Geistliches Fasten

(Subdiakon Amill Gorgis)

Seine Heiligkeit Patriarch Iganatiu Zakka I. Iwas schreibt unter anderm über das Fasten:

Das Fasten ist eine freiwillige Askese, ein Hinweis darauf Gott und seinen Geboten gehorsam zu sein und ein Praktizieren der Gebote Gottes, in dem man sich freiwillig des Essens und des Trinkens für eine bestimmte Zeit, enthält, danach nimmt man leichte Speisen zu sich, die frei von tierischen Fetten sind, so dass der Fastende sich auf das Verzehren von Getreide, Hülsenfrüchten, Obst und pflanzlichen Fetten beschränkt und sich der tierischen Produkte enthält mit Ausnahme der Fische und aller Meerestiere und dem Hönig, denn die Bienen sind Tiere ohne Begierde.

S.H. Iganatiu Zakka I. Iwas sagt zum Zweck des Fastens:

Die Absicht des Fastens ist die Schwächung der Leibeskraft der Begierde und die Übung, den Körper unter Kontrolle zu bringen und der Seele die wertvolle Gelegenheit zu geben, sich den irdischen Dingen fern zu halten und den himmlischen Dingen zuzuwenden; sie wird geläutert, gereinigt und drückt ihr Liebe zu Gott dem Erhabenen aus und sie bevorzugt das geistliche Leben statt des Leiblichen und so besiegt der Geist das Fleisch; in diesem Sinne sagt Paulos:

"Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen. Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, sodass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt. Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz. "(Gal. 16-18)

Die Demütigung der Seele ist das trauern, dass der Herr erwähnte, als er den Jüngern von Johannes das Fasten beschrieb:

"Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; dann werden sie fasten." (Mt 9,15)

Die Demütigung und das Trauern ist ein und dasselbe, und sie sind das sichtbare Zeichen der wahren Buße, die die wichtigste Absicht des Fasten ist, welches von Gott angenommen wird. Einer seiner Bedingungen ist es, daß nicht nur der Leib vom Essen und Trinken fastet, sondern die Seele auch mitfastet vor der Begehung der Sünde und das beide ihre Ursache vermeiden. Und das ist es, was wir von dem Gebot Gottes verstehen durch den Propheten Jöel:

"Auch jetzt noch - Spruch des Herrn: / Kehrt um zu mir von ganzem Herzen / mit Fasten, Weinen und Klagen." (Jöel 2,12)

Das wohlgefällige Fasten ist ein Fasten, das mit den Werken der Barmherzigkeit begleitet wird:

Der Sinn des Fastens, das von Gott angenommen wird, wie es im Alten Testament geschrieben steht, wird deutlich durch das Wort des Herrn an den Propheten Jesaja:

"Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: / die Fesseln des Unrechts zu lösen, / die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, / jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, / die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden / und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen." (Jesaja 58,6-7)

Die Liturgie in der Syrisch-Orthodoxen Kirche in der Vierzigtätigen Fasten Zeit

Prof. Maday schreibt in seiner Einleitung für das Übersetzte Buch der Stundengebete: "Die syrische Liturgie spricht von der Krone des Jahres, wenn sie die Entfaltung des Christusmysteriums innerhalb der zwölf Monate eines Jahres meint. Die Feier des göttlichen Heilsplanes während einer Woche ist ähnlich geordnet. Es sind ja dieselben Mysterien, die im Laufe einer Woche gefeiert werden. Jeder Tag steht unter einem besonderen Thema".

Diese Liturgie erfährt eine Steigerung in der Fülle der Lieder, Gebete und Meditationstexte während der großen Fastenzeit vor Ostern, und sie wird in Tiefe und Umfang während er Leidenswoche (Karwoche) noch erweitert.

Die Sonntage der Passionszeit sind mit den Themen der Zeichen und Wunder Jesu besetzt.

Der Sonntag vor dem Beginn der Fastenzeit: Die Hochzeit zu Kana

(1. Sonntag; die Fastenzeit beginnt am Montag)

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Umkehr, der Buße und der besonderen Hinwendung zu Gott. Die Einteilung der Sonntage durch die Kirchenväter soll dieses Anliegen unterstützen. Die Lieder und Gebete sind gleichzeitig eine Auslegung der Schrift.

Der Wein, der ausgegangen war, ist ein Symbol für das Alte Testament. Der neue Wein, der geschaffen wurde, ist ein Symbol für des neue Neue Testament. Das zentrale Gebet, das immer wieder in vielen Liedern und Gebeten an diesem Sonntag vorkommt, lautet: "Herr, so wie Du das Wasser in Wein umgewandelt hast, so wandle Du auch uns vom Bösen zum Guten." Dies dient der Vorbereitung auf die innere Umkehr und Läuterung der Seelen.

Am Montag, am Anfang der Fastenzeit, beginnt die Gemeinde mit der besonderen "Gottesdienstordnung der Vergebung" (S ubqono) an: Die Bitte umVergebung, sowohl an Gott als auch aneinander, steht im Vordergrund. So stellt sich der Priester als erster vor die Gemeinde und bittet sie um Vergebung. Anschließend stellt sich die Gemeinde auf, um einander Vergebung zuzusprechen. Es soll ein Fasten sein, in dem sich die ganze Gemeinde miteinander versöhnt und in Einheit vor den Herrn tritt.

Die 40 tägige Fastenzeit ist ein Nachahmen der Propheten Mose und Elia sowie schließlich Jesu selbst. So lehren es die Strophen von Afrem dem Syrer: "Faste die 40 Tage und gib dem Hungrigen dein Brot und bete am Tage siebenmal, so wie der Sohn Jesse getan hat." Mose fastete 40 Tage, Elia fastete 40 Tage, und unser Herr fastete 40 Tage und besiegte den Bösen."

Der 2. Fastensonntag: Heilung des Leprakranken

Der Leprakranke ist ein Zeichen für den Tod. Seine Glieder sterben nach und nach. So sterben auch die Seelen der Menschen, die fern von Gott leben, sie sind tot für ihn. Das Alte Testament forderte die Isolierung, das Aussondern. Christus dagegen streckt die Hand zur Heilung aus.

Der Kranke liefert sich Jesus als Quelle des Heils aus und erfährt Reinigung und Heilung.

So soll der Betende und Fastende sich der Quelle allen Heils ausliefern, zur Reinigung seiner Seele. Es heißt in einem Vers der Litanei dieses Sonntags:

"Ihm (Jesus) ist ein Leprakranker rufend begegnet, Sohn Davids, erbarme Dich meiner Unrein bin, ruft jeder, sieh mich mit den Augen der Vergebung an."

Der 3. Fastensonntag: Heilung des Gelähmten

"Dir sind Deine Sünden vergeben." Bevor Jesus den Gelähmten aus den Fesseln derLähmung befreit, heilt Er ihn an seiner Seele.

Der Gläubige erfährt durch die Lieder und Gebete dieses Sonntags, daß er sich dem nähern darf, dem die Macht gegeben ist, ihn aus seiner Schuld und Verfehlung zu befreien. Der Sohn Gottes hat die Macht, der Seele Reinheit und Heilung zu schenken. Er ist es, der die Seelen nach Seinem Bilde geschaffen hat. Wo Zweifel herrscht, soll er dem Glauben weichen. Es heißt in einem der Gebete: "...Herr, erbarme Dich meiner und heile das Lahmen meiner Seele. Vergib mir in Deiner Barmherzigkeit meine Sünden und Verfehlungen, damit ich Dich in Reinheit und Heiligkeit preisen kann."

Der 4. Fastensonntag: Heilung der Tochter der kanaanäischen Frau

"Frau, dein Glaube ist groß. Was willst du, soll geschehen? Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt." (Mt 15,28)

Der Glaube dieser Frau dient den Gläubigen als Vorbild. Es soll daran erinnert werden, sich mit Beharrlichkeit und Festigkeit dem Herrn allein zuzuwenden.

Die Fremden und Nichtjuden waren zunächst von der Heilung durch Jesus ausgeschlossen, bis die kanaanäische Frau zu ihm kam. Sie stellt die ganze Menscheit dar, die nicht dem jüdischen Volk angehörte. So wie Jesus aus dem Grenzbereich seines Volkes nach Tyros und Sidon herausging, so kommt die Kirche, die Mutter der Völker, zu ihm und bittet fest und beharrlich um Barmherzigkeit.

Der 5. Fastensonntag: Der barmherzige Samariter

Die Auslegung dieses Gleichnisses, so wie sie in den Strophen des folgenden Liedes zu finden ist, wird nach der Tradition der Syrisch-Orthodoxen Kirche und ihrer Bibelausleger als Vorbereitung auf die Heilsgeschichte verstanden.

"Adam überfielen das Böse und der Tod, der Feind des Menschen."

Der Mensch, der von Jerusalem nach Jericho reist, stellt die Menscheit dar, Jerusalem das himmlische Paradies, Jericho das verfluchte Land, wohin der Mensch vertrieben worden ist.

Die Räuber sind der Tod, das Böse und die Sünde. "Sie entkleideten ihn seiner Herrlichkeit und stürzten ihn in die Tiefe des Schmerzes und des Unglückes."

Diese Feinde entkleideten den Menschen seiner Gnade. Der Levit, der vorbeiging, konnte ihm nicht helfen: Dies soll ein Hinweis darauf sein, daß die Gesetze des Mose nicht im Stande waren, den Menschen aus der Knechtschaft der Sünde zu befreien.

Ein samaritanischer Arzt begegnete ihm, während er am Wegrand lag. Er verband seine Wunden und schenkte ihm durch sein unschuldiges Blut Heilung." Der barmherzige Samariter ist Jesus, der Wein und das Öl sind sein Blut und das heilige Salböl (Chrisam. Der Samariter ließ den Verwundeten auf seinem Esel reiten, Jesus trug unser Kreuz auf seinen Schultern.

"Er gab ihm die Hand und stützte seine Schwachheit. Er setzte ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu der Herberge des Lebens und erlöste ihn durch seine Liebe." Im Liedgut, das zu diesem Sonntag gehört, ist die Kirche ein Ort der Geborgenheit für den Gläubigen so wie die Herberge für den Verwundeten.

In der biblischen Geschichte vom barmherzigen Samariter heißt es, daß der Samariter dem Wirt zwei Dinare aushändigt. Diese beiden Dinare sind nach der Meinung einiger Bibelausleger als Symbol für Sein Blut und Seinen Leib zu verstehen, mit dem Er für uns am Kreuz bezahlt hat. Anhand dieses Liedes erfährt der Gläubige ein Stück Bibelauslegung.

Der 6. Fastensonntag: Heilung des Blinden

"... es ist recht, daß ich im Dunkeln bleibe,

während Du das wahre Licht bist?

... Mache dem Haus, das Du gebaut hast, eine Luke, o Weiser Architekt.

Sohn des Gütigen, der durch seine Meisterhand die Augen des Blinden öffnete, befiehl in Deiner Barmherzigkeit Leben und Erlösung denen, die auf Deinen lebendigen Namen gezeichnet sind."

Licht und Dunkelheit begegnen sich nicht. Dieser Sonntag soll uns dahin führen, nicht nur die Wunder und Zeichen Jesus zu sehen, sondern ihn mit den Augen des Herzens zu erkennen, um nicht im Dunkeln zu bleiben.

Der 7. Fastensonntag: Palmsonntag

So wie Er in Jerusalem eingezogen ist, so soll Er in die Herzen der Menschen einziehen.

Am Tage vor der Leidenswoche erfahren die Gläubigen die Erfüllung der Prophezeiung Davids: "Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge schaffst Du Dir Lob." An diesem Sonntag ist der Hosiannaruf das Bekenntnis der Kirche zu ihm:

"... Er reitet auf einem Fohlen und sie fürchten ihn.

Wie hat Ihn das Kind eines Esels getragen?

Zion verleumdet, doch die Kirche bekennt sich zu ihm.

Durch Sein Opfer wurden sie gerettet."