An den Wurzeln des Waldes


Im Frühjahr wachsen die Bäume nicht nur oberirdisch, auch unterirdisch tut sich einiges. Und unter widrigen Lebensbedingungen scheinen die Baumwurzeln bisweilen besonders eifrig zu sprießen. Diese Beobachtung machten Dietrich Hertel vom Systematisch-Geobotanischen Institut der Universität Göttingen und Professor Christoph Leuschner von der Universität/Gesamthochschule Kassel bei Buchen in der Lüneburger Heide. Die sandigen Böden der Lüneburger Heide trocknen sehr rasch aus, was den zarten Wurzelspitzen nicht gut bekommt. Offenbar müssen verschlissene Wurzelteile ständig durch neue ersetzt werden. Deshalb bilden die Buchen in der Lüneburger Heide im Laufe eines Jahres wesentlich mehr Wurzelmasse als die Buchen im Göttinger Wald oder im Solling.

Wenn man nicht buchstäblich über sie stolpert, sind Baumwurzeln nicht sonderlich auffällig. Im Stoffhaushalt des Waldes spielen sie jedoch eine wichtige Rolle. Deswegen kümmern sich die Wissenschaftler des Forschungszentrums Waldökosysteme eingehend um diesen unterirdischen, bislang wenig erforschten Teil des Waldes. Forstwissenschaftler und Biologen sind daran gleichermaßen beteiligt. Gefördert wird diese fachübergreifende Zusammenarbeit durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Ein reich verzweigtes Wurzelsystem verankert die Bäume im Boden und versorgt sie mit Wasser und Nährstoffen. Für diesen Transport sind die zarten Spitzen der Wurzeln zuständig, die sogenannten Feinwurzeln mit einem Durchmesser von weniger als zwei Millimetern. Im Solling wie im Göttinger Wald, so zeigten Wissenschaftler des Forstbotanischen Instituts der Universität Göttingen, bilden die Buchen pro Quadratmeter jährlich zweihundert Gramm Trockenmasse an. Doch in den Sandböden der Lüneburger Heide wachsen die Buchenwurzeln noch weitaus rascher: Wie Dietrich Hertel vom Systematisch-Geobotanischen Institut und Professor Christoph Leuschner von der Universität/Gesamthochschule Kassel herausfanden, produzieren die Buchen dort ein Mehrfaches an Feinwurzeln wie im Solling und im Göttinger Wald, mitunter jährlich mehr als ein Kilogramm Trockensubstanz pro Quadratmeter.

Aus diesen Erhebungen läßt sich abschätzen, daß die Buchen der Lüneburger Heide im Laufe eines Jahres mehr organische Substanz in ihre Wurzeln investieren als in Holz, Blätter und Früchte. Der unterirdische Zuwachs übertrifft also den oberirdischen. Doch obwohl die Buchen erstaunlich viel für ihr Wurzelsystem abzweigen, ist die Holzproduktion in der Lüneburger Heide nicht geringer als etwa im Göttinger Wald.

Wenn Buchen an ungünstigen Standorten wachsen, die im Sommer sehr rasch austrocknen, ist die Lebensdauer der zarten Wurzelspitzen offenbar sehr kurz. Deshalb müssen die Bäume immer wieder neue Wurzeln nachliefern und es häufen sich große Mengen abgestorbener Feinwurzeln an, die dann Bakterien, Pilzen und anderen Bodenorganismen als Nahrung dienen. Dabei werden die in den Wurzeln enthaltenen Mineralstoffe freigesetzt und stehen den Bäumen erneut zur Verfügung. Dieser Aspekt des Nährstoffrecyclings wird in den Projekten des Forschungszentrums Waldökosysteme ebenfalls untersucht.


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