Das Kloster Mor Gabriel


Das Kloster Mor Gabriel liegt 19 km südöstlich von Midyat im Tur‘Abdin (Südosten der heutigen Türkei). Es war von 615-1049 Bischofssitz vom Tur‘Abdin und war dann bis 1915 eine eigene selbständige Diözese. Seit 1995 is es wieder Zentrum der Diözese vom Tur‘Abdin hat eine geistlich geprägte Geschichte hinter sich. Dabei ist es eine Schutzburg und Wallfahrtsort für die Syrer und es wird sogar als das zweite Jerusalem bezeichnet.

Das Kloster Mor Gabriel oder das Kloster von Qartmin - so die in der syrischen Kirchengeschichte ebenfalls vorkommende Bezeichnung - wurde im Jahre 397 von Mor Shmuel († 409) und seinem Schüler Mor Shem‘un († 433) durch Anweisung des Engels des Herrn gegründet. Dann wurde es im 7. Jahrhundert nach dem Bischof Mor Gabriel benannt, der von 634 bis zu seinem Tod im Jahre 668 dort residierte. Das Kloster wurde im Laufe der Zeit immer bekannter und zum Zentrum der syrischen Mönche. Obwohl es mit zwei Mönchen begann, stieg ihre Zahl später rasch an, so daß dort im 6. Jahrhundert bis 1000 Mönche zusammen lebten. Das Kloster war sowohl Exerzitienstätte der einheimischen Mönche, als auch für 800 Kopten, die sich zuerst als Händler nach Tur‘Abdin begaben und dann im Kloster für ein asketisches Leben entschieden.

Das Kloster Mor Gabriel spielt seit seiner Gründung bis heute eine wichtige Rolle im Tur‘Abdin. Es ist nicht nur Kloster ausschließlich für die Mönche gewesen, sondern auch eine theologische Ausbildungsstätte für den ganzen Tur‘Abdin und sogar für die syrische Kirche insgesamt. Die Klosterschule machte sich einen Namen und bildete sehr viele Kleriker und namenhafte Wissenschaftler aus; daraus gingen vier Patriarchen, ein Maphryono (Katholikos) und 84 Bischöfe hervor. Namentlich zu erwähnen wären u.a. Mor Yuhannun Sa‘oro (†503), Bischof von Amida. Mor Philoxenos von Mabug († 523) - auch Mor Achsnoyo genannt -, der sich dem Chalkedonismus widersetzte, war ein weltweit berühmter Theologe. Der Patriarch Theodosius Romanus (†896), der ein berühmter Mediziner war, und Patriarch Behnam von Hedil († 1454)3 .

Das Kloster verfügte übrigens über eine reiche, wertvolle Bibliothek, deren Manuskripte zum Teil von den großen syrischen Kalligraphen auf Pergament abgeschrieben wurden. In der Klosterbibliothek findet man heute nichts mehr von diesen Handschriften. Die meisten von ihnen wurden bei Verfolgungen geplündert oder verbrannt; nur einige wenige davon konnten gerettet und in europäischen Bibliotheken aufbewahrt werden. Das Kloster Mor Gabriel hat eine Geschichte hinter sich, von der mehrere altertümliche Kirchengebäude, Asketenstätte und viele Ruinen mit den Gräbern von „zwölftausend Heiligen" zurückgeblieben sind.

Die Geschichte des Klosters Mor Gabriel am Beginn unseres Jahrhunderts war geprägt von dem grausamen Massaker von 1915, dem sog. Jahr des Schwertes. Alle seine Bewohner wurden damals auf Befehl der türkischen Regierung von den Kurden umgebracht und das Kloster wurde von ihnen vier Jahre lang besetzt. Erst ab 1919 konnte es nochmals von den Syrern bewohnt und geleitet werden. Unter der Leitung des Abtes Sabo Günes († 1962) konnte ab 1956 mit der Renovierung des Klosters und mit neuen Baumaßnahmen begonnen werden, die ab 1962 unter dem jungen Abt Yeshu Çiçek (gegenwärtiger Erzbischof von Mitteleuropa) fortgesetzt wurden. Dabei wurden die meisten Neubauten und der Kirchturm eingerichtet, die v.a. von dem Metropoliten der USA Mor Athanasius Y. Samuel († 1995) finanziert wurden. Die erste Autostraße zum Kloster wurde gebaut und Elektrizität durch einen Generator zum ersten Mal in der Geschichte des Klosters angeschafft, nicht zuletzt aber das Priesterseminar eröffnet, das noch bis heute im Betrieb ist.

Als der Abt Samuel Aktas (gegenwärtiger Erzbischof vom Tur‘Abdin) ca. 1972 die Leitung des Klosters übernahm, konnte mit weiteren Baueinheiten begonnen und bis heute weiter gebaut werden. Dabei sind im letzten Jahrzehnt die Wohneinheiten der Nonnen und der Seminaristen sowie des Bischofs zeitgemäß geworden. Die Möglichkeiten des Klosters wurden verbessert, der öffentliche Strom (1979), fließendes Wasser (1983) und Telefon eingerichtet. Außerdem wurden große Gartenanlagen für die Versorgung der Bewohner mit befestigter Mauer um das Kloster angebaut, wonach von den historischen Ruinen nichts mehr zu sehen ist. Die Ruinen hätten möglicherweise bei eventuellen Ausgrabungen eine bedeutende Geschichte dieses Klosters nachweisen können.

Das Kloster ist nun eine Burg und ein Zentrum für die Syrer im Tur‘Abdin. Seit der Bischofsweihe seines Abtes Mor Timotheos Samuel Aktas ist es nochmals der faktische Bischofssitz vom Tur‘Abdin geworden, obwohl es theoretisch noch immer die Stadt Midyat ist. Was die Anzahl der Bewohner des Klosters heute angeht, kann man sie sicherlich nicht mehr mit der Vergangenheit vergleichen, weil damals Tur‘Abdin ausschließlich von den Syrern bewohnt war. Im Kloster leben z.Zt. außer dem Bischof zwei Mönche, ca. 15 Nonnen und 40 Schüler sowie drei Familien der Lehrkräfte und Mitarbeiter. Das Priesterseminar Mor Gabriel hat in den letzten 40 Jahren einen wichtigen Beitrag für die syrische Kirche und Kultur geleistet, denn viele von den Klerikern und Lehrern in verschiedenen Diözesen wurden hier ausgebildet und die syrische Sprache gepflegt. Bis 1980 konnten die Seminaristen intensiv in syrischer Theologie ausgebildet werden. Aber nachdem die türkische Regierung die syrischen Priesterseminare geschlossen hatte, mußten die Schüler dann in die türkische Schule täglich nach Midyat geschickt werden. Damit erschwert sich das geistliche Leben der Klosterbewohner, weil für sie nicht genügend Zeit für eine ausreichende theologische Ausbildung bleibt. Darüber hinaus steht das Kloster Mor Gabriel in einem Sozialdienst für die Syrer im Tur‘Abdin. Durch sog. Sozialfonds, der von den Organisationen Freunde des Tur‘Abdin und Solidaritätsgruppe Tur‘Abdin gegründet wurde, werden schwache syrische Familien in Notfällen unterstützt. Über das Kloster wird ebenfalls syrischen Pfarrern und Lehrer mit einem Zuschuß finanziell unter die Arme gegriffen, der vom Ökumenischen Rat der Kirchen gefördert wird.



Autor: Gabriel Rabo
First Updated: 20.04.1997
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