Im Schneckentempo durch den Göttinger Wald




Ob braun, schwarz oder leuchtend rot, gewöhnlich sind Nacktschnecken nicht sonderlich beliebt. Daß sich manche von ihnen gerne an zartem Grün vergreifen, wird ihnen vor allem von Gartenbesitzern übelgenommen. Die Rote Wegschnecke ist mit ihrem oft kräftig orangeroten Farbton und einer Körperlänge von bis zu fünfzehn Zentimetern - zuweilen können es auch etwas mehr sein - gewiß die auffälligste Erscheinung unter unseren heimischen Nacktschnecken. Welche Rolle diese Tiere im Ökosystem Wald spielen, erforschte Anne Theenhaus am II. Zoologischen Institut der Universität Göttingen in der von Professor Matthias Schaefer geleiteten Abteilung für Ökologie. In einem Projekt des Forschungszentrums Waldökosysteme, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, hat die Biologin die Schnecken im Göttinger Wald unter die Lupe genommen. Jugendliche Exemplare der Roten Wegschnecke, Arion rufus, sind vom Herbst bis zum Frühjahr anzutreffen. Einige kriechen schon im Oktober aus dem Ei, andere lassen sich damit Zeit bis zum nächsten Frühling. Frisch geschlüpft wiegen die Schnecken weniger als ein zehntel Gramm. Bis zum Sommer müssen sie ihr Gewicht mehr als verhundertfachen. Sobald das Wetter wärmer wird, entwickeln sie deshalb einen gesunden Appetit. Doch weniger als ein Fünftel ihrer Nahrung besteht aus dem frischen Grün des Buchenwaldes. Hauptsächlich verspeist die Rote Wegschnecke verwelkte Pflanzenteile, Pilze und sonstiges organisches Material. Die Laubstreu auf dem Waldboden macht allerdings nur wenige Prozent des Speiseplans aus. Dabei haben es die Schnecken weniger auf die alten braunen Blätter abgesehen als auf die Pilzfäden, die darauf sprießen. Nach den Berechnungen von Anne Theenhaus vertilgt die Rote Wegschnecke nicht einmal drei Prozent der grünen Kräuter, die auf dem Kalkboden des Göttinger Waldes so üppig gedeihen. Zählt man jedoch alle dort lebenden Schneckenarten zusammen, so wandert immerhin ein Fünftel der Waldkräuter in einen Schneckenmagen.

Wenn Schnecken auf der Suche nach Eßbarem umherkriechen, hinterlassen sie bekanntlich eine verräterische Schleimspur. Derart ihren Weg zu bahnen, lassen sie sich einiges kosten. Eine durchschnittliche Rote Wegschnecke sondert im Laufe ihres Lebens mehr als hundert Milliliter Schleim ab. Von der Stoffwechselenergie, die sie aus ihrer Nahrung gewinnt, muß sie einen beträchtlichen Teil für ihre Kriechspur aufwenden: Sie steckt doppelt soviel Energie in die Schleimproduktion wie in den Aufbau von Körpersubstanz. In ihren Nachwuchs investiert die Rote Wegschnecke ebenfalls eine Menge. Im Durchschnitt legt sie etwa sechzig Eier ab und büßt dabei gegen Ende ihres Lebens ein Fünftel ihres Körpergewichts ein. Betrachtet man die Trockensubstanz, so zweigen die Schnecken sogar mehr als ein Viertel ihrer Körpermasse für das Eigelege ab.

Was bei der Verdauung der Roten Wegschnecke übrigbleibt, ist ebenso wie der abgesonderte Schleim sehr begehrt bei den Mikroorganismen des Waldbodens. Weil Bakterien und Pilze an solchen Stellen besonders gut gedeihen, werden Springschwänze, Milben und andere kleine Bodentiere herbeigelockt, die von dieser Mikroflora leben. Auf diese Weise beeinflussen die Schnecken die Verteilung und den Umsatz von Nährstoffen. An der Durchmischung des Waldbodens beteiligen sie sich ebenfalls. Allerdings bleibt ihr Beitrag um Größenordnungen geringer als die umwälzenden Leistungen der Regenwürmer.

Vermutlich haben die Wegschnecken auch im Garten einen positiven Einfluß auf die Mikroflora des Bodens. Über die abgefressenen Pflanzen wird das jedoch kaum jemanden hinwegtrösten. Die große Nacktschnecke, die sich an den Erdbeeren ebenso vergreift wie an Zucchini und Bohnen, ist übrigens zumeist nicht die Rote Wegschnecke. Die Gewächse des Gartens werden häufig von einer nahen Verwandten heimgesucht, von der Spanischen Wegschnecke, Arion lusitanicus. Ursprünglich stammt diese Nacktschnecke aus Südwesteuropa. Doch in den vergangenen Jahrzehnten ist sie immer weiter nach Mitteleuropa vorgedrungen. In Niedersachsen erst seit den achtziger Jahren nachgewiesen, ist die Spanische Wegschnecke im Göttinger Raum inzwischen weit verbreitet. Insbesondere scheint sie sich in den Gärten wohlzufühlen, im Wald wurde sie bislang noch nicht gefunden. Die Spanische Wegschnecke wird nicht ganz so groß wie die Rote Wegschnecke. Da beide Arten in ihrer Färbung recht variabel sind - graubraune und rotbraune Exemplare können jeweils in allen Schattierungen auftreten - lassen sich mittelgroße Tiere aber oft nur schwer identifizieren. Nicht selten ist eine sichere Diagnose nur anhand der inneren Anatomie möglich. An Weg-, Feld- und Waldrändern scheint sich die Spanische Wegschnecke ebenso wie in den Gärten als Konkurrentin der alteingesessenen Roten Wegschnecke etabliert zu haben. Ob es ihr auch gelingen wird, den Lebensraum Wald zu erobern, muß die Zukunft zeigen.



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