Utopie und Idylle

 
 

Nachdem Herzog Friedrich von Mecklenburg-Schwerin, aufgrund seiner pietistischen Neigungen mit dem Beinamen »der Fromme« versehen, 1756 die Herrschaft von Herzog Christian Ludwig II. übernommen hatte, begann er relativ rasch mit dem umfassenden Ausbau des einstmaligen Jagdschlosses Klenow. Bereits 1764 verlegte Friedrich die Hofhaltung in die Einsamkeit der »griesen Gegend« und gab dem Ort zu Ehren seines Vaters den Namen Ludwigslust. 1767 folgte die Hofkapelle nach, 1770 wurde die Schlosskirche fertiggestellt, und 1777 schließlich übersiedelte man in das neuerbaute Schloss. Die gesamte, bis heute erkennbare Anlage der Residenz strebte nach Verwirklichung einer Utopie: Fernab von den weltlichen Verlockungen der ›Großstadt‹ Schwerin sollte, eingebettet in ein gleichsam idyllenhaftes Ambiente, die Konzentration auf ein pietistisches Leben ermöglicht werden, wie Friedrich es bei seiner Ziehmutter und Vertrauten, der im Kloster Dargun lebenden Prinzessin Augusta von Mecklenburg-Güstrow, kennen gelernt hatte. Friedrich hatte das Weihnachtsfest 1742 in Dargun verlebt und stand seither unter dem Einfluss eines schwärmerischen, bisweilen sogar radikalen Pietismus.


Nicht nur die Anlage der Ludwigsluster Residenz, erkennbar beispielsweise an der linearen Blickachse, die direkt vom herzoglichen Thron im Schloss durch das Wappen der Flussgötterkaskade zur Fürstengruft unter dem Altar in der Schlosskirche führt, sondern auch Friedrichs erste Regierungsgeschäfte legen Zeugnis von seiner pietistischen Überzeugung ab. Die Berufung pietistischer Prediger, auch gegen den Willen der örtlichen Geistlichkeit beispielsweise in Rostock oder Güstrow, führte zum Bruch mit der Universität Rostock und gipfelte in der Gründung der herzoglichen Landesuniversität Bützow, deren einziger Zweck es war, den Bedarf an pietistisch gesinnten Geistlichen im Lande zu befriedigen. Auch im sozialen Bereich engagierte sich Friedrich, forderte mit Nachdruck die christliche Sonntagsruhe für die Bauern, und zwar gegen den Widerstand der Ritterschaft. Großen Erfolg hatte er damit allerdings nicht, ebenso wenig wie mit seinen strengen Verordnungen gegen allzu großen Aufwand bei Erntefesten, Tauffeiern, Hochzeiten und Leichenschmäusen.


Der unmittelbare Ausdruck ›utopischer‹ Geisteshaltung ist allerdings in erster Linie an der Hofkultur abzulesen, die in unverwechselbarer Weise aus Architektur, Malerei und Musik eine Art Gesamtkunstwerk im Dienste der pietistisch-weltflüchtigen Idylle entstehen ließ. Als Architekten waren Johann Joachim Busch und Johann Georg Barca tätig, in der Malerei ist vor allem Georg David Matthieu zu nennen. Auch ein pietistisches Wissenschaftsideal hat Spuren in Mecklenburg hinterlassen: Auf der Attika des Ludwigsluster Schlosses finden sich vierzig im norddeutschen Bereich einmalige Allegorien, von Friedrich selbst auf Grundlage seiner technisch-wissenschaftlichen Interessen detailliert beschrieben, darunter diejenigen der Dioptrik, der Nivellierkunst, der Aerometrie, der Trigonometrie oder der Hydrotechnik.


Das wohl größte Interesse Friedrichs galt indes der Hofkapelle. Trotz seiner geringen Größe gehörte Ludwigslust zu den profiliertesten musikalischen Pflegestätten Deutschlands und galt etwa Johann Abraham Peter Schulz 1786 als »beglücktes Ludwigslust […], wo insonderheit die religiöse Musik ihren berühmtesten Wohnsitz hat.« In einer Zeit, in der immer häufiger der Niedergang der evangelischen Kirchenmusik beklagt wurde, war es durchaus ungewöhnlich, dass sich die Musikkultur eines Hofes so markant auf die geistliche Musik konzentrierte. Friedrichs Interesse galt dabei nicht allein den musikalischen Phänomenen im engeren Sinne, sondern auch der spezifischen Ausstattung der Räumlichkeiten und der gezielten Wahl der besten Komponistenpersönlichkeiten; naturgemäß wurde besonderen Wert auf die spezifische theologische Aussage der verwendeten Texte gelegt. Insbesondere die Choralkantaten dürfen als ein besonderer, in gewisser Weise einzigartiger Beitrag Ludwigslusts zur Musikgeschichte des späteren 18. Jahrhunderts gewertet werden. Aus den letzten Lebensjahren Friedrichs ist zudem ein besonderes Interesse für das zeitgenössische Oratorienschaffen nachweisbar; gegen 1780 etwa wurde in Ludwigslust Georg Friedrich Händels Messias in deutscher Sprache gegeben, nur kurze Zeit nach der ersten Aufführung außerhalb Englands in Hamburg. Friedrichs Nachfolger Herzog Friedrich Franz I. wandte sich stärker den aktuellen geistlichen Werken zu, sein grundsätzliches Interesse an der geistlichen Musik war jedoch kaum geringer als das seines Vaters. Die Ludwigsluster Konzerte waren öffentlich und standen »jede[r] rechtlich gekleidete[n] Manns- oder Weibsperson ohne Unterschied des Standes« offen; in diesem Sinne waren die Veranstaltungen beiden Herzögen willkommene Möglichkeiten der religiösen Erziehung.


In der Epoche von 1764 bis zur Rückverlegung der Hofhaltung nach Schwerin im Jahre 1837 reflektiert die Ludwigsluster Residenz einen konsequent entwickelten religiösen Entwurf, der von Friedrich Franz ausgelebt, in gewisser Weise aber auch zuende gelebt wurde. In der interdisziplinären Erforschung hat die Ludwigsluster Residenz merkwürdigerweise jedoch bis heute kaum Beachtung gefunden; neben den Beiträgen zur Geschichte der Hofkapelle im Sammelband Musik in Mecklenburg sind lediglich wenige ältere Beiträge zu Friedrichs Biographie, zum Umfeld des Darguner bzw. Ludwigsluster Pietismus sowie zu Friedrichs Politik in Kirchen- und Schulangelegenheiten zu nennen. Kunstgeschichtliche Untersuchungen zur Ludwigsluster Residenz liegen bisher nur in geringem Umfang vor; jüngere Arbeiten zu theologie- und literaturgeschichtlichen Aspekten fehlen beinahe völlig.


Anliegen des interdisziplinären Symposiums »Utopie und Idylle – Der Mecklenburg-Schweriner Hof in Ludwigslust 1764–1837« ist es, die Ludwigsluster Residenz einer breiten ideen- und kulturgeschichtlichen Würdigung zu unterziehen und dabei insbesondere den die Künste und Wissenschaften gleichermaßen umfassenden Aspekt des ›Utopischen‹ zu konturieren.

»Utopie und Idylle«.

Der Mecklenburg-Schweriner Hof in Ludwigslust 1764–1837


18.–21. September 2008


Programm mit Abstracts

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»Leur pays est une vraie Utopie« schreibt der vormalige Hofgeiger Alexandre Stiévenard in seiner Autobiographie, adressiert an Friedrich Franz I., Großherzog von Mecklenburg-Schwerin

Schloss Ludwigslust und die »griese Gegend«