Spinner und Spanner im Visier




Wissenschaftler des Forschungszentrums Waldökosysteme erkunden die Schmetterlingsfauna - Weichhölzer bergen unerwartet hohe Artenvielfalt.

Wer an Schmetterlinge denkt, stellt sich in der Regel bunt schillernde Falter vor, die auf blühenden Wiesen von Blume zu Blume schaukeln. Doch auch an Waldrändern und im Waldesinneren kommen zahlreiche Schmetterlingsarten vor, die im Raupenstadium auf spezielle Pflanzengesellschaften angewiesen sind. Die vorhandenen Baumarten und ihre Mischung spielen dabei eine besondere Rolle.



Wissenschaftler des Forschungszentrums Waldökosysteme untersuchen in Beständen des Solling verschiedene Waldrandstrukturen und die an sie gebundenen Insekten des Stamm- und Kronenbereichs. Dr. Kai Füldner, Matthias Damm und Julian Heiermann wollen herausfinden, ob sich bestimmte Arten als Indikator für die biologische Vielfalt der Waldmäntel und Saumstrukturen eignen und wie die Vernetzung derartiger Habitate in der forstlichen Planung berücksichtigt werden kann. Neben der Erfassung des hier vorhandenen Artenpotentials interessieren die Waldränder auch als Lebensraum wichtiger Gegenspieler von potentiell schädlichen Schmetterlingsarten in den angrenzenden Waldbeständen. In reinen Buchen- oder Fichten-Hochwäldern finden sich vergleichsweise wenige spezialisierte Schmetterlinge. Sind weitere Baumarten wie zum Beispiel Eiche beigemischt, steigen die Artenzahlen bereits stark an; besonders wertvoll für Schmetterlinge haben sich Weichhölzer wie Weiden und Pappeln erwiesen. Diese wirtschaftlich unbedeutenden Baumarten tragen im erheblichen Maße zu der Diversität der Lebensgemeinschaften im Ökosystem Wald bei. Besonders Waldränder aus Weichhölzern und blühenden Straucharten sehen nicht nur schön aus, sie stellen auch ein wichtiges strukturelles Element für die Bestandesstabilität des dahinter liegenden Waldes dar. Dafür wurden verschiedene Waldaußenränder, Waldinnenränder an Wegekreuzungen oder wegebegleitende Waldinnenmäntel sowie Waldwirtschaftswege (Rückewege) im Solling kartiert. Solche Waldinnenränder sind keine dauerhaften linearen Strukturen, sondern dynamische Grenzbereiche zwischen dem Bestand und kleineren Lücken und Schneisen, Sukzessionsflächen, den Säumen von Bachläufen oder eben Wegen, die je nach Wachstum des umgebenen Bestandes im Lauf des Jahres entstehen und wieder vergehen können. Im wöchentlichem Rhythmus wurden mehrere hundert Salweisen und Zitterpappeln während der Vegetationszeit per Hand abgesucht. Von jeder gefundenen Raupe wurde die genaue Fundposition am Baum notiert, im Gelände nicht bestimmbare Arten wurden im Labor zu erwachsenen Tieren (Imagines) weitergezüchtet. Die Forscher untersuchten 124 Bäume von 1 bis 5 m Höhe, daneben wurden mit einem Hubsteiger auch größere Bäume bis maximal 11 m beprobt. Bei den faunistischen Erhebungen fanden sie an Salweide 83 und an Zitterpappel 65 Raupen von Großschmetterlingsarten, eine unerwartet hohe Artenvielfalt. Die Salweide ist die wichtigste Baumart für einen der schönsten Waldschmetterlinge, den Großen Schillerfalter (Apatura iris). Die Falter erscheinen im Frühsommer ab Ende Juni und sind bis in den August hinein im Wald zu beobachten. In niedriger Flughöhe von einem halben Meter bis Meter gleiten die Männchen am Vormittag über Waldwege und saugen an Pfützen, nasser Erde oder Kot. Die Weibchen sind viel seltener zu sehen und verbringen den Großteil ihres Lebens im Kronenraum. Die Eiablage ist sehr spezialisiert, Eier und Raupen findet man nur auf exponiert stehenden Salweiden in absonnigen Waldmänteln, in beschatteten Waldlichtungen und luftfeuchten Waldwegen. Die erwachsenen Raupen des Schillerfalters passen sich in Gestalt und Farbe ihrer Umgebung an und sind im Weidenlaub kaum wahrzunehmen. Für das langfristige Überleben solcher Arten sind miteinander vernetzte Waldrandstrukturen aus Weichhölzern in unterschiedlichen Sukzessionsstadien besonders wichtig. Eine besonders hohe Bedeutung kommt hierbei den Waldinnenmänteln zu, die sich von Außenrändern kleinklimatisch deutlich unterscheiden und einer eigenen Fauna Lebensraum bieten. Von besonderem Interesse ist für die Forscher auch die Frage, welchen Waldtyp die Schmetterlinge im Waldgebiet Solling besonders bevorzugen. In Reinbeständen aus Buche, aus Fichte und in Mischbeständen aus beiden Baumarten wurden insbesondere drei Artengruppen buchstäblich unter die Lupe genommen: Spinner und Schwärmer (Bombyces und Sphingides), Spanner (Geometridae) und Eulen (Noctuidae). Im Blickpunkt stehen dabei einige für den Forstschutz relevante Arten, wie zum Beispiel der Buchenstreckfuß (C. pudibunda), Nonne (L. monacha) und Kleiner Frostspanner (O. brumata), die bei Massenvermehrung besonders in Monokulturen erhebliche Schäden anrichten können. Mischwälder aus Buche und Fichte sind im Solling bereits häufig vorhanden und werden nach den Plänen der niedersächsischen Forstverwaltungen weiter zunehmen. Im Zeitraum von 1999 bis 2001 stellten die Wissenschaftler in allen untersuchten Beständen insgesamt 264 verschiedene Großschmetterlingsarten fest. Bei ähnlich hohen Artenzahlen je Bestandestyp fanden sich die höchsten Individuenzahlen jedoch in den reinen Buchenbeständen. Zu Beginn der Untersuchungen erwarteten die Wissenschaftler in strukturreichen Mischwäldern eine höhere Arten- und Individuenvielfalt als in Wäldern, die nur aus einer einzigen Baumart bestehen. Erstaunlicherweise konnte der Mischbestandstyp jedoch nicht vom Arteninventar beider Baumarten profitieren und weist in etwa die gleiche Zahl verschiedener Taxa auf, erläutert Dr. Kai Füldner. Betrachtet man die Individuenzahlen, fallen die Mischbestände sogar deutlich hinter die Buchen-Reinbestände zurück. Durch Mischung von Buchen und Fichten summieren sich also nicht automatisch die aus den Reinbeständen bekannten Artenzahlen. Als positiven Effekt konnten die Wissenschaftler jedoch feststellen, dass gerade die gefürchteten Forstschädlinge in den Mischbeständen nur in unterproportionalen Zahlen nachgewiesen wurden. Offenbar hat der Faktor Licht und die Vielgestaltigkeit der räumlichen Strukturen (Waldinnen- und außenränder, Lichtungen, Wiesen) im Wald für die Schmetterlingsvielfalt eine ebenso große Bedeutung wie die vorkommenden Baumarten.

Dr. Verena Sohns
Forschungszentrum Waldökosysteme
Tel.:0551-393509
E-Mail:vsohns@gwdg.de


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