Kompost für den Wald?

Wissenschaftler des Forschungszentrums Waldökosysteme prüfen, wie sich Regenwürmer in versauerten Waldböden ansiedeln lassen.

Jahrzehntelang ist hierzulande reichlich Säure auf die Wälder herabgeregnet, so daß die Waldböden nun vielerorts stark versauert sind. Um der zunehmenden Versauerung entgegenzuwirken, werden die geschädigten Waldböden in den meisten Bundesländern seit Mitte der achtziger Jahre großflächig gekalkt. Doch die Lebensbedingungen der Bäume lassen sich dadurch nicht so rasch verbessern, denn es fehlen die Regenwürmer, die den Kalk gründlich in den Boden einarbeiten könnten. Wie aber lassen sich die Würmer dort ansiedeln, wo sie gebraucht werden? Mit dieser Frage beschäftigen sich Professor Dr. Friedrich Beese und Dr. Werner Borken vom Institut für Bodenkunde und Waldernährung der Universität Göttingen. Im Rahmen des Forschungszentrums Waldökosysteme untersuchen sie, ob Biokomposte dabei helfen könnten, die Regenwürmer in versauerten Waldböden wieder heimisch zu machen. Gefördert wird das Projekt, das Anfang dieses Jahres begonnen hat, von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Regenwürmer gelten zu Recht als Kennzeichen für gute Gartenerde: Sie lockern und durchmischen den Boden und bringen dabei Humus und Nährstoffe in tiefere Schichten, wo sie den Wurzeln der Pflanzen zugute kommen. Außerdem kann der von Regenwürmern bearbeitete Boden mehr Stickstoff speichern. Damit verringert sich die Gefahr, daß Stickstoff in Form von Nitrat aus dem Boden ausgewaschen wird und ins Grundwasser gelangt. Grundsätzlich wirken Regenwürmer im Wald ebenso segensreich wie in Garten und Feld. Doch nicht überall fühlen sie sich wohl - mancherorts wird ihnen das Leben allzu sauer gemacht. Nur in der Streuschicht, zwischen den Blättern und Nadeln, die auf dem Boden liegen, sind in stark versauerten Waldböden noch Regenwürmer zu finden. Sämtliche Arten, die in tieferen Bodenschichten leben, sind dort völlig verschwunden.

Als Versuchsflächen, auf denen die Wiederansiedelung von Regenwürmern erprobt werden soll, haben die Wissenschaftler ganz verschiedenartige Standorte ausgewählt. Buchenwälder sind ebenso darunter wie Kiefern- und Fichtenforste, Lößböden ebenso wie sandige Böden. Doch eins haben alle diese Flächen gemeinsam: Wie zwei Drittel der Waldböden in Deutschland sind sie mehr oder weniger stark versauert. Und das hat unliebsame Folgen: Die Säuren bewirken nicht nur, daß wichtige Pflanzennährstoffe wie Magnesium aus dem Waldboden ausgewaschen werden. Zugleich werden auch Aluminium und Schwermetalle freigesetzt, die dann die Wurzeln schädigen und damit die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen erschweren.

Auch wenn versauerte Waldböden gekalkt wurden, ist nicht zu erwarten, daß sich dort in absehbarer Zeit von selbst wieder eifrig grabende Regenwürmer einstellen. Da diese Bodenbewohner nicht allzu mobil sind - ihre Ausbreitungsgeschwindigkeit beträgt nur wenige Meter pro Jahr - kann es sehr lange dauern, bis sie aus angrenzenden Lebensräumen einwandern. Es bietet sich also an, ein bißchen nachzuhelfen und die gewünschten Regenwürmer ganz gezielt im Waldboden anzusiedeln. Bisher waren solche Bemühungen allerdings wenig erfolgreich. Deshalb wollen die Göttinger Forstwissenschaftler nun neben einer zusätzlichen Kalkung auch Biokomposte einsetzen, um den widerstrebenden Würmern ihren neuen Lebensraum schmackhaft zu machen. Dabei wollen sie auf die Produkte von Kompostanlagen zurückgreifen, die organisches Material aus Haus und Garten verwerten.

Welche Kompostarten den Regenwürmern am meisten zusagen, muß sich erst noch zeigen. Auf jeden Fall ist der verwendete Kompost so auszuwählen, daß möglichst wenig Schadstoffe in den Boden gelangen. Um die Waldböden nicht allzu sehr zu verändern, ist ohnehin geplant, jeweils nur auf einem Zehntel der Versuchsfläche eine drei bis fünf Zentimeter dicke Kompostschicht auszubringen. Von diesen Kompoststreifen aus, so hoffen die Göttinger Forscher, werden die Regenwürmer dann auch den angrenzenden Boden besiedeln.

Daß mit dem Kompost auch Stickstoff in den Waldboden gelangt, wird sich nicht vermeiden lassen. Dabei ist dieser Nährstoff dort völlig überflüssig, weil in Form von Stickoxiden aus dem Straßenverkehr und Ammoniak aus der Landwirtschaft ohnehin viel zu viel Stickstoff auf die Wälder herabregnet. Doch die Göttinger Forscher rechnen damit, daß die Regenwürmer die Struktur des Bodens verbessern und dadurch langfristig dessen Speicherkapazität für Stickstoff deutlich erhöhen. Und wenn die Wurzeln entlang der Regenwurmgänge in größere Tiefen vordringen, können sie auch dort Stickstoff aufnehmen. Ob sich die Erwartungen erfüllen und aus den mit Kompost versorgten Böden tatsächlich weniger Nitrat in die Tiefe sickert, wird sich bei entsprechenden Analysen herausstellen. Neben der Chemie des Bodenwassers soll auch untersucht werden, was aus dem Waldboden in die Atmosphäre gelangt. Denn versauerte Waldböden, soviel ist bekannt, setzen überschüssigen Stickstoff mitunter in Form von Lachgas (Distickstoffoxid) frei - und dieses Spurengas ist ein höchst wirksames Treibhausgas.

Zunächst einmal geht es bei diesem Projekt des Forschungszentrums Waldökosysteme aber auch darum, geeignete Regenwürmer in ausreichenden Mengen heranzuzüchten. Was Komposthaufen bevölkert, taugt nämlich nicht zur Besiedelung von Waldböden. Dort sind Regenwurmarten wie Lumbricus terrestris gefragt, die sich tief in den Boden hineingraben und ihn dabei gründlich durchmischen. Unter welchen Bedingungen sich diese nützlichen Würmer am wohlsten fühlen und am besten vermehren, müssen die Forstwissenschaftler erst noch herausfinden.


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