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 Veröffentlichungen 1997

Die Woche Nr. 14, 28.3.1997

Warum die Kirche lügen muss

Das bedrückendste Schauspiel im Kirchenjahr steht wieder vor der Tür. Von allen Kanzeln der Welt wird der Ruf erschallen: Jesus ist auferstanden. Obwohl eindeutig feststeht: Jesus hat sein Grab niemals verlassen, sein Leichnam ist verwest. Doch die Kirchenführer der beiden groÝen Konfessionen wagen es nicht, ihre Gemeindeglieder über wissenschaftliche Tatsachen aufzuklären, aus Furcht diese könnten sonst ihren Glauben verlieren. AuÝerdem, sagen die Kirchenführer, käme es weniger auf die Historie als auf die Deutung an: In der Auferstehung Jesu habe das Leben den Tod besiegt. Doch statt klar zu sagen, dass die "Auferstehung" nur eine Interpretation ist, greift man weiter zu erbärmlichen Ausflüchten. Aus gutem Grund: Die Auferstehung Jesu ist unentbehrliches Requisit der Theologie - und zugleich beweist sie scheinbar unser aller Unsterblichkeit. Sie ist ein phantastisches Heilsangebot, mit dem die Kirchen der ganzen Welt zur Beruhigung der menschlichen Angst beitragen. Auch deswegen wollen die Staatsapparate die Macht der groÝen Kirchen erhalten, auch jetzt noch, wo diese kein tragfähiges ideologisches Fundament mehr besitzen und ihre Glaubwürdigkeit immer mehr einbüÝen.

Auf welch einer brüchigen Basis kirchliche Verkündigungen stehen, zeigt sich nicht nur zu Ostern, sondern jeden Sonntag. In den Gottesdiensten erfolgt regelmäÝig ein Bekenntnis zur Geburt Jesu durch die jungfräuliche Maria. Ein harter Brocken, der besonders zu Weihnachten nur schwer zu schlucken ist, wenn Kirchenchöre hundertfach die "Jungfrau zart" rühmen. Die Protestanten sind hier in einer besseren Lage als die Katholiken. Deren Papst erklärte erst im Jahre 1950 die bis dahin als Fakt gehandelte körperliche(!) Himmelfahrt der Maria zum sinnbildlichen Lehrsatz, zum "göttlich offenbarten Dogma". Und erst vor vier Jahren stand im "Katechismus der katholischen Kirche" wieder einmal der steile Satz, Maria sei allezeit Jungfrau geblieben.

Was konkret heiÝt: Auch während der Geburt Jesu blieb Marias Jungfernhäutchen unversehrt. Diese wunderbare Aussage ist zwar durchaus im Sinne Martin Luthers, demzufolge die jungfräuliche Geburt Jesu bei geschlossener Gebärmutter geschehen sei. Anders als ihre katholischen Kollegen haben aber die evangelischen BischöfesolcheTollheiten längst ebenso verdrängt wie Luthers antisemitische Entgleisungen.

Doch auch die evangelische Kirche bemüht die Jungfrau Maria weiterhin, statt die Bischöfe einhellig erklären zu lassen, die Jungfrauengeburt sei zu streichen, denn Jesus sei nachweislich von Frau und Mann gezeugt worden.

Das Beharren auf der Jungfräulichkeit ist eine seltsame Mischung aus Frömmigkeit und Verteufelung der Herkunft Jesu aus dem menschlichen Geschlecht. Zudem wertet es besonders die weibliche Sexualität als etwas Schmutziges ab. Maria als "GefäÝ" des Heiligen Geistes hat auch durch ihr Vorbild für Frauen nur als williges Werkzeug der Männlichkeit Gottes viel Schaden angerichtet. Noch mehr perfide Verlegenheiten zerrütten die Legitimationsbasis beider groÝer Kirchen. Für die Christen der Gegenwart und Vergangenheit gilt die Bibel als Wort Gottes. Doch sie ist Menschenwerk. Und nur wer heute noch die geschichtliche Entstehung der Bibel leugnet, kann behaupten, die damaligen Verfasser hatten über ihre Zeitgenossen hinaus auch noch jene angesprochen, die 2000 Jahre später ihre Worte lesen würden.

Doch trotz dieser gesicherten wissenschaftlichen Einsichten gilt die Bibel den Kirchen immer noch als Anrede Gottes, auch wenn diese Anrede in und durch Menschenwort geschieht. Diese Auffassung beruht auf einem naiv-durchtriebenen Schriftverständnis, das sich an der Oberfläche zwar historisch-kritisch gibt, aber gleichzeitig die historische Kritik zurechtstutzt und notfalls diffamiert. Unter der scheinbar aufgeklärten Oberfläche ist bei der katholischen, aber auch bei der evangelischen Kirche doch noch viel Fundamentalismus zu erkennen.

Das ist umso weniger verwunderlich, als beide groÝe Kirchen einem Gottesbild huldigen, verwurzelt im Alten und Neuen Testament, das weder Toleranz gegenüber Andersdenkenden noch Demokratiefähigkeit kennt: Gott gilt als König, als Herr, dem einfach zu gehorchen ist.

Deswegen kam es früher zu den blutigen Auseinandersetzungen der beiden Kirchen untereinander, deswegen haben sie auch heute noch Schwierigkeiten, in einem demokratischen Staatswesen wirklich mitzuarbeiten. Und daher rührt auch der christliche Antisemitismus der Vergangenheit.

Natürlich enthalten sich die Kirchen der Gegenwart tunlichst jeglicher antijüdisch klingenden Aussage und bemühen sich um einen echten Dialog mit Israel. Will man aber den kirchlichen Antisemitismus der Vergangenheit richtig verstehen, muss man erkennen, dass er in der Heiligen Schrift selbst wurzelt.

Dort wird nämlich Gewalt im Namen Gottes glorifiziert, Intoleranz geht mit dem Bewusstsein einher, aus-erwählt zu sein. Texte des Alten Testaments enthalten den rücksichtslosen Befehl Gottes, ganze Völker im heiligen Krieg rituell auszurotten.

Der heilige Krieg, wie er im 5. Buch Muse und im Buch Josua beschrieben wird, blieb zwar mehr Wunsch und Fiktion, als er Realität werden konnte. Trotzdem gilt in diesen Büchern des Alten Testaments das Abschlachten von besiegten Frauen, Kindern und Männern abscheulicherweise als Gebot Gottes, über dessen Einhaltung Gott eifersüchtig wacht, ja, auf dem er unbedingt besteht. GemäÝ dem Buch Esra sollen im erwählten Volk Israel auch Mischehen aufgelöst werden. Der biblische Psalm 137 preist denjenigen Rächer, der die Kinder der Widersacher Israels am Felsen zerschmettert.

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, rechnet diejenigen Juden, die in Jesus von Nazareth nicht den erwarteten Messias sehen können, der Synagoge des Satans zugehörig; das Johannes-Evangeliun diffamiert die jüdischen Gegner rundweg als Teufelssöhne.

Die Evangelien verwischen auch die Schuld der Römer am Tod Jesu, so dass der in Wahrheit brutale Pontius Pilatus am Ende sogar als Christenfreund in die Geschichte eingehen konnte. Für gläubige Christen ist die jüdische Niederlage gegen die römische Besatzungsmacht und die Zerstörung des jüdischen Tempels in Jerusalein nach Jesu Tod die gerechte Strafe Gottts. Am Ende der Apostel-geschichte spricht die entstehende Kirche der jüdischen Religionsgemeinschaft das Existenzrecht ab und ruft sich selbst zu deren Erben aus.

Die Tragödie des chistlichen Antisemitismus beruht darauf, dass die christliche Kirche Gewalt ausgerechnet gegen ihre eigene Wurzel richtete, gegen das jüdische Volk. Sie entfachte eine Unheilsgeschichte sondergleichen; blutige Schatten reichen von endlosen Diskriminierungen über die mittelalterlichen Kreuzzüge indirekt bis hin zu den Konzentrationslagern der Nazizeit. Diese wären undenkbar gewesen, hätten nicht die Kirchen fast einhellig 2000 Jahre lang verkündigt, die Juden würden für alle Zeiten büÝen müssen, dass sie Jesus umgebracht hätten.

Angemessene Kritik kann daher nicht vor dem Inhalt der Bibel Halt machen. Man muss sich dem Befund stellen, dass dort Grausamkeit,Intoleranz und Genozid sozusagen von Gott verordnet oder zumindest legitimiert werden. Die Krit'k muss ernst nehmen, was die religiöse Propaganda und ihre Gewaltutopien in der Geschichte bewirkt haben, und muss verhindern, dass all dies theologisch verharmlost wird.

Doch wie viele der angeführten historischen Ergebnisse, wissenschaftlich eindeutig belegt, kommen in den Erklärungen der Bischöfe beider Konfessionen und in den Kirchen-predigten zum Tragen? Vermutlich sehr wenige. Im gerade verflossenen Martin-Luther-Gedenkjahr sprachen die bischöflichen Verlautbarungen Luthers antisemitische Hetzschrift von 1543 ("Von den Juden und ihren Lügen") nicht an. Zur Jungfrau Maria äuÝern sich evangelische Bischöfe auch nicht, um ihre katholischen Kollegen zu schonen: Die Kirche muss lügen, um ihre Machtstellung im Staat nicht zu verspielen und um die schein-bar ahnungslosen Gläubigen bei der Stange zu halten.

Fast vollkommen gelingt das perfide Spiel. An unseren Universitäten erforschen, natürlich nach Konfessionen getrennt, streng an ihr kirchliches Glaubensbekenntrnis gebundene Professoren die christliche Wahrheit. Ungetaufte dürfen kein staatliches Examen ablegen und schon gar nicht als Dozenten der theologischen Fakultät arbeiten: Theologie an den Hochschulen ist ausschlieÝlich eine kirchliche Wissenschaft, abgesichert durch Monopolverträge mit dem Staat.

Um ihren gesellschaftlichen Einfluss zu erhalten, treten beide groÝe Kirchen öfter gemeinsam auf. Letztes Beispiel dafür ist das gerade veröffentlichte "Sozialwort". Hier haben die Kirchen alle gesellschaftlichen Gruppen aufgerufen, Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen. Gleich-zeitig ziehen sie sich selber - als immerhin zweitgröÝter Arbeitgeber Deutschlands - aus der Verantwortung. Im evangelischen Bereich wird der früher so begehrte Nachwuchs heute groÝenteils vor die Tür gesetzt.

Verhaltensweisen, doppelbödig und nicht wahrhaftig. Wie lange mag die auf Verdummung der Gläubigen und enormen Privilegien beruhende Allgegenwärtigkeit der Kirche in unserem Staat noch dauern? Kann das Possenspiel mit Bibel, Bekenntnis und Alleinvertretungsanspruch in Sachen Sinn des Lebens auch in Zukunft gut gehen? Das Vertrauen weiter Teile des Bildungsbürgertums und der politischen Elite in die Ehrlichkeit der Kirchen ist an manchen Stellen bereits erschüttert. Und die Glaubwürdigkeit der Kirche wird weiter bröckeln, wenn Kirchenführer und Theologen nicht endlich ihre dogmatische Rumpelkammer aufräumen und klar sagen, was christlicher Glaube unter den Bedingungen unserer Neuzeit wirklich heißt.

Andernfalls verspielen unsere Kirchen das Erbe des Christentums, ein Erbe, das zu unserer aller Kultur gehört. Und das kann in wirklich niemandes Interesse sein.

(Die Woche Nr. 14, 28. März 1997)


Copyright © Gerd Lüdemann (gluedem@gwdg.de)
Last updated on May 10, 2017
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