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wams: Intolerantes Evangelium

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Gerd Lüdemann sieht die Freiheit keineswegs als Konsequenz der christlichen Lehre. Im Gegenteil: Unduldsamkeit ist ihr eingeschrieben

Die frühchristliche Botschaft sagt eine von Gott herbeigeführte neue Epoche an. Sie begann mit dem Kommen seines Sohnes in die Welt, hatte in der Auferstehung Jesu von den Toten einen vorläufigen Höhepunkt und sollte sich bei dessen Wiederkunft am Ende der Zeit vollenden. Das Evangelium, wörtlich übersetzt "Frohbotschaft", hat Jesus Christus zur Mitte. Am Glauben daran, daß Gott ihn zum Heiland bestimmt hat, entscheiden sich Heil und Unheil der Menschen. "Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden", heißt es griffig am Schluß des ältesten Evangeliums.

Die Frohbotschaft wandelte sich unversehens zur Drohbotschaft, wenn das Angebot zur Rettung verweigert wurde. Kirchenführer setzten bald Rechtgläubigkeit mit Gehorsam gleich. Sie projizierten ein an der Unterdrückung orientiertes soziales Gefüge in den Himmel und zeigten sich von einer Kultur der Unterordnung geprägt. Vor allem der kanonische Status, durch den die Texte des Neuen Testaments zur ewigen Norm für die Kirche erklärt wurden, hat den Blick dafür getrübt, daß die "heiligen Schriften" aus massiven Machtkämpfen hervorgingen und durch sie geprägt sind.

Am Ende des ersten Jahrhunderts - mit begünstigt durch die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 - hatte die Kirche sich über weite Teile des Römischen Reiches verbreitet, und zweieinhalb Jahrhunderte später war sie bereits Staatsreligion. Den Boden für ihren enormen Erfolg hatte das Judentum bereitet. Ihm verdankte die Kirche die hochstehende Ethik und das Alte Testament. Welch eine Ironie der Geschichte, daß die christliche Religion ihrer jüdischen Mutter keinerlei Dankbarkeit zeigte, sondern sie zusammen mit anderen Widersachern in das Reich der Finsternis verstieß. Doch erwies sie sich auch gerade darin als eine Tochter, die von der Mutter gelernt hatte. Denn Erbe Israels war auch das Bewußtsein der Erwählung und vor allem der exklusive Monotheismus, der alle anderen Formen der Verehrung Gottes oder der Götter als Götzendienst verurteilte.

Bei ihrer Mission führten die Christen die religiöse Intoleranz des Ersten Gebotes ("Ich bin Jahwe, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir") in die griechisch-römische Welt ein. Kein Wunder, daß die rivalisierenden heidnischen Religionen, die eine große Duldsamkeit auszeichnete, der Kirche kein Paroli zu bieten vermochten. Diese konnte sich fast ungehindert durch den römischen Staat ausbreiten und war Nutznießerin von dessen toleranter Religionspolitik.

Auch hielten sich die Christenverfolgungen in Grenzen. Von der Sehnsucht nach dem Martyrium getrieben, schlugen sich die Christen oft selbst die Köpfe blutig, weil viele römische Statthalter ihnen nicht den Gefallen der Hinrichtung taten. Einmal an der politischen Macht beteiligt, wußten Bischöfe das staatliche Schwert gegen Heiden, Ketzer und Juden in einem Ausmaß zu lenken, das die Intensität bisheriger Religionsverfolgungen weit übertraf. Bei dieser Unduldsamkeit blieb es bis an die Schwelle der Neuzeit.

Entgegen der populären These, daß Luthers Freiheitsverständnis von Toleranz geprägt war, steht die Unduldsamkeit des Reformators gegenüber Katholiken, Juden, Türken, Heiden und evangelischen Ketzern fest. Die Forderung nach Toleranz erhoben Humanisten und christliche Minderheiten zunächst ohne Erfolg. Sie hat sich historisch gegen die christlichen Kirchen durchgesetzt. Und nicht zufällig verlief der Prozeß so und nicht anders. Denn die Gesamtrichtung der Heiligen Schrift im Alten und Neuen Testament hat Gott und seine Herrschaft zum Ziel.

Es mag mit dieser gewalttätigen Seite des christlichen Glaubens zusammenhängen, daß im und vom christlichen Abendland aus so viele Kriege geführt wurden, obwohl "Friede" ein Grundbegriff der Heiligen Schrift ist. Indes kommt es darauf an, wie sich "Friede" - der Bibel zufolge - ereignet. Und hier lautet ihre Botschaft, daß der Herr Jesus Christus das Friedensreich durch die Macht, die ihm seit seiner Auferweckung durch Gott zu eigen ist, notfalls mit Zwang durchsetzt. Damit ist für die an ihn Glaubenden ein Gewaltpotential zugänglich gemacht, das sie guten Gewissens gegen Feinde des Evangeliums einsetzen dürfen.

Intoleranz scheint notwendig ein Wesensmerkmal der christlichen Religion zu sein. Das bekennt ein so renommierter Theologe wie Karl Barth auch ganz offen: "Kein gefährlicherer, kein revolutionärerer Satz als dieser: daß Gott Einer, daß Keiner ihm gleich ist! Wird dieser Satz so ausgesprochen, daß er gehört und begriffen wird, dann pflegt es immer gleich 450 Baalspfaffen miteinander an den Leib zu gehen. Gerade das, was die Neuzeit Toleranz nennt, kann dann gar keinen Raum mehr haben." Es wäre daher verfehlt zu meinen, die Freiheit im allgemeinen und die Religionsfreiheit im besonderen liege in der Konsequenz der christlichen Lehre - auch wenn die "aufgeklärten" Funktionäre der Volkskirche es gern anders hätten, da nur unter dieser Voraussetzung die weitere Mitarbeit der Kirchen im säkularen Staat möglich ist.

Tatsächlich können Theologie und Kirche, welche die Bibel als Richtmaß nehmen, die Religions- und Gewissensfreiheit - Toleranz - ohne taktische Hintergedanken schwerlich gutheißen. Denn Toleranz bedeutet, die Menschenwürde auch ohne ausdrückliche oder stillschweigende Berufung auf Gott unbedingt anzuerkennen. Damit wird sich der eifernde, Gehorsam fordernde Jahwe der Bibel nie abfinden.

- Gerd Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums in Göttingen. Sein Buch "Die Intoleranz des Evangeliums" erschien soeben im Verlag zu Klampen.

Artikel erschienen am 5. Dezember 2004

© WAMS.de 1995 - 2004

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Leserbriefe

Schiefes Pauschalurteil

Zum Thema: "Intolerantes Evangelium" vom 5. Dezember in der Welt am Sonntag

Aus welcher Stelle im Neuen Testament kann Herr Lüdemann ableiten, daß Unduldsamkeit der christlichen Lehre eingeschrieben ist? Scharf spricht Jesus nur mit den Mächtigen seiner Zeit. In der Auseinandersetzung seiner Jünger nach der Brotrede (Joh. 6,22 ff.) fällt kein böses Wort über die, die weggehen. Jesus stellt den Zwölfen die Frage: "Wollt ihr auch weggehen?" (Joh. 6, 67). Heilige Freiheit! Mag sein, daß viele Christen nicht nach diesem Motto gehandelt haben und handeln. Ein Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums müßte wissen, daß sich für eigene unlautere Absichten immer ein frommes Mäntelchen findet und man am liebsten im Namen Gottes handelt.
Dr. Josef Sellmair, 85356 Freising

Ich danke Ihnen für diese Veröffentlichung, der ich absolut zustimme. Besonders in dieser Jahreszeit, wo von allen Kanzeln und in den Kirchen wieder vom "Frieden auf Erden" gepredigt und gesungen wird, ist es wohltuend zu lesen, wie das Toleranzverständnis der Kirche in Wirklichkeit aussieht. Je mehr man sich übrigens mit der 2000jährigen Geschichte beschäftigt, desto größer wird das Erstaunen darüber, welchen Einfluß die Kirche trotz Aufklärung und Säkularisierung auch heute noch hat. Basis der "Volkskirche" ist eben Nietzsches trefflicher Satz: "Glauben heißt Nicht-wissen-Wollen"!
Walter Nagorni, 30655 Hannover

Die These, der zufolge das Evangelium im Kern intolerant sei, ist sowohl richtig als auch falsch. Richtig ist, daß die Bibel von der Existenz absoluter Wahrheit ausgeht. Gemessen an dieser Wahrheit ist zunächst jede gegenteilige Behauptung anderer Religionen als unwahr abzulehnen. Gleichzeitig jedoch geht die Bibel von einem negativen Menschenbild aus. Da jeder Mensch unvollkommen ist, kann sich kein Mensch anmaßen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Diese Idee wurde zur Grundlage des modernen Toleranzbegriffs.
Simon Wunder, 41849 Wassenberg

Wer nicht differenzieren kann oder mag, kommt zu solchen schiefen Pauschalurteilen. Ist Gleichgültigkeit schon Toleranz? Ist Eifer für die Wahrheit schon Intoleranz? Sind Worte Jesu wie "Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch beleidigen" oder "Selig sind die Sanftmütigen, sie werden die Erde besitzen" intolerant? Daß die Christenheit über weite Strecken der Geschichte Jesu Worte ignoriert hat, ist bekannt. Trotzdem erwartet man von einem Historiker eine differenziertere Betrachtung der Kirchengeschichte. Bedeutende Leute außerhalb unseres Kulturkreises, wie Mahatma Gandhi und Dr. Vishal Mangalwadi sehen mit schärferem Blick die Wurzeln von Toleranz und Menschenrechten im Neuen Testament.
Gotthold Karrer, Pfarrer i.R., 83022 Rosenheim


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Letzte Aktualisierung am 10. Mai 2017
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