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idea-spektrum, 27/1997

Lüdemann fordert EKD-Spitzentheologen heraus

Zum Kommentar "Liebe Leser" (Nr. 23, S. 3) vom Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes, Hermann Barth

Vizepräsident Hermann Barth richtet anläßlich der ZDF-Fernsehsendung "Gottes dunkle Seiten - Gewalttexte in der Bibel" eine frontale Attacke in idea gegen meinen Beitrag zu diesem Thema, der angeblich darin bestehe, "über die Bibel die Schlachten der Vergangenheit zu schlagen" und den christlichen Glauben zu schmähen. Es hat mich besonders interessiert, wie Barth mit den anerkanntermaßen grausamen Texten der Bibel umgeht, deren bloße Nennung in der Fernsehsendung seinen scharfen Vorwurf provoziert hat. Er sprach sich erfreulicherweise in einer eigenen Stellungnahme in vier Punkten erstens für eine sachliche Kritik an den biblischen Aussagen aus, wenn diese wie in Psalm 137 nicht den Geist Christi atmen. Hier sind wir ganz eins. Zweitens wendet er sich gegen eine Gleichsetzung von Bibel und Wort Gottes und stellt eine Differenz zwischen dem Buchstaben der Bibel und dem lebendigen Gott fest. Auch an dieser Stelle kann ich nur zustimmen. Drittens will er gleichwohl am Heiligen, Gewaltigen und Befremdenden des biblischen Gottes festhalten. Öffnet dies nicht gerade der Gewaltanwendung eine Hintertür? Barth empfiehlt viertens, von den dunklen Seiten Gottes zu "flüchten hin zur Offenbarung seiner lichten Seiten in der Geschichte Jesu Christi". Dieser Satz bleibt ohne Erläuterung eine Ausflucht, da die Geschichte Jesu Christi erst einmal auf der Grundlage des von Jesus wirklich Gesagten rekonstruiert werden muß. Barths vier Aussagen sind ein beachtlicher Versuch, mit den unmenschlichen Seiten der Bibel umzugehen. Doch enthalten diese Punkte keinen direkten Hinweis auf den verhängnisvollen Antijudaismus des Neuen Testaments, den ich in der Fernsehsendung ausdrücklich angesprochen habe und der in einem Zusammenhang mit den Gewalttexten des Alten Testaments steht. Um die Aufarbeitung dieses Zusammenhanges und seiner Folgen bis in die jüngste Vergangenheit bemühe ich mich gerade in dem Buch "Das Unheilige in der Heiligen Schrift" (1996), das die Grundlage meiner Äußerungen in der von Barth scharf angegriffenen Fernsehsendung ist. Ich bedauere es außerordentlich, daß der Vizepräsident in seiner Kritik implizit meinen Versuch, den Antijudaismus der Bibel aufzuarbeiten, als Schlacht der Vergangenheit" bezeichnet, obwohl er sich selbst um eine Korrektur der dunklen Seiten der Bibel bemüht. Ich sehe über Barths verächtliche Äußerungen zu meiner Person hinweg, möchte aber dazu auffordern, in einem öffentlichen Streitgespräch die angesprochenen Probleme zu diskutieren. Denn, verehrter Herr Barth, es kann nicht dabei bleiben, daß Sie in Pressemeldungen und in Editorials meine Position verächtlich machen bzw. karikieren und bisher einen öffentlichen Disput scheuen, obwohl Sie bereits dazu aufgefordert worden sind. Der kommende Reformationstag wäre eine gute Gelegenheit, über die Bibel als Wort Gottes zu disputieren. Dies wäre ein Beitrag, der eine unmittelbare Bedeutung für die Gegenwart hätte.

Prof. Dr. Gerd Lüdemann, 37073 Göttingen


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Letzte Aktualisierung am 10. Mai 2017
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