Klänge der syrischen Hymnen auf den Bergen von
M‘arat-Saydnaya bei Damaskus


[Konsekration des heiligen Myrons] [Inthronisationsjubiläum des Patriarchen]
[Eröffnung des neuen Theologischen Seminars] [Bischofsweihe]

Im September waren sie viel in Damaskus und M‘arat-Saydnaya, eine kleine und ruhige Ortschaft 20 km östlich der syrischen Hauptstadt Damaskus, zu hören: die syrischen Hymnen und Gesänge. Man begegnete hier tausenden Syrern aus allen Teilen der Erde. Bei den Feierlichkeiten waren 15 Erzbischöfe (1) der syrisch-orthodoxen Diözesen, Bischöfe aus der Koptisch-Orthodoxen Kirche als Repräsentanten des Patriarchen von Alexandrien Papst Shenuda III. und weitere Bischöfe aus anderen Kirchen, zahlreiche Priester, Mönche und Diakone sowie aus den syrischen und libanesischen Regierungen anwesend. Darunter war auch der syrische Minister für Tourismus Denho Davud, der aus dem aramäischen Tur‘Abdin stammt. Es war für viele Gläubige eine besondere Gelegenheit, weil man nicht immer eine Einladung zu solchen Feierlichkeiten von dem Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen Kirche bekommen kann. Es waren Feiern unterschiedlichster Anlässe und Zeremonien mit den traditionellen Hymnen und Prozessionen in Damaskus und auf den Bergen von M‘arat-Saydnaya.


  • Konsekration des heiligen Myrons
  • Am 8. September 1996 wurde das heilige Myron durch den Patriarchen Mor Ignatius Zakka I. Iwas in der Patriarchalkathedrale Mor Georgis in Damaskus eingeweiht. Die Myronweihe wird in der Regel am Donnerstag der Geheimnisse (Gründonnerstag) vollzogen, aber im Notfall oder in besonderen Fällen kann es zu anderen Zeiten eingeweiht werden. Zum letzten Mal wurde es am 11.12.1993 in der Kathedrale Mor Ephrem in Aleppo konsekriert. Auch die Syrer im Tur‘Abdin konnten im Sommer 1965 die Myronweihe durch den inzwischen verstorbenen Patriarchen Mor Ignatius Ya‘kub III. miterleben. Nach der Konsekration wird das heilige Öl auf die Diözesen und von dort an alle Pfarreien der Syrisch-Orthodoxen Kirche zum Gebrauch bei der Taufe verteilt.

    Myron ist ein griechisches Wort (muron) und wird im Syrischen auch meshho qadisho oder im Westen Chrisam genannt. Es besteht aus Olivenöl, dem teilweise bis zu 40 wohlriechenden, kostbaren Essenzen beigemischt werden. Das Myron ist in der syrischen Kirche das Symbol für den Heiligen Geist und wird nur von dem Patriarchen unter Assistenz von 12 mit liturgischen Gewändern bekleideten Priestern, 12 Diakonen und Subdiakonen mit 12 liturgischen Fächern (ma¡rou¡hôo¡to¡), Weihrauchgefäßen und Kerzen konsekriert. Das Myron dient als sakramentale Materie zur Salbung der Täuflinge nach der Taufe, bei der Bischofsweihe zur Salbung des Kopfes und der Hände (heute nicht mehr) und bei der Kirchen- und Altar[tablito]weihe.


  • Inthronisationsjubiläum des Patriarchen
  • Seine Heiligkeit der Patriarch Mor Ignatius Zakka I. Iwas hat am 14. September 1996 den 16. Jubiläumstag seiner Inthronisation auf dem Apostolischen Stuhl von Antiochien gefeiert. Am 11. Juli 1980 wurde er von der Heiligen Synode im Patriarchat in Damaskus zum Nachfolger des verstorbenen Patriarchen Mor Ignatius Ya‘kub III. als Patriarch von Antiochien gewählt und am 14. September, an dem Fest der Kreuzerfindung, in sein Amt feierlich eingeführt. Damit ist er der 122. gesetzliche Nachfolger des Apostelfürsten Petrus auf dem Stuhl von Antiochien. Mit der Feier des Jubiläums begann der Jubilar unter Assistenz von Mor Julius Y. Çiçek den Pontifikalgottesdienst in der Patriarchalkathedrale in Damaskus. Und Mor Theophilos G. Saliba predigte über die Bedeutung des Jubiläums der Inthronisation des Heiligen Vaters und würdigte seinen Verdienst in der syrischen Kirche. Das Datum der Erhebung des Patriarchen auf den Apostolischen Stuhl ist schon zum Patriarchentag im syrischen Kirchenkalender erklärt worden.

    Mor Ignatius Zakka I. Iwas ist 1933 in Mosul/Irak geboren. Nach dem Studium der syrischen Theologie im Theologischen Seminar Mor Ephrem in Mosul wurde er 1954 zum Mönch und 1957 zum Priester durch seinen Vorgänger Patriarchen Ya‘kub III. geweiht. 1960 nahm er diesmal das Studium der westlichen Theologie und der Orientalistik an der Universität New York auf, wo ihm später die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. 1962 und 1963 war er als von der Syrisch-Orthodoxen Kirche delegierter Beobachter des zweiten Vaticanischen Konzils in Rom. Im November 1963 hat ihn der Patriarch Mor Ignatius Ya‘kub III. zum Erzbischof von Mosul unter dem Namen Mor Severius geweiht. Neben seiner Diözese hatte seine Eminenz als Bischof 1967 auch die Syrer in der westlichen Diaspora vor der Gründung der Diözese von Mitteleuropa betreut, als gerade die Welle der Gastarbeiter nach Mitteleuropa begann. Er hatte für sie sogar den ersten Priester in Deutschland geweiht. Er verwaltete seine Diözese bis zur seiner Inthronisation auf den Patriarchen Stuhl.


  • Eröffnung des neuen Theologischen Seminars
  • Das neu erbaute Theologische Seminar in M‘arat-Saydnaya war für den Patriarchen und für alle etwas Besonderes. Man hat darauf seit Jahren viel Mühe verwendet und auf diesen Moment gewartet. Der erste Akt dieser Eröffnungsfeier war die Einweihung der Kapelle schon am 13. September 1996 durch den Patriarchen. Sie wurde dem Seminarpatron, dem heiligen Ephrem der Syrer († 373), geweiht, der als die Quelle der syrischen Theologie und als Harfe des Heiligen Geistes gilt. Am späten Nachmittag des 14. Septembers eröffnete Mor Ignatius Zakka I. Iwas das Theologische Seminar mit der Eucharistiefeier, diesmal unter Assistenz von Mor Malatius Barnaba und Mor Athanasius Ephrem Barsaum, im Freien vor dem Seminareingang. In seiner Predigt äußerte das Oberhaupt der syrischen Kirche seine große Freude über einen zeitgemäßeren Neubau des Seminars mit dem Pauluszitat: Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe (2. Kor 9, 15). Dabei betonte er vor allem die Bedeutung des Studiums der Theologie in den syrischen Schulen vergangener Jahrhunderte, aus denen das Evangelium Christi bis in den fernen Osten verbreitet wurde. Außerdem bedankte sich der Patriarch bei den Syrern aller syrisch-orthodoxen Diözesen für ihre Spenden zur Finanzierung der Baumaßnahmen des Seminarkomplexes, ohne deren Hilfe der Bau hätte nicht zu Stande kommen können. Nach dem Patriarchen sprach auch Mor Athanasius Ephrem Barsaum für die Heilige Synode, indem er sich bei dem Patriarchen für seine Engagement im geistlichen und organisatorischen Aufbau der syrischen Kirche und bei allen Spendern bedankte. Anschließend trug Mor Gregorius Yohanna Ibrahim die Liste der Geldspender für das Seminargebäude vor. Der Patriarch zeichnete die Mitglieder des Beirates, der für die finanziellen Plannung und Durchführung des Projektes verantwortlich waren, mit dem Medaillon des heiligen Ephrem aus.

    Mit dem Bau des Gebäudes des Theologischen Seminars begann man schon vor zehn Jahren. Die Baufläche ist 4000 qm2 auf einem 70.000 qm2 großen Grundstück und das Bauwerk besteht aus 5 Stockwerken: Innen gibt es 63 Zimmer für Studenten, 10 Zimmer für Dozenten, 10 Gästezimmer, 8 Vorlesungsräume, 6 Forschungsräume, ein Bibliotheksraum, eine Medienstelle, ein Refektorium, ein Raum für eine Druckerei und Sporträume sowie eine Kapelle für 400 Personen, deren Kosten vom Erzbischof Mor Athanasius Y. Samuel († 1995) getragen wurden. Die Baukosten betrugen 70 Millionen Syrische Lira (umgerechnet ca. 2,25 Mio. DM), die von allen syrisch-orthodoxen Diözesen getragen wurden. Die Spenden kamen vor allem von den Gläubigen der Diözesen von Mitteleuropa, von den USA und von Istanbul. Das syrische Seminar oder die Theologische Hochschule sollte das Studium der syrischen Theologie und Syrologie nach zeitgemäßem Lehrplan anbieten. Die Dozenten werden diejenigen sein, die ihr Studium im Ausland absolviert und eine europäische Lehrqualifikation erworben haben. Hier können dann Studenten aller syrischen Diözesen aufgenommen werden, die sich dem kirchlichen Dienst oder den syrischen Studien widmen wollen. Gleichzeitig soll es auch der ökumenischen Begegnung als Tagungsort für Symposien dienen. Möglich wäre auch ein Austauschprogramm im Rahmen eines Syrologie- oder Theologiestudiums mit anderen Universitäten, damit man sowohl wissenschaftliche als auch pastorale Gedanken austauschen und einander auf ökumenischer Ebene besser verstehen kann.

    Heute studieren im alten Priesterseminar Mor Ephrem ca. 37 Studenten, die von einem Direktor, einem Spiritual, 5 Dozenten, 13 Mönchen und 6 Nonnen betreut werden. Das Priesterseminar Mor Ephrem, das in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt hat, wurde von dem verstorbenen Patriarchen Mor Ignatius Ya‘kub III. in ‘Atshane/Libanon gegründet und während des libanesischen Bürgerkrieges in den 70er Jahren nach Damaskus in die provisorischen Gebäude in Bab-Sharqi verlegt. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche verfügt heute über weitere Priesterseminare: im Kloster Mor Gabriel im Tur‘Abdin studieren ca. 40 Seminaristen, die gleichzeitig türkische Schulen besuchen müssen; das Priesterseminar des Klosters Dayr Za‘faran existierte bis 1978, dann wurde es offiziell durch repressive Maßnahmen von der türkischen Regierung geschlossen. Dieses Kloster beherbergt z.Zt. ca. 15 Schüler, die die türkische Schule in Mardin besuchen. Außerdem gibt es auch das Priesterseminar Mor Ephrem in Mosul und das 1995 neu erbaute Priesterseminar in Kerala/Indien, dessen Baufinanzierungskosten größtenteils von der syrischen Diözese von Mitteleuropa getragen wurden.
    Die Theologie spielte geschichtlich eine wichtige Rolle. Man könnte sie als Krone aller Wissenschaften bezeichnen, denn die Theologie - wenn man darunter auch die altgriechische Philosophie verstehen würde - wurde als Basis für alle anderen Fachwissenschaften angesehen. Früher wurde das Studium der Theologie bei den Syrern zuerst in den Schulen der ehemaligen Metropolen von Syrien und Mesopotamien vorangetrieben: z.B. in Antiochien, Nisibis und Edessa. Die Schule von Nisibis, die von Bischof Mor Ya‘kub von Nisibis († 338) gegründet wurde, war das Vorbild für europäische Universitäten, so J. Martikainen, Professor für Syrische Kirchengeschichte an der Universität Göttingen. Die Bezeichnung bet-saubo für diese Schule konnte sich heute als syrisches Wort für Universität durchsetzen. Nach den Schulen in den Städten konnte dann das Studium der Theologie weiter in den Klöstern zum Teil bis in die Gegenwart hinein gepflegt werden.


  • Bischofsweihe
  • Den Abschluß dieser vielfältigen Feiern bildete die Bischofsweihe von zwei Mönchen im neu eingeweihten Theologischen Seminar. Am 15. September 1996 weihte der Patriarch den Rabban Severius M. Mourad unter dem Namen Severius zum Bischof für das Patriarchal-Vikariat vom Heiligen Land und von Jordanien. Er wurde damit Nachfolger von Erzbischof Mor Dionysius Behnam Gagawi. Ebenso weihte der Patriarch den Rabban Isa Gürbüz unter dem Namen Dionysius zum Bischof. Dadurch wurde er zum Synkelos ernannt, d. h. zum Sekretär des Patriarchen, als Nachfolger von Mor Clemis Augin Kaplan, der nun das Bischofsamt des Patriarchal-Vikariats für den Westen der USA innehat. Mor Severius M. Mourad ist in der von den Syrern aus dem Tur‘Abdin besiedelten Stadt Kamishly/Syrien geboren. Nach dem Studium am Priesterseminar Mor Ephrem hatte er als Mönch sein Studium der Theologie im Ausland weitergeführt. Seine Bischofsresidenz ist das Kloster Mor Markus in Jerusalem, wo Jesus das Abendmahl mit seinen Jüngern feierte. Das Kloster verfügt übrigens über eine wertvolle Bibliothek mit alten syrischen Handschriften. Mor Dionysius Isa Gürbüz ist in den 60er Jahren in Kfarze/Tur‘Abdin geboren. Nach seinem Studium am Priesterseminar Mor Gabriel wurde er dort zum Mönch geweiht und war später als Spiritual und Lehrer für Syrisch im Patriarchalen Priesterseminar Mor Ephrem in Damaskus bis zum Tag seiner Bischofsweihe tätig.


    Patriarch Mor Ignatius Zakka I. Iwas hat innerhalb von 16 Amtsjahren mindestens 15 Bischöfe und eine große Schar von Mönchen geweiht, die er zum Erwerb einer zeitgemäßeren Lehrqualifikation freistellt. Damit und auch mit dem Neubau des neuen Theologischen Seminars beginnt er mit einer Ausbildungsreform der Kleriker, die für die Syrische Kirche von großer Bedeutung ist.


    Autor: Gabriel Rabo
    Veröffentlicht in:
    KS 111 (1996)
    Stand: 15.12.1996
    Copyright 1996

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