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SPIEGEL Nr. 13/28.3.1994

"Können wir noch Christen sein?"

Ist Jesus auferstanden, wie es in der Bibel steht und seit nahezu zwei Jahrtausenden gelehrt, gepredigt und geglaubt wird? Ein Göttinger Theologe hat das seit langem kritischste Buch über die Auferstehung geschrieben. Demnach blieb Jesus im Grabe, am "dritten Tag ist nichts geschehen, die Jünger hatten nur Visionen.

Gelesen hatte das Buch noch niemand, aber empört oder erschrocken waren schon viele.

Der Wiener Kardinal König sprach von "Unsinn". Auch Theologieprofessoren fällten Vorurteile: "Wissenschaftlich wertlos", "pure Phantasie" und "durchaus nichts Neues".

Clara Fulfs aus dem niedersächsischen Cuxhaven "bekam ein tiefes Erschrecken, es raubte mir die Nachtruhe". Denn: "Wenn die Auferstehung Jesu als erledigt zu betrachten ist, bleibt keine Hoffnung mehr zum Glauben, ist das Fundament zum Leben genommen. Hunderte griffen zur Feder, weil dem Buch "Die Auferstehung Jesu" des Göttinger Theologieprofessors Gerd Lüdemann, 47, Pressemeldungen seiner Universität und einiger Nachrichtendienste vorauseilten und in vielen Zeitungen und Kirchenblättern gedruckt wurden. "Fällt Ostern aus?" fragte das evangelische Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt, einen "Skandal im göttlichen Sperrbezirk" meldete die taz. Die Erkenntnisse Lüdemanns, vorab in Stichworten und Schlagzeilen verbreitet: Das Grab Jesu war nicht leer. Jesus ist nicht leiblich auferstanden. Die Jünger hatten lediglich Visionen.

Entschieden widersprach der Tübinger Pfarrer Rolf HilIe, der im Vorstand der Deutschen Evangelischen Allianz sitzt, einer Vereinigung konservativer Christen: Die Auferstehung gehöre zu den "historisch am besten belegten Ereignissen der Antike". Ansichten wie dieser Professor Lüdemann würden auch "unwissenschaftliche Leute wie Zeugen Jehovas, Mormonen und islamische Mullahs" vertreten, empörte sich die Göttingerin Marlene Berkenbusch.

Zwei Geistliche verschickten postwendend ihr eigenes Bekenntnis zum Auferstandenen.

Pastor Arne Spießwinkel aus dem mecklenburgischen Kirch Baggendorf: "Ich kann nicht beweisen, daß Jesus auferstanden ist, so wenig wie ich beweisen kann, daß meine Frau mich liebt. Aber ich weiß aus meiner Erfahrung und dem täglichen Leben mit ihm, daß er wahrhaftig auferstanden ist, so wie ich erlebe, daß meine Frau mich liebt."

Und Andreas Lindemann, Theologieprofessor an der Kirchlichen Hochschule Bethel in Bielefeld: "Ich würde auch dann glauben und bekennen, daß Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, wenn die Überreste von Jesu Leichnam in Jerusalem ausgegraben und zweifelsfrei identifiziert würden.

Einige ließen es nicht beim Protest bewenden. Der e. V. "Freundeskreis Kirche und geistliches Leben", Sitz Königswinter, alarmierte die Leitung der rheinischen Landeskirche: Es sei "eine juristische Frage, was geschehen kann". Die Kirche dürfe nicht "gleichgültig und tatenlos" hinnehmen, daß ein Theologieprofessor bestreite, was im Apostolischen Glaubensbekenntnis stehe.

Schon gehandelt hat Arndt Ruprecht, Geschäftsführer des Göttinger Verlages Vandenhoeck & Ruprecht. Er trennte sich von dem Buch, noch bevor es in den Handel kam. Der Verlag verkauft nur noch die schon gedruckten Exemplare und stellte es dem Autor frei, sich für eine etwaige zweite Auflage einen anderen Verlag zu suchen.

Ruprecht brüskierte einen seiner renommierten Autoren. Lüdemann hat sich in der Fachwelt einen Namen gemacht: mit einem zweibändigen Werk über "Paulus, den Heidenapostel" sowie mit Büchern über "das frühe Christentum" und über die Schriften des katholischen Theologen Eugen Drewermann, mit dem er sich kritischer und kundiger auseinandersetzte als irgendein anderer evangelischer Theologe (Titel: "Texte und Träume"). Einige Jahre hat Lüdemann in Kanada und in den USA gelehrt, seit 1983 ist er Professor für Neues Testament in Göttingen, 1992/94 nebenher Gastprofessor an der Vanderbilt University im US-Bundesstaat Tennessee. Dieser Tage hat er einen Ruf an die Universität Bonn abgelehnt.

Während er an dem Auferstehungsbuch arbeitete, erörterte er seine Erkenntnisse bei Gastvorlesungen an den Universitäten Lausanne, Chicago und Kopenhagen. Soviel Aufregung wie um Lüdemanns Buch schon vor seinem Erscheinen hat es seit Rudolf Augsteins "Jesus Menschensohn" im Jahre 1972 unter den deutschen Christen um kein Werk gegeben, auch wenn es monatelang auf der Bestsellerliste stand.

Lediglich der Streit um Drewermann tobte heftiger, allerdings vornehmlich in der katholischen Kirche. Es blieb auf evangelischer Seite sogar relativ ruhig, als der Paderborner Theologe im Dezember 1991 in einem SPiEGEL-Gespräch dem zustimmte, was der evangelische Theologe Rudolf Bultmann einst wider die leibliche Auferstehung Jesu gesagt hatte: "Ein Leichnam kann nicht wieder lebendig werden und aus dem Grabe steigen."

Bultmanns berühmt-berüchtigtes Wort wurde in einer bundesweiten Auseinandersetzung um den rechten Glauben viel zitiert, die im Jahre 1966 ihren Höhepunkt erreichte. Im März jenes Jahres bliesen in der Dortmunder Westfalenhalle 1000 Posaunen zum Kampf gegen Bultmann und andere moderne Theologen, und 22000 Gläubige sangen und beteten dort unter den Losungen "Der Herr ist auferstanden" und "Er ist wahrhaftig auferstanden". Zwar glaubt mittlerweile nur noch jeder dritte Deutsche an die Auferstehung so, wie sie in der Bibel berichtet wird, und unter den jüngeren lediglich noch jeder fünfte.

Aber die meisten Protestanten haben aus dem Konfirmanden- und Religionsunterricht einigermaßen in Erinnerung, worum es geht, und Katholiken sind sogar noch besser im Bilde:

Laut Neuem Testament hat Jesus am dritten Tag sein Grab verlassen und ist auferstanden. Er ist Frauen und Jüngern erschienen, zuletzt bei Damaskus dem Christenverfolger Saulus, der daraufhin zum Christen und zum Apostel Paulus wurde. Der Auferstandene ist mit zwei Jüngern von Jerusalem nach Emmaus gewandert. Er hat mit weiteren Jüngern gesprochen und gegessen, ist durch eine geschlossene Tür gegangen, hat dem ungläubigen Jünger Thomas die Wunden der Kreuzigung gezeigt und ist nach 40 Erdentagen aufgefahren gen Himmel.

Kein anderes Wort des Apostels Paulus wird seit nahezu zweitausend Jahren so oft wiederholt und bekräftigt wie eine Stelle in seinem ersten Brief, den er den Korinthern schrieb: "Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich."

Vieles andere, was einst als Glaubenswahrheit galt, ist klammheimlich aufgegeben worden. Es gibt auch unter Kirchgängern und Theologen kaum noch Streit darüber, ob Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, ob er Tote auferweckt und über Wasser gewandelt ist. Und auch die Himmelfahrt verteidigt im Zeitalter der Raketen kaum noch jemand. Nur der Papst und seine Bischöfe führen die letzten Gefechte um dieses antiquierte Glaubensgut, und manch Kritiker meint, daß etliche Bischöfe dies lediglich des frommen Scheins wegen tun.

"Bei der Auferstehung aber", so stellte der Theologieprofessor Ingo Broer (Gesamthochschule Siegen) fest, "wird der historischen Kritik kein Pardon gewährt. Die Auferstehung soll, muß und kann - wenigstens nach Meinung vieler Theologen - das leisten, was früher die Evangelien insgesamt leisteten: dem Glauben einen Grund geben."

Nun wird auch das noch durch das seit langem kritischste Buch über die Auferstehung in Frage gestellt. Und es ist nicht mal mehr sicher, daß sich alle Theologen, konservative und moderne, wenigstens in einem Punkt einig bleiben: daß es einen "historischen Kern" der Osterereignisse gibt.

Oft wird in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß die Jünger nach der Gefangennahme Jesu ihren Herrn verlassen hätten und geflüchtet seien, daß sich aber gleichwohl bald nach dem Tode Jesu eine Gemeinde von Christen gebildet habe.

Populär geworden ist die Argumentation des Neutestamentlers Martin Dibelius: "Es muß also etwas eingetreten sein, was binnen kurzem nicht nur einen völligen Umschlag ihrer Stimmung hervorrief, sondern sie auch zu neuer Aktivität und zur Gründung der Gemeinde befähigte. Dieses 'Etwas' ist der historische Kern des Osterglaubens."

Über dieses "Etwas" gibt es fast so viele Meinungen wie Theologen, die sich dazu äußern. Aber immerhin braucht man nur bis drei zu zählen, um einen konservativen von einem moderaten Theologen, diesen wiederum von einem modernen zu unterscheiden.

Für den konservativen sind drei Männer von Jerusalem nach Emmaus gewandert, wie es in der Bibel steht: zwei Jünger und der auferstandene Jesus ("Da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen").

Für den moderaten waren es zwei - die beiden Jünger, die eine Vision hatten.

Für den modernen ist niemand gewandert, weil er den ganzen Bericht für eine Legende hält.

Und auch die Frage, ob Jesus das Grab verlassen hat, treibt die Theologen in drei Richtungen auseinander.

"Es gibt keine Osterbotschaft ohne die Nachricht vom leeren Grab", behauptet der Erlanger Theologieprofessor Walter Künneth, der einst in der Westfalenhalle wider die Ketzer unter seinen Kollegen predigte und dessen "Theologie der Auferstehung" in 6. Auflage erschienen ist.

"Dieses Grab mag bewiesen werden als endgültig verschlossen oder als offenes Grab, es bleibt sich wirklich gleich", befand Karl Barth, wie Bultmann einer der Großen der evangelischen Theologie.

Und wie vor ihm Bultmann ist nun auch der Göttinger Lüdemann sicher, daß Jesus im Grabe geblieben ist. Der Satz, den seine Gegner herauspicken und herumzeigen werden, steht auf Seite 216 des Buches, wo es um den Leichnam Jesu geht. "Ist er verwest?" fragt Lüdemann dort und antwortet: "Ich halte diesen Schluß für unumgänglich." Das ist das Gegenteil dessen, was in der Bibel steht: "Sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen" (Apostelgeschichte, Kapitel 2, Vers 31).

Es gibt etliche weitere Stellen in Lüdemanns Buch, wo diejenigen fündig werden, die sich empören wollen. Beispiele:

"Wo ist er denn geblieben?" zitiert Lüdemann aus einem vor 30 Jahren erschienenen Buch, und die Frage ist aktueller denn je. Sie richtet sich an jene Theologen, die Jesus weiterhin aus dem Grabe steigen, ihn aber nicht mehr gen Himmel fahren lassen. Ostern wird laut Lüdemann an einem fiktiven Datum gefeiert: Jesus sei am dritten Tage schon deshalb nicht auferstanden und den Jüngern in Galiläa erschienen, weil diese die etwa 90 Kilometer lange Strecke von Jerusalem dorthin nicht vom Freitag bis Sonntag zurückgelegt haben können - zumal "dazwischen der Sabbat lag, an dem sie kaum gewandert sein dürften".

Wie alle Autoren theologischer Bücher kam auch Lüdemann nicht umhin, mehr Altes zu wiederholen als Neues zu schreiben. Anders kann es auch nicht sein. In zwei Jahrtausenden sind über jede halbwegs wichtige Bibelstelle Bibliotheken zusammengeschrieben worden, und in den beiden Jahrhunderten seit der Aufklärung ist jede kritische These dutzendfach verfochten worden.

Das gilt auch für die extremsten: daß Jesus gar nicht gelebt hat oder daß er nicht am Kreuz gestorben ist, wie als bislang letzter der TV-Journalist Franz Alt in seinem 1989 erschienenen Bestseller "Jesus - der erste neue Mann" behauptet hat. Alt berief sich für seine These, Jesus habe die Kreuzigung scheintot überlebt, auf einen anderen Autor: Karl Herbst, 77. Der hat inzwischen weitere Erkenntnisse gewonnen und in einem 1992 erschienenen Buch ("Kriminalfall Golgatha") Jesus über die Seidenstraße gen China ziehen lassen.

48 Mark verlangt das Gütersloher Verlagshaus für einen 1993 erschienenen Schmarren der australischen Theologin Barbara Thiering ("Jesus von Qumran"), die Jesus mit über 70 Jahren "in Rom an Altersschwäche" sterben läßt.

Solchen abstrusen Geschichten widmet Lüdemann allenfalls Nebensätze in den 713 Fußnoten, mit denen die 222 Textseiten seines Buches übersät sind. Er setzt sich mit zwei Dutzend theologischen Werken auseinander und macht es seinen Lesern nicht leicht. Zwar hofft er im Vorwort, daß auch Nicht-Theologen dazu gehören, aber es ist dann doch ein fachgelehrtes Buch geworden. Es wimmelt von Verweisen auf Bibelstellen, die man entweder im Kopf haben oder einzeln nachschlagen muß, und oft wird Wissen vorausgesetzt, das auch dem einen oder anderen Pfarrer fehlt.

Aber es lohnt die Mühe, sich durch das Buch zu kämpfen. Lüdemann hat es so geschrieben, wie Theodor Mommsen es von Historikern verlangt hat: "Rücksichtslos ehrlich, keinem Zweifel ausbiegend, keine Lücke der Überlieferung oder des eigenen Wissens übertünchend."

Der Leser nimmt teil an der Arbeit eines Exegeten, der ähnlich wie ein Detektiv tätig ist. Er geht spärlichen Spuren nach, erschließt sich Quellen, bewertet Motive, stellt Aussagen gegenüber und prüft deren Glaubwürdigkeit. Oft hilft ihm nur die Logik, Lücken zu schließen und über Widersprüche der Zeugen und Autoren hinwegzukommen.

Das ist für die meisten Protestanten und Katholiken eine fremde Welt, weil sie von der Arbeit moderner Theologen nichts wissen und oft auch nichts wissen wollen.

Noch immer herrscht im Kirchenvolk die Meinung vor, das Neue Testament - 4 Evangelien, 21 Briefe, die Apostelgeschichte und die Apokalypse ("Offenbarung des Johannes") - sei von Aposteln geschrieben worden, also von Zeitgenossen und Wegbegleitern Jesu, oder zumindest von deren Schülern. Teils steht es so in der Bibel, teils will es eine Überlieferung so, die fast so alt ist wie das Neue Testament.

Aber es ist umgekehrt: Kein einziger Autor der Bibel hat Jesus gekannt. Und nur ein einziger war ein Apostel - Paulus, der erst zwei bis drei Jahre nach der Kreuzigung Christ wurde. Seine Briefe sind die ältesten Texte des Neuen Testaments, geschrieben hat er sie etwa 20 bis 23 Jahre nach dem Tode Jesu. Aber nicht alle Briefe, die ihm zugeschrieben werden, stammen wirklich von ihm.

Weitaus die meisten Texte des Neuen Testaments sind von Christen der zweiten, der dritten oder sogar erst der vierten Generation geschrieben worden. Das älteste Evangelium (des Markus) wurde etwa 40 Jahre, das zeitlich letzte (des Johannes) sogar erst etwa 70 Jahre nach dem Tode Jesu verfaßt.

Fast alle Neutestamentler sind sich darüber einig, daß Matthäus und Lukas vornehmlich aus zwei Quellen schöpften: dem Markus-Evangelium und der sogenannten Quelle "Q", einer Sammlung von Sprüchen, die nicht erhalten geblieben ist. Sie haben Markus und "Q" redigiert und mit eigenen Texten ergänzt. In den drei Evangelien stimmt deshalb vieles überein, zum Teil sogar wörtlich, während sich der Autor des letzten, des Johannes-Evangeliums, viel mehr Freiheit nahm.

Die vier Evangelien sind ein spätes Stadium der Uberlieferung, die schon bald nach dem Tode Jesu begann. Zunächst wurden im wesentlichen nur einzelne Sprüche und Taten Jesu weitererzählt. Die Evangelisten haben sie in diverse "Rahmen" gestellt. Angaben wie "Und es begab sich ...", "Am Abend ..." oder "Auf einem Berg ..." sind zumeist redaktionelle Einschübe. Sogar die Bergpredigt, oft verfilmt und in Schulbüchern geschildert, hat nicht stattgefunden. Evangelist Matthäus zog lediglich Sprüche zusammen und schrieb eine Handlung drum herum.

Die Exegeten lösen die einzelnen Stücke aus den künstlichen Rahmen und können aufgrund inhaltlicher Merkmale deren Alter oft ziemlich genau feststellen. Sie sind immer auch auf der Suche nach dem "Sitz im Leben" und versuchen zu klären, aus welchem Grund eine Erzählung entstand und warum sie in das jeweilige Evangelium aufgenommen wurde. Denn den Bibel-Autoren ging es nicht darum, sozusagen wertfrei das Leben Jesu zu schildern. Sie wollten den Glauben wecken und fördern.

Kein anderer Teil des Neuen Testaments stellt die Exegeten vor soviele Probleme wie die "Osterberichte" über das "Ostergeschehen". Unendlich viel ist geschrieben worden, um diese Texte theologisch zu deuten, ziemlich wenig, um sie auf ihren geschichtlichen Wert zu überprüfen.

Lüdemann bedauert, daß seine Fachkollegen "in wachsendem Maße die Auferstehung Jesu der wissenschaftlichen Rückfrage entziehen wollen". Als einen von vielen, die dies versuchen, zitiert er den Frankfurter Professor Hans Kessler; der zählt die Auferstehung zu dem "Wirklichen und wirklich Geschehenen, das nicht objektivierbar und historisch verifizierbar ist".

Der Göttinger Exeget hält auch den Einwand für fadenscheinig, zu den Ostergeschichten fänden Historiker keinen Zugang, weil Bericht und Bekenntnis, Erzählung und Deutung untrennbar miteinander verbunden seien: "Das trifft auf alle Texte zu, mit denen die Geschichtswissenschaft umgeht."

Ganz allgemein gilt für alle biblischen Texte über die Ereignisse nach dem Tod Jesu: Je später sie verfaßt wurden, desto anschaulicher und genauer schildern sie das Ostergeschehen.

Das ist nicht etwa darauf zurückzuführen, daß im Laufe der Zeit Berichte von Augen- und Ohrenzeugen entdeckt worden wären.

Vielmehr wucherte die Legende. Das Verdienst Lüdemanns ist es, diese Entwicklung so sorgfältig erforscht zu haben wie vor ihm nur zwei Theologen, deren Bücher ebenfalls bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen sind:

Der Marburger Bultmann (1884 bis 1976), der mit seiner "Geschichte der synoptischen Tradition" ein Jahrhundertwerk schuf. Noch heute wird es in der Fassung von 1931 gedruckt, mittlerweile in der 9. Auflage, nur mit Beiheften aktualisiert.

Und Hans Graß, 85, ebenfalls Theologieprofessor in Marburg, der 1956 ein Standardwerk über "Ostergeschehen und Osterberichte" schrieb.

Der Verbleib des Leichnams Jesu ist das erste Thema, dessen sich die drei Spezialisten jeweils im Abstand von einigen Jahrzehnten annahmen.

Die Jünger waren geflüchtet und konnten Jesus nicht bestattet haben. Maria Magdalena und einige andere Frauen, die Jesus in Galiläa begleitet hatten, sahen zwar "von Ferne" die Kreuzigung, aber kein Evangelist behauptet, daß sie Jesus begraben hätten.

Nach allen vier Evangelien tat dies ein Jude namens Joseph aus Arimatäa, einem Ort nahe Jerusalem. Von Evangelium zu Evangelium verschönt sich sein Bild. Bei Markus ist er ein "angesehener Ratsherr", also ein Mitglied jenes Hohen Rates, der Jesus der Gotteslästerung für schuldig befunden und dem römischen Statthalter Pontius Pilatus übergeben hatte.

Bei Lukas ist er zwar immer noch Ratsherr, aber schon "ein guter und gerechter Mann", der an dem Urteil gegen Jesus nicht beteiligt war. Bei Matthäus und Johannes ist er ein "Jünger Jesu". Lüdemann: "Aus dem Feind ist ein Freund geworden." Das Motiv: "Den Christen war es peinlich, daß Gegner und nicht die Ihrigen den Herrn bestattet hatten."

Und auch das Grab entspricht immer mehr der Würde des teuren Toten. Bei Markus ist es nur ein "Grab", bei Matthäus ein "neues Grab", bei Lukas ein "Grab, in dem noch niemand gelegen hatte", und bei Johannes überdies ein Grab "im Garten", was nach jüdischer Tradition eine besondere Ehre bedeutet. Eine typische Stelle im Alten Testament: "... und legte sich zu seinen Vätern und wurde begraben im Garten an seinem Hause."

Lüdemann: "Die Berichte werden immer legendärer, weil der Gedanke, Jesus sei unehrenhaft verscharrt worden, immer mehr verdrängt werden sollte." Daß sich das Grab dort befindet, wo es angeblich im Jahre 326 entdeckt wurde und noch heute Touristen gezeigt wird, behauptet kein ernstzunehmender Theologe.

Lüdemann ist sogar davon überzeugt, daß die Jünger nicht wußten, wo Jesus beigesetzt worden war. Das ist allerdings nur ein Schluß aus dem Schweigen der Quellen: "Bei einer Kenntnis des Grabes Jesu hätten die frühen Christen es verehrt, und darüber wären Traditionen erhalten geblieben."

Der Göttinger Neutestamentler prüfte trotzdem alle Grab-Geschichten auf etwaige historische Spuren. Dieser Aufgabe haben sich vor ihm relativ wenige unterzogen. Konservative Theologen halten sich aus frommer Scheu zurück, moderne Theologen sind sich in ihrem negativen Urteil von vornherein sicher, und Historiker zieht dieser Stoff nicht an, weil zu den handelnden Figuren auch Engel und andere überirdische Gestalten gehören.

Überdies sind die Grab-Recherchen ein besonders schwieriges Unterfangen, weil kaum ein Text zum anderen paßt. Aber es sind immerhin auch hier deutliche Trends auszumachen.

Nach den drei älteren Evangelien finden Frauen das Grab leer, und sie werden von einem Engel beauftragt, die Jünger zu benachrichtigen. Aber bei Markus "sagen sie niemand etwas", nur bei Matthäus und Lukas überbringen sie die Botschaft, sie hätten das Grab, aber nicht Jesus gefunden.

Lüdemann: "Markus läßt die Frauen schweigen, weil die Geschichte vom leeren Grab erst spät aufgekommen war und damals noch nicht erzählt wurde, wie sich die Jünger daraufhin verhalten haben.

Markus und Matthäus bringen die Jünger noch nicht mit dem Grab in Verbindung. Lukas bietet zwei Versionen hintereinander. Erst glauben die Jünger den Frauen nicht ("Und es erschienen ihnen diese Worte, als wären's Märchen"), dann gehen "etliche" doch zum Grab "und fanden's so, wie die Frauen sagten". Erst im letzten, dem Johannes-Evangelium, wird die Geschichte knapp und klar erzählt. Maria Magdalena "läuft", ohne daß es des Auftrags eines Engels bedarf, zu den Jüngern, und die beiden wichtigsten begeben sich zum Grab: Petrus und "der Jünger, den Jesus liebhatte". Das wird wie ein sportliches Ereignis geschildert: "Es liefen aber die zwei miteinander, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grabe."

Lüdemann: "Er war schneller, nicht weil er besser laufen konnte, sondern weil er nach der Theologie des Johannes-Evangeliums Jesus näher stand als Petrus." Nicht nur die Jünger, auch Jesus wird immer stärker mit dem Grab in Verbindung gebracht. Bei Markus und bei Lukas melden Engel die Auferstehung, bei Matthäus und Johannes erscheint Jesus selbst.

Buchautor Lüdemann ist sicher, daß die Erscheinungs-Geschichten älter sind als die Grab-Geschichten, daß beide zunächst unabhängig voneinander erzählt und erst relativ spät miteinander verbunden wurden, "um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen".

Stark geprägt sind die Texte auch von apologetischen Tendenzen. Jüdische Gegner reagierten auf die Behauptung der Christen, Jesus sei auferstanden und habe sein Grab verlassen, mit einem Gerücht: Die Jünger hätten den Leichnam beiseite geschafft.

Diese Version gelangte sogar in die Bibel, eingekleidet in eine Erzählung im Matthäus-Evangelium: Die Hohenpriester verlangen von Pilatus die Bewachung des Grabes, "damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten".

Um diese Behauptung zu entkräften, hat Matthäus in seine Grab-Geschichte eine Legende über eine römische Wache eingefügt, mit der Folge, daß dieses Kapitel "von Ungereimtheiten nur so strotzt" (Lüdemann).

Damit die heidnischen Römer nicht Ohrenzeugen eines Gesprächs zwischen einem Engel und den frommen Frauen werden, läßt der Evangelist sie beim Anblick des Engels so erschrecken, "als wären sie tot". Gleichwohl berichten die Soldaten hernach "alles, was geschehen war", allerdings nicht etwa ihrem Vorgesetzten Pilatus, der sie ans Grab kommandiert hatte, sondern den jüdischen Oberen.

Die wiederum verlangen von ihnen schier Unmögliches: Sie sollten wider besseres Wissen behaupten, die Jünger hätten Jesus gestohlen. Lüdemann: "Mit dem damit verbundenen Geständnis, am Grabe geschlafen zu haben, hätten sie sich um Kopf und Kragen gebracht." Diese Geschichte "kann historisch nicht ernst genommen werden".

Die Leiblichkeit des Auferstandenen wird anfangs diskret, später deutlich und schließlich drastisch geschildert. Der Grund: Sie wurde nicht nur von den Gegnern bestritten, sondern auch von Christen bezweifelt. Die Zahl der Skeptiker in den eigenen Reihen wuchs und sollte mit immer krasseren Darstellungen überzeugt werden.

Im ursprünglichen Text des Markus-Evangeliums steht nur "Er ist auferstanden", mehr wird dort nicht berichtet. Auch Matthäus äußert sich kaum darüber, wie der Auferstandene beschaffen war.

Erst bei Lukas wandert Jesus mit zwei Jüngern über Land nach Emmaus und "saß mit ihnen zu Tisch". Und als er auch anderen Jüngern erscheint, betont er seine Leiblichkeit: "Sehet meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fühlet mich an und sehet, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich habe." Er fragt: "Habt ihr hier etwas zu essen?" und "vor ihnen" (vor ihren Augen) ißt er "gebratenen Fisch und Honigseim".

Nach dem Johannes-Evangelium geschieht noch weit mehr. Jesus betritt einen Raum, obwohl "die Türen verschlossen waren", zeigt den Jüngern "seine Hände und seine Seite" (mit einer Wunde von einem Lanzenstich bei der Kreuzigung) und fordert "acht Tage später" den ungläubigen Jünger Thomas sogar auf, ihn zu betasten: "Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!"

Nur im Johannes-Evangelium wird von einer Begegnung am See Genezareth berichtet, wo der Auferstandene den erfolglos fischenden und hungrigen Jüngern am Ufer erscheint: "Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen?" Er verschafft ihnen "ein Netz voll großer Fische", und Petrus verläßt das Boot, "warf sich ins Wasser" und schwimmt zu seinem Herrn an Lend.

Die Legendenbildung ging noch weiter. In einem "Brief der Apostel", der 50 Jahre nach dem Johannes-Evangelium verfaßt und nicht ins Neue Testament aufgenommen wurde, steht eine lange Geschichte:

Als Jesus hört, daß die Jünger seine körperliche Existenz bezweifeln, schickt er erst eine Jüngerin Martha, dann eine Jüngerin Maria zu ihnen, um sie zu überzeugen, und macht sich dann selbst auf den Weg ("Lasset uns zu ihnen gehen"). Aber auch sein Anblick überzeugt sie nicht ("Wir dachten, es wäre ein Gespenst"). Das ändert sich erst, als zwei Jünger die Wunden der Kreuzigung betasten und ein dritter feststellt, daß die Füße Jesu die Erde berühren ("Eines Dämonengespenstes Fuß pflegt nicht zu haften auf der Erde").

Lüdemann hält die Berichte sowohl im "Brief der Apostel" als auch im Johannes-Evangelium für das "redaktionelle Werk der Verfasser" - auch die Thomas-Geschichte, in der Johannes "das weit verbreitete Motiv des Zweifels personalisierte".

Viel ist darüber geschrieben worden, daß der ungläubige Thomas von dem Angebot Jesu, ihn zu berühren, keinen Gebrauch macht und Jesus daraufhin zu ihm sagt: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Es ist die Aufforderung an zweifelnde Christen, nicht nach immer neuen Beweisen für die leibliche Auferstehung zu verlangen.

Wer feststellen will, was sich nach dem Tode Jesu wirklich ereignet hat, muß sich nach Meinung Lüdemanns an den ältesten und historisch wichtigsten Text halten.

Er stammt von Paulus und steht in dessen erstem Korinther-Brief. Es ist eine Liste derer, denen der Auferstandene erschienen sei:

Erst dem Kephas (gleich Petrus), dann den Zwölfen, später "mehr als 500 Brüdern auf einmal", ferner dem Jesus-Bruder Jakobus, "allen Aposteln" und "am letzten nach allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden".

Der Apostel, der als Frauenfeind gilt ("Lasset die Frauen schweigen in der Gemeinde"), erwähnt keine Erscheinungen Jesu vor Frauen, die ihn in Galiläa begleitet hatten. Hingegen berichten drei Evangelisten davon. Zwar stimmen bei ihnen die Zahl und die Namen der Frauen nicht überein, aber Maria Magdalena ist immer dabei, und laut Johannes-Evangelium ist Jesus einmal nur ihr allein erschienen.

Paulus erwähnt das leere Grab mit keinem Wort, und er äußert sich auch nicht über Ort, Zeit und Art der Erscheinungen. Sogar darüber, was ihm selbst widerfuhr, macht er in seinen Briefen nur Andeutungen. Laut Apostelgeschichte konnte Paulus danach "drei Tage nicht sehen". Lüdemann hält dies für eine seinerzeit nicht seltene "ekstatische Blindheit".

Stereotyp schreibt Paulus jedesmal, Jesus sei "gesehen worden". Lüdemann ist davon überzeugt, daß alle Erscheinungen gleicher Art waren und es sich um Visionen handelte. Das gelte auch für alle Erscheinungen Jesu am Grabe und andernorts, von denen die Evangelisten berichten - soweit sie überhaupt stattgefunden haben.

Lüdemann: "Was die Osterzeugen erlebten, war ein Sehen im Geist und nicht das Sehen eines wiederbelebten Leichnams."

Die von Paulus an erster Stelle genannte Vision des Kephas/Petrus hält der Göttinger Theologe für das wichtigste Ereignis nach dem Tode Jesu: "Aus dieser Erscheinung wurde die Folgerung gezogen: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt."

Die Petrus-Vision habe zu einer "Kettenreaktion ohnegleichen" geführt: "Die Berichte des Apostels über sein Erlebnis und die allgemein vorhandene Erinnerung an Jesus führten zu einem religiösen Rausch und einer Begeisterung, die als Gegenwart Jesu erfahren wurden, und zwar als Präsenz des Auferstandenen, wie ihn bereits Petrus gesehen hatte."

Die "Dynamik dieses Neuanfangs" könne man sich "nicht explosiv genug vorstellen"

Lüdemann zitiert zustimmend Ernest Renan, der 1866 schrieb: "In einer Gesellschaft von Menschen gleichen Glaubens genügt es, daß einer behauptet, etwas Übernatürliches zu sehen oder zu hören, damit die anderen es auch sehen oder hören."

Lüdemann hält auch die Erscheinung "vor mehr als 500" für ein "enthusiastisches Erlebnis einer großen Menge von Menschen, die als Begegnung mit Christus aufgefaßt wurde".

Wie etliche andere Theologen nimmt er an, daß diese Vision der mehr als 500 identisch ist mit der Pfingstversammlung in Jerusalem, die in der Apostelgeschichte geschildert wird.

Mit dem Marburger Auferstehungsforscher Graß stimmt Lüdemann darin überein, daß von den Visionen "Kamera oder Tonbandgerät nichts aufgenommen hätten". Sie hätten lediglich festgehalten, wie erregt die Menschen waren.

Die meisten Theologen glaubten früher und glauben heute, daß sich in den Erscheinungen oder Visionen ein Handeln Gottes zeige, wie mannigfaltig sie dies auch ausdrücken. Ein "Telegramm vom Himmel" sei "notwendig gewesen", schrieb 1872 der Züricher Theologe Theodor Keim. Und 1956 hielt Graß "an der transzendenten Wirklichkeit des in diesen Visionen Geschauten und Geglaubten" fest.

Lüdemann erklärt die Visionen nicht übernatürlich, sondern psychologisch. Als einer der ersten tat dies der Theologe Carl Holsten, der 1868 schrieb: "Die visionäre Phantasie ist reproduktiv. Geschaut wird nur, was vorher schon als Vorstellung oder als Bild der freien Phantasie im Bewußtsein des Visionärs gelebt hat."

Dieser Auffassung ist auch Lüdemann, und er steht damit nicht allein. Der Frankfurter Theologe Kessler verwahrt sich gegen die "in neuerer Zeit populär werdende Auffassung, es handele sich bei den Erscheinungen um bloße Produkte der Einbildungskraft beziehungsweise des Unterbewußtseins der Jünger". Und Kessler beschreibt in einem Auferstehungs-Buch ("Sucht den Lebenden nicht bei den Toten") zwar in polemischer Absicht, aber durchaus zutreffend, wie moderne Theologen über die Visionen der Jünger denken:

"Der Glaube, Jesus und seine Sache könnten nicht tot sein, ließ tief in ihnen das Bild eines Jesus entstehen, der wieder bei ihnen war, beziehungsweise schlug um in die Gewißheit, daß er lebe, und diese Gewißheit brach sich Bahn in psychogenen Visionen, in denen sie das Ersehnte und Erträumte dann auch sahen." Den Einwand Kesslers, es gebe "keinerlei Hinweise darauf, daß die frühe Christenheit den Osterglauben auf innere, seelische Vorgänge zurückgeführt hätte", weist Lüdemann zurück: Es sei "völlig unwesentlich", ob die ersten Christen dies getan haben, "das wäre ohnehin nicht zu erwarten, da Visionäre es immer anders sehen und an Botschaften 'von oben' glauben".

Die Erscheinung bei Damaskus läßt sich allerdings nicht so erklären, denn Paulus wurde erst durch die Vision zum Christen. Lüdemann nimmt an, darin dem Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung folgend, daß den Christengegner Paulus "die Grundelemente der christlichen Predigt und Praxis unbewußt angezogen haben und daß er Zweifel an seiner eigenen Lebensanschauung unterdrückt hat. Diese innere Stauung entlud sich in einer Vision Jesu.

Der Göttinger Neutestamentler ist sich bewußt, daß es unter evangelischen Theologen "ein negatives Vorurteil" gegen Visionen gebe, und zitiert den Marburger Ernst Benz, der sogar von einem "antivisionären Komplex schrieb.

Es werde oft nicht bedacht, daß heutigen Menschen nicht völlig fremd sei, was sich vor zwei Jahrtausenden ereignet habe. Lüdemann verweist auf Berichte von Trauernden, die "gelegentlich auch das Element der bildhaften Vergegenwärtigung des verlorenen, geliebten Menschen enthalten. Und häufig hätten Trauernde sogar "das Gefühl, der Verstorbene sei präsent".

Die Bilanz Lüdemanns in seinem Buch: Abgesehen von den Visionen hat sich nach dem Tode Jesu nichts von all dem ereignet, was die Bibel berichtet. "Der historische Ertrag ist gleich Null." So urteilt der Göttinger Theologe über einen Bericht im Lukas-Evangelium vom Auftreten Jesu vor elf Jüngern. Er hätte dies auch über die meisten anderen Berichte in den Evangelien schreiben können, und "der Rest ist sekundär, hat also bestenfalls ein überliefertes Wort oder eine Vision in legendäre Handlung umgesellt".

Damit sind laut Lüdemann "die traditionellen Vorstellungen von der Auferstehung als erledigt zu betrachten". Und wohl auch die Vorstellungen von einer Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag. Darüber sei nur zu sagen: "Die im Glauben erfahrene Einheit mit Gott hat Bestand über den Tod hinaus." Und Lüdemann stimmt einem anderen Theologen zu: "Darüber hinaus nach Ereignissen im Jenseits zu fragen, macht keinen Sinn."

Dieser Befund habe "gravierende Konsequenzen",wie er am Ende seines Buches erörtert. Dort stellt er die Frage: "Können wir noch Christen sein?"

Für ihn selbst stand die Antwort, wie er versichert, nicht von vornherein fest, als er sich des Themas Auferstehung annahm: "Hätte ich sie verneinen müssen, so wäre ich aus der Kirche ausgetreten und hätte meinen Lehrstuhl aufgeben und die Fakultät wechseln müssen.

Doch all seinen Erkenntnissen zum Trotz beantwortet er die Frage "getrost mit Ja", für sich selbst und für alle, die seinen Gedankengängen folgen wollen. Seine Begründung ist allerdings anders, als sie auf Kanzeln und Kathedern gemeinhin gegeben wird. Mit der Auferstehung hat sie nichts zu tun. Zwar bekennt auch Lüdemann, er glaube, daß Jesus "durch den Tod nicht der Vernichtung anheimgegeben wurde" und "als der nun Lebende bei uns ist". Das klingt so, als sei der Göttinger Professor nur eine große Kurve gefahren und zum gleichen Ziel gelangt wie andere, die einen kürzeren Weg wählen.

Aber auf die Frage, ob Jesus so weiterlebt wie Goethe und Gandhi, antwortet er: "Ja, nur so. Die Begegnung mit Jesus ereignet sich bei der Begegnung mit den Texten, oder sie ereignet sich nicht. Für die einen lebt er, für die anderen ist er tot."

Nach seiner Überzeugung verlieren die Christen dadurch nichts, daß sie an die Auferstehung nicht mehr so glauben können wie bisher: "Vor Ostern war bereits all das vorhanden, was nach Ostern als endgültig erkannt wurde." Und: "Nicht Jesus oder seine Botschaft bedurften des Ostereignisses, sondern Petrus und die anderen Jünger."

Christen könnten Christen bleiben, auch wenn sie "nicht an die Wiederbelebung eines Leichnams glauben". Ihr Glaube habe seinen Grund nicht in der Auferstehung, sondern im "historischen Jesus, wie er uns durch die Texte vorgegeben ist und durch historische Rekonstruktion als Person begegnet". Das ist etwas ganz anderes als das, was seit Paulus die Theologen unablässig wiederholen, wie zum Beispiel der Heidelberger Theologe Günther Bornkamm im populärsten deutschen Jesus-Buch, das in der 14. Auflage vorliegt und in zehn Sprachen übersetzt wurde: "Ohne die Botschaft von der Auferstehung Christi" gäbe es "kein Evangelium, keinen Glauben, keine Kirche, keinen Gottesdienst".

Und es ist etwa das Gegenteil dessen, was Bultmann einst schrieb: "Entscheidend ist nur das Daß des Gekommenseins Jesu, nicht das Was, das heißt nicht die historisch verifizierbaren Daten seines Lebens und Wirkens."

Nachdem Lüdemann das wunderreiche Ereignis der Auferstehung auf wunderfreie Visionen reduziert hat, bleibt die Frage, wie transzendent denn sein Glaube an den historischen Jesus ist.

Lüdemanns Antwort wird seine Kritiker nicht besänftigen:

Das "'extra nos', also das Handeln Gottes", könne er "nachdrücklich bekräftigen, weil Jesus nicht eine Erfindung oder eine Projektion ist". Aber das waren Goethe und Gandhi auch nicht.

Der Göttinger Theologieprofessor ist überzeugt, daß es dem Christen hilft, "wenn er fortan vom Wenigen lebt, was er wirklich glaubt, nicht vom Vielen, was zu glauben er sich abmühen mußte".

Sicher, es war zuviel.

Aber ist es nun nicht zuwenig?

(Werner Harenberg in: Der SPIEGEL Nr. 13/28.3.1994)


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Letzte Aktualisierung am 10. Mai 2017
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