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Die syrisch-orthodoxe Mutter-Gottes-Kirche in Diyarbakir geplündert

SOLNews – Diyarbakir (09.01.03). In der Nacht vom 6. auf den 7. Januar 2003 wurde in die syrisch-orthodoxe Mutter-Gottes-Kirche in Diyarbakir, die dort als „Meryem Ana Kilisesi“ bekannt ist, von bislang unbekannten Moslems eingebrochen und dort großer Schaden angerichtet. Nach Informationen des in der Kirche wohnenden Syrischlehrers Saliba Açis gegenüber Suryoyo Online (www.suryoyo-online.org) entwendeten die Plünderer wertvolle liturgische Gegenstände – darunter das im Altarraum befindliche große, handgeschriebene Evangeliar mit silbernem Deckel aus dem 18. Jh., drei silberne bischöfliche Handkreuze aus dem 17. Jh. und eine sehr alte Mutter-Gottes-Ikone, die über dem Grab des im Jahre 1171 verstorbenen berühmten syrischen Theologen und Metropoliten Dionysios Bar Salibi stand, sowie zwei seltene, aus Seide gefertigte und vergoldete liturgische Velen über dem Kelch und der Patene, die ebenfalls aus dem 18. Jh. stammen. Weitere Heiligengemälde – so Saliba Açis – wurden auf den Boden geworfen und geschändet. Die Räuber waren in die Kirche eingedrungen, nachdem sie die für unüberwindlich gehaltenen hohen Außenmauern erklommen und ein mit Stahlgittern gesichertes Kirchenfester aufgesägt hatten. Entdeckt wurde die Tat erst am frühen Morgen, als der Priester Yusuf Akbulut das Morgengebet abhalten wollte. Die Behörden wurden sofort eingeschaltet.

Die syrische Gemeinde von Diyarbakir und der Metropolit des Tur Abdin, Timotheos Samuel Aktas, aus dem Kloster Mor Gabriel, waren bestürzt, als sie von der Plünderung der Kirche hörten. Wieder einmal wurden sie an ihre unsichere Zukunft in einer heute stark islamisierten Umgebung erinnert. Vor zwei Jahren (2001) hatte es in der einzigen syrischen Gemeinde in Diyarbakir schon eine politisch motivierte Aktion gegeben, als der dortige Priester Yusuf Akbulut vor ein türkisches Gericht gestellt wurde. Dieser hatte von einem Völkermord nicht nur an den Armeniern, sondern ebenso an den Aramäern (auch Syrer genannt), der im Jahre 1915 in der Türkei begangen worden ist, gesprochen. Die Journalisten der türkischen Zeitung Hürriyet zeichneten seine Äußerungen insgeheim auf Tonband auf und nannten ihn in ihrer Zeitung einen „Verräter unter uns“. Damit hetzten sie die türkische Bevölkerung gegen die wenigen Aramäer in der Türkei auf. Nach mehreren Verhandlungstagen, die von ausländischen Politikern und Menschenrechtlern sehr aufmerksam beobachtet wurden, sprach man den Priester allerdings wieder frei. Von türkischen Behörden und Journalisten wird er aber weiterhin kontrolliert. Jeden Sonntag verfolgen Angehörige des türkischen Geheimdienstes (die zum Teil bewaffnet sind) die Predigt des Pfarrers im Gottesdienst. Die Zeitung „Aksam“ bezeichnete am 27. Juni letzten Jahres, die Aramäer in abschätziger Weise als Separatisten. Sie veröffentlichte eine ethnographische Karte des Tur Abdin (das ist die syrische und wohl bekannteste Bezeichnung für die Region im Südosten der Türkei, in der einmal ausschließlich Aramäer gelebt haben) aus einem Bildband des österreichischen Professors Hans Hollerweger und behauptete, dass die Aramäer eine Abspaltung des Tur Abdin von der Türkei auf Grundlage dieser Karte anstrebten. Auf Initiative des syrischen Bischofs des Tur Abdin wurde die radikale Zeitung „Aksam“ am 06.09.2002 von der 3. Istanbuler Strafkammer verurteilt.

Diyarbakir oder „Amid“ bzw. „Ameda“ – so die früheren Namen seit dem 13. Jh. v. Chr. für die Hauptstadt des aramäischen Königreiches Bet-Zamani – war im 12. Jh. nach Chr. Sitz des Patriarchen von Antiochien und Hochburg der Aramäer. Aus ihr gingen viele namhafte syrische Theologen und Patriarchen hervor. Sie fanden zum Teil in der Mutter-Gottes-Kirche ihre letzte Ruhestätte. Außerdem befinden sich dort viele Reliquien, wie diejenigen des Apostels Thomas und des heiligen Jakob von Sarug († 512). Die Kirche gehört zu den ältesten syrischen Kirchenbauten in Mesopotamien überhaupt; ihre christlichen Baufundamente sollen bis ins 3. Jh. n. Chr. zurückgehen. Zuvor dürfte sich hier ein großer heidnischer Tempel aus vorchristlicher Zeit befunden haben, wie die noch heute erhaltenen beiden Löwenköpfe im Eingangsportal zum Diakonikon belegen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Gotteshaus immer wieder von fremden Herrschern und marodierenden Moslems geplündert und zerstört. In ihrer Blütezeit war die Kirche eine rege Pilgerstätte für die Region. Deswegen leitet sich wahrscheinlich der heutige Name der Stadt Diyarbakir aus „Deir Bakira“ ab, d.h. in arabischer Sprache „Kirche der Jungfrau“ [Maria]. Hier befindet sich eine Reliquie vom heiligen Kreuz sowie eine der wenigen erhaltenen Bibelhandschriften aus dem 6. Jh. auf Pergament. 

Im Laufe der Zeit verlor Diyarbakir allmählich seine syrisch-aramäischen Ureinwohner. 1870 lebten hier und in den umliegenden Dörfern noch 13500 Aramäer. Allein im „Jahr des Schwertes“, - so wird das Jahr des Massakers von 1915 bezeichnet - wurden 5379 Menschen getötet. Im Jahre 1966 befanden sich es hier noch 1000, heute gibt es nur noch 4 syrisch-aramäische Familien sowie den Pfarrer, der alle christlichen Konfessionen dort betreut. Der Rest emigrierte nach Istanbul und in die westliche Diaspora. Besonders erschreckend ist die Missachtung der Würde der Toten, als ein Teil des syrischen Friedhofs mit seinen Gräbern von der Stadt Diyarbakir aufgelöst wurde, um eine Straße zu bauen. Die Proteste der syrischen Gemeinde blieben bislang erfolglos.   

Gabriel Rabo

Westaussicht der Mutter-Gottes-Kirche


Innenraum der Kirche: 
das entwendete Evangeliar
Mitte auf dem Pult

Holzaltar: darauf die entwendeten 
Kreuze und die Velen

Holzaltar: darauf die entwendeten 
Kreuze und die Velen

Fotos: 1,4 Rabo; 2 Babylon; 
3 G. Akyüz.

Die Fotos (1,2,4) wurden 
im Juli und August 2002 
aufgenommen.


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Webmaster: Gabriel Rabo
Updated: 09.01.2003
Last updated: 3.4.2003
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