Die syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei und in Deutschland


Lebendige Kirchengeschichte - so könnte man die Dissertation nennen, mit der Kai Merten im Februar an der Universität Göttingen promoviert wurde. Sein Buch "Die syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei und in Deutschland. Untersuchungen zu einer Wanderungsbewegung" beschäftigt sich mit dem Weg der etwa 40.000 syrisch-orthodoxen Christen in Deutschland, die seit 1960 als Gastarbeiter oder als Asylsuchende in die Bundesrepublik gekommen sind. Prof. Dr. Jouko Martikainen, auf den auch die Wahl dieses Themas zurückgeht, betreute den Doktoranden während der gesamten Entstehungszeit der Dissertation. Ein großer Teil der Studie beruht dabei auf Gesprächen und Beobachtungen des Verfassers, die er auf mehreren Reisen in der Türkei, in Deutschland, Schweden, Holland und Österreich gesammelt hat.

Wesentliche Quellen sind neben Gutachten und Dokumentationen u. a. auch bisher unveröffentlichte Akten aus Asylverfahren sowie türkische Bücher und Zeitungen. Nach einer Einleitung, die den Leser durch Hintergrundinformationen zur Geschichte und Kirchengeschichte an die syrisch-orthodoxen Christen heranführt, stellt das Buch auf 288 Seiten in drei Schwerpunkten die Situation in der Türkei, die Auswanderung selber und die Lage in Deutschland dar. Wertvoll wird das Werk vor allem durch verschiedene Blickwinkel, aus denen heraus die Situation der syrischen Christen beleuchtet wird (politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und kirchlich). Daraus ergibt sich eine Fülle von Details, die so bisher noch nicht der Öffentlichkeit zugänglich waren.

Aus dem breiten Spektrum der Themen könnte man z. B. herausgreifen: die Menschenrechtssituation in der Türkei, die Stellung der Christen im kurdischen Stammessystem und ihr Verhältnis zur PKK, zu den Türken und zu den anderen Bevölkerungsgruppen in der Südosttürkei, das kirchliche Leben in Istanbul, die unterschiedlichen Reisewege nach Westeuropa, die z. T. sich widersprechenden Einschätzungen der Auswanderung, eine fundierte Analyse der Faktoren, die die Auswanderung bewirkt und beeinflußt haben, die Entwicklung der deutschen Rechtsprechung in den Asylverfahren, das Leben zwischen zwei Kulturen in der neuen Heimat, der Aufbau und die Bedeutung neuer Kirchengemeinden und die Vorstellung kultureller und politischer Organisationen der syrischen Christen.

Ein Anhang informiert über die Situation der syrisch-orthodoxen Christen in weiteren Ländern des Nahen Ostens sowie der westlichen Welt. U. a. durch zwölf Tabellen und durch seine Übersichtlichkeit eignet sich das Buch daher sowohl als umfassende Darstellung der Situation dieser Christen während der letzten 40 Jahre als auch als Handbuch, in dem man einzelne Informationen nachschlagen kann. Die Geschichte der syrischen Christen läßt sich außerdem trotz mancher Eigentümlichkeiten gut mit dem Schicksal vieler Gruppen von Einwanderern in unserem Land vergleichen. Dieses Buch wird daher für alle eine Lücke auf dem Büchermarkt schließen, die sich für das "Kulturmosaik" unserer Gesellschaft interessieren, um einen Begriff der Aleviten in der Türkei auf Deutschland zu übertragen. Jedem, der sich mit ausländischen Mitbürgern und der Asylfrage beschäftigt, vermittelt diese Studie beispielhaft ein Bild der betroffenen Menschen.

Autor, Jahrgang 1965, Studium der Theologie in Heidelberg und Göttingen, Vikariat in Mainz, ist mit einer Äthiopierin verheiratet und seit kurzem evangelischer Pfarrer in Wiesbaden, wo es auch eine große syrisch-orthodoxe Gemeinde gibt. Der Abschluß der Promotion wird für ihn also sicherlich nicht das Ende seines ökumenischen Engagements bedeuten.


Web Master: Gabriel Rabo
First Ubdated: 25.03.1997
Last Ubdated: 23.07.1997
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