Grundfächern Fischegrabschen, Pferdeknüppeln und Tigervertreibung lag. Neue Faust und seine Altersgenossen wurden alt, und das Große Geheimnis holte sie in das Land des Sonnenuntergangs weit hinter der Flußbiegung. Andere Männer lehrten ihre Erziehungspraktiken, bis alle Kinder des Stammes die drei Grundfächer beherrschten. Dem Stamm ging es gut, und er lebte zufrieden. Man kann nun annehmen, daß auf der Grundlage dieses Erziehungssystems alles so gut geblieben wäre, wenn die Lebensbedingungen des Stammes dieselben geblieben wären. Aber die Bedingungen änderten sich, und das Leben, das einst so sicher und glücklich gewesen war, wurde unsicher und unruhig. Eine neue Eiszeit näherte sich diesem Teil der Welt. Ein großer Gletscher kam von dem Nachbargebirge aus dem Norden. Jedes ]ahr kam er näher an die Biegung des Flusses in der Nähe des Stammes, bis er den Strom erreichte und im Wasser zu schmelzen begann. Schmutz und Geröll, das der Gletscher auf seinem langen Weg gesammelt hatte, lagen nun im Fluß. Das Wasser wurde schlammig. Der früher kristallklare Fluß, in dem man leicht bis auf den Grund sehen konnte, war nun ein schlammiger Strom, in dem nichts mehr erkennbar war. Das Leben des Stammes wurde so wesentlich verändert. Es war nicht mehr möglich, Fische mit der bloßen Hand zu grabschen, denn man konnte die Fische im trüben Wasser nicht mehr sehen. Mit der Zeit waren die Fische in diesem Gewässer ängstlicher, schneller und intelligenter geworden. Die dummen, langsamen Fische, die früher in großer Zahl hier gewesen waren, wurden von den Fischern so lange gefangen, bis schließlich nur die schnellsten überlebten. Diese Fische nun, versteckt im trüben Wasser unter dem Geröll, entwischten den Händen der geübten Fischer. Wie gut ein Mensch auch im Fischegrabschen ausgebildet sein mochte - er konnte keine Fische grabschen, weil er keine Fische mehr sehen konnte. Das schmelzende Wasser des sich nähernden Gletschers wirkte sich auch auf das Wetter aus. Das Gebiet um den Fluß herum wurde sumpfig. Die kleinen wolligen Pferde, die nur 5 bis 6 Hände hoch waren und auf 4zehigen Vorderfüßen und 3zehigen Hinterfüßen liefen, hatten eine gefährliche Eigenschaft, obwohl der Stamm sie gerne jagte. Sie waren ehrgeizig. Sie alle wollten gerne auf ihren mittleren Zehen gehen. Sie hatten den Wunsch, mächtige, starke Tiere zu werden und nicht so klein und furchtsam zu bleiben. Sie träumten von einem weit entfernten Tag, an dem ihre Nachkommen 16 Hände hoch sein würden, mit einem Gewicht von einer halben Tonne, und in der Lage, diejenigen, die auf ihnen reiten wollten, in den Sand zu werfen. Sie wußten, daß sie dieses Ziel niemals im nassen, sumpfigen Land erreichen konnten; deshalb begaben sie sich nach Osten in die trockenen, offenen Steppen, weit entfernt von den Jagdgründen des Stammes. Ihr Platz wurde eingenommen von kleinen Antilopen, die mit dem Eis gekommen waren und die so scheu und schnell waren und einen Spürsinn für Gefahren hatten, daß niemand nah genug an sie herankam, um sie erlegen zu können. Die besten Pferdeknüppler des Stammes versuchten es jeden Tag mit den effektivsten Methoden, die sie in der Schule gelernt hatten, aber jeden Tag kehrten sie mit leeren Händen zurück. Die beste Ausbildung zum Pferdeknüppler hat keinen Erfolg, wenn keine Pferde mehr da sind. Schließlich, um den Zusammenbruch des gewohnten Lebens und der Erziehung in der Altsteinzeit zu vervollständigen, verursachten der Nebel und der Dunst in der Luft bei den Tigern Lungenentzündungen, wofür sie besonders anfällig waren. Die meisten von ihnen verendeten. Einige schon geschwächte Tiere schleppten sich zwar nach Süden in die Wüste, aber es waren nur wenige und bemitleidenswert schwache Vertreter einer einstmals starken, mächtigen Tierart. So gab es in diesem Gebiet nun keine Tiger mehr, und die besten Jagdtechniken wurden zu theoretischen Übungen, die an sich zwar gut waren, aber für die Sicherheit des Stammes keine Bedeutung mehr hatten. Doch diese Gefahr für die Menschen wurde nur abgelöst von einer anderen, noch größeren Gefahr, denn mit dem Eis kamen wilde Eisbären, die keine Angst vor Feuer hatten und tagsüber und nachts auf den Pfaden des Stammes zu finden waren. Sie konnten selbst mit den fortschrittlichsten Methoden, die man bisher in den Schulen für das Tigervertreiben entwickelt hatte, nicht verscheucht werden. Der Stamm befand sich in einer schwierigen Situation. Es gab keinen Fisch und kein Fleisch zum Essen, keine Felle für die Kleidung und keine Sicherheit vor dem pelzigen Tod, der nachts und tagsüber auf den Wegen um die Höhlen herum lauerte. Anpassung an diese Schwierigkeiten war erforderlich, wenn der Stamm nicht zugrunde gehen wollte. Zum Glück für den Stamm gab es jedoch Männer von der Art des Neuen Faust, die die Fähigkeit zum Handeln hatten und Mut zum Denken besaßen. Einer von ihnen stand mit hungrigem Magen am trüben Fluß und überlegte, wie er einen Fisch zum Essen fangen könnte. Immer wieder an diesem Tag versuchte er es mit der alten Methode, aber in seiner Verzweiflung verwarf er schließlich alles, was er in der Schule gelernt hatte, und dachte nach über eine neue Art des Fischfangs im Fluß. Es gab starke, aber dünne Zweige, die von Bäumen am Ufer herabhingen. Er brach sie ab und begann, sie zu befestigen, mehr oder weniger ohne feste Absicht. Bei der Arbeit wurde der Gedanke daran, wie er seinen eigenen Hunger und den seiner schreienden Kinder in den Höhlen sättigen könnte, immer stärker. Da legte sich seine Verzweiflung etwas. Er arbeitete schneller und bewußter. Schließlich hatte er es - ein Netz, ein Fangnetz. Er rief einen Stammesgefährten und erklärte seinen Plan. Die zwei Männer legten das Netz ins Wasser, nacheinander in jede Bucht des Flusses, und in einer Stunde fingen sie mehr Fische - intelligente Fische im trüben Wasser -, als der gesamte Stamm an einen Tag mit den alten Methoden hätte fangen können.

Ein anderer schlauer Stammesgefährte wanderte hungrig durch den Wald, wo früher die kleinen Pferde geweidet hatten, wo jetzt aber nur die kleinen, schnellen Antilopen zu sehen waren. Er hatte es mit der alten Jagdmethode versucht, bis er zur Überzeugung kam, daß sie nutzlos war. Er wußte, daß derjenige verhungern würde, der sich auf sein Schulwissen verließ und in den Wäldern Fleisch nach der alten Methode bekommen wollte. Ähnlich wie der, der das Fischnetz erfand, wurde auch er vom Hunger auf neue Ideen gebracht. Er spannte einen festen, elastischen jungen Baum über einen Antilopenwildwechsel und befestigte eine Schlinge aus einer Weinrebe so, daß das vorbeispringende Tier einen Mechanismus auslösen mußte, der es fesselte, wenn der Baum hochschnellte. Dadurch, daß er mehrere Schlingen befestigte, konnte er in einer Nacht mehr Fleisch und Fell bekommen als ein Dutzend Pferdeknüppler früher in einer Woche. Ein dritter Stammesgenosse, der entschlossen war, die Gefahr, die von den Bären drohte, zu beseitigen, vergaß ebenso, was er in der Schule gelernt hatte und begann nachzudenken. Schließlich, als Ergebnis seiner Überlegungen, grub er ein tiefes Loch in einen Bärenpfad, bedeckte es so mit Zweigen, daß ein Bär ohne Mißtrauen darüberlaufen und in die Grube fallen würde und gefangen blieb, bis die Männer des Stammes kommen würden, um ihn mit Stöcken und Steinen zu töten. Der Erfinder zeigte seinen Freunden, wie sie auf allen Pfaden um das Dorf herum solche Gruben anlegen und unauffällig verdecken sollten.

So hatte der Stamm wieder dieselbe Sicherheit wie vorher, und außerdem hatten sie noch das Fleisch und das Fell der erlegten Bären. Als dann diese neuen Erfindungen im Stamm bekannt wurden, bemühten sich alle Mitglieder, die neuen Techniken zu erlernen. Die Männer machten Fischernetze, legten Antilopenschlingen und gruben Bärenfallen. Der Stamm war beschäftigt, und es ging ihm gut. Es gab einige nachdenkliche Männer, die sich während dieser Arbeit Fragen stellten. Einige Radikale unter ihnen kritisierten sogar die Schulen. "Diese neuen Fertigkeiten wie Netzbauen zum Fischfang, Schlingenherstellen und Fallgrubenbauen sind unerläßIich für unser modernes Leben", sagten sie. "Warum sollen sie nicht in der Schule gelehrt werden?" Die Mehrheit wußte eine schnelle Antwort darauf. "Schule!" sagten sie spöttisch. "Ihr seid jetzt nicht in der Schule. Ihr steht mitten in der Arbeit, um das Leben und das Wohl des Stammes zu erhalten. Was haben diese praktischen Arbeiten mit der Schule zu tun? Ihr sollt keinen Unterricht geben. Vergeßt eure Lektionen und eure alten Ideale vom Fischegrabschen, Pferdeknüppeln und von der Tigervertreibung, wenn ihr weiterhin essen wollt, warme Kleidung haben möchtet und vor dem Tod geschützt sein wollt." Die Radikalen beharrten auf ihren Fragen. "Alle diese neuen Fertigkeiten erfordern bestimmte Erkenntnisse und Intelligenz - Dinge, die wir doch in den Schulen entwickeln wollen. Auch brauchen wir sie zum Leben. Warum können sie denn nicht in den Schulen gelehrt werden?" Aber der größte Teil des Stammes, besonders die weisen Alten, die die Schule kontrollierten, lächelten nachsichtig über die Vorschläge. "Das wäre keine Erziehung", sagten sie. "Warum nicht?" fragten die Radikalen. "Weil es bloßes Training wäre", erklärten die alten Männer geduldig. Mit all den komplizierten Details des Fischegrabschens und Pferdeknüppelns sowie der Tigervertreibung - den Standardkulturgütern - ist das Schulcurriculum bereits überfüllt. Wir können nicht noch Kinkerlitzchen wie Netzkonstruktion usw. beifügen. Der Leichnam des großen Neue Faust, des Begründers unseres Erziehungssystems, würde sich im Grab umdrehen. Was wir tun müssen, ist folgendes: Wir müssen unserer Jugend mehr Grundkenntnisse vermitteln. Nicht einmal wenn sie mit der Reifeprüfung die Schulzeit abgeschlossen haben, beherrschen sie heutzutage das Fischgrabschen vollkommen, sie sind auch beim Pferdeknüppeln unbeholfen. Ja, sogar die Lehrer scheinen nicht alles voll zu beherrschen, was wir Alten schon in unserer Jugend konnten und niemals vergessen werden." "Aber verdammt", explodierte ein Radikaler, "wie kann ein normaler Mensch an so nutzlosen Fertigkeiten interessiert sein? Wie kann man lernen, Fische mit der Hand zu grabschen, wenn das gar nicht mehr geht? Wie kann ein Junge lernen, Pferde zu knüppeln, wenn es keine Pferde mehr gibt? Und warum sollen Kinder versuchen, Tiger mit Feuer zu jagen, wenn die Tiger ausgestorben sind?" "Seid nicht albern", sagten die alten Männer, "wir lehren Fischegrabschen mit der Hand nicht, um Fische zu fangen; wir lehren es, um eine allgemeine Beweglichkeit zu entwickeln, die man nicht durch bloße Übung erwerben kann. Wir lehren das Pferdeknüppeln nicht, um Pferde zu erlegen. Wir lehren es, um eine übergreifende Fähigkeit in dem Schüler zu entwickeln, die er niemals aus so nüchternen und spezialisierten Tätigkeiten wie Fallenstellen gewinnen kann. Wir lehren die Tigervertreibung nicht, um Tiger zu vertreiben, sondern wir lehren sie mit dem Ziel, einen erhabenen Mut zu vermitteln, den man im ganzen Leben braucht und den man nie bei niedrigen Dingen wie dem Totwerfen von gefangenen Bären gewinnt." Alle Radikalen verstummten vor solchen Argumenten. Nur der Extremste unter ihnen versuchte einen letzten Protest, wenngleich auch er sich beschämt fühlte: "Aber - aber jedenfalls müssen Sie zugeben, daß sich die Zeiten geändert haben. Könnten Sie es mit diesen modernen Dingen nicht wenigstens versuchen? Vielleicht haben sie doch einen gewissen erzieherischen Wert?!" Selbst die anderen Radikalen meinten, daß er nun zu weit gegangen sei. Die weisen Alten wurden böse. Ihr freundliches Lächeln verschwand. "Wenn du selbst eine Erziehung hättest", sagten sie ernst, "dann würdest du wissen, daß die Wirkung einer wahren Erziehung zeitlos ist. Es ist etwas, das auch unter veränderten Bedingungen andauert wie ein Felsbrocken inmitten eines reißenden Flusses. Du mußt wissen, daß es einige ewige Wahrheiten gibt, und das Säbelzahn-Curriculum ist eine davon".