Prof Dr. Andreas Grünschloß — Georg-August-Universität Göttingen

Beitrag aus der Perspektive der Religionswissenschaft auf das Thema

Religion und Corona

Zum religiösen und esoterischen Umgang mit der Corona-Pandemie

Im Kontext der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf spirituelle Praxis und religiöse Deutungsmuster habe ich angesichts meines Forschungsinteresses an neureligösen Bewegungen, neuen Religionen und 'alternativen' Spiritualitätsdiskursen zunächst begonnen, esoterische und spirituelle Erklärungen für die Corona-Pandemie zu durchforsten (ungefähr seit März 2020). Nachdem die von Mitgliedern unserer Fakultät für das Sommersemester 2020 eigentlich geplante Ringvorlesung nunmehr Corona-bedingt ausfallen musste, organisierte man als Ersatz hierfür eine alternative universitäre online-Ringvorlesung zur Corona-Thematik. In diesem Zusammenhang konnte ich am 12. Mai erste Recherche-Ergebnisse zum Thema Religion und Corona vorstellen. – Dem war bereits ein Interview vom Deutschlandfunk zum Thema vorausgegangen, das in ein kurzes Feature mündete (gesendet am 4. März 2020).

Nachstehend finden Sie die Links zu meinem Vortrag – sowie zur homepage der gesamten Ringvorlesung (mit weiteren Infos und Vorträgen) und zur youtube-linkliste in unserem Universitäts-Youtube-Kanal. Des weiteren habe ich auch meine eigene Auflistung mit einer Auswahl von Internet-Fundstellen als Ergänzung zu dem Vortrag hier als PDF zugänglich gemacht (Stand: 12.4.2020; inkl. "Abstract") — sowie den link zur Audio-Datei des vorausgegangenen kurzen DLF-Features.
Zwei Übersichts-Folien aus dem Vortrag (s.u.) fassen meine bisherigen systematischen Überlegungen zum Thema zusammen ...

Sofern es mir möglich ist, werde ich nachstehend eventuell noch weitere Informationen und Erkenntnisse zum Thema "Corona und Religion" einbinden — zumindest, solange das Thema auch weiter religionswissenschaftlich 'virulent' ist.

Titelbild für Zorn Gottes, apokalyptische Prüfung und spirituell basierte Resilienz


Die nachstehenden beiden Übersichtsfolien gehen auf meinen o.a. Vortrag zurück. – Es geht mir dabei um die grundsätzliche, systematische Verdeutlichung des Verhältnisses von Religionen und "Krisen". Die Sinnsuche angesichts von Krisen und Herausforderungen gehört religionstheoretisch zur Wurzelfunktion von Religion (Chaos- bzw. Kontingenzreduktion, Sinnstiftung, Kosmisierung der Erfahrungswirklichkeit in individueller und kollektiver Hinsicht). Die Art und Weise solcher deutenden Reaktionen auf krisenhafte Herausforderungen kann sich dabei – auch innerhalb einzelner Religionsgemeinschaften – sehr unterscheiden und auf einem breiten Spektrum zwischen naiv-ideologisch oder rational-reflektiert und abwägend zu stehen kommen.

Die meisten größeren Religionsgemeinschaften haben sich beispielsweise recht schnell mit den Hygienemaßnahmen arrangiert und ihre ritellen Veranstaltungen ausgesetzt (bzw. auf digitale Formate verlagert); nur eine Minderheit hoffte stattdessen eher auf eine 'desinfizierende' Macht von Glaube und Meditation (Resilienz durch Spiritualität), was sich in der Realität dann vielfach ausgesprochen kontraproduktiv auswirkte. Religionen mit millenaristischen (apokalyptischen) Erwartungen können solche Krisen zudem leicht als bedrückende "Zeichen der (End)Zeit" deuten und Ihre Gläubigen zusätzlich in einen unguten endzeitlichen 'Stress' versetzen.

Gerne werden in solchen Zeiten krisenhafter Herausforderung auch "übliche Verdächtige" benannt, die als Verursacher der Krise herhalten müssen (z.B. Andersgläubige, Libertinisten und Homosexuelle, diabolische Akteure oder andere, verschwörungstheoretisch identifizierbare 'Schuldige'). ... Beispiele dafür liefert mein Vortrag. — Über solche Deutungsvarianten hinaus mobilisieren viele religiöse Traditionen ihre Mitglieder aber naturgemäß auch direkt in praktisch-ethischer Hinsicht: Sie empfehlen konkrete Handlungsoptionen wie spezifische Hygienemaßnahmen, Solidarität und Hilfe für Betroffene. Dieser Punkt der ethischen Mobilisierung konnte im obigen Vortrag noch nicht eigens ausgeführt werden, weil dort v.a. die religiös-spirituellen Deutungsoptionen im Vordergrund standen.

Besondere Naturerscheinungen, 
kosmische Ereignisse, Katastro-
phen und Seuchen wollen ge-
deutet, interpretiert werden ... 
   sie setzen daher einen 
hermeneutischen Imperativ 
aus sich heraus -  weshalb?)
	•	Religionen sind Traditionen der Weltdeutung und Weltbewältigung, 
sie bieten Heilsversprechen und vermitteln eine bewohnbare Welt“ 
(Chaos-Reduktion durch neue kognitiv-emotionale frames“)
--  Religiöse Deutungsmuster liegen daher auch für die 
      Interpretation von Katastrophen und Seuchen bereit
         z.B. Krankheit bzw. Seuche als Bestrafung“ durch eine 
         höhere Macht/Gottheit oder selbst verschuldetes Karma
	•	Oft existiert die Vorstellung, dass Glaube“ einen wundersamen 
Schutz vor Krankheit liefere --  d.h., Gottvertrauen, Gebet, Ritual,
Meditation oder Ähnliches böten eventuell eine – wenn nicht sogar die 
einzig perfekte  spirituell basierte Resilienz, also gleichsam eine
nachhaltig wirksame Desinfektion‘ durch Glaube Typische religiöse Reaktionsformen auf Katastrophen 0 nicht zufällige Ereignisse in der Geschichte, sd. sinnhaft bedingt – mit immanenten und/oder transzendenten Ursachen
Entspricht der Grundfunktion von Religion, eine neue, deutende Erfahrung mit unseren Erfahrungen zu machen. Dies ist die  kosmisierend-deutende Funktion von Religion: 
Chaos in Sinn zu transformieren, Heilsversprechen“ zu generieren ... und somit eine
bewohnbare Welt“ zu schaffen:  Kontingenzreduktion durch Chiffrierung 
1) Strafe Gottes – abgemildert: Zeit der Prüfung   Standhaftigkeit, Glaube, Zuversicht  
               durch Konzentration/Rückwendung zu Gott
            								     \      spirituelle Resilienz
	o Strafe  für uns  –oder–  für die anderen	           Gebet, Meditation als Therapie’
2) Anzeichen / Vorboten der Apokalypse  (große Drangsal“ Mt 24,21; Offb. 7,14; Lk 21,9–11)  
                          — vgl. Tschernobyl-Katastrophe (Bitterkraut/Wermut, wormwood)
* Apk. 8:11  Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser ward 
Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie waren so bitter geworden.“

3) Instrumentalisierung der Ereignisse, um die bisherige religiöse Perspektive auf Welt zu 
    bestätigen bzw. zu immunisieren und den ohnehin üblichen Verdächtigen“ und bekannten   
    (diabolischen) Gegenmächten wieder die Schuld zuzuweisen  Verschwörungstheorien
4) Ethische Mobilisierung: Hilfe untereinander/ für Betroffene

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