Wirtschaften in schadstoffbelasteten Wäldern

Wissenschaftler des Forschungszentrums Waldökosysteme sorgen sich um Waldboden und Grundwasser


Nicht nur auf überdüngten Feldern, auch in Wäldern sickern zuweilen beachtliche Mengen Nitrat in den Untergrund. Besonders hoch sind die Verluste bei großflächigen Störungen des Waldgefüges, sei es durch Sturm, durch Holzeinschlag oder durch Schadstoffe aus der Luft. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler des Forschungszentrums Waldökosysteme bei ihren Untersuchungen in deutschen Mittelgebirgen. Nicht selten enthält das Sickerwasser mehr als 50 Milligramm Nitrat pro Liter, wäre also gemäß dem Grenzwert der Europäischen Union nicht mehr als Trinkwasser geeignet. Wie aber können die Förster eine solche Belastung des Wassers verhindern oder zumindest vermindern? Auf jeden Fall läßt sich der Nitratverlust dadurch gering halten, daß nur hier und da einzelne Baumstämme aus dem Wald herausgeholt werden, durch eine behutsame Holzernte also. Auf versauerten Standorten wie im Solling läßt sich der Nitratverlust zusätzlich senken, wenn der Waldboden gekalkt wird. Die Pflanzen wachsen dann üppiger und können einen Großteil des freigesetzten Nitrats aufnehmen.

Schadstoffe aus der Luft prägen unsere Wälder. Sie versorgen den Waldboden überaus reichlich mit Stickstoff und lassen ihn vielerorts ziemlich sauer werden. Wer den Wald optimal bewirtschaften will, muß sich derzeit wohl oder übel auf diese unerfreulichen Rahmenbedingungen einstellen. Dabei geht es nicht nur um hochwertiges Holz. Mehr denn je muß auch berücksichtigt werden, wie sich Eingriffe in den Lebensraum Wald auf Boden, Wasser und Luft auswirken. Mit dieser Frage beschäftigen sich Wissenschaftler des Forschungszentrums Waldökosysteme, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Dr. Norbert Bartsch vom Institut für Waldbau der Universität Göttingen untersucht zum Beispiel die Buchenwälder im Solling. Wenn dort Lücken entstehen, ob vom Sturm oder von Menschenhand, dringt mehr Licht auf den Boden, und der Wald verjüngt sich: Wenn neben Gräsern und Kräutern auch zahlreiche junge Bäume in die Höhe sprießen, schließt sich die Lücke im Kronendach allmählich wieder. Auf versauerten Waldböden kann das jedoch recht lange dauern. Wo zuvor stattliche Buchen ihr reich verzweigtes Wurzelwerk ausstreckten, wachsen in den ersten Jahren nur einige kleine Pflanzen mit entsprechend geringem Nährstoffbedarf. Es fehlen also die Wurzeln, die freigesetztes Nitrat in großen Mengen aufnehmen könnten. Kein Wunder, daß viel Stickstoff ausgewaschen wird. Im Solling waren es in den ersten vier Jahren nach dem Holzeinschlag durchschnittlich jeweils neunzig Kilogramm pro Hektar. Das ist nicht nur deshalb bedenklich, weil Nitrat in Richtung Grundwasser verschwindet. Der Stickstoffverlust trägt auch zusätzlich zur Versauerung der Waldböden bei: Als negativ geladenes Teilchen nimmt Nitrat immer auch positiv geladene Teilchen wie Kalzium oder Magnesium mit sich. Diese basischen Mineralien sind jedoch nicht nur wichtige Pflanzennährstoffe; sie sind auch Teil eines Puffersystems, das Säuren neutralisieren kann.

Durch Ausstreuen von Kalk, so zeigte sich auf den Versuchsflächen im Solling, läßt sich der Mineralstoffverlust auf etwa die Hälfte senken. Da der Kalk die Lebensbedingungen für Pflanzenwurzeln verbessert, wird die Fläche nach einem Holzeinschlag sehr rasch wieder grün. Entsprechend viel Nährstoffe werden in den jungen Bäumen, Sträuchern und Kräutern gespeichert. Versauerte Waldböden, die sich selbst überlassen bleiben, begrünen sich sehr viel langsamer und verlieren in den ersten Jahren große Mengen Nitrat und andere Nährstoffe. Doch es gibt auch Waldböden, aus denen ständig beachtliche Stickstoffmengen ausgeschwemmt werden. Im Stadtwald von Zierenberg in der Nähe von Kassel zum Beispiel ist die Speicherkapazität des Bodens offenbar vollkommen erschöpft. In Form von Nitrat verlieren diese Buchenwälder vielerorts etwa zwanzig Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr. Das ist etwa ebenso viel, wie aus der Luft auf den Waldboden herabregnet.

Wenn im Zierenberger Wald eine Lichtung entsteht, wird noch mehr Nitrat ausgewaschen - mehr als doppelt soviel wie zuvor. Denn obwohl Kräuter und Sträucher schon bald üppig zu sprießen beginnen, können sie nur einen Teil des freigesetzten Stickstoffs aufnehmen. Ausgedehnte Lücken im Kronendach, so rät Dr. Jochen Godt von der Universität/Gesamthochschule Kassel, sollten deshalb möglichst vermieden werden. Doch eine behutsame Holznutzung kann nichts an der Tatsache ändern, daß die Stickstoffspeicher vieler Wälder randvoll sind und deswegen ohnehin zu viel Nitrat in den Untergrund sickert. Für dieses Problem gibt es wohl nur eine Lösung: Es darf nicht mehr so viel Stickstoff auf den Waldboden herabregnen. Bislang jedoch erzeugen Millionen von Kraftfahrzeugen unvermindert große Mengen Stickoxide. Bundesweit stammen die Stickstoff-Immissionen etwa zu einem Drittel aus dem Verkehr, ein weiteres Drittel kommt in Form von Ammoniak aus der intensiven Tierhaltung in der Landwirtschaft.


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