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Humanistischen Union Marburg 3. Mai 2001

Das Unheilige in der Heiligen Schrift.

Die dunklen Seiten der Bibel

Teil 1: Hinführung

Für die christlichen Kirchen der Gegenwart und Vergangenheit gilt die Bibel als heilige Schrift. Der überwiegende Teil der Christenheit auf Erden - immerhin mehr als 2 Milliarden Menschen - liest die Bibel im wörtlichen Sinne als vom Heiligen Geist eingegebenes Wort Gottes, so wie es bis zur Aufklärung allgemein üblich war. Dies geschieht, obwohl das dabei vorausgesetzte Schriftprinzip überholt und unhaltbar geworden ist. Denn die Bibel ist nicht vom Heiligen Geist eingegeben worden. Sie ist Menschenwort.

Dieses sichere Ergebnis hat bisher wenig gegen alle Spielarten von fundamentalistischer Lektüre der Bibel auszurichten vermocht. Vielmehr herrscht weiterhin fast ungebrochen die Meinung: Bei der Lektüre der Heiligen Schrift redet mich Gott an, und die Anrede entspricht derjenigen, welche die biblischen Zeugen empfangen haben bzw. diejenigen, zu denen jene gesprochen haben.

Allerdings sind für eine solche Konstruktion mehrere Voraussetzungen unabdingbar.

Erstens : Der vorliegende Bibelkanon ist durch Gott selbst festgelegt.

Zweitens : Die in ihm redenden bzw. schreibenden Verfasser tun dies im Auftrag Gottes.

Drittens : Sie reden nicht nur ihre Zeitgenossen an, sondern auch jene, die später ihre Schriften bzw. Worte lesen werden. Dabei ist der Sinn bzw. der Gehalt der Botschaft damals und heute identisch. Was damals gesagt oder geschrieben wurde, gilt in gleicher Weise auch heute. Deshalb konnte beispielsweise Martin Luther seine eigene Lehre mit dem wörtlichen Inhalt der biblischen Schriften gleichsetzen.

Diese Annahme und das mit ihre verbundene Schriftprinzip können heute nur noch als naiv bezeichnet werden, auch wenn im Lutherjahr 1996 das Erbe des Reformators förmlich beschworen wurde und der ehemalige Hannoversche Landesbischof und gegenwärtige Abt von Loccum, Horst Hirschler, in einem Buchtitel förmlich hervorhebt, um wieviel Luther uns doch voraus sei. Denn unübersehbar hat sich zwischen damals und heute der garstig breite Graben der Geschichte aufgetan. Der historische Abstand zwischen dem frühchristlichen Zeitalter und der heutigen Kirche ist die Ursache für einen krisenhaften Strudel geworden, der liebgewonnene Gewohnheiten des Glaubens unbarmherzig mit sich in die Tiefe reißt. Dies geschieht deswegen, weil die seit 250 Jahren betriebene historisch-kritische Erforschung der Bibel mit dem bis dahin vorhandenen Bild der Bibel restlos aufgeräumt und jeden einzelnen ihrer Verse als menschliches Wort verstehen gelehrt hat. Doch sind ihre Ergebnisse - wenn überhaupt - nur geschönt weitergegeben worden.

Wie die Bibel heutzutage der evangelischen kirchlichen Öffentlichkeit vorgestellt und vermittelt wird, dafür ist das Vorwort zur revidierten Lutherbibel aus dem Jahre 1985 ein Beispiel. Es heißt dort in der "Vorrede zur Heiligen Schrift":

"Die Bibel will allen Menschen die gute Nachricht von Gottes Barmherzigkeit ausrichten. Die ältesten Zeugnisse des Alten Testaments reichen in die Zeit zurück, als Israel aus der Wüste in das verheißene Land zog. Von der Geschichte dieses Volkes wird erzählt, die Botschaft seiner Propheten wird verkündet, das Gotteslob der Psalmen wird gesungen.

Die Schriften des Neuen Testaments sind zum großen Teil in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr. aufgezeichnet worden, zuerst die Briefe des Apostels Paulus, dann die Berichte von Jesu Wirksamkeit, seinem Leiden, Sterben und Auferstehen; dazu kamen schließlich einige Briefe, die zu Anfang des 2. Jahrhunderts abgefaßt wurden.

Jede biblische Schrift spricht in eine bestimmte geschichtliche Lage hinein. Sie redet Menschen an, die Sorgen und Freuden, Leid und Glück kennen, und sagt ihnen, daß Gottes Wort sie trösten und aufrichten, ihr Leben bestimmen und leiten will. Die biblischen Zeugen geben weiter, was sie erfahren haben: Gottes Wort ist wahr, darauf kann man sich verlassen. Was gestern galt, gilt auch heute, morgen und alle Zeit. Von einer Generation wurde dieses Zeugnis zur nächsten weitergereicht. Kein anderes Buch ist in so viele Sprachen übersetzt worden wie die Bibel. Kein anderes Werk wird in so vielen Völkern gelesen wie sie."

Dieses Vorwort vereinigt in sich Ergebnisse historischer Bibelwissenschaft und theologische Spitzenformulierungen. Entsprechend werden Kernsätze der Bibel in der darauf folgenden Übersetzung in halbfetter Schrift gebracht und am Ende eine chronologische Übersicht über die mutmaßliche Abfassungszeit der biblischen Bücher sowie die hier vorausgesetzten profanen Daten erstellt. Zusätzlich ist zu vermerken, daß in der Übersetzung dem neuesten textkritischen Befund Rechnung getragen wird: So ist z.B. Mk 16,9-20 ausdrücklich als ein erst in späterer Zeit zum Mk-Evangelium hinzugefügter Schluß gekennzeichnet.

Die Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1985 samt Vorrede und Anhängen ist somit ein Beispiel für die heutige Stellung und den Gebrauch der Bibel im Lager der evangelischen Kirche, das von der Bibelkritik geprägt ist.

Allerdings ist darauf hinzuweisen, daß die Ergebnisse der historischen Kritik in der revidierten Lutherbibel nicht konsequent berücksichtigt werden. Im folgenden seien zwei Punkte näher ausgeführt, die zum Widerspruch geradezu herausfordern.

Erstens : In der Übersetzung des Alten Testaments sind unter anderem diejenigen Stellen fettgedruckt, welche die Christenheit seit Jahrhunderten als Voraussagen auf Jesu Kommen angesehen hat und die alljährlich in Weihnachts- oder Karfreitagsgottesdiensten zitiert werden.

Nun hat aber die historische Bibelkritik allgemein und ein für allemal gezeigt, daß diejenigen Stellen des Alten Testaments, die von der christlichen Kirche als Voraussagen auf Christi Kommen angeführt werden, keine solchen Voraussagen sind. Ist es dann aber nicht erbärmlich, wie allweihnachtlich jenes Possenspiel mit dem Alten Testament vor den nichtsahnenden Zuhörern aufgeführt wird, die alljährlich nur einmal in die Kirche gehen?

Zweitens : Das Alte Testament sowie das Neue Testament bzw. ihre Bestandteile werden in der Vorrede zur revidierten Lutherbibel ausdrücklich als Wort Gottes betrachtet, und beide gelten als Heilige Schrift.

Gewiß wird im protestantischen Lager die Auffassung der Bibel als Wort Gottes nicht mehr im wörtlichen Sinne vertreten. Vielmehr zieht man Formulierungen vor wie: Gottes Wort in, mit, unter Menschenwort oder gar: in der Bibel sei Gottes Wort als Menschenwort enthalten. Aber, was heißt hier konkret Gott und Gottes Wort? Spricht Gott etwa? Zwar sagen die Propheten, Gott habe sie beauftragt, sein Wort an bestimmte Menschen auszurichten. Doch ist sogleich hinzuzufügen: Die Propheten dachten, daß es so sei. Wir aber wissen, daß sie es nur so dachten. Mit anderen Worten, es war ihre eigene Deutung eines religiösen Erlebens. Von dort bis hin zur Behauptung, Gott habe hier wirklich gesprochen, ist ein sehr weiter Weg, der dem Menschen nach der Aufklärung schwerlich nachvollziehbar ist.

Vielmehr gilt: Wir haben es in der Bibel immer nur mit Gottesbildern zu tun, mit menschlichen Ansprüchen, daß Gott hier und da gehandelt oder geredet habe. Wer sagt, die Bibel enthalte Gotteswort als Menschenwort, bedient sich daher einer unklaren Ausdrucksweise. Die Wendung "Gotteswort als Menschenwort" suggeriert nämlich eine Entsprechung, die gar nicht besteht. Der unvoreingenommene Hörer sieht sich schlichtweg getäuscht, sobald er über den wahren Sachverhalt aufgeklärt wird.

Anders als die Mehrheit der Interpreten der Bibel, die im kirchlichen Interesse Gottes Wort durch Menschenwort hindurch finden wollen, nähere ich mich ihr von ihren dunklen Seiten. Ich nehme den Verfasser des Vorworts zur revidierten Lutherübersetzung beim Wort, daß die Bibel allen Menschen die gute Nachricht von Gottes Barmherzigkeit ausrichten will, und prüfe sie daraufhin, ob das wirklich der Fall war und auch heute zutrifft.

In dem nun folgenden alttestamentlichen Teil meines Votrags folgt eine Analyse von Texten, die ein ganz anderes Bild des Alten Testaments widerspiegeln, als daß in ihm die gute Nachricht von der Barmherzigkeit Gottes an alle Menschen übermittelt würde. Es geht um jene Partien, die den Befehl Gottes enthalten, ganze Völker auszurotten.

Im neutestamentlichen Teil schließe ich Einzeluntersuchungen von Texten an, die ebenfalls wenig von Gottes Barmherzigkeit spüren lassen. Es geht um jene Stellen, welche die ungläubigen Juden der damaligen Zeit als Feinde Gottes bezeichnen und sie kurzerhand von seiner Barmherzigkeit ausschließen.

Ein solcher Zugang ist notwendig, weil die Bibel jahrhundertelang allein in einem kirchlich-dogmatischen Rahmen gelesen wurde und die Begegnung mit dem, was tatsächlich in ihr steht, auch heute nur selten stattfindet.

Ich möchte provokativ jene Realität aufweisen, in welcher die Menschen der Bibel zum Glauben kamen und die - in welchem Interesse auch immer - in der historischen bzw. theologischen Betrachtung vernachlässigt wurde. Historische Kritik lebt aus der nicht endenden Radikalität des Fragens, der es nicht nur um die Oberfläche, sondern um den Grund der damaligen Wirklichkeit geht. Mein Vorgehen ist darin begründet, daß es zu der nicht mehr rückgängig zu machenden Selbstverständlichkeit der Neuzeit gehört, daß weder die Kirche noch eine sich absolut setzende Weltanschauung die Eigenständigkeit der historischen Kritik antasten darf. Diese geht so vor, als ob es Gott nicht gäbe. Sie ist aus methodischen Gründen atheistisch. Gerade die Erfolge in der Aufdeckung und Aufhellung vergangener Geschichte sprechen für die Berechtigung eines solchen Ansatzes. Nur er läßt Angehörige verschiedener Konfessionen und Religionen erfolgversprechend ihre gemeinsame Geschichte bearbeiten. Nicht die historische, sondern die systematische Theologie macht die Krise offenbar, in der sich Kirche und Theologie heutzutage befinden.

Teil 2: Unheilige Gewalt gegen andere im Alten Testament und ihre Begründung

Wir erinnern uns: Wissenschaft lebt aus einer nicht endenden Radikalität des Fragens, in der es nicht nur um die Oberfläche, sondern um den Grund der Wirklichkeit geht. Dabei gehört zu den Merkwürdigkeiten der neueren sogenannten historisch-kritischen Exegese die Auffassung, daß sie in Bescheidenheit nur historische Vorarbeiten für die spätere systematisch-theologische Frage leisten solle.

Demgegenüber möchte ich die Autonomie der historischen Rekonstruktion betonen und im Vollzug dieser Autonomie auf eine bisher nicht genügend berücksichtigte Tiefendimension alttestamentlicher Geschichte hinweisen, nämlich die Ausübung von Gewalt gegenüber anderen.

Es gibt kaum etwas anderes im Alten Testament, das den Abscheu des modernen Betrachters so provoziert wie die Praxis des Bannes als Abschluß eines "Heiligen Krieges". Hier zwei Beispiele dafür, wie der Bann aussah:

Deuteronomium 2,33f:

"(33) Jahwe, unser Gott, gab uns den König Sihon vor unseren Augen dahin, so daß wir ihn schlugen mit seinen Söhnen und seinem ganzen Kriegsvolk. (34) Da nahmen wir zu der Zeit alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an allen Städten, an Männern, Frauen und Kindern, und ließen niemand übrig bleiben."

Josua 6,21:

Das Volk "vollstreckte den Bann an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts, an Mann und Weib, jung und alt, Rindern, Schafen und Eseln."

Der Bann war durch folgende Akte bestimmt: Durch das Stoßen in die Posaune oder durch die Aussendung zerstückelten Fleisches wird das Heer aufgeboten und versammelt sich im Lager, wo sich die Krieger, fortan "Volk Gottes" genannt, mit kultischer Reinigung, geschlechtlicher Askese, Opfern und Bußriten auf die bevorstehende Schlacht vorbereiten.

Vor Beginn des Kampfes wird Gott befragt, der den Sieg voraussagt. Daraufhin verkündet der Führer den Heerbann, und das Heer marschiert mit Gott an der Spitze dem Feind entgegen. Mit Kriegsruf und Kriegsgeschrei wird die Schlacht eröffnet. Den Sieg bringt der Gottesschrecken, der die Feinde befällt und verwirrt, so daß ihnen der Mut entsinkt. Den Höhepunkt und Abschluß bildet der Bann, die Übereignung der Beute an Gott. Wie beim ganzen heiligen Krieg, so handelt es sich auch hier um eine kultische Angelegenheit: die Menschen und Tiere werden getötet, Gold, Silber usw. gehen in den Schatz Gottes ein.

Wer die Texte über den Bann und die Abschlachtung fremder Völker heute unvoreingenommen liest, kann darüber nur entsetzt sein. Ernest Renan hat den Abscheu vor diesen "bluttriefenden Barbarensitten" vor rund 100 Jahren so ausgedrückt:

"Die menschliche Grausamkeit nahm die Form eines Paktes mit der Göttlichkeit an. Man legte ein feierliches Gelöbnis ab, alles zu töten und verbot damit sich selbst, der Vernunft oder dem Mitleid Folge zu leisten. Man weihte eine Stadt oder ein Land der Vernichtung und glaubte Gott zu beleidigen, wenn man den greulichen Eid nicht hielt."

Dennoch ist sofort darauf hinzuweisen, daß der Bann nicht dem persönlichen Haß oder der Rache entsprang. Vielmehr handelte es sich um eine Art Opferritual, in dem die Bevölkerung der eroberten Städte oft sogar samt ihren Tieren vernichtet wurde. Ferner durften unzerstörbare Gegenstände aus Gold und Silber nicht von beliebigen Leuten als Beute einbehalten werden. Sie galten vielmehr als Geschenke für den Gott Israels. Sodann gehört das hebräische Wort für "Bann" zum semantischen Feld des Heiligen, Geheiligten, das die Übersetzung "Weihung zur Zerstörung" rechtfertigt. Sie ist dann die negative Seite des Heiligen, die den Aspekt des Entfernens, des Unzugänglichmachens für den allgemeinen Gebrauch zum Inhalt hat, während der bekanntere hebräische Ausdruck für das Heilige seine positiven, zu bewahrenden Qualitäten anzeigt.

Mit anderen Worten: Das Ritual des Bannes war geradezu die Negation einer Ethik des einfachen Plünderns und der Ausbeutung. Es war eine rituelle Heiligmachung, in der die gefangenen Personen, Tiere und Objekte Gott geweiht und die Gegenstände, die unzerstörbar waren, einfach dem Heiligtum übergeben wurden. Indem man die Personen in derselben Weise wie die Tieropfer der Gottheit übergab, erhielt Gott sie als Geber des Lebens zurück.

Gegen die Anstößigkeit des Bannes wird zuweilen einschränkend bemerkt: der Heilige Krieg, wie er im Deuteronomium und im Buch Josua beschrieben wird, habe wohl niemals so stattgefunden.

Aber selbst wenn die Tradition des Heiligen Krieges teilweise eine Fiktion sein würde, wäre das Phänomen an sich noch nicht zureichend erhellt. Denn das eigentliche Problem besteht gar nicht darin, ob die Erzählungen Tatsache oder Fiktion sind. Ärgernis erregt, daß die rituelle Zerstörung überhaupt empfohlen wird. Viele Texte empfehlen die totale Abschlachtung der kanaanäischen Bevölkerung, und die Ausführung dieses Auftrages, z.B. bei der Eroberung von Jericho, wird eigens betont, wie der schon zitierte Text Josua 6,21 zeigt: "Sie vollstreckten den Bann aber an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts, an Mann und Frau, jung und alt, Rindern, Schafen und Eseln."

Wenn der Bericht von der Eroberung Jerichos auch reine Fiktion war, so doch eine, die allgemeine Zustimmung fand. Und obwohl das Alte Testament eine Fülle von Kriegsschilderungen enthält, gibt es keine einzige Passage, die ausdrücklich den Bann kritisiert oder bestreitet, daß er von Gott angeordnet wurde. Im Gegenteil: Wo vom Bann die Rede ist, geschieht dies immer in engem Zusammenhang mit Gott selbst. Der Bann hat also keineswegs einen nebensächlichen, sondern einen erschreckend grundsätzlichen Charakter.

Um die Anstößigkeit noch zuzuspitzen: Nach den alttestamentlichen Texten ist der Bann nichts, das nur einmal geschah; nein, es ist etwas, das Gott befohlen hat und auf dem er immer wieder strikt bestand. Und hier entsteht sofort die Anfrage: Wie kann eine solche abstoßende Praxis mit dem vereinbart werden, was wir herkömmlich als Gott betrachten?

Wie wird nun der Bann von alttestamentlichen Theologen behandelt, die durchaus historisch-kritisch arbeiten? Ich beziehe mich im folgenden auf die Disziplin der seit kurzem eifrig betriebenen "Biblischen Theologie", die sich darum bemüht, Altes und Neues Testament als Einheit zu sehen. Dies geschieht unter Hinweis darauf, daß "in den beiden Testamenten nicht zwei Götter, sondern der eine alleinige Herr bezeugt wird" und in der Absicht zu präzisieren, "wie die an Israel ergangene Offenbarung Gottes und die in Jesus Christus ,ein für allemal' ergangene Offenbarung zusammenzudenken und in unserer Gegenwart theologisch zur Sprache zu bringen" sind. Doch schneiden ihre Vertreter, wie ein Blick in die einschlägigen Publikationen zeigt, die gerade aufgeworfene Frage des Bannes gar nicht an und protestieren laut, wenn sie überhaupt erörtert wird. Zweifel an der Vertretbarkeit des Bannes werden nämlich durchweg als Zeichen eines theologischen Liberalismus gedeutet, der die Autorität des Alten Testaments untergräbt.

Andere begnügen sich damit, den Erfahrungen nachzugehen, die "zu derart befremdlichen Texten geführt haben. Warum hat man sie stehen, warum sie überhaupt in den Kanon gelangen lassen? Antwort: Unser theologisches Denken möchte Gott von allen grausamen, intoleranten und bedrohlichen Zügen reinigen. Nur dann meinen wir, ihn als Gott festhalten zu können. Vielleicht aber ist es genau umgekehrt. Vielleicht ist nur ein Gott, der sich selbst das Äußerste an Entfremdung, Schmerz und Betroffenheit zumutet, imstande, einer Welt Hoffnung zu geben, die an solchen Zumutungen leidet".

Doch kann man an dieser Stellungnahme leicht erkennen, wie historisch-theologische Exegese unvermittelt in allgemeine theologisch-philosophische Überlegungen übergegangen ist, die m.E. nicht mehr als Wissenschaft bezeichnet werden können. Denn Grausamkeit bleibt Grausamkeit, auch wenn die Bibel sie Gott zuschreibt.

Es ist zu billig, wenn beispielsweise der strikten historischen Analyse, welche der Aufklärung verpflichtet ist, vorgehalten wird, die Menschen in Ratlosigkeit und Resignation geführt zu haben. Man überprüfe die Logik dieser Argumentation: Es wird suggeriert, wir müßten wenigstens zeitweise wieder in die Arme eines grausamen Gottes fliehen, weil die Aufklärung keine positiven Rezepte für die heutige Menschheit habe. (Dies aber ist eine glatte Diffamierung.) Ich kann daher diese Versuche, dem radikal historischen Befund zu entgehen und Hand in Hand damit die dunklen Seiten Gottes zu integrieren, nur als ein verzweifeltes apologetisches Bemühen ansehen.

Das Faktum bleibt: Der Befehl zur Ausrottung ist in höchstem Maße anstößig, auch wenn er damals von Gott selbst gegeben wurde, oder genauer: auch wenn die damaligen Menschen glaubten, Gott ordne die Extermination an. Wer mir an dieser Stelle unhistorisches Denken vorwirft ("eine fremde Zeit kann man nicht an modernen Maßstäben messen"), dem sei empfohlen, sich die beim Bann vollzogenen Akte und ihre Konsequenzen zu vergegenwärtigen und konkret nachzuvollziehen, welche Verbrechen hier in Wirklichkeit verübt wurden: die gezielte Abschlachtung von Säuglingen, Kindern, Frauen und Männern. Erst dann wird man auch den emotionalen Aspekt meiner Frage verstehen, wie solche Akte noch etwas mit der Barmherzigkeit Gottes zu tun haben können und warum die biblischen Theologen so schnell von solchen angeblich von Gott angeordneten Verbrechen gegen die Menschheit zur Tagesordnung übergehen können.

Im Kontext der Texte zum Bann erscheint regelmäßig das Stichwort der Erwählung, das besonders häufig im Deuteronomium variiert wird. Dieses biblische Buch verwendet das Verb "erwählen" als Vorzugswort und gebraucht es viel häufiger als alle anderen Bücher des Alten Testaments.

Das Deuteronomium ist eine von mehreren judäischen Gruppen fabrizierte Utopie, deren Verfasser im 7. Jahrhundert sowohl eine strenge Kultzentralisation forderten als auch die Reinheit des Kultus sowie die rigorose Abgrenzung von anderen Völkern: Da Israel das heilige, von Gott auserwählte Volk ist, muß es den Kontakt mit anderen Völkern gänzlich meiden. Das Bestreben, die Sonderexistenz Israels aufrechtzuerhalten und es um jeden Preis vor fremden Einflüssen zu schützen, brachte dann fast zwangsläufig eine Kriegsideologie hervor, die auch das uralte Banngebot in sich aufnehmen konnte.

Diese Absonderungsideologie wurde im Exil (587-539 v.Chr.) sowie auch in nachexilischer Zeit (539-564 v.Chr.) gedanklich weiter ausgesponnen und konsequent gegen alle gekehrt, die nicht zur reinen Kultgemeinde gehörten. In ihr wurzelte die gedanklich vollzogene Ausrottung der Kanaanäer; in ihr ist z.B. Psalm 137 zu Hause, in dem es heißt: "An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten ..." (V. 1). Die Forderung nach Rache für die Vertreibung läßt nicht lange auf sich warten: "Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!" (V. 8-9).

Ein neuerer Kommentator dieses Psalms, der in der historisch-kritischen Exegese zu Hause ist, sieht in V. 9 nur einen "Hinweis auf die Grausamkeit der antiken Kriegshandlungen überhaupt ... Die Bitte um Rache ist eine Bitte, die an die Geschichtsmächtigkeit Gottes appelliert ... Mitten im geschichtlichen Leben steht es zur Entscheidung, ob Gott Gott ist oder ob die Großmächte triumphieren." - Diese Auslegung ist ein Beispiel dafür, wie trotz historisch-kritischer Exegese unbequeme Texte geschichtlich eingeebnet, theologisch gezähmt und ihres Inhalts beraubt werden. Vielmehr gehört dieser Psalm ohne Wenn und Aber zum Vorstellungsrahmen des Heiligen Krieges. Dieser wurde zwar in den meisten Fällen nur herbeigesehnt und nicht geführt. Doch die in ihm enthaltene Botschaft und die des Deuteronomiums sind geladen mit Gewalt, deren Träger im Namen Gottes ganze Völker gedanklich ausrotten wollten.

Diese Dinge sind gleichsam nur als Schale um einen glühenden Kern herum anzusprechen. Sein Inhalt ist der Ausschließlichkeitsanspruch einer intoleranten Gottheit, genauer gesagt: des Bildes eines intoleranten Gottes, der Israel erwählt und sich mit diesem Volk auf Gedeih und Verderben verschworen hat.

Die damit verbundenen Visionen von Gewalt haben in den nachfolgenden Jahrhunderten der jüdischen Geschichte, aber auch bis in unsere Zeit hinein, verheerende Folgen gehabt.

Auf dieser Linie liegend, schildert und begründet das alttestamentliche Buch Esra im vierten vorchristlichen Jahrhundert die Auflösung der Mischehen. Sie hat zu geschehen, weil die natürliche Verbindung mit heidnischen Geschlechtern Treuebruch gegenüber Gott und damit Gefährdung der Heiligkeit des auserwählten Gottesvolkes darstellt.

Die verhängnisvollste Konsequenz der mit dem Heiligen Krieg verbundenen Gewaltutopien im Alten Testament ist die, daß diese sich in der christlichen Wirkungsgeschichte, angefangen von den Kreuzzügen bis zum Holocaust, gegen die Menschen wendeten, in deren Traditionen sie hervorgebracht wurden.

Die Ehegesetzgebung unter Esra/Nehemia wird wirkungsgeschichtlich zuweilen als Selbstmord von langer Hand betrachtet. Denn der Antisemitismus habe Wurzeln im Alten Testament selbst, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Daran ist richtig, daß die diesbezüglichen Maßnahmen gegen heidnische Frauen (und Mischlingskinder) eine Entsprechung zu den Schritten aufweisen, die später gegen Juden selbst eingeleitet wurden. So verbot die katholische Kirche auf der Synode von Elvira (300/313 n.Chr.) die Ehe (und den Geschlechtsverkehr) zwischen Christen und Juden. Diesem Beispiel folgten die Nationalsozialisten in den sog. "Nürnberger Gesetzen", mit denen die Ehe und der außereheliche Geschlechtsverkehr "zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes" untersagt wurde ("Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 15. September 1935; ÝÝ 1-2). So wandten die Nazis von der Struktur her ähnliche Gedanken, wie sie Juden unter Esra/Nehemia entwickelt hatten, erweitert um die Rassenideologie, ruchlos gegen ihre jüdischen Mitbürger, steigerten sich in einen antisemitischen Mordwahn und richteten im 20. Jahrhundert ein grausiges Blutbad an.

Sie erhielten in ihrer Ehegesetzgebung sogar Unterstützung von einem bekannten deutschen Neutestamentler, der im Jahre 1943 mit vollem Ernst schrieb:

"Die durch den Nationalsozialismus vollzogene radikale Ausmerzung der Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden ist nicht, wie fast die ganze außerdeutsche Welt behauptet, eine unerhörte Grausamkeit gegen die Juden ..., sondern in Wirklichkeit der heilsame Zwang für das Assimilationsjudentum, zu seinen eigenen Grundlagen und deren Gesetzen zurückzukehren."

Teil 3: Antijudaismus im Neuen Testament - eine Geste der Barmherzigkeit?

Ich möchte vorweg nochmals in Erinnerung rufen: Wissenschaft lebt von einer nicht endenden Radikalität des Fragens, in der es nicht um die Oberfläche, sondern um die Tiefe der Wirklichkeit geht. Mir scheint, daß die Schriften des Neuen Testaments viel tiefer im Antijudaismus verwurzelt sind, als bisher erkannt wurde. Ihre Einzelaussagen sind nur die Spitze eines Eisberges, den es in seinem gesamten Ausmaß, in seiner Entstehung und in seiner Herkunft auszuloten gilt.

Ich beginne mit einem Zitat aus dem 4. Jh., in dem praktisch alle antijüdischen Aussagen des Neuen Testaments gipfeln. In ihm ist - so scheint es jedenfalls - die Saat aufgegangen, die die neutestamentlichen Autoren gelegt haben. Der christliche Historiker Euseb schreibt im Jahre 312 n.Chr. folgendes über die ungläubigen Juden:

"Als nun nach der Himmelfahrt unseres Erlösers die Juden zu dem Verbrechen an dem Erlöser auch noch die höchst zahlreichen Vergehen an seinen Aposteln begangen hatten, ... da brach zuletzt das Strafgericht Gottes über die Juden wegen der vielen Freveltaten, die sie an Christus und seinen Aposteln begangen hatten, herein und vertilgte gänzlich dieses Geschlecht der Gottlosen aus der Menschengeschichte" (Kirchengeschichte III 5,2f).

Bringt man den Bericht Eusebs auf den Punkt, so lautet seine "Botschaft": Die ungläubigen Juden sind wegen der Verbrechen gegen Jesus und die ersten Jünger zu Recht bestraft und ausgetilgt worden.

Kann man die neutestamentlichen Autoren für solche rüden Verdammungsurteile verantwortlich machen?

Ich führe im folgenden an einem Themenkomplex, der Passionsgeschichte, die Probe durch.

Die Leidensgeschichte des ältesten Evangeliums, des MkEv, kann nicht verstanden werden ohne vorherige Betrachtung der drei Weissagungen Jesu über sein Leiden (und seine Auferstehung), die das MkEv geradezu gliedern. Sie befinden sich in Mk 8,31; 9,31 und 10,32-34 und dürften vom Vf. selbst formuliert worden sein. Ihr Inhalt lautet: Jesus zieht nach Jerusalem, um von den Oberen der Juden zu Tode gebracht zu werden.

Die dreifach gemachte und Jesus selbst in den Mund geschobene Aussage findet eine Entsprechung in der vom zweiten Evangelisten formulierten Stelle Mk 3,6: (Nach einer Heilung am Sabbat) "gingen die Pharisäer hinaus und hielten alsbald Rat mit den Anhängern des Herodes, wie sie ihn umbringen könnten." Dieser Plan zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Evangelium hindurch und findet dann seine Erfüllung in der Passionsgeschichte.

Angesichts dessen ist es nicht mehr verwunderlich, daß im MkEv alle Hohenpriester, Ältesten und Schriftgelehrten Jesus zum Tode verurteilen (Mk 14,64) und ihn dem Pilatus ausliefern (Mk 15,1). Dieser will Jesus losgeben, weil er "erkannte, daß ihn die Hohenpriester aus Neid überstellt hatten" (Mk 15,10). Sein Ansinnen wird dann aber von den jüdischen Oberen verhindert. Als Pilatus Jesus freilassen will, wiegeln sie erfolgreich das jüdische Volk auf, damit es Jesu Kreuzigung fordere.

Das Fazit kann nur lauten, daß die Juden, d.h. Hohepriester, Schriftgelehrte, Älteste, Pharisäer und das Volk, die alleinige Verantwortung für Jesu Tod tragen.

Diese Tendenz setzt sich dann in brutaler Weise in den Leidensgeschichten des MtEv, des LkEv und des JohEv fort. Ich hebe hier nur einen Punkt heraus, die bei Matthäus sich findende Selbstverfluchung des jüdischen Volkes im unmittelbaren Anschluß an das Händewaschen des Pilatus: "Und alles Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Mt 27,25).

Der hochgelehrte Kirchenvater Origenes (185/6-254 n.Chr.) schrieb zu dieser Stelle und den daraus für die Juden resultierenden Konsequenzen:

"Deswegen wurden sie nicht nur am Blut der Propheten schuldig, sondern machten das Maß ihrer Väter voll und wurden auch am Blut Christi schuldig ... Deshalb kam das Blut Jesu nicht nur über die, die ehemals lebten, sondern auch über alle nachher folgenden Generationen der Juden bis zur Vollendung."

Diese Worte enthalten die christliche Durchschnittsmeinung über die Juden, wie sie sich in jahrhundertelanger Denktradition ausgebildet hat und vom ältesten Christentum bis in die Neuzeit hinein beherrschend war.

Heute ist historisch geklärt, daß die Belastung der Juden durch die neutestamentlichen Evangelien jeglicher geschichtlicher Grundlage entbehrt. Sie geht, wie wissenschaftlich allgemein anerkannt ist, auf ihre apologetische Tendenz zurück, die Römer zu entlasten und die Juden als Feinde hinzustellen.

Dies kann unzweifelhaft an den außerhalb des Neuen Testaments für Pilatus bezeugten Quellen bewiesen werden. Während die neutestamentlichen Evangelien Pilatus als einsichtsvollen Menschen zeichnen, der die jüdischen Oberen durchschaut und die Unschuld Jesu erkennt, ergibt sich aus den historisch zuverlässigen Quellen ein ganz anderes Bild des Pilatus.

So berichtet der jüdische Philosoph Philo, ein Zeitgenosse des Apostels Paulus, daß unter Pilatus "Bestechlichkeit, Gewalttaten, Räubereien, Mißhandlungen, Kränkungen, fortwährende Hinrichtungen ohne Urteilsspruch, endlose und unerträgliche Grausamkeiten" vorgekommen seien.

Daher ist die Sicht der neutestamentlichen Evangelien, Pilatus sei ein einsichtsvoller Herrscher gewesen, eine große Täuschung, um nicht zu sagen: böse Absicht. Ihre Auffassung, Pilatus sei nur ein Werkzeug der Juden gewesen, damit diese ihren Todesbeschluß verwirklichen könnten, ist reiner Wunsch, historisch unzutreffend und entspringt - wie bereits ausgeführt - ihrer Intention, die Römer zu entlasten und damit besser im Römischen Reich dastehen zu können.

Wie gesagt, die meisten Neutestamentler sind sich in diesem Urteil einig. Allerdings sagen sie im gleichen Atemzug, daß geschichtliche Tatsachen unwichtig seien. Historie sei unwichtig und abgestorben, einzig auf die Deutung komme es an, die sich über die Gegebenheiten dessen, was einstmals geschah, erhebt. Doch was bei dieser Betrachtungsweise auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit: die unverschönerte, unverkerygmatisierte, untiefsinnige Wahrheit der Tatsachen. Was bei dieser Betrachtungsweise zu kurz kommt, ist das Gewissen.

Die weitere Frage stellt sich unverzüglich: Wie kann man angesichts dieses brutalen historischen Befundes und angesichts der historischen Verfälschung des Sachverhalts die neutestamentlichen Evangelien als gute Nachricht von Gottes Barmherzigkeit ansehen? Fällt nicht von dieser ihrer dunklen Seite, die in der nachfolgenden Kirchengeschichte verheerende Folgen für die Juden hatte, ein tiefer Schatten auf alles andere, was sie auch geschrieben haben? Kann man sich auf sie überhaupt noch verlassen, wenn sie an einer entscheidenden Stelle die historische Wahrheit so umgebogen haben? -

Über die Entstehung des Antijudaismus sind gut begründete Aussagen möglich. Er ist direkt mit dem Anspruch der christlichen Gemeinden verbunden, daß nur in Christus und in keinem anderen Heil ist. Vgl. Apg 4,12 in der Predigt des Petrus: "Es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden." Mit anderen Worten, die Christologie führte zu einem Anspruch, der alle anderen Glaubensweisen ausschloß und sie, falls er nicht anerkannt wurde, sofort verteufelte. Man vgl. ferner Joh 14, 6: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich."

Nun wurzeln die beiden genannten Texte gewiß in einer bestimmten Situation und enthalten Urteile, die weder in allen Situationen und zu allen Zeiten gelten noch der Absicht ihrer Verfasser zufolge Aufnahme in einen Kanon heiliger Schriften finden sollten. Vielmehr sind sie historisch verständlich zu machen. Doch gibt es von ihrem Inhalt her und angesichts des Kontextes, in dem sie stehen, keine andere Möglichkeit, als den Anspruch dieser Texte ernstzunehmen und ebenso die christlichen Gruppen, die sich auf sie beriefen. Mit anderen Worten, an der alleinigen Anerkennung Jesu Christi als des Heiles der Welt führt ihrer Meinung nach kein Weg vorbei -für die Juden nicht und auch für die Heiden nicht. Schlossen sich aber - wie oft geschehen - Juden oder/und Heiden diesem Urteil über Jesus als Heil der Welt nicht an, so mußten sie dem Bereich der Finsternis zugewiesen werden. Antijudaismus ist also - historisch gesehen - die Kehrseite des "Christus allein", gewissermaßen die linke Hand der Christologie bzw. der Schatten der Christologie.

Gerade aus diesem Grunde ist die Christologie in Frage zu stellen, um ein für allemal die Dogmatik auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen. Die historisch-kritische Forschung leistet dabei eine unschätzbare Hilfe. Fest steht: Die Christologie wurzelt letztlich in der Auferstehung Jesu. Diese hat aber nie stattgefunden; historisch gesehen, sind als Tatsachen nur die Visionen der Jünger und Jüngerinnen zu ermitteln. Wenn man so will, haben die Juden, die Mt nennt, die "Auferweckung" Jesu sachgemäßer beurteilt als die frühen Christen. Sie äußerten den dringenden Verdacht, die Jünger hätten den Leichnam Jesu nur gestohlen, während die Christen steif und fest behaupteten, Jesu Leichnam sei aus dem Grab in Jerusalem entschwunden. Haben die Christen den Leichnam auch nicht entwendet, so steht doch fest, daß er verweste. In dieser Voraussetzung, aber auch in anderen, wie der Bestreitung der Historizität der Jungfrauengeburt sowie der Lehre von der Gottheit Christi und von seiner Präexistenz, behalten die ungläubigen Juden Recht. Ausgangspunkt der Theologie, wenn sie überhaupt noch möglich ist, muß also etwas anderes sein als die genannten dogmatischen Lehrstücke.

Als Fazit des neutestamentlichen Teiles meines Vortrags möchte ich zwei Punkte benennen:

Erstens : Der Antijudaismus war und ist das schleichende Gift in der Geschichte des Christentums. Ob er in der Geschichte der christlichen Kirchen und der Theologie seinen Höhepunkt bereits überschritten hat, bleibt abzuwarten.

Zweitens : Gleichzeitig hat der Antijudaismus tragische Züge, da vieles in ihm gerade aus Israel übernommen und später gegen die Juden selbst gekehrt wurde. Ein Teil des eigentlichen Problems scheint zu sein, wie ein Volk plötzlich von sich behaupten kann, es sei erwählt. Denn Erwählung setzt oftmals Feindseligkeiten gegen andere frei und umgekehrt Feindseligkeiten gegen diejenigen, die den Anspruch auf Erwählung erheben, und zwar seitens derjenigen, die außerhalb der Erwählung stehen. Indem die christliche Kirche das unheilvolle Erbe dieses Aspektes von Religion samt seinem Gottesbegriff aus dem Judentum übernommen hatte und von sich behauptete, das erwählte Volk Gottes zu sein, waren praktisch Gewaltanwendungen in ihr vorprogrammiert, wobei die Kriegstheologie des Alten Testaments als Vorbild diente. Und bis heute scheint das Gottesbild der christlichen Kirchen noch stark von dem Gewalt anwendenden Gott des Alten Testaments geprägt zu sein, dem ohne Widerrede zu gehorchen sei.

Aber wie soll ein solcher Gott in unseren demokratischen Traditionen und dem hier verankerten Toleranzbegriff ein Zuhause finden? Die Frage ist nach wie vor ungelöst, zumal die Reformation, deren Erbe heute von vielen Bischöfen beschworen wird, gar nichts zu dieser Frage beiträgt. Ich erinnere nur an den in den lutherischen Kirchen bis heute gebrauchten Ausspruch bei der Kindertaufe: "Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer da nicht glaubet, der wird verdammet werden", der ganz auf der Linie Martin Luthers liegt. Viele Schriften Luthers strotzen ja geradezu von Ausfällen gegen Papisten, Ketzer, Türken und Juden. So ist z.B. in der Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" aus dem Jahre 1543 zu lesen:

"Erstlich, daß man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke, und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, daß wir Christen seien und solch öffentlich Lügen, Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen wissentlich nicht geduldet noch gewilligt haben... Zum anderen, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre... Zum dritten, daß man ihnen nehme ihre Betbüchlein und Talmudisten, darin solche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird..." usw. usw.

Im Luther-Gedenkjahr 1996 war darüber wenig zu hören.

Teil 4: Ertrag und Konsequenzen

Wir nahmen unseren Ausgangspunkt bei der Frage, ob - wie es im Vorwort der revidierten Luther-Übersetzung steht - die Bibel allen Menschen die gute Nachricht von Gottes Barmherzigkeit übermittelt. Die Antwort darauf war brutal negativ, denn den abgeschlachteten Kanaanäern des Alten und den verteufelten Juden des Neuen Testaments wurde schwerlich die gute Nachricht von Gottes Barmherzigkeit zuteil. Jenes hochgestelzte, kirchlich-dogmatische Diktum aus der Vorrede zur Luther-Übersetzung war damit ein für allemal widerlegt und als das entlarvt, was es eigentlich ist: eine erbauliche, beschwichtigende, gedankenlose Floskel.

Dies ist (und war in der Geschichte) ja ein ganz wesentliches Merkmal der von mir angewandten historischen Kritik, die Auseinandersetzung mit der Dogmatik. Die historische Arbeit an der Bibel reibt sich an theologischen Sätzen, deckt verborgene Zusammenhänge auf, reißt den Schleier weg von der gar nicht so heiligen Schrift und steht ganz auf den eigenen Beinen. Damit hat sie deutlich eine antimetaphysische Spitze. Gott ist ihr kein Gegenstand der Forschung, sondern immer nur die menschlichen Bilder von Gott.

Sie setzt sich ebenfalls von dem Verständnis einer Theologie ab, die vornehmlich historisch-kritische Schriftauslegung ist und deren Vertreter es regelmäßig ablehnen, schwerpunktmäßig auf die Geschichte hinter den Texten zu sprechen zu kommen, in der die alttestamentliche und neutestamentliche Verkündigung wurzelt. Auf diese Freilegung des Grundes kommt es der historischen Kritik aber besonders an, denn sonst bleibt alles nur an der Oberfläche.

Die historisch-kritische Methode grenzt sich weiter ab gegen eine Forschungsrichtung, die historisch-kritische Arbeit mit einer heilsgeschichtlichen Sicht verbinden will. So wird bis heute teilweise vorausgesetzt, allein die heilsgeschichtliche Schau könne das Verhältnis von Kirche und Israel zutreffend in den Blick bekommen. Aber meistens läuft das darauf hinaus, eine heilsgeschichtliche Kontinuität vorauszusetzen, eine Erfüllung des Alten Bundes in Christi Werk. Das ist aber dann nur eine primitive Ersatztheorie. So kann man es in der Tat noch heute bei vielen wissenschaftlichen Vertretern einer solchen Theologie lesen: Die Ablehnung des Evangeliums durch Israel als Volksgemeinde sei die entscheidende Wende seiner Geschichte und letztlich sogar die Ursache der zweiten Tempelzerstörung im Jahre 70. Eine solche für alle Juden der Folgezeit niederschmetternde Sicht ist doch nur ein dogmatisch-triumphalistisches Postulat christlicher Theologie und keineswegs Ergebnis historischer Forschung.

Die historisch-kritische Arbeit setzt in ihrer Darstellung israelitischer und urchristlicher Geschichte absichtlich unten an. Das heißt, sie bemüht sich um eine Vermenschlichung der Geschichte Israels und des Urchristentums, damit heutige Zeitgenossen sich in dem gewaltigen Prozeß der Geschichte Israels und der ältesten Christentumsgeschichte wiedererkennen können - in den Konflikten, Ängsten, Sehnsüchten und Träumen der damaligen Menschen. Eine so gehandhabte historisch-pragmatische Methode hat eine ungeheure Vermenschlichung der Geschichte Israels und der Geschichte der Kirche zur Folge. Sie ist gewissermaßen eine anthropologische Geschichtsbetrachtung, die für die Geschichte Israels, aber auch für die Geschichte der Kirche förmlich eine kopernikanische Wende bedeutet. Denn fortan ist auch hier der Rückgang auf Gott oder seinen Heiligen Geist oder den erhöhten Christus als übernatürliche Größen unmöglich.

Den in diesem Zusammenhang oft zu hörenden Einwand, jede Geschichtsschreibung habe ihre Voraussetzungen, und so setze die theologische Geschichtsschreibung voraus, daß Gott, Christus oder der Heilige Geist in den Geschichtslauf eingreife, halte ich schlicht für empörend. Natürlich ist jede Geschichtsschreibung subjektiv gefärbt. Doch ist daraus lediglich die Forderung abzuleiten, sich dieser Voraussetzung mit dem Ziel einer möglichst objektiven Forschung bewußt zu werden, nicht aber unter der Hand quasi zu einem deus ex machina Zuflucht zu nehmen.

Für die innere Haltung des Erforschers der Geschichte Israels und der Geschichte der Kirche im Zwiespalt zwischen kirchlicher Gebundenheit und freier Wissenschaft gilt entsprechend, was Theodor Storm über das Verhältnis von Glaube und Zweifel gesagt hat:

Der Glaube ist zum Ruhen gut,
Doch bringt er nicht von der Stelle,
Der Zweifel in ehrlicher Männerfaust,
Der sprengt die Pforten der Hölle.

Das Ganze mündet in die Forderung: Entheiligt und gereinigt von allen theologischen Sonderbestimmungen und Erkenntnisprivilegien, in reiner Weltlichkeit, ja in Ruchlosigkeit, soll der Prozeß der Geschichte Israels und der Prozeß der Entstehung der Kirche verfolgt werden. Wir müssen sie kennenlernen, wie sie wirklich waren, wir werden sie kennenlernen.

(Hinweis: Die im Text nicht nachgewiesenen Zitate finden sich in meinem Buch: Das Unheilige in der Heiligen Schrift. Die dunkle Seite der Bibel, 3. Aufl. 2004.)


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Letzte Aktualisierung am 10. Mai 2017
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